Die Sängerin von Wolfman will mit dir über deinen Fleischkonsum reden

Katerina Stoykova betreibt als Kate Raw musikalischen Tierschutz. Wir haben mit ihr über das Projekt gesprochen.

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09 Juli 2017, 8:36am

zvg

Katerina Stoykova ist dir vielleicht von der Zürcher Band Wolfman ein Begriff. Aktuell ist sie aber auch das Gesicht von Kate Raw, einem Projekt das versucht, mit Hilfe von Popmusik eine Debatte über Fleischkonsum, Tierschutz und Speziesismus – sozusagen der Rassismus gegenüber anderen Arten – loszutreten. Ich habe Katerina in einem japanischen Restaurant in Zürich Wiedikon getroffen, um mich mit ihr über diese Themen zu unterhalten. Zynischerweise gab es ein Missverständnis mit ihrer Bestellung und sie erhielt ein Gericht, in dem Fleisch enthalten war. Dieses zurückzugeben war freundlicherweise kein Problem. Und für mich war es gleich ein passender Moment, um mit der nervigsten aller Fragen in unser Gespräch einzusteigen.

Noisey: Warum isst du kein Fleisch?
Katerina Stoykova: Ich bin mit Haustieren aufgewachsen und habe Tiere schon sehr früh als gleichwertige Lebewesen gesehen. Aber ich war dabei nicht besonders konsequent: Ich habe meinen Hund, die Katzen und meinen Papagei als ebenbürtig gesehen, aber trotzdem haufenweise Burgers gegessen und auch sonst Fleisch konsumiert. Als Teenager habe ich dann begonnen, mich für Strassenhunde einzusetzen. Später bin ich auch beruflich in den Tierschutz eingestiegen – ich arbeite als Juristin in diesem Bereich – und habe damit begonnen, auf meinen Fleischkonsum zu achten, bis ich ihn vor etwa sechs Jahren gänzlich eingestellt habe. Ich bin der Überzeugung, dass uns nur eine imaginäre Trennlinien von anderen Tieren unterscheiden. Man könnte jetzt sagen, es gibt gewisse Fähigkeiten, die unsere Vorherrschaft legitimieren. Gehen wir mal davon aus, wir als Menschen sind besonders intelligent und das macht uns zur Krone der Schöpfung, dann müssten wir ja nicht nur Tiere, sondern konsequenterweise andere, dümmere Menschen auch essen. Tun wir zum Glück nicht. Hinter Denksystemen wie Rassismus oder Sexismus steckt derselbe Mechanismus wie hinter dem Speziesismus, der folgendermassen lautet: Unsere Gruppe hat eine grössere Existenzberechtigung als eure und darf euch deswegen ausbeuten, diskriminieren oder gar töten. Und meiner Meinung nach müssen wir diese Mechanismen eben nicht nur im Bezug auf Rassismus oder Sexismus bekämpfen, sondern sie sollten ganz verschwinden.

Die Geschichte der Menschheit deutet aber stark darauf hin, dass eben genau dieses Ingroup-Outgroup-Denken diese Spezies so erfolgreich gemacht hat. Ist es deiner Ansicht nach grundsätzlich ethisch unvertretbar, andere Lebewesen zu essen?
Nein, das ist es nicht. Ich finde nur die Art und Weise, wie wir industriell Fleisch produzieren, ist völlig unnatürlich und pervers. Das ist es aber nicht nur gegenüber den anderen Tieren auf dem Planeten, sondern trägt auch zur Zerstörung der Umwelt bei und könnte uns langfristig die Lebensgrundlagen entziehen. Ganz ehrlich und unverblümt: Die Menschheit kann gut mit einem Parasit verglichen werden. Aber wir können uns von Gewohnheiten lösen, uns ändern und uns weiterentwickeln. Wir sollten beginnen, uns als Menschen in einem grösseren Zusammenhang zu betrachten und uns nicht als Mittelpunkt des Universums verstehen.

Mit wem rede ich jetzt eigentlich? Sitzt nun Katerina Stoykova oder Kate Raw vor mir?
Wahrscheinlich ein wenig mit beiden. Das ganze Projekt ist ein Experiment, in dem wir versuchen, die Thematik des Tierschutzes in einem popkulturellen Gewand unter die Leute zu bringen. Kate Raw ist eine Kunstfigur und ihre einzige Existenzberechtigung besteht darin, Menschen für dieses Thema zu sensibilisieren. Sie ist ein gemeinsames Projekt von Beni Moser, Chocolococolo und mir. Der Song und das Projekt sind bewusst eher massentauglich ausgerichtet. Im Moment gibt es diesen einen Song, aber wir wollen durch ein Crowdfunding weitere Projekte finanzieren und mit diesen Projekten auch Geld generieren, um Tierschutzorganisationen zu supporten. Wir wollen erreichen, dass Menschen, die sich ansonsten nicht mit Themen wie Tierschutz, Vegetarismus oder Speziesismus auseinandersetzen, mit Menschen in Dialog treten, die das bereits tun. Meiner Meinung nach liegt nämlich hier das grösste Problem: Wir reden zu wenig miteinander. Und damit meine ich nicht eine Einbahnkommunikation, sondern einen echten Dialog, in welchem Menschen, die nicht gleicher Meinung sind, sich unterhalten und sich miteinander auseinandersetzen.

Warum glaubst du, ist Popmusik die richtige Form, um diesen Dialog in Gang zu setzen?
Guter Pop ist im besten Fall eingängig und kann auf spielerische Art Fragen aufwerfen und zum Denken anregen. Musik im Allgemeinen kann eine vermittelnde Funktion einnehmen und hatte immer wieder auch die Rolle des kritischen Fragestellers. Zudem gibt es die Personifizierung des Tierschutzes als Figur in der populären Kultur so nicht und deswegen machen wir dieses Experiment.

Ist so ein Projekt nicht zu konstruiert und stirbt deswegen nach diesem einen Song? Was wollt ihr nach dieser Single machen?
Klar ist es konstruiert, was Pop so grundsätzlich an sich hat. Es ist aber auch zuerst einmal ein Experiment und gleichzeitig eine Herzensangelegenheit. Die Motivation dahinter ist, Tierschutz zugänglicher und salonfähiger zu machen. Wenn es hier scheitert, werde ich es auf anderen Wegen weiter versuchen. Wir haben bei wemakeit eine Crowdfunding-Kampagne gestartet und die Öffentlichkeit aufgefordert, uns Sätze und Wörter im Kontext dieser Themen zu liefern. Die Idee ist es, diese in die Lyrics des nächsten Songs einzubauen. Das Geld, welches wir mit dieser Kampagne einnehmen, soll in weitere Aktivitäten fliessen, die dem Tierschutz dienen.

Worin besteht die Dringlichkeit all dieser Themen?
Mir geht es vorerst nicht primär um Dringlichkeit dieser Themen. Natürlich sind sie dringend, aber viel wichtiger ist, dass wir als Gesellschaft ein Bewusstsein für all diese Themen entwickeln. Ich möchte dir ein Beispiel geben: Ich lebe in der Stadt Zürich direkt neben einem Schlachthof. Wenn ich das Menschen erzähle, sind sie immer sehr überrascht. Nicht darüber, dass ich als Veganerin neben einem Schlachthof lebe, sondern über den Fakt, dass es mitten in der Stadt einen grossen Schlachthof gibt. Das ist für mich ein Beweis dafür, dass wir uns als Gesellschaft nicht wirklich mit der Realität der Fleischproduktion beschäftigen und auseinandersetzen. Was ich bei mir selbst feststelle: Je mehr ich mich damit beschäftige und mich informiere, desto sicherer bin ich mir, dass es für mich der richtige Weg ist.

Glaubst du nicht auch, dass Themen wie Veganismus, Fleischkonsum und Speziesismus im Moment sehr präsent sind und definitiv Einzug in die gesellschaftliche Debatte erhalten?
Doch, das haben sie. Der Fleischkonsum und die Ausbeutung von Tieren ist aber auch auf einem historischen Hoch. Wie gesagt, wir müssen dringend reden und ein neues Bewusstsein dafür entwickeln.

Was hältst du davon, dass die meisten Menschen hauptsächlich aus ökonomischen Gründen davon ausgeschlossen sind, sich solche Überlegungen zu machen? Oder provokativ: Veganismus ist etwas für die Elite.
Mir ist total bewusst, dass ich in einem globalen Kontext privilegiert bin. Aber das soll mich nicht daran hindern, etwas verändern zu wollen. Eigentlich genau im Gegenteil. Dass die meisten Menschen von solchen Privilegien ausgeschlossen sind, stimmt und das führt uns eben wieder zu dieser Ingroup-Outgroup-Ideologie. Wir sollten versuchen, all diese Phänomene als Gesamtkomplex zu betrachten. Nehmen wir als Beispiel die Lederindustrie: Zur Produktion von Leder werden nicht nur Tiere ausgebeutet, sondern wenn es in Billiglohnländern hergestellt wird, bedeutet das in vielen Fällen unmenschliche Arbeitsbedingungen, Leben in Armut, und so weiter. Und diese Menschen sind dann auch wieder jene, die weder die Zeit, noch ökonomischen Mittel dazu haben, sich solche Fragen zu stellen.


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