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imago | Becker & Bredel

“Für all den hässlichen Bullshit gibt es da draußen auch unglaublich tolle Menschen” – Anti-Flag im Interview

Julius Wußmann

Julius Wußmann

Wird man nach über 20 Jahren Protest nicht irgendwann müde? Justin Sane von Anti-Flag findet darauf klare Antworten.

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Anti-Flag waren schon immer das linkspolitische Rückgrat der internationalen Punk-Szene. Auf ihrem Debüt von 1996 setzten sie mit "You gotta die, gotta die, gotta die for your government, die for your country, that's shit!" zum Schlachtruf an, der ihnen auch in den folgenden 20 Jahren auf Konzerten von hunderten Kehlen entgegen geschrien werden sollte. Jetzt steht mit American Fall schon das zehnte Album der Band an, und gerade in Zeiten von US-Präsident Donald Trump und der erstarkten Alt-Right-Bewegung ist dieser Titel mehr als sinnbildlich. Da wundert es auch nicht, dass Anti-Flag etwa in "Racists" die ganze "Ich bin kein Rassist, aber"-Fraktion klar als das bezeichnen, was sie nunmal ist.

Die neue Platte wurde von Good Charlottes Benji Madden co-produziert, was der Band aus Pittsburgh bei engstirnigen Punks zwar einige Kredibilitätspunkte kostet, aber dafür sorgt, dass die Texte auf makellos polierte Stadion-Punksongs knallen. Ganz nach dem Motto: Je klarer die Leute die Botschaften verstehen, umso besser. Wir haben mit Frontmann Justin Sane darüber gesprochen, ob er und seine Band nach all den Jahren nicht des Protests müde geworden sind, ob Trump vielleicht sogar gut für die Punkszene ist und ob es nicht mal an der Zeit für Rock Against Trump wäre.

Noisey: Kannst du dich noch gut an den Moment erinnern, als feststand, dass Trump wirklich US-Präsident wird?
Justin Sane:
Zu hundert Prozent. Ich habe die Wahl mit meiner Familie und einigen Freunden über TV mitverfolgt. Als klar wurde, dass Hillary Clinton in Florida verlieren würde, überkam mich diese Welle voller Grauen. Ich weiß noch, wie ich mich fragte: "Lebe ich in einer verdammten Parallelwelt, in der jeder seinen verfluchten Verstand verloren hat?" Das werde ich nie vergessen. Als würde man ein Zugunglück in Zeitlupe beobachten. Das war eine schlimme Nacht (lacht).

Hast du denn die Texte fürs neue Album alle nach der Wahl geschrieben oder gab es zu diesem Zeitpunkt schon welche?
Es ist wichtig zu erwähnen, dass es auch schon vor Donald Trump schreckliche Dinge in der Welt gab und es auch da wichtig war, Protestmusik zu machen. Der Song "Digital Blackout" etwa handelt vom Drohnenkrieg, den die USA führen. Es gibt eine neue Form von PTSD für Drohnenpiloten, da auch sie erfahren, wie schrecklich Krieg ist. Aber es gibt keine Hilfe für sie. Das war schon vor Trump so, aber klar, werden die Zeiten jetzt nicht besser. Ich hätte zum Beispiel nicht gedacht, dass ich noch immer Songs über Leute schreiben müsste, die offen rassistisch sind. Ich dachte, das hätten wir hinter uns gelassen. Haben wir aber offensichtlich nicht.

Hast du die VICE-Doku über Charlottesville gesehen?
Nur zum Teil. Aber weißt du, ich habe Charlottesville / Virginia kommen gesehen. Donald Trump hat eine Hundepfeife benutzt, um diese Art Leute zu erreichen. Mit seiner intoleranten Sprache und Verhalten hat er ihnen signalisiert, dass es OK wäre, sich offen zu zeigen. Er würde sie beschützen. Deswegen sollte jetzt jeder Künstler, Musiker und Durchschnittsbürger Haltung zeigen und diese Leute konfrontieren. Uns ist es egal, ob Donald Trump euch grünes Licht gibt, ob der US-Präsident in einem moralischen Vakuum lebt. Wir erlauben euch nicht, rauszukommen und Faschismus eine Plattform zu bieten.

Hat es dich überrascht, dass die Demo so gewalttätig wurde?
Nein. Wenn wir Neo-Faschismus betrachten, müssen wir uns die 30er Jahre angucken. Damals haben anfangs viele nur über die Faschisten gelacht. Sie dachten, das wären Witzfiguren – obwohl die Faschisten offen darüber sprachen, ganze Bevölkerungsgruppen vernichten zu wollen. Es ist Teil dieser Ideologie, gewalttätig zu sein. Die Geschichte lehrt uns, wie Faschisten agieren und wir müssen uns dessen bewusst machen. Wenn sich nämlich Geschichte wiederholt, dürfen wir nicht überrascht sein, sondern müssen es ernst nehmen. Egal, wie klein faschistische Gruppen sind, sie können sehr schnell wachsen, und deswegen müssen wir uns ihnen entgegenstellen, wann immer wir ihnen auch begegnen.


VICE-Video: "Donald Trumps USA Freedom Kids"


Bist du in letzter Zeit selbst schon mit Leuten aus der Alt-Right-Bewegung oder Ähnlichem aneinandergeraten?
Die letzten Monate war ich eher in Europa. Es ist ziemlich hart, in Europa zu sein, während zu Hause solche Sachen passieren. Was mir wirklich Hoffnung gibt, ist die Solidarität, die wir hier erfahren. Als wir das letzte Mal im Berliner Ramones-Museum gespielt haben, kamen ein paar Nazis vorbei. Seitdem kommen viele antifaschistische Gruppen zu unseren Konzerten, um sich mit uns zu solidarisieren.

Ich weiß, dass es gerade viel Hässlichkeit gibt, aber ich sehe auch viele Beispiele, die mir die Hoffnung geben, dass die Dinge wieder besser werden. Du hast mich ja gefragt, ob ich noch weiß, wo ich war, als Trump gewählt wurde … Was unglaublich war: Am Tag danach gab es in fast jeder Großstadt Amerikas eine Demonstration gegen Trump. In meiner Heimatstadt haben wir direkt drei oder vier Tage lang demonstriert.

Wenn es ein Licht am Ende des Tunnels gibt, dann, dass Leute, die vorher schlafgewandelt sind und sich um nichts geschert haben jetzt wach sind. Sie realisieren, dass ihre Apathie einen teuren Preis hatte. Vor Europa sind wir einen Monat lang durch die USA getourt. Unzählige Menschen kamen zu mir und meinten: "Ich war unaufmerksam, ich dachte nicht, dass es was gebracht hätte, ich war zynisch, faul, apathisch, aber jetzt bin ich bereit zu kämpfen." Für jede Aktion gibt es eine Reaktion und ich hoffe, die Reaktion auf Trump wird viel stärker.

Das ist echt die Frage: Inwieweit ist Trump sogar "gut" für die Punkrock-Szene?
Während der Bush-Jahre war die Szene radikalisiert und mobilisiert. Nach den acht Jahren waren aber viele Leute ausgebrannt. Obama war im Vergleich zu Bush für viele zwar nicht perfekt, aber OK. Sie gaben ihm einen Freifahrtsschein. Ich glaube, das war ein Fehler. Anti-Flag hat ihn nie einfach so durchgewunken (lacht). Er hat mehr Menschen deportiert als jeder andere Präsident vor ihm, hat mehr Geld für die Kriegsmaschinerie ausgegeben als Bush und hat niemals auch nur einen Wall Street-Banker verfolgt, der für die finanzielle Abzocke von 2008 verantwortlich war. Viele waren einfach zu ausgebrannt, aber jetzt sehe ich bei Trump, wie sich wieder viele Leute engagieren. Das ist wichtig und aufregend.

In den frühen 00ern gab es ja die Rock Against Bush-Compilations. Wäre es nicht an der Zeit für Rock Against Trump?
Ich denke schon, aber Leute konsumieren Musik heutzutage anders. Damals war es nicht so einfach, ins Internet zu gehen und sich Musik zu besorgen. Heute streamen alle oder gehen auf YouTube. Da ist es schwieriger, eine Compilation zusammenstellen und einen ähnlichen Einfluss wie in den frühen 00ern zu haben.

In den YouTube-Kommentaren eures Songs "Racists" beschimpfen euch manche als Social Justice Warrior. Warum ist es heutzutage für manche so ein Problem, wenn man auf Missstände aufmerksam machen will?
(Lacht laut) Weil die Rechten in den USA einen Medienkomplex haben, der sehr mächtig ist. Donald Trump wäre nicht Präsident, wenn es FOX News nicht geben würde. Das ist ein sehr wichtiger Punkt: Er hat seine Taktik von den Rechten übernommen. Stichwort Ablenkungspolitik. Er sagt so viele verrückte Dinge und lässt seine Regierung wie ein komplettes Desaster aussehen, gleichzeitig setzen sie aber auch Dinge durch, die seinen Freunden nützen. Der Öl-, Gas-, und Kohle-Industrie, die Waffenhersteller- und händler, die Banker an der Wall Street – denen geht es allen sehr gut unter Trump. Umweltprojekte, die sich umweltverschmutzenden Unternehmen in den Weg stellten, hat er aber bekämpft. Die meisten Menschen übersehen das.

Jemanden Social Justice Warrior zu nennen, ist auch Teil der rechten Ablenkungspolitik. Für sie ist es ein schlimmes Wort, dabei sollte es eigentlich etwas Gutes sein.

Hierzulande ist es ähnlich. Hier benutzt man das Wort "Gutmensch", wörtlich übersetzt good human being.
Ha, interessant. Aber das sind wir gerne! ( lacht)

Ihr seid schon seit Mitte der Neunziger eine aktive, sehr engagierte Protestband. Ist das nicht manchmal ermüdend, gerade in Sachen wie Rassismus keinen Fortschritt, sondern eher einen Rückschritt zu sehen?
Gute Frage! Gerade scheint alles sehr düster, aber in Wahrheit sieht es bezüglich Rassismus, Sexismus, Homophobie und genereller Intoleranz so viel besser aus als damals, als wir diese Band gegründet haben. Sogar in der Punkszene gab es Leute, die sexistische, rassistische oder homophobe Dinge gesagt haben. Es wurde akzeptiert, es war OK. Es gab nur wenige Gruppen, die aktiv etwas dagegen tun wollten. Ich denke, dass der Underground dem Mainstream immer voraus ist. Die Szene hat sich verändert, der Mainstream auch.

Wir können touren, Shows spielen und uns in Gemeinschaft von Leuten bewegen, die die Welt ein bisschen besser machen wollen. Das alles inspiriert uns und ist der Grund, warum Anti-Flag nie ausgebrannt ist. Für all den beschissenen, hässlichen Bullshit gibt es da draußen unglaublich tolle Menschen, die hart dagegen arbeiten. Oft sind die Dinge besser, als sie scheinen. Anti-Flag ist zwar nur ein kleiner Teil davon, aber viele der Werte, die schon ewig für mein Leben wichtig sind, habe ich auf Punkrock-Shows gelernt.

Aber wie schafft man es, mit den Songs nicht nur die anzusprechen, die eh schon auf euer Seite sind, sondern auch andere überzeugt?
Wir sind schon so lange dabei, das ist unser zehntes Album. Über die Jahre habe ich gelernt, dass du einfach das Album machen und die Dinge sagen solltest, die du selbst willst. Du kannst nur darauf hoffen, dass deine Kunst den Leuten was gibt. Manchmal tut sie das, manchmal aber nicht. Wichtig ist, dass du es überhaupt versuchst. Wir begannen als eine Gruppe naiver Kids, die darüber sangen, was sie beschäftigte und hofften, dass das andere Leute berühren würde. 20 Jahre später triffst du jemanden auf Tour, der dir sagt, dass dein Album seine Sicht auf etwas verändert hat. Jetzt ist er eine komplett andere Person. Es liegt eine gewisse Schönheit darin, die naive Hoffnung zu haben, dass das, was du machst, etwas bewirken kann. Denn das kann es.

American Fall erscheint am 03. November. Bestell es dir hier.

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