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Foto: Alexandra Stanic

"Die kann man nicht gut verkaufen" – SINAH über die Oberflächlichkeit der Popindustrie

Sinah Edhofer

Sinah Edhofer

"'Geile Sängerin' ist eine Bezeichnung, die mir sehr deutlich in Erinnerung blieb, und die ich nicht ein einziges Mal als Kompliment empfunden habe."

Foto: Alexandra Stanic

Im Rahmen des 8. März, dem Weltfrauentag, sind wir dem Aufruf des Frauennetzwerk Medien gefolgt und verwenden an diesem Tag das generische Femininum.

Wenn jemand zu mir sagt, meine Musik sei scheiße, dann finde ich das vollkommen okay. Was ich niemals ertragen werde, ist, wenn jemand zu mir sagt "Du siehst eh ganz gut aus. Aber deine Musik ist scheiße." Als Frau ist man in der Musikbranche nämlich vor allem mit einem konfrontiert – dem eigenen Äußeren.

Mein Name ist Sinah, ich bin 26 und habe vor drei Monaten meine erste Single veröffentlicht. Ich habe kein Label, ich schreibe selber und habe das ganze Projekt auch selber finanziert. Das war zwar arschteuer, aber auch wichtig, weil ich sehr viel über Verantwortung gelernt habe. Vergangenes Jahr habe ich angefangen, diesen großen, abstrakten Traum vom Musikmachen in die Realität zu übersetzen. Davor habe ich jahrelang kaum was geschrieben. Aber das liegt nicht daran, dass ich keine Ideen gehabt hätte.

Was meine Angst vor Auftritten, vor dem Musikmachen überhaupt, subtil und schrittweise geschürt hat, waren nicht diejenigen Produzentinnen, Bandkolleginnen, Konzertbesucherinnen, die meine Musik konstruktiv kritisiert haben, sondern die, die als allererstes mein Äußeres diskutiert haben. Als ich mit 14 Jahren einen Bandcontest in meiner Heimatstadt gewonnen habe, war nicht der Sieg meiner damaligen Band das Thema der Stunde, sondern die Tatsache, dass ich beim Konzert einen rot-schwarz-karierten Minirock und schwarze Overknee-Strümpfe trug (ja, sorry, Avril Lavigne war mal cool). In Zukunft waren wir dann nur mehr bekannt als "die Band mit der geilen Sängerin, die nur wegen ihres Rocks gewonnen hat". Das hat dazu geführt, dass ich mir ab diesem Zeitpunkt mehr Gedanken darüber gemacht habe, wie ich beim Spielen aussehe, als ums Spielen selbst. Bei späteren Auftritten wurde mir mehr und mehr bewusst, dass ich oft das einzige Mädchen war. "Geile Sängerin" ist eine Bezeichnung, die mir sehr deutlich in Erinnerung blieb, und die ich nicht ein einziges Mal als Kompliment empfunden habe. Ich war so jung, Feminismus habe ich noch nicht verstanden, aber die Art, wie mich Menschen sahen, verunsicherte mich. Rückblickend kann ich sagen, es war der Zeitpunkt, an dem ich gelernt habe, dass Frauen und Männer unterschiedlich bewertet werden. Auch, wenn sie dasselbe tun.

Zu dick, zu dünn, zu sexy, zu bieder, zu crazy, zu langweilig: Es ärgert mich, wenn Künstlerinnen, die nicht dem gängigen Schönheitsideal entsprechen (oder auch, wenn sie es schon tun), in Artikel und Interviews immer wieder auf ihre "Unangepasstheit" angesprochen werden, die dann pseudomäßig gefeiert und herausgekehrt wird. Es sollte nicht einmal Thema sein. Zu Ed Sheeran würde frau ja auch nicht sagen "Hey, du bist zwar kein geiler Typ, aber eh cool, deine Musik." Dagegen gibt es zahllose Interviews, in denen Beth Ditto über ihr Körpergewicht ausgefragt wird, aber erst später im Artikel und entweder dann, wenn sie selber darüber spricht oder die obligatorischen Eisbrecherfragen (zum Beispiel nach der aktuellen Single) bereits gestellt wurden. Dann kann es ans Eingemachte gehen, an das, was die Leute wirklich interessiert.



Es scheint, als wäre die Popindustrie voll mit weiblichen Acts. Das stimmt nur bedingt, denn während Rihanna, Halsey, Beyonce & Co die Charts beherrschen zu scheinen, sind im Hintergrund wenige Frauen in der Popmusik beteiligt. 2016 haben GEMA und PULS eine Datenanalyse gemacht und die Urheber jener 100 Songs nach Geschlecht aufgeschlüsselt, die seit 2000 die deutschen Singlecharts dominiert haben. 8.616 männliche Urheber hat man dabei gezählt, dagegen nur 1.107 weibliche. Somit sind elf Prozent dieser Songs, die in diesem Zeitraum in den Charts waren, von Frauen geschrieben worden. Denn auch, wenn man gerne davon ausgehen würde, weibliche Sängerinnen seien in der Musikindustrie mindestens so repräsentiert, wie Männer, so stehen hinter jedem großen weiblichen Act eben doch Managerinnen, Labelmenschen und Produzenteninnen und die sind – immer noch – überwiegend männlich.

Zunehmend ernüchternd werden für mich Festivalbesuche. Die Headlinerinnen am diesjährigen Lollapalooza: 28 männliche Acts, acht weibliche (fünf davon rein weiblich). Auf der Frequency-Startseite trifft mich fast ein bisschen der Schlag, hier werden 60 rein männliche Acts groß angekündigt, sechs weibliche, davon sind wieder drei in Bands mit männlichen Kollegen. "Sängerinnen gibt es wie Sand am Meer" – Ein Satz, den ich über die Jahre immer wieder aus dem Mund diverser männlicher Musikmenschen gehört habe. Aber wo sind diese Sängerinnen, wenn es sie doch wie Sand am Meer gibt? Wo sind sie in den Festival-Line Ups, wo sind sie in den Charts, in den Credits?

Unsere heimische Popszene sei endlich wieder am erblühen, lese ich ständig, dem Himmel sei Dank, endlich gibt es großartige, gar virtuose Acts wie Bilderbuch und Wanda und Julien le Play und Parov Stelar und Nazar, endlich kann sich Österreich im europäischen Vergleich wieder behaupten. Wir sind wieder da, nach so vielen Jahren der Abwesenheit am internationalen Hit-Parkett. Das sind gute Künstlerinnen, versteht mich nicht falsch, aber spannende Artists wie HVOB, Mynth, Leyya und Lea Santee sind trotzdem immer noch unterrepräsentiert und wir alle wissen es.

Klar ist es eine Frage des Selbstbewusstseins. Wenn du, wie ich, mit 14 Jahren am Land eine Band gründen willst, dann wirst du nicht viele weibliche DJs, Drummerinnen, Bassistinnen finden und das liegt nicht zuletzt daran, dass sich viele Mädels musikalisch gesehen nichts zutrauen. In letzter Zeit haben mir viele Frauen gesagt "Ich könnte das nie, was du machst" und ich muss immer wieder lachen. Eigentlich bin ich nämlich derselben Meinung. Aber ich mache es trotzdem, weil ich wissen will, wie weit ich gehen und mich selbst pushen kann.

Natürlich bist du als Künstlerin aber nur so gut wie dein Team und die Leute, die dich unterstützen. Ich habe lange nach weiblichen österreichischen Produzentinnen gesucht, die mich beim Beats bauen unterstützen, weil Ableton für mich absolut uncheckbar ist und ich mich bei Logic noch nicht fit genug fühle. Außerdem finde ich es schön, ein kreatives Korrektiv zu haben, auch als Solo Artist. Aber es gibt wenige Frauen, die sich dieses technische, nerdige Beat-Basteln zutrauen – leider. Dass ich letztendlich also doch mit dem (männlichen) Produzenten Fleming zusammenarbeite, liegt daran, dass mich sein Sound vom ersten Track an verzaubert hat. Trotzdem frage ich mich, warum es so wenige Frauen gibt, die sich als Produzentinnen und Komponistinnen versuchen. Ich frage mich, wo sie sind.

Oft höre ich, dass Frauen sich besser vermarkten müssten. Sätze wie "die kann man nicht gut verkaufen", "die ist fad", "die hat eine nervige Stimme" oder "ist nicht sexy genug" sind Aussagen, die ich doch verinnerlicht habe, die irgendwie noch immer steuern, wie ich mich als Musikerin nach außen hin und auch mir selbst gegenüber verhalte. Ich bin zu kritisch, zerdenke alles, es fällt mir schwer "einfach mal zu machen" – so, wie die Typen in den Bands das machen, die Produzentinnen, DJs und Rapperinnen, die sogar öffentlich zugeben, dass sie nicht rappen können, aber Hauptsache cool sind. Irgendwas und irgendwer hat mir mit seinen Kommentaren im Laufe der Zeit meine Scheiß-drauf-mach-einfach-Einstellung genommen, die Leichtigkeit und Unbefangenheit, die mir jetzt fehlt. Ich würde gerne so über Ficken schreiben, wie The Weeknd, ohne Angst davor haben zu müssen, öffentlich geächtet zu werden, ohne Angst davor, wie mich die Leute dann sehen. Diese überkritische Haltung ist nicht nur nervig, sondern auch ein großer Nachteil, zumindest empfinde ich das so. Denn wer sich selbst nicht locker präsentieren kann, wer angestrengt und verkopft wirkt, der ist in der Unterhaltungsbranche, vor allem im Mainstream, nicht unbedingt leichte Kost.

Foto von der Autorin zur Verfügung gestellt

Denn letztendlich geht es um Coolness und Sexiness, es geht darum, gesellschaftspolitische Themen vielleicht zu tangieren und ein bisschen zu bespielen, weil sie sich gerade verkaufen, aber hübsch verpackt muss die schwerere Kost trotzdem sein: sie muss perfekt gestylt, perfekt inszeniert, konzipiert sein und mindestens 6000 Instagram-Follower haben, sonst schafft sie es nicht. Der weibliche Act, der Kommunikator, so scheint es, ist wichtiger, als die Botschaft. Und das ist scheiße.

Ich kann jungen Frauen, die in die Musik wollen, nur raten, sich gut zu überlegen, was sie wollen: Wer sie sein wollen, welche Art von Musik sie machen wollen und zu wissen, wer sie nicht sind. Denn die Stimme einer Frau tendiert oft dazu, zu verstummen, wenn plötzlich überdurchschnittlich viele Männer mitreden und versuchen, etwas aus ihnen zu machen, die so tun, als wüssten sie es besser. Hört auf, zu glauben, dass ihr dieses und jenes nicht tun könnt.

In den vergangenen Monaten habe ich immer wieder den Satz gehört "Wir brauchen sowas jetzt". Das hat mir gezeigt, dass der Bedarf an weiblichen Musikerinnen, Produzentinnen, Komponistinnen, Managerinnen, Bookerinnen da ist. Wir wollen eure Stimmen und Geschichten hören, euren Einsatz sehen. Wir wollen sehen, wir ihr an Turntables steht, mit dem Bass auf der Bühne, an den Drums, im Studio oder in Managementpositionen. Wir brauchen euch jetzt wirklich. Frauen, die sich über all die blöden Kommentare und die sexistischen Altherrenwitzchen hinwegsetzen und bleiben, anstatt das Feld zu räumen. Die sich nicht mehr hinten anstellen und darauf warten "entdeckt" zu werden. Frauen, die sich selber entdecken, die sich trauen, Fehler zu machen, als "verrückt", "kompliziert" bezeichnet zu werden und die auf Angepasstheit scheißen. Die ihre Ziele hoch stecken, die von mir aus mit Arroganz und Überheblichkeit spielen, so, wie die Typen das auch immer machen. Female Artists gibt es wie Sand am Meer. Aber es ist jetzt an der Zeit, laut zu werden.

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