Foto: Pamela Rußmann

"In Wien kann man nirgendwo so laut sein, wie man will" – im Talk mit der Electric-Spring-Kuratorin

Unser Kolumnist hat sich mit Therese Terror getroffen und mit ihr über das LineUp, schlechte Soundsysteme in Wien und das Wetter geredet.

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März 8 2018, 2:32pm

Foto: Pamela Rußmann

Therese Terror ist dieser Tage eine gefragte Frau. Und viel beschäftigt. Seit einigen Jahren ist die umtriebige Frau aus dem Kulturleben der Stadt nicht mehr wegzudenken. Sie ist die Ausrichterin des Rrriot und Business Riot Festivals, legt mittlerweile schon sehr oft in den Clubs der Stadt (und auch außerhalb) auf und ist Aktivistin bei Femdex. Nun ist sie überdies noch Kuratorin des Electric-Spring-Festival, das am 12. und 13. April über die Bühne geht. Für das Interview treffen wir uns an einem eiskalten Abend im Hotel am Brillantengrund – und sehnen uns den Frühling herbei.

Noisey: Therese, in Wien boomen gerade die Gratisfestivals und dazu gibt es heuer ein massiv aufgefettetes Hyperreality. Glaubst du, kann sich Wien noch einmal zu einer richtigen Festivalstadt entwickeln?
Therese Terror: Ich glaube, dass Wien zur Zeit sehr gut aufgestellt ist, da jedes Festival unterschiedliche Genres und Szenen abdeckt und ich denke, dass das ganz gut funktionieren kann. Letztes Jahr hatte ich ja selbst auf der Bühne des Electric Spring gespielt und war mega nervös, denn ich hab davor noch nie vor so vielen Leuten gespielt. Das heißt, es wird sehr sehr gut angenommen.

Siehst du Überschneidungen zum Hyperreality?
Nein, ich denke Hyperreality ist ein ein viel komplexeres, gesamtheitliches Festival, wo viele Elemente eine Rolle spielen neben dem LineUp. Nämlich vor allem auch die Location, die ja etwa heuer wieder woanders ist. Das Booking läuft ganz anders, ist sowohl national als international ausgerichtet und hat ziemlich tolle Acts zu bieten, die man sonst in Europa eher selten zu sehen kriegt. Electric Spring ist vom Konzept ganz anders, jeder, der dorthin – ins Museumsquartier – geht, war sicher davor schon einmal da, daher ist das weit niederschwelliger und eben auf local Acts fokussiert.

Das Museumsquartier erinnert ein wenig an die "Daytime" Location des Sonar-Festival , aber frau hört ja immer wieder von bösen Mieterinnen, die jeden noch so kleinen Lärm nicht dulden. Wie läuft das dieses Mal?
Das Museumsquartier selbst hat ja Abmachungen mit den Mietern. Viel hängt natürlich vom Wetter ab, aber wir wissen ja, dass man in Wien nirgendwo so laut sein kann, wie man will. Also tagsüber werden die Bühnen sicher limitiert sein müssen. Es ist aber einfach ein sehr cooler Platz und es ist schade, dass man es in Wien derzeit so schwer hat. Allzu stark werden aber die Soundsysteme nicht plombiert sein, die Leute sollten es nicht merken.

Romar Ferry l warda.at

Könnte frau da nicht süffisant anmerken, dass die meisten Leute den Unterschied zu guten Soundsystemen gar nicht kennen, weil es in Wien mit wenigen Ausnahmen fast überall nur schlechte Anlagen gibt?
Das glaube ich nicht. Ganz grundsätzlich ist es aber so, dass wir in Wien leider nicht mit glasklarem Sounddesign verwöhnt sind. Bei uns ist halt alles plombiert und limitiert. Fast jeder Club, jede Bar, einfach zu viel.

Wie wird nun das Musikprogramm drinnen und draußen aufgebaut sein?
Wir beginnen hoffentlich bei schönem Wetter um 19 Uhr draußen mit einem Warmup-DJ-Set und einem Live-Act, danach übersiedeln wir dann gegen 21:50 in die Halle. Der Hof und die Bühne werden hoffentlich etwas zusätzliches kreieren, was man mit Lautstärke gar nicht aufwiegen kann. Darum sollte man das als Ganzes sehen und genießen.

Siehst du das Electric Spring für dich auch ein wenig repräsentativ für die Clubkultur oder sollte es mehr eine reine Auftrittsplattform für österreichische Künstlerinnen sein?
Beides. Ich möchte natürlich viele Live-Acts holen. Mich selbst interessiert aber der Club-Aspekt mehr, da er derjenige ist, wo ich herkomme. Daher kommt an jedem der Abende einmal der Zeitpunkt, wo die Clubatmosphäre dominieren soll. Es soll dunkel werden und dazu viel Strobo und Nebel geben. Das ist mir wichtig.

Wie ist die prozentuelle Aufteilung zwischen Live-Acts und DJs dieses Jahr angedacht?
Es ist ziemlich fifty-fifty. Ich selbst hätte es ja gerne so, dass alle Live-Acts zuerst spielen und dann ein kompakter DJ-Block folgt, doch die Umbauarbeiten und Pausen zwischen den Live Künstlern müssen auch ausgefüllt werden. Aber ab circa 1 Uhr soll es dann dafür ein zusammenhängendes DJ-LineUp geben.

Du selbst bist ja noch jung, noch nicht jedem ein Begriff. Und du gehörst auch nicht der "Wiener Kuratorenblase" an, die sich seit Jahren die Jobs zuschanzen. Wie bist du zu dem Job gekommen?
Ich habe ehrlich gesagt keine Ahnung. Eines Tages hat mich Thomas Heher kontaktiert und wir trafen uns. Bis dahin wusste ich wirklich nicht, dass es darum gehen könnte.

Na, irgendwie muss er ja auf dich aufmerksam geworden sein?
Ich denke, dass es mein bisheriger beruflicher Werdegang war. Einerseits meine Tätigkeit bei den Festivals Rrriot und Business Riot, andererseits mein Engagement bei Femdex und als DJ. Man wollte ja beim Electric Spring ohnehin ein bisschen Diversität reinbringen.

Du hast zuletzt gemeint, es sei gar nicht so einfach gewesen, ein ausgewogenes LineUp zusammen zu stellen, was die Geschlechterverteilung anlangt. War es für dich wichtig, dass der Anteil der weiblichen Acts höher ist?
Na ja, diese Aussage war vielleicht ein wenig ironisch formuliert, aber tatsächlich habe ich mich ja in den vergangenen Jahren hauptsächlich mit weiblichen DJs und Künstlerinnen beschäftigt. Und irgendwann – das klingt total absurd – kommt man drauf, dass man fast nur noch weibliche Acts kennt. Und da musste ich dann natürlich ein wenig darüber nachdenken, wen man sonst noch für großartig erachtet.

Bei Electric Spring liegt ja, wie beim Popfest, der Fokus auf österreichischen Acts. Denkst du, dass frau nach vier Jahren, irgendwann mal schon das meiste gesehen und gehört hat, und frau tunlichst auf Wiederholungen verzichten will? Wie bist du an das Booking heran gegangen?
Ja, in der Tat. Ich finde viele Acts großartig, die ja leider schon gespielt haben. Ich hab mir daher alle LineUps ganz genau angesehen und musste einiges streichen, was mir sehr gefallen hätte. Dann hab ich mir die Genres überlegt, die ich dieses Mal bevorzugt dabei haben wollte und so habe ich mir das Gerüst für dieses Jahr gebaut.

Wie vollzog sich der Explorationszugang. Wie bist du auf Entdeckungsreise gegangen?
Ich kann dir das an einem Beispiel erklären. Dacid Go8lin habe ich zum Beispiel zum ersten Mal bei der Frauendemo gegen rechts gesehen. Und ich fand sie so wahnsinnig stark. Sie hat dort bei eisiger Kälte und schlechtem Sound eine Wahnsinnsshow abgezogen. Und dann kam ich zufällig drauf, dass sie gerade an ihren Album arbeitet und sah das natürlich als perfekten Anlass. Außerdem hat sie eine super Crowd von ihren Veranstaltungen im Fluc (Femme DMC), die ja unterschiedliche Elemente von HipHop wiederholen. Diesem Act – fand ich – muss man auch beim Electric Spring eine Plattform geben.

Wie willst du die vielen unterschiedlichen Stile und Spielarten zu einem stimmigen Ganzen mischen?
Grob kann man sagen, dass am Donnerstag HipHop dominiert und der Freitag dann sehr elektronisch sein wird mit allem was dazu gehört. Aber du wirst ja selbst wissen, dass der neue Clubsound, der so langsam zu uns kommt, viele Element beinhaltet und vieles quasi manchmal hybrid-artig ineinander gleitet.

Romar Ferry l warda.at

Findest du, dass die Clubsounds weggehen von dem monolithischen Ansatz? Die ganze Nacht rennt in den Clubs, bei den Events in meiner Bubble, oft derselbe Sound. Hoffst du, dass dieser Ansatz bröckelt?
Teilweise bin ich da deiner Meinung. Mich macht das wahnsinnig, wenn irgendwo immer derselbe Sound läuft. Das ist ein Grund für mich, von diesem Ort wegzugehen. Es ist so schade, denn elektronische Musik hat so viele Facetten und man kann eine tolle Dramaturgie aufbauen, wenn nicht immer alles strikt nach demselben Schema abläuft. Ich finde diesen Eklektizismus viel spannender.

Atmest du denn selbst manchmal noch Clubfeeling ein?
Da ich sehr viel zu tun habe, bin ich tatsächlich nicht mehr so oft in den großen Clubs wie früher. Und meistens dann auch nur mehr dann, wenn ich selbst spiele. Ich bin aber gern im Au, dem Celeste oder dem Gönner. Ich würde mir einfach noch den einen oder anderen mittelgroßen Club wünschen für Wien, denn viele kleinere Genres müssen ihr Dasein auf extrem schlechten und plombierten Anlagen fristen und die großen Clubs müssen natürlich auch große Acts holen und viel riskieren um voll zu sein, was auch wirtschaftlich nachvollziehbar ist. Ein oder zwei kleinere 300 bis 400 Leute fassende Clubs wären schön und fehlen extrem. Mir geht zum Beispiel das SUB sehr ab.

Wenn frau heute echte Headlinerinnen her nimmt, kosten diese ein Vermögen. Plant ihr auch, aus dem österreichischen Pool teurere Headlinerinnen zu holen um das Ganze aufzufetten?
Wir haben kein allzu großes Budget und ich möchte, dass viele Acts und Künstler performen. Ich hätte gerne auch viele großflächige Visuals und deswegen muss man sehr budget-treu bleiben.

Was erwiderst du den Kritikerinnen, die sagen, dass diese Gratis-Festivals nur einer kollektiven Massen-Bespaßung dienen und der Sound eigentlich völlig egal ist?
Darauf gibt es Antworten: Einerseits gehen die Leute in Wien doch meistens nur fort, weil ihre Freunde da und dorthin gehen. Meistens kennen die Leute den Background des Acts auch gar nicht. Andererseits ist das Electric Spring ein ganz anderes Erlebnis. Es präsentiert eher etwas, als dass es Leute zwingend irgendwo hineinziehen soll.

Glaubst du, Wien hätte noch Platz für ein richtig großes Festival, das auch nicht zwingend elektronisch sein muss und das auch ohne Subventionen überleben könnte? Denn ohne Förderungen und Subventionen gäbe es zur Zeit in Wien ja gar nichts, aber die privaten Veranstalterinnen tun sich schwer.
Ja, das ist ein sehr sehr schwieriges Thema. Wir haben ja beide das "Aufwind" Festival von Tanz Durch Den Tag mitbekommen. Bei aller Kritik, die es dafür gehagelt hat, war es einfach ein großartiges Festival, weil die so motiviert und voller Elan waren. Doch nun stehen sie mit leeren Händen da.

Und der Elan sollte nicht umsonst gewesen sein. Das Aufwind war weitläufig und unstressig und einfach toll. Aber leider weiß man eben nicht, ob dann am Ende nicht doch das Geld ausgeht und dann steckt man bereits mitten in der Planungs- und Einreichungsphase.

In Wien wird aber gerade auch über Musikwirtschaft diskutiert und da sollten einfach schon früher Einschätzungen her, um möglichen Veranstaltern, die zumindest Förderungen beantragt haben, einigermaßen Budgetsicherheit und Behördensicherheit zu ermöglichen. Auch das Thema Sperrstunde sollte viel früher geklärt werden. Mich hat das sehr wütend gemacht, als dann so viele schadenfroh waren, weil genau die Sperrstunde am Ende vorverlegt wurde und es so aussah, als wäre es dilettantisch geplant gewesen. Aber jeder weiß, wie schwierig sowas ist.



Gibt es bei Electric Spring auch eine politische Message, die dezent verbreitet werden soll?
Hier habe ich durchaus ein wenig freie Hand und natürlich ist das geplant. Ich schaue mir schon genau an, wem wir eine Plattform geben können, der auch eine Message hat – sie darf aber durchaus subtil sein.

Hättest du nach dem Kuratorenjob beim Electric Spring Interesse, in dem Bereich zu bleiben?
Nun, ich kenne ja den Festivalbetrieb an sich ein wenig, da ich ja auch für das Rrriot Festival arbeite. Es ist ein anstrengender, verantwortungsvoller Job. Mich freut es extrem, dass ich das machen darf und natürlich ist die Situation beim Electric Spring fast schon luxuriös, da man ja weiß, was man will und welches Budget man hat. Damit kann man perfekt arbeiten. Das Team rund um mich arbeitet ja dort nun schon das 4. Jahr und die können mir natürlich immer sagen, was realistisch ist und was nicht.

Glaubst du, würde es Sinn machen auch "Hallenfüllende" österreichische Acts zu buchen, wie etwa Camo & Krooked, Kruder & Dorfmeister oder Parov Stelar?
Auf meiner Liste standen schon einige und vielleicht würde das eines Tages Sinn machen. Dazu passen würde es in jedem Fall. In diesem Jahr habe ich mich aber für dieses LineUp entschieden – natürlich auch, weil das Budget ist, wie es ist.

Meinst du denn, dass frau irgendwann den "Austria only" Ansatz etwas aufweichen könnte und auch internationale Acts dazu nehmen sollte?
Ich denke richtig international wird es schwierig und ist auch nicht sinnvoll, aber man könnte vielleicht durchaus Partnerstädte miteinbeziehen.

Immer im Museumsquartier? Ist dieser Ort als Veranstaltungslocation einzementiert? Auch wenn dich diese Frage dann nicht mehr betrifft?
Ich finde, dass das Museumsquartier als zentraler Ort schon ideal ist, aber natürlich wären andere öffentliche Freiflächen, wo man auch mal richtig laut sein könnte vielleicht in fernerer Zukunft anzudenken. [Wir sinnieren dann ein wenig über die Donauinsel ... ]

Wie siehst du deine Rolle bei Femdex. Frau hat den Eindruck, es wurde ein wenig ruhiger, oder liegt es daran, dass es die berühmten Stempel nicht mehr gibt?
Nun, die machen wir in erster Linie eigentlich nicht mehr, weil sie die meisten Veranstalter nicht genehmigt haben. Und es war und ist gut so, wenn sich manche dadurch ein wenig vor den Kopf gestoßen fühlten, wenn man sich noch nicht so sehr mit dem Thema auseinandergesetzt hat. Femdex hatte aber sicher einen Impact. Für mich ist es aber auch wichtig ständig zu reflektieren und mir anzuschauen, wem gebe ich eigentlich Öffentlichkeit beziehungsweise ist ja nicht automatisch alles gut, wenn man nur Frauen bucht. Hier gibt es viele Ebenen, auch gesellschaftspolitische. Grundsätzlich geht es darum zu hinterfragen, wem "was" gehört in unserer Gesellschaft und wem "was zusteht". Ich habe aber durchaus den Eindruck, dass viele mittlerweile am selben Strang ziehen. Diese hierarchischen Strukturen sollten einfach ein bisschen hinterfragt werden.

Hättest du für dich selbst – wenn alles gut vorüber gegangen ist – überlegt, dir auch noch einen kleinen DJ-Slot zu geben oder wäre das ein No-Go für dich?
Ich weiß es noch nicht. Der letzte Slot am Freitag gegen Ende wird sehr ravig und es kann sein, dass ich da noch ein bis zwei Tracks spiele, aber grundsätzlich hab ich keinen Slot für mich geplant.

Wir sehr steht und fällt das Ganze mit dem Wetter?
Nun, eigentlich gar nicht. Denn die letzten 2 Jahre war es schon so schlecht, und es hat auch bestens funktioniert. Aber nachdem wir jetzt beim Rrriot die kältesten Tage des Jahres hatten, wünschen wir uns alle einmal wieder gutes Wetter. Ich und das Team, das es verdient hätte.

Dann wünschen wir ihnen mal richtig viel Sonnenschein.

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