Die nächste Generation Mundart-Pop macht Hoffnung

Es muss nicht immer bieder sein und nach Dodo klingen. Sechs Artists, die Mundart-Pop machen, den du fühlen darfst.

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März 13 2018, 10:31am

Fotos: SRF Virus, Radicalis, Marco Raho

Schon mal von der Dodoisierung der Popmusik gehört? Bei diesem einzigartigen Schweizer Phänomen handelt es sich um eine sich unterschwellig aber schnell ausbreitende Musik-Erkrankung: Wenn du mit Mundart auf den Pop-Olymp der Alpen steigen willst, musst du dich von Dodo produzieren lassen. Geschafft haben es mit der Hilfe des Zürcher Reggae-Sängers in den letzten fünf Jahren Lo & Leduc, Steffe La Cheffe, er selbst als Solokünstler und zuletzt Nemo. Die Dodoisierung klingt ziemlich eintönig, oder? Der Meinung sind wir auch. Zum Glück lassen sich nicht alle von diesem Trend entmutigen, originellen, modernen und vor allem grossartigen Pop auf Mundart zu machen – Jeans for Jesus ist dabei wohl das berühmteste Beispiel. Neben dem Berner Vierergespann steppen aber auch einige Newcomer aus dem gängigen Mundart-Pop-Schema. Diese sechs Acts machen uns Hoffnung:

Dachs

Auf den ersten Blick wirken Basil Kehl und Lukas Senn einfach wie ein nettes und zugängliches Duo, das im Sankt Galler Dialekt zu elektronischen Beats singt. Doch die Stärke von Dachs liegt in ihrer Subversivität. Ihr Instant-Ohrwurm "Dü, Da, Do" ist das Paradebeispiel dafür: Dachs verpacken in ihre Interpretation des Postauto-Kinderliedes geschickt einen Kommentar über das Subventionssystem der Schweiz. Diese Kombination aus catchy Sound und Gesellschaftskritik zieht sich durch das gesamte Debütalbum der St. Galler, Immer schö lächlä und das macht sie so genial. Dachs ist ein wenig so, als wäre Mani Matter heute Mitte 20, würde Synths anstatt Gitarre spielen und noch ein wenig Auto-Tune draufpacken.

Noisey: Wieso macht ihr Pop auf Mundart?
Dachs: Weil es für uns am naheliegendsten ist, in der Muttersprache zu texten und zu singen. Die kleinen Finessen der Sprache kennst du in der eigenen Sprache am besten.

Was macht eure Musik aus?
Der Gegensatz zwischen sehr eingängigen Kindermelodien und ernsthaften Texten.

Hattet ihr Vorbilder?
Wir haben da keine klaren Vorbilder, die uns beeinflussen. Wir hören eigentlich vor allem internationale Musik. Es gibt aber schon Mundart-Künstler, die wir respektieren und gut finden: Stahlberger oder Jeans for Jesus etwa.

Was wollt ihr mit eurer Musik erreichen?
Wir wollen, dass beim Durchhören des Albums und an Live-Shows etwas mit den Hörern passiert. Die Grösse der Bühnen und der Hörerschaft ist nicht das erste, was für uns zählt, eher die Wertschätzung der Einzelnen.

Milena Patagônia

Es ist kein Geheimnis, dass Berndeutsch und Mundart-Musik gut zusammenpassen. Ein gut gehütetes ist dafür, dass niemand seinen Dialekt so verführerisch verwendet wie Milena Patagônia. Auf ihrer neusten und selbst releasten Scheibe MP EP wirkt Milena wie eine mysteriöse Hexe, die auf Synthesizern einen Liebestrank mixt und einem schöne Dinge ins Ohr flüstert. Der Trank schmeckt durch eine Mischung aus analogen Perkussionsinstrumenten und Computer-Beats modern und natürlich zugleich – und ihre Texte sind subtile, smarte Flirts. Die Thuner Musikerin und Journalistin weiss, wie sie mit ihrer Sprache umgeht: "Fickä" klang nie so sexy wie aus Milena Patagônias Mund.

Noisey: Wieso machst du Mundart-Pop?
Milena: Because I feel it so damn hard.

Was macht deinen Sound einzigartig?
Ich mache schmachtigen R’n’B mit sperrigen Beats. Das wäre an und für sich nichts Neues. Aber dadurch, dass ich Schweizerdeutsch singe, bekommt das einen eigenen Dreh. Ich habe mich umgehört, ob es noch andere Frauen gibt, die auf Mundart über Sex und die Gottverlassenheit singen. Es gibt viele Männer, gerade im HipHop, die sich zu diesen Themen äussern. Gesungen aber hab ich das selten gehört. Das wollte ich ausprobieren.

Wer sind deine Vorbilder?
Ich ziehe Inspiration aus den Arbeiten von FKA Twigs, Sevdaliza und Laurie Anderson, um nur drei zu nennen.

Schränkt dich die Sprache nicht im Erfolg ein?
Doch, klar. Meine komplette Musikästhetik schmälert meine Chancen auf Airplays. Oder meine Texte, die so weltfremd zu sein scheinen, dass sie von manchen als "peinlich" abgetan werden. Aber weisst du was? Mir geht es fantastisch damit. Wenn mir jemand sagt: "So etwas wie deinen Sound habe ich imfall noch nie gehört’", dann ist das für mich das grösste Kompliment.

Landro

Den jungen Bieler Pop-Rapper haben wir mit Lift Up nicht einfach so zu einem der Artists erklärt, die 2018 durchstarten werden. Seine Debüt-EP Havanna war eigentlich nur eine Maturaarbeit – für die hat es aber hoffentlich eine Sechs gegeben: Denn die Single "Holunderblüetesirup" entwickelte sich dank viel Radiozeit zu einem kleinen Sommerhit. Nun soll 2018 der nächste Streich des 21-Jährigen folgen. Landro feilt von Song zu Song an seinem Sound und seiner Stimme, sodass sein noch unangekündigtes Debütalbum dieses Jahr richtig einschlagen soll. Und genug andere haben ja bereits vorgemacht, dass eine gesunde Mischung aus Pop und Rap in der Schweiz gut ankommt.

Noisey: Wieso rappst du auf Mundart?
Landro: Es fühlt sich alles viel echter und authentischer an. Dazu kommt, dass schweizerdeutsche Musik immer ein wenig belächelt wird, was ich sehr schade finde. Ich will meinen Teil dazu beitragen, um das zu ändern.

Wieso klingst du, wie du klingst?
Ich habe immer einfach gemacht, was ich fühle. Ich habe nie darauf geschaut, was man "darf" oder was der Rest macht. Mir hat es nie gereicht, etwas einfach nur zu kopieren, sondern suchte meinen eigenen Style – sowohl was die Beats, als auch meine Vocals angeht.

Wer waren deine Vorbilder?
Bei mir waren und sind das ganz klar Büne Huber und Kuno Lauener. Patent Ochsner und Züri West haben so viele krasse und zeitlose Songs und flashen mich immer wieder aufs Neue.

Ist Mundart nicht eine Barriere?
Ich finde, dass Sprache nur eine Barriere ist, wenn du sie als solche siehst. Ich selbst höre Musik auf verschiedenen Sprachen und habe auch schon erstaunlich viel positives Feedback auf meine Musik von Personen aus dem Ausland erhalten. Musik ist schlussendlich Rhythmus und Melodie und das verstehen alle.

Guy Mandon

Guy Mandon ist ein sexy Mofo und macht sexy Musik für andere sexy Mofos. Aber bevor du in seine Welt eintauchst, solltest du glitzernde Tanzschuhe einpacken: Mit jedem Beat lädt der Basler zum Mitgrooven oder Slowdance ein. Vor fast einem Jahr machte er an der m4music Demotape Clinic mit "Kokosfett" auf sich aufmerksam. Inzwischen hat Guy seinen funky 80s-Synth-Vibe und seinen speziellen Gesangsstil perfektioniert und auf dem Debütalbum Stream verewigt. Das Album glänzt durch komplexe Arrangements, die sofort ins Ohr gehen, und Lyrics, die wörtlich genommen etwas strange wirken – wenn du aber genau hinhörst, ergeben sie Sinn. Deshalb, versuchs wie Guy und "Lueg doch gnau".

Noisey: Was macht deine Musik aus?
Guy: Ich fand es immer spannend, Musik zu hören, die mir vorerst fremd erschien. Sobald ich sie näher kennengelernt und verstanden hatte, konnte ich plötzlich nicht mehr genug von ihr bekommen. Ich hoffe, dass die Leute bei mir dieselbe Erfahrung machen.

Wo willst du mit deiner Musik hin?
Ich will weiterhin frei genug sein, etwas aus mir selbst heraus zu erschaffen. Momentan ist es Musik, aber vielleicht will ich auch mal etwas anderes produzieren.

Schränkt dich die Sprache nicht im Erfolg ein?
Einerseits ja, da der Markt für Mundart-Musik definitiv sehr klein ist. Und wenn man nicht Mainstream ist, gibt es praktisch gar keinen Markt dafür. Andererseits bin ich überhaupt nicht dieser Meinung. Wenn du es schaffst, eine Stimmung zu kreieren. Wenn du live ein Publikum bei der Stange halten kannst, dann fällt die Sprachbarriere – davon bin ich überzeugt. Ich denke, das geht nur, wenn du eine eigene Welt generierst. Eine schweizerdeutsche Kopie von einem international erfolgreichen Act interessiert im Ausland niemanden.

ZID

Wenn wir einen der hier besprochenen Acts mal an der Chart-Spitze sehen werden, dann wohl den Sänger ZID. Er macht Pop im klassischen Sinne: Texte und Melodien mit Ohrwurm-Potenzial, immer mit etwas Herzschmerz. Das ist schön und nett und tritt niemandem auf die Füsse – genau das Richtige für die Mainstream-Radios hierzulande. Darum setzt wohl auch Sony Music auf den kompletten Newcomer. Talent kann man dem Zürcher aber nicht absprechen: Er soll seine Songs in Eigenregie schreiben und produzieren, mit seinen Tropical-Einflüssen bringt er eine sommerliche Brise ins verstaubte Schweizer Pop-Biz.

Noisey: Wieso machst du Mundart-Pop?
ZID: Ich denke, dass ich mit keiner anderen Sprache genug vertraut bin, um dieselben Emotionen mit den Songs zu transportieren.

Und wieso machst du überhaupt Pop?
Bei meinem Sound musste ich zum Glück noch nie irgendeinen Kompromiss eingehen. Ich habe nie nur Beats produziert. Irgendwie waren es von Anfang an immer Songs mit poppigem Vibe.

Was hebt dich von anderen Künstlern ab?
Die Art, wie ich Songs schreibe, ist sehr amerikanisch. Die Texte sind direkt und ehrlich. Gemischt mit dem modernen Klangbild, den Produktionen und meiner kratzigen Stimmfarbe gibt das eine Mischung, die es auf Mundart bisher nicht zu hören gab.

Was willst du mit deiner Musik erreichen?
Mein Ziel ist es, möglichst viele Leute zu erreichen und von der Musik leben zu können. Ob als Solokünstler oder als Produzent.

Schränkt dich die Sprache dabei nicht ein?
Vielleicht als Sänger auf internationaler Ebene. Aber als Produzent gibt es da ja keine Einschränkungen. Allerdings sehe ich es national als einen klaren Vorteil, auf Mundart zu singen. In der Schweiz fällst du einfach viel eher auf, wenn du Musik auf Mundart machst.

Kaufmann

Ein Bündner darf natürlich nicht fehlen – dann haben wir fast alle grossen Dialekte durch. Kaufmann hat erst Ende Februar sein Debütalbum König vu dr Nacht beim renommierten Zytglogge Verlag veröffentlicht. Dass Kaufmann auf demselben Label releast, auf dem auch Mani Matter war, ist nicht abwegig: Kaufmann ist ein moderner Mundart-Chansonnier. Begleitet mal von lupfigen, mal von melancholischen Gitarrenmelodien singt der Churer von durchzechten Nächten, nervigen Nachbarn, Liebe im 21. Jahrhundert – a.k.a Tinder – und Alltagsflucht. Etwas musikalische Tiefe und Variabilität fehlt Kaufmann noch, aber daran lässt sich ja arbeiten.

Noisey: Wieso machst du den Sound, den du machst?
Kaufmann: Das weiss ich selber auch nicht so genau. Es ist das, was einfach so aus mir herauskommt, wenn ich mit Gitarre auf der WC-Schüssel am Jammen bin. Ich spiele einfach ein paar Akkorde, bis sich etwas mit dem Gefühl verbindet, das ich gerade empfinde.

Was macht deine Musik speziell?
Ich denke, es ist die Ehrlichkeit in den Texten, kombiniert mit der Einfachheit der Melodien. Sie ist zugänglich und greifbar. So eine Art Schlager für deprimierte Dorfkinder, die als Teenie zu viel Grunge gehört und dann irgendwann den Sprung in die Kleinstadt geschafft haben.

Wo willst du mit deiner Musik hin?
Ein Traum wäre es, in ein paar Jahren zurückblicken und sagen zu können: Ich habe zehn Alben herausgebracht und alles gesagt, was ich sagen wollte.

Schränkt dich die Sprache nicht im Erfolg ein?
Im Gegenteil. Für mich ist Erfolg, wenn ich einigermassen zufrieden bin und das sagen kann, was ich will. Erfolg ist, wenn ich nur eine Person mit meiner Musik berühren kann, und das kann ich mit Mundart am besten.



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