How To Musikindustrie – Eine handgezeichnete Erklärung aus der Schweiz

Die Kritzeleien von Indielabel-Macher Andreas Ryser zur Musikindustrie sind aufschlussreich, aber anders. Wir haben mit dem Mouthwatering Records-Chef über die heutige Musikindustrie gesprochen.

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15 Januar 2017, 11:00am

Alle Fotos von der Autorin | Alle Zeichnungen von Andreas Ryser

Statistiken sind eigentlich zum Gähnen langweilig. Wir essen definitiv lieber Kuchen, als dass wir von einem Kuchendiagramm irgendwelche Prozentanteile ablesen. Nun hat aber der Indielabel-Macher Andreas Ryser mit seinen handgezeichneten Statistiken, die die Musikindustrie analysieren und kritisieren, unser Interesse an Zahlen geweckt. Wir als Musik-Nerds verstehen natürlich, was der Mouthwatering Records-Chef mit seinen "Ryser Analytics" sagen will. Damit aber auch du als Laie den Durchblick hast, erklärt dir hier Prof Dr. Ryser alle seine Analysen. Bitte. Gern geschehen.

"Entstanden sind diese Statistiken während unseren Band-Sitzungen. Da habe ich irgendwann mal so vor mich hingekritzelt und fand, dass es eigentlich noch lustig wäre, solche Statistiken zur Musikindustrie täglich zu produzieren.

Einfluss von Social Media

Entwicklung Spotifyplays: Bands, die sich im Studio vergraben vs. Bands, die auf Social Media aktiv sind

Früher musste es dich als Künstler nur interessieren, dass sich deine Platte gut verkauft und damit hatte es sich. Heutzutage ist es als als Band essentiel, auf den Social Media-Kanälen präsent zu bleiben, da du sonst in Vergessenheit gerätst. Natürlich kannst du auch über andere Wege, beispielsweise mit guten Live-Konzerten, im Gespräch bleiben. Jedoch ist es speziell im Zeitalter des Streamings so, dass du dich immer wieder ins Gedächtnis der Leute rufen musst und sie stetig auf deine Musik aufmerksam machen solltest. Denn nur, wenn die Menschen auch deine Musik streamen, wirft es für dich als Künstler einen Ertrag ab.

Ereignisse für Spotify-Erfolg

Spotify-Plays-Entwicklungs: Tod des Künstlers vs. Aufnahme in Spotify-Playlist vs. Künstler ohne beides

Es ist nichts Neues und Unbekanntes, dass nach dem Tod eines bekannten Musikers seine Songs wieder gestreamt werden und die Verkaufszahlen seiner Alben sofort in die Höhe schiessen. Deshalb landet der bekannteste Song eines verstorbenen Künstlers direkt wieder auf Platz eins der Hitparade.

In der mittleren Tabelle wollte ich darstellen, was es für einen Künstler bedeutet, wenn ein Song in einer von Spotify kuratierten Playlist landet. Hier merkst du, dass der normale Musikkonsument einfach das hört, was ihm vorgekocht und fertig serviert wird. Das merke ich als Labelmanager selbst sehr gut. Sobald ein Song von dir in eine populäre Playlist aufgenommen wird, wird dein Song in kurzer Zeit sehr oft abgespielt. Wenn den Leuten dein Song gefällt, übernehmen sie ihn auch in ihre eigene, private Liste und dort wird er dann natürlich auch weiter gehört. Viele hoffen, von einem Spotify-Kurator entdeckt zu werden.

Im letzten Diagramm ist aber der Alltag der meisten Musiker abgebildet. Denn unter 20.000 Songs, die täglich auf Spotify erscheinen, ist es eine Glückssache, entdeckt zu werden. Darum sage ich ja, dass die Social Media-Präsenz so wichtig ist.

Potenzial von Streaming

Streaming: Menschen, die Musik hören vs. zahlende Streaming-Nutzer

Die ganze Welt hört Musik. Trotzdem zahlt nur ein kleiner Teil für Streaming. Deshalb beklagen sich viele Musiker, von den Streamingdiensten nicht richtig bezahlt zu werden. Ich bin aber ein riesiger Fan von Streaming an und für sich. Echt jetzt, ich sehe darin ein enormes Potenzial. Aber Streaming steckt noch in den Kinderschuhen. In Schweden etwa, wo Spotify gegründet wurde, sind sie mit Streaming schon so weit, dass die Schweden aufstehen, eine Playlist einschalten und Spotify erst zum Einschlafen wieder ausmachen. Jeder hört da Spotify.

Es könnten noch so viel mehr Menschen Streaming-Angebote nutzen und ich denke, das wird in den nächsten Jahren der Fall sein. Da ist noch so viel Potenzial und je mehr Menschen auf legalem Weg ihre Musik beziehen und streamen, desto mehr können Musiker auch daran wirklich etwas verdienen.

Subventionen

Subventionen Landwirtschaft & Musik vs. Nutzen Landwirtschaft & Musik

In der Schweiz wird die Musik absolut nicht als Wirtschaftszweig angesehen. Mit dieser Zeichnung möchte ich keinesfalls sagen, dass es falsch sei, unsere Bauern zu unterstützen. Nur möchte ich damit aufzeigen, dass der Staat keine Notwendigkeit sieht, die Musikindustrie zu subventionieren. Dies obwohl alle Schweizer täglich Musik konsumieren und sie wie die Landwirtschaft einen Nutzen für das Volk erfüllt. Gleichzeitig kannst du dich aber auch fragen, wieso die Bauern so hohe Subventionen erhalten: Die stehen einfach viel mehr für sich ein. Es gibt eine ganze Bauernlobby. Würde die Schweiz aber endlich das Potenzial der Musikindustrie entdecken – auch in Bezug auf den Export, weil der Markt in der Schweiz zu klein ist – würden ganz neue Türen aufgehen.

Steigende Zuhörer, weniger Umsatz

Musikkonsum vs. Tonträgerumsatz

Heute wird extrem viel mehr Musik gehört als früher. Einerseits ist Musik durch die verschiedenen Medien einfacher zugänglich, andererseits besteht wohl auch eine grosse Nachfrage beim Volk. Gleichzeitig mit dem Anstieg des Konsums sinkt jedoch der Umsatz durch Tonträger und den Onlineverkauf. Eigentlich eine absurde Statistik. Mit der Digitalisierung und dem einfachen Zugang zur Musik ging die Wertschätzung verloren. Würden in der Migros oder im Coop keine Kassen mehr stehen und jeder dürfte freiwillig entscheiden, ob er zahlen will, würden Lebensmittel wahrscheinlich auch an Wertschätzung verlieren. Vielleicht aber auch nicht, da die Menschen den Wert von Lebensmitteln und Kleidern besser nachvollziehen können als den der Musik.

Trotzdem verdient Musik Wertschätzung. Die Leute müssten sich fragen, was ihnen eigentlich "ihre" Musik wert ist. Beispielsweise sind das bei Spotify 12.95 Franken pro Monat. Da kannst du einfach mal ein bisschen weniger trinken und schon hast du die 12.95 Franken wieder reingeholt. Ich finde es in der Schweiz einfach lächerlich zu behaupten, du hättest das Kleingeld dafür nicht, aber an anderen Stellen kannst du unnötig viel verschleudern. Viele, die Premium-Angebote nutzen, machen das oft nicht mal wegen der Wertschätzung den Künstlern gegenüber, sondern um keine Werbung mehr sehen oder hören zu müssen. Da muss ein Mindset-Wechsel passieren."

Wenn ihr mehr von den "Ryser Analytics" wollt, dann könnt ihr diese auf Andreas Rysers Facebook-Seite mitverfolgen.

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