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Von Run DMC bis Run The Jewels: So haben Comics HipHop beeinflusst

In den USA der siebziger Jahre konntest du dir als Straßenkind genau zwei Sachen leisten: Comics und HipHop-Tapes.


Illustration von Sal Buscema, Mare 139, Bob Wiacek und Chris Sotomayor

2009 hat 50 Cent zusammen mit Autor Robert Greene The 50th Law veröffentlicht—einen semi-autobiografischen New York Times-Bestseller, der zu einer Abhandlung darüber wurde, wie man es im Business schafft oder beim Versuch vor die Hunde geht. Obwohl das Buch zweifellos erfolgreich war, sorgte es drei Jahre später dann doch für einige hochgezogene Augenbrauen, als sich Fiddy und Co dazu entschieden, es in illustrierter Form noch einmal neu zu veröffentlichen: als Comicbuch. Obwohl es im Original-Roman schon einige Anspielungen an die Fantastischen Vier gab [die Comic-Figuren natürlich!], misslang die Übertragung in das gezeichnete Format. Die daraus entstandene Graphic Novel wirkte einfach nur billig und holprig. Mit Dialogzeilen wie, „Ich könnte dem allem entfliehen, indem ich Drogen nehme. Aber wenn du einmal damit anfängst, gibt es kein zurück mehr“, hatte es dann doch mehr von einer Aufklärungsbroschüre für Teenager.

Natürlich sollte man sich nicht zu sehr daran stören, dass 50 Cent einen schlechten Comic veröffentlicht hat. Aber es hatte einfach was von einer ärgerlichen und effekthascherischen Fußnote in einer ansonsten prestigeträchtigen und langen Reihe zentraler Figuren der HipHop-Welt, die versuchen, ihre beiden größten Leidenschaften zu vereinen. Vom Wu-Tang Clan bis hin zu K.dot—fast all deine Lieblingsrapper, -produzenten und B-Boy-Koryphäen sind verrückt nach Comicbüchern.

Die facettenreiche, monströse Geschichte des HipHop wurde schon auf viele Arten dokumentiert: in zahlreichen Dokumentationen von Style Wars bis Something From Nothing, endlosen Artikeln und Büchern, in denen die verschiedenen Stränge der HipHop-Kultur beschrieben und seziert werden, und Unmengen von Artwork, das sich mit den Ursprüngen der ganzen Sache auseinandersetzt. Aber trotz der intensiven Recherche und der geradezu akademischen Auseinandersetzung übersehen diejenigen, die Geschichte des HipHop erzählen, oft die farbenfrohen Universen, die die Fantasie der ersten B-Boy-Pioniere formten: die Comicbücher, die sie als Kinder gelesen haben.

In Wahrheit wurden nämlich viele von ihnen durch diese Bücher kreativ geprägt—die angespitzten Bleistifte der Illustratoren beeinflussten sie nicht weniger als die zahllosen Dekonstruktionen des Amen Breaks. Und trotzdem bleibt auch 2015 das ungeheure Vermächtnis der Graphic Novels, das tief mit der Entwicklung des modernen HipHops verbunden ist, dem Mainstream größtenteils verborgen. Für diesen stellen Comics oftmals nicht mehr als eine von Hollywood-Regisseuren mit großen Budgets und wenigen Ideen ausgebeutete Kultur-Domäne dar.


Eine Run The Jewels Hommage von Marvel Comics

„Comicbücher sind Teil der kreativen Welt von Kindern, die in einer urbanen Umgebung aufwachsen. Vielleicht gehen sie nicht direkt damit hausieren, aber egal mit welchen Rapper du sprichst—wir sind alle mit dem Zeug groß geworden. Ich garantiere dir, dass 80 Prozent aller Rapper, mit denen du dich unterhältst, ziemlich sicher eine große Comicbuch-Phase durchgemacht haben“, sagte El-P, eine Hälfte von Run The Jewels, im Januar dem Rolling Stone, nachdem Marvel das Duo mit einer Hommage gewürdigt hatte.

Man muss aber schon sagen, dass sich Hinweise auf diese enge Bindung an vielen Stellen finden lassen: der Umhang von MF DOOM, die Konzeptalben von Ghostface Killah oder Birdman, der seine Hände auf dem Cover eines Spiderman-Comics konspirativ zu einem Dreieck formt (siehe unten). Und es sind nicht nur Backpackrapper wie Lupe Fiasco und Gambino, die der Comicwelt offen dafür danken, beim Formen ihrer Stimme geholfen zu haben. Es lässt sich alles bis hin zu den Großvätern des Raps, den OGs, den allseits respektierten Namen zurückverfolgen—Menschen wie Darryl McDaniels, dem DMC von Run DMC.

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„Ich habe mich für Comics interessiert, bevor ich überhaupt mit HipHop in Berührung gekommen bin. In ‚King of Rock‘ sage ich auch nicht, ‚I’m DMC, I can rap‘, sonden ich sage: ‚I’m DMC, I can draw’“, erzählt er mir. „Du musst nur mal kurz darüber nachdenken: Wann ist HipHop eigentlich entstanden? HipHop entstand in den frühen 70ern. Zur gleichen Zeit gab es Bruce Lee—der war ein verdammter Held—und Comicbücher. Und diese Dinge existierten für alle von uns, die dann zu den frühen und aktuellen HipHop-Künstlern wurden. Es war Teil unseres Lifestyles.“

McDaniels selber kann auch einige ernstzunehmende Crossover-Qualifikationen zu diesem Thema vorweisen. Mit seinem Comic-Verlag, Darryl Makes Comics, und der Veröffentlichung der ersten Ausgabe von DMC, in der ein freundlich gestimmter Darryl McDaniels nicht Rapper geworden ist und stattdessen tagsüber Englisch unterrichtet und nachts Kriminelle verprügelt, hat er sich einen 40 Jahre alten Traum erfüllt. Besonders interessant ist sein Kostüm—der heldenhafte DMC trägt die B-Boy-Uniform, die seine Gruppe so bekannt gemacht hat: schwarzer Fedora, eine glänzende Kette und, besonders wichtig, nagelneue Adidas.

Laut eigener Aussage führt dabei nicht die Reime schleudernde, großmäulige Rap-Persönlichkeit die Feder, sondern der kleine Junge tief in seinem Inneren, „dessen Leben durch Comics maßgeblich verändert wurde.“ Es ist eine Herzensangelegenheit, die nicht aus bloßen Gimmick-Gründen in einem B-Boy-Universum spielt, sondern einfach deswegen, weil HipHop und die Comicbuch-Kultur sich so gut miteinander verbinden lassen. Schließlich waren für Kids wie DMC, die in den ärmsten Gegenden einer unbarmherzigen Metropole aufwuchsen, Comicbücher das am leichtesten zugängliche Kulturgut.


Illustration von Shawn Crystal, Khoi Pham, Chris Sotomayor und Edgardo Miranda-Rodriguez

„Sie kosteten damals weniger als einen Dollar“, erinnert sich Edgardo Miranda-Rodriguez, derzeitiger Chefredakteur von Darryl Makes Comics. „Ich kam noch nicht mal aus der Arbeiterklasse—ich war einfach arm. Ich bin in der South Bronx aufgewachsen und ich habe Flaschen und Dosen gesammelt. Wenn ich genug Kleingeld hatte, bin ich in den Comic-Laden gegangen und habe mir einen Comic gekauft. Das konnte man sich leisten.“

Ähnlich sieht auch Ed Piskor—Kopf und talentiertes Händchen hinter dem gezeichneten Genregeschichtsbuch Hip Hop Family Tree—den Faktor der Zugänglichkeit als Grund für die gegenseitige Liebe beider Kulturformen. „Ich komme aus Pittsburgh, Pennsylvania, und es gab eigentlich nichts Grundlegenderes als das. Es gab ja nicht viel Geld, das man für Unterhaltung ausgeben konnte. Einen Comic gab es manchmal aber schon für 60 Cent und HipHop war einfach überall. Ich konnte meinen Kumpels eine Leerkassette geben und am nächsten Tag in der Schule hatte ich dann ein paar neue Rapsongs. Beide Kunstformen waren so demokratisch: Alles, was du für einen Comic brauchtest, waren Stift und Papier—für Rap brauchtest du noch nicht mal das! In der Schule klopften die Kids einfach einen Beat auf einen Tisch und jemand anderes reimte dann da drauf.“

Es ist also ziemlich offensichtlich, wie die Geschichten aus den bunten Heftchen die Jugendlichen von damals inspirierten, die dann wenig später eine Kulturrevolution lostreten sollten. Storys über naturalistische, nicht ganz fehlerfreie Helden, die gegen Ungerechtigkeiten kämpfen, um sich selbst und die Menschen um sie herum zu beschützen? Wie könnten solche Erzählungen auch nicht die Menschen beeinflussen, die in einer Gesellschaft aufwuchsen, die dazu einzig und allein dazu ausgerichtet schien, sie unten zu halten?

Schau dir nur die frühen Graffiti an, die man mit HipHop in Verbindung bringt. Die waren immer sehr offenherzig, was ihre eigentlichen Einflüsse anging. Da gibt es zum Beispiel das berühmte Handballfeld Mural von Lee Quiñones, auf dem Howard the Duck an prominenter Stelle platziert ist, oder auch Lees Arbeiten als Teil der legendären NY Crew, The Fabulous Five, die endloslange Subway-Züge mit unglaublich lebhaften Malereien überzog, die sich ästhetisch zweifellos an Comics orientierten. „Sieh dir mal Style Wars an“, sagt DMC. „Ich schätze, der Älteste darin ist 17 Jahre alt. Das sind Jugendliche, die in der Bildsprache und dem Stil malten, von dem sie tagtäglich umgeben waren. Du packtest einfach Captain Americas Schutzschild und Batman mit darauf, wenn du deinen Namen irgendwo getagged hast. Der künstlerische Einfluss von Comicbüchern war immer schon da.“


Illustration von Chase Conley und Mare 139 (Ausschnitt)

Heutzutage dominieren viele dieser jungen B-Boys aus den 80ern das HipHop-Universum als allseits respektierte Rapper, Producer und Kuratoren. Und bis zum heutigen Tag haben sie ihre große Liebe zu einer Kunstform, die so vielen ihnen die Macht der eigenen Vorstellungskraft demonstrierte, nicht verloren. „Ich habe 2009 eine Ausstellung mit Marvel kuratiert“, erinnert sich Edgardo, „und da tauchte dann Pete Rock mit einem riesigen Stapel Comics auf. Er ging mit einem breiten, schleimigen Grinsen rüber zu Joe Quesada, dem damaligen Herausgeber von Marvel Comics, und wollte sich alle von ihm unterschreiben lassen.“ Er lacht und fügt dann noch hinzu: „Und im Hintergrund war Axel Alonso [der momentane Herausgeber von Marvel], der total durchdrehte, ‚Yo! Yo! Da ist Pete Rock!’“ Edgardo imitiert wie Axel sein Handy rausholt. „Hör mal! Ich stehe hier neben Mecca und dem Soul Brother!“

HipHop wurde von Comic-verrückten ‚B-Boy Geeks’ (ein Begriff mit dem Edgardo und der formidable Chef von Atlantic Records, Riggs Morales, angekommen sind) beherrscht, seit die ersten Bronx Blockpartys in der drückenden Hitze eines 70er Jahre Sommers über die Bühne gingen. Und die Evolution und Fortführung der engen Verbindung zwischen Rap und Cartoons lässt sich auch heute bei Adult Swim beobachten, wo Tyler the Creator, Chance The Rapper, Flying Lotus, Killer Mike und viele mehr immer wieder mitmischen. 50 Cent hat also offensichtlich die Bindung zwischen HipHop und Comics nicht nachhaltig zerstört.

Vielleicht wurde die Signifikanz von Comics bislang immer ignoriert, weil sie von der großen Mehrheit einfach nicht als legitime literarische und künstlerische Werke angesehen wurden. Aber angesichts des endlosen Stroms der auf Massengeschmack getrimmten Superhelden-Adaptionen aus Hollywood wird auch dem Originalmaterial mehr und mehr Aufmerksam gewidmet. Langsam erkennt auch der Rest der Welt die Existenz des unglaublich bunten Universums an, das einige der wichtigsten Vorreiter der heutigen Kultur inspiriert hat. Wie DMC sagt: „Die Leute sollten erkennen, dass das nichts Neues ist. Es war immer schon da, aber erst jetzt merkt die Welt so langsam, was für eine große Rolle Comics in unserem täglichen Leben spielen.“

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