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Wien und die Diskriminierung an der Clubtüre

Diese Woche ist in Österreich zum ersten Mal ein Lokal wegen indirekter Diskriminierung auf Schadenersatz verurteilt worden.

Fredi Ferkova

Fredi Ferkova

Foto via Flickr | Mills Baker | CC BY 2.0

Diese Woche ist in Österreich zum ersten Mal ein Lokal wegen indirekter Diskriminierung auf Schadenersatz verurteilt worden. Eine Gruppe von Freunden wollte ein Gürtellokal aufsuchen—drei Burschen wurde der Zutritt verweigert. Begründung? Sie sahen wie Leute aus, die zu Problemen führen. Den Rest der Truppe befindet der Türsteher als angenehm und lässt sie ins Lokal. Die Freunde beschweren sich und fliegen—eh klar. Die ausländisch-aussehenden „Hauptabgewiesenen” haben 600 Euro bekommen und die anderen Freunde 350 Euro. Eigentlich eine gute Nachricht.

Foto: Screenshot Wikipedia

Wikipedia definiert Diskriminierung als eine „gruppenspezifische Benachteiligung von Menschen”. Es gibt erwartungsgemäß also alle Arten von Diskriminierung—nicht nur Ethnien, sondern auch Geschlechter oder Altersgruppen können benachteiligt werden. Dass Diskriminierung eine unnötige Angelegenheit ist, dürfte wohl allgemeiner Konsens sein. Auch der schlimmste Rassist wird einsehen, dass zum Beispiel eine Alters-Diskriminierung einfach nur gemein und unfair ist. Doch apropos Alters-Diskriminierung—sind Lokale, die ab 21 sind, auch schon diskriminierend? Immerhin wird eine Altersgruppe bevorzugt und eine andere benachteiligt. In Österreich sind Personen außerdem schon ab 18 mündig.

Wenn ich mit einer Jogginghose in die Passage gehe und nicht reinkomme—werde ich dann als Jogginghosen-Träger diskriminiert? Die Grelle Forelle hat einmal verlautbart, niemals FPÖ-Anhänger reinzulassen—handelt es sich um politische Diskriminierung? Habe ich als Selbstständiger, der ein Lokal eröffnet, gar keine wirkliche Entscheidungsmacht über mein Publikum? Es ist ein schmaler Grad zwischen Betriebs-Interessen und den Interessen der Allgemeinbevölkerung. Aber natürlich sind die oben genannten Beispiele halb so schlimm—wir sehen die anderen Diskriminierungen bei Lokalen ein. Bei Rassismus hört der Spaß aber auf.

Ich war früher Stadtbahnbogen-Gängerin. Ich weiß, dass sich viele Gürtellokale die Arbeit erleichtern, indem sie einfach Hautfarben, mit denen sie schlechte Erfahrungen gesammelt haben, nicht reinlassen. „Jugos” schauen nach Ärger aus, Türken schauen nach Ärger aus und Schwarze sowieso. Dieses Bild malen viele Türen in Wien. Und wir sollten es definitiv loswerden. Aber wie?

Foto via Flickr | styko | CC BY 2.0

Es gibt eben nicht nur liberale Lokale in Wien. Es gibt die Bonzen-Clubs, es gibt die kleinen Clubs mit Flaschen-Booten-Kultur. Dort, wo viel getrunken wird. Sehr viel. Ihr wart bestimmt mal in so einem Lokal und eine Schlägerei ist ausgebrochen. Wer es nie erlebt hat—es ist eine sehr schockierende und hilflose Erfahrung. Und juristisch einer der Worst-Cases eines Lokals.

Türsteher werden andauernd angezeigt. Lokale ebenso. Dem möchte man aus dem Weg gehen. Man möchte vermeiden, dass Polizei oder die Rettung die Party stürmen. Man möchte die langwierigen Anzeigen vermeiden. Man möchte ernsthaft und wirklich Ärger meiden. Wenn man anfängt, gewisse Hautfarben auszuschließen—dann ist es die primitivste Leistung, die man als Lokal bringen kann. Österreichische Jugendliche hauen sich ja auch in die Goschen.

Gut, das verurteilte Lokal hat unmenschlich gehandelt und diskriminiert. Die Lehre, die der Lokalbesitzer meiner Meinung nach daraus ziehen wird? Nicht offen zu kommunizieren, warum abgewiesen wurde und man der ganzen Gruppe den Zutritt zu verweigerte. Ich befürchte fast, dass er nach drei Jahren und etlichen Euro weniger nicht die erleuchtende Einsicht hat, dass Rassismus scheiße ist. Das ist natürlich eine Mutmaßung und ich hoffe, dass ihm diese Geschichte doch die Augen geöffnet hat.

Ich habe viele Freunde aus dem Ausland—und höre von ihnen nie etwas zu dem Thema. Dabei wäre es am besten, wenn man einen Diskurs eröffnen würde. Wenn man darüber reden würde. Aber die Abgewiesenen sind eher einsichtig und wollen kein Trara machen. Genau das sollten wir aber.

Als ich nachgefragt habe, ob sie schon jemals das Gefühl hatten, wegen ihrer Hautschattierung nicht reinzukommen, hatten alle mindestens eine, die meisten eher vier oder fünf Situationen im Kopf. Junge und intelligente Männer—und niemals Schläger. Kein Tyson-Haarschnitt, keine „Herst was is”-Männer. Mein Herz bricht, wenn ich sie solche Sachen sagen höre wie „Ich war sehr traurig und fand mich unfair behandelt. Es war die Geburtstagsparty meiner Freundin, auf die ich nicht konnte.” Oder: „Diskutieren bringt dann auch nix. Du willst nicht ‚der Typ‘ sein. Das würde ihre These [dass man Probleme macht] nur bestätigen.”

Man sollte und müsste 2016 langsam anfangen, auch Störenfriede nach den Gesichtern und nicht der Hautfarbe zu ordnen. Wir sind eine Multikulti-Stadt. Und das ist super—wir sind ja auch eine Hauptstadt. Hier leben Neo-Österreicher der zweiten oder fünften Generation. Wien muss sich von der Idee verabschieden, dass wir ein Bad Oaschloch sind und ein Schwarzer, der in ein Lokal rein möchte, eine drogendealende Ausnahme ist. Wir müssen die Vorstellung loswerden, dass alle, die nicht weißer Hautfarbe sind, nicht integrierte Wilde sind. Und wir müssen diese Vorstellung bekämpfen, wo es nur geht.

Wir brauchen mehr Diskurs. Wir müssen darüber sprechen, wenn so etwas passiert. Wir müssen unsere Freunde in Schutz nehmen, wenn wir so ein Vorgehen bemerken. Lass uns rassistische Vorgehensweisen anprangern und zukünftigen Lokalbesitzern beibringen, wie es ist, in einer Großstadt ein Lokal zu eröffnen, das mehr ist als ein privater Club für seine 10 Freunde. Erzählen wir den Türstehern beim nächsten Mal von dem Phänomen der sich selbsterfüllenden Rollenzuteilung. Wenn ich jemandem die ganze Zeit über das Gefühl gebe, er wäre ein potentieller Krimineller, ein Störenfried, jemand, den man nicht haben will—dann wird sich diese Rolle früher oder später auf die eine oder andere Art erfüllen—oder wir zumindest genug Gründe finden, um zu sagen, dass sie sich bestätigt hat. Denn was hat dieser Mensch dann schon zu verlieren? Den Ruf jedenfalls nicht.

Hier findest du den Klagsverband, wo du dich und deine Freunde melden können, wenn ihr juristische Hilfe braucht.

Hier erfährst du von den laufenden Initiativen.

Und poste deinen Vorfall auf Facebook. Je mehr Menschen sensibilisiert werden, desto eher weichen die Lokale von der diskriminierenden Türpolitik ab. Die uns ja Ärger macht.

Fredi ist auf Twitter: @Schla_wienerin

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