Foto: Rudi Wrany

Das Beste und Schlechteste, was 2019 in der österreichischen Clubszene passieren wird

Wien wird zur "Verbotsstadt", das Frequency Festival gräbt die Swedish House Mafia aus und EDM-Fans werden in Graz glücklich.

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10 Januar 2019, 5:04pm

Foto: Rudi Wrany

Auf den Jahres-Rückblick folgt ein Ausblick auf das Clubjahr 2019. Rudi Wrany, der in der Wiener DJ-Szene als Crazy Sonic bekannt ist, blickt auch heuer durch seine Brille und stellt sich die Frage: "Was bringt das neue Jahr für Österreichs Clublandschaft?"

Clubs und Locations
Die Auslage hat im Dezember zugesperrt und auch die beliebten Sommerhangouts Cobenzl und Creau existieren 2019 nicht mehr. Selbst über den Prater senken sich dunkle Wolken in Form von vielen neu gebauten Wohnanlagen und nervösen Anrainern.

Die wenigen größeren Locations wie der Hallmann Dome oder das Gasometer sind entweder uncharmant und abgelegen oder – wie die Arena in Wien-Landstraße – aufgrund ihrer basisdemokratischen Ausrichtung ein Nervenkitzel für alle Veranstalterinnen und Veranstalter. Das sind schlechte Aussichten für die Partycrowd, denn spektakuläre Neueröffnungen dürfte es in diesem Jahr wohl keine geben.

Wien wird zur "Verbotsstadt"
Wir reden nicht nur vom Essensverbot in den Wiener U-Bahn-Linien, dem Alkoholverbot am Praterstern oder dem als "Anti-Gesichtsverhüllungsgesetz" bezeichneten Vermummungsverbot. Auch die Clubkultur leidet unter dem zunehmend größer werdenden Vorschriftenwerk.

Spontane Raves abseits der gängigen Clubs enden immer öfter mit Polizeieinsätzen. Und die, die es auf offiziellem Weg versuchen, müssen oft erkennen, dass mit den derzeitigen Vorschriften in Sachen Sound und Lautstärke kein Event gewinnträchtig über die Bühne gehen kann.

Nordbahnhalle Warehouse Weekendr Wien Rudi Wrany
Foto: Rudi Wrany

Großevents
Nach Festivals in der Größenordnung eines Sonar in Barcelona oder einem ADE in Amsterdam suchen wir in Wien vergeblich. Wenn Wien mit seiner "Clubkultur" werben will, muss es mehr dafür tun. Viel mehr. Die Stadt feiert es als Erfolg, wenn Tagestouristen die inneren Bezirke überschwemmen und wie in der Weihnachtszeit zu den Christkindlmärkten pilgern. Bloß bleibt für die Clubs davon wenig übrig.

Die Stadt erachtet bestehende Gratiskonzepte wie das Donauinselfest, das Popfest am Karlsplatz oder das Electric Spring im Museumsquartier als ausreichend. Neue Veranstalterinnen und Veranstalter scheitern an zu hohen Mieten, unerfüllbaren Auflagen und letztendlich auch am internationalen Besucherinteresse. Deshalb muss die Wiener Partycrowd 2019 auf eine Wiederholung des erfolgreichen "Summer of Love" oder des "Warehouse Weekender" in der Nordbahnhalle verzichten.


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Hyperreality
Klar ist: Nach der Neubesetzung der Intendanz für die Wiener Festwochen gibt es das Hyperreality in seiner Form als Subfestival nicht mehr. Dass der neue Festwochen-Direktor Christophe Slagmuylder medial nachtritt und ständig das Wort "Clubbing" in den Mund nimmt, ist allerdings etwas realitätsfremd.

Selbst kritische Beobachterinnen und Beobachter der letzten Festwochen-Intendanz stellten fest, dass das Clubfestival eine Bereicherung für die Stadt und ihre eingefahrenen Strukturen war. Endlich machte man sich hinreichend Gedanken über Diversität und konnte nebenbei neue, bisher unentdeckte Orte in Wien bespielen.

Die Hyperreality-Macherinnen- und Macher rund um Marlene Engel kämpfen aber weiter und stellen das Festival 2019 mit eigenen Mitteln (in einem kleineren Rahmen) auf. Wir dürfen also gespannt sein.

Monopolstellung
Die wenigen großen Player am Festivalsektor in Österreich bemühen sich, ihre Monopolstellung zu halten. Veranstalter Barracuda hat kürzlich die ersten Headliner des Frequency Festivals bekannt gegeben. Wo und wieso sie dabei die Swedish House Mafia ausgepackt haben, wissen sie wahrscheinlich selbst nicht. Dazu kommen Künstler wie Macklemore und ähnliche (meist männliche) Hitparadenstürmer. Für wahre Musik-Aficionados ist hier wenig zu finden.

Frequency Festival Lineup 2019
Foto: Rudi Wrany

Auf große Konzerte abseits ausgetrampelter Festivalpfade müssen wir 2019 aber trotzdem nicht verzichten. Bilderbuch zelebrieren sich mit zwei großen Konzerten vor dem Schloss Schönbrunn und Paul Kalkbrenner bringt im Museumsquartier das Gefühl der Berlin Calling-Tage zurück.

Wer von EDM 2019 noch immer nicht genug hat, findet seinen Heiland übrigens beim Electric Nation in Graz, unter anderem mit Steve Aoki und Armin van Buuren.

Außerdem gibt es gute Neuigkeiten für all jene, die sich die Bretter lieber unter die Füße schnallen, als sie aus den Lautsprechern dröhnen zu lassen: Die Leutgeb Entertainment Group macht die Skigebiete unsicher und holt Martin Garrix nach Bad Hofgastein.

Medien
Für den Popjournalismus war 2018 ein schlechtes Jahr. Altgediente Musikzeitschriften wie das Spex, die Groove oder das Intro verschwanden entweder ganz von der popkulturellen Landkarte oder verlegten ihre Arbeit ins Internet, um dort vom Ende des Album-Formats zu sprechen oder sich ernsthafte Gedanken über die Zukunft des Musikjournalismus zu machen.

Ungeachtet dessen strömen die Massen weiterhin zu den großen Namen, die sie kennen, weil sie ständig in den sozialen Netzwerken aufpoppen. Der subkulturelle Rest versumpft in musikalischen Genres wie Ro-Minimal, Leftfield, Deep Tech und ähnlichen elektronischen Biotopen. Spotify wird schon was ausspucken.

Weil soziale Netzwerke zunehmend die Arbeit von Musikjournalistinnen und Musikjournalisten zu übernehmen scheinen, könnten wir uns an dieser Stelle auch mal fragen, was ein DJ 2019 noch können muss, außer sich auf Instagram und Facebook zu vermarkten? So peinlich auftreten wie Loco Dice? So stylisch wie Peggy Gou oder Amelie Lens, die ihr Haar ständig im Wind wallen lässt? Oder gar Champagner schlürfend wie Ricardo Villalobos?

Es wird kopiert, was das Zeug hält
Alles, was wir hören, gab es schon einmal. Analoge Sequenzen, Chicago-lastige Samples, schrillende Vocals und schneller Minimal. Man verwurstet alles und verkauft das Alte als neu. Unzählige Re-Edits, neue Remixe alter Klassiker und diverse Retro-Events machen die Sehnsucht nach vergangenen Tagen perfekt. War früher alles besser? Wahrscheinlich. Aber der Ruf nach etwas Neuem hallt schon lange durch die Katakomben der Clubs.

Summer of Love Club Party Rudi Wrany
Foto: Rudi Wrany

Agenturen & Management
Sie drücken die Preise ihrer Künstlerinnen und Künstler in die Höhe und scheuen sich auch nicht davor, die Clubs gegeneinander auszuspielen. "Unser Künstler" habe gerade im Berghain oder auf irgendeinem Partyboot in Ibiza gespielt, heißt es dann – schließlich treibt das die Gage weiter in die Höhe.

Es gibt ganz einfach zu viele große Fische im kleinen Wiener Techno-Teich. Viele Acts werden für mittelgroße Clubs der Hauptstadt unbezahlbar und die wenigsten Veranstalter wollen ihrem Publikum 30 Euro und mehr aus den Brieftaschen leiern.

Diese Blase wird auch 2019 nicht platzen. Der kleine Kreis der gehypten Acts fliegt in der Business-Class um die Welt und nächtigt in 5-Sterne-Hotels, um zwei Stunden in einem angesagten Club für das doppelte Jahresgehalt der Durchschnittsösterreicher aufzulegen.

Und so bleibt was auch 2018 schon war
In Wien matchen sich die großen Locations um die verbliebene Kundschaft. Die Grelle Forelle, das Flex oder die Pratersauna bleiben selbstverständlich nicht untätig. Und das Horst lockt, wie 2018, mit einigen großen Namen. Egal ob Acid Pauli, Seth Troxler oder Marco Carola – die Party-Crowd darf sich auf viele klingende Namen in der Rotgasse am Schwedenplatz freuen. Wie lange das einstige Pop-Up-Projekt im ersten Bezirk noch zum Feiern ruft, ist allerdings offen. Immerhin: 2019 soll der Club noch bestehen bleiben. In Sachen Nachfolge-Location halten sich die Betreiber jedenfalls bedeckt.

Abschlussprophezeiung
Vieles bleibt gleich, manches ändert sich. Und, Achtung Ironie, nachdem DJ Hell 2018 viermal in Wien gespielt hat, legt er 2019 gleich achtmal auf. Angeblich im Sommer auch bei der Rolltreppe am Schottentor, um Spenden für bedürftige Mode-Aficionados zu sammeln.

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