Musiker müssen damit klarkommen, dass ihre Musik falsch verstanden wird

Die Pegida-Bewegung spielt auf ihren Demos einen Song von Casper, was so ärgerlich wie unausweichlich ist.

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21 Januar 2015, 12:30pm

Wer seine Kunst in die Öffentlichkeit stellt, muss damit rechnen, dass sie kritisiert, falsch verstanden und zweckentfremdet wird. Darauf muss sich jeder Künstler einstellen, bevor er sich für diesen Schritt entscheidet. Einfach zu verkraften sollte es sein, wenn irgendein Musikmedium das hart erarbeitete Goldstück-Album nur als „mittelmäßig“ bewertet oder Noisey mal wieder einen ziemlich dummen Witz darüber macht (dickes Sorry an dieser Stelle!). Ebenso leicht sollte es fallen, wenn Leute, die wahrscheinlich nicht deine besten Freunde im echten Leben wären, zuhauf deine Fans werden. Es gibt Schlimmeres als unliebsame Fans.

Etwas schwieriger dagegen ist es, wenn ehrlich fragwürdige Personen aus dem öffentlichen Leben deine Musik für ihre Promozwecke missbrauchen, seien es Verschwörungstheoretiker, Rechtsgesinnte oder die Trottel von der Pegida. Aktuell ist eben das dem deutschen Rapper Casper passiert, der beobachten musste, wie sein XOXO-Track „Der Druck steigt“ immer wieder auf den Montagsdemos der Pegida-Bewegung gespielt wurde. „Der Druck steigt / Wir holen zurück, was uns gehört“ schallt es aus den Boxen und man muss den Song und den Künstler Casper schon stark aus dem Kontext reißen und falsch verstehen, um zu denken, dies sei eine angemessene musikalische Untermalung für ein fremdenfeindlichen Demonstrationszug gegen die Islamisierung.

Der Track handelt so wie die meisten Songs des Deutsch-Amerikaners von seiner Generation, seiner Jugend, autobiografischem Geschehnissen, die ihn beschäftigen. In einem SZ-Interview beschreibt er das Thema des Songs genauer als „die Generation ,Wir haben keinen Job, aber hängen auf jeder Gästelistenparty mit Freisaufen ab’.“ Dass sich so etwas die Pegida-Bewegung auf die Fahne schreiben möchte, ist eher unwahrscheinlich. Stattdessen will sie wohl eher verdeutlichen, wie sehr das sogenannte Volk in Aufruhr ist und der Druck, etwas gegen die Islamisierung zu tun, immer weiter steigt. Sätze aus dem Kontext ziehen, ist vor allem bei Rapsongs ein Leichtes. Casper rappt im gleichen Track immerhin auch: „Sind nicht schön, sind nicht reich“ und „Reden viel, sagen nichts“.

In einem Statement auf seiner Facebookseite erklärt Caspar in diesem Zusammenhang: „,Der Druck steigt’ tatsächlich, aber nicht so, wie Pegida sich das vorstellt. Überall in Deutschland regt sich Widerstand—gegen Pegida und ihre Ideologie.“

Post by CASPER.


Ob es nun Musik, Texte oder andere Formen sind, Kunst ist nicht nur Selbstausdruck ihres Erschaffers, sie ist auch bis zu einem gewissen Grad zur Interpretation des Betrachters da und in der Regel ist das auch gut so. Wie sehr haben uns schon Lieder, die eigentlich von dem Tod des Kaninchens, der dem Verfasser als kleiner Junge zu schaffen machte, dabei geholfen, über unsere Ex-Geliebten hinwegzukommen? Kunst ist zu einem gewissen Grad so wichtig für uns, weil wir sie in unseren individuellen Lebensraum einbeziehen und für uns interpretieren. Besonders weil sie—und insbesondere die Musik—so viel Spielraum für eine Interpretation lässt. Zu oft haben Musiker in Interviews bereits betont, dass sie ihre Musik nicht erklären wollen, dass sie es lieber dem Zuhörer überlassen wollen, wie sie die Texte verstehen und wie sie ihre Gefühle beeinflussen.

Doch jede gute Seite hat eben auch eine schlechte, unerfreuliche Rückseite. Und dazu gehört nun mal das Missverstehen und die Fehlinterpretation der Songs. Das ist etwas, das vielleicht ärgerlich ist, aber definitiv zu verkraften. Wenn nun ein Fall der politischen oder einer medialen Instrumentalisierung stattfindet, kann und sollte man sich als Künstler davon distanzieren, so wie Casper es getan hat. In einem Interview 2013 mit dem Focus sagte er bereits: „Ich lasse mich ungern für etwas instrumentalisieren. Egal, für welche Partei. Meine Musik ist nicht politisch gemeint.“ Dennoch gibt Leute, die nur das hören, was sie hören wollen. Immerhin kann man von jenen, die die Songs für Pegida ausgewählt haben, annehmen, dass sie sich noch nie mit dem Künstler beschäftigt haben oder sehr ignorant sind.

Aber Casper ist nicht der erste und einzige, der sich in so eine Lage sah. Als KenFM, die Radiosendung des Verschwörungstheoretikers Ken Jebsen, vor einiger Zeit den neuen Zugezogen Maskulin-Song „Endlich wieder Krieg“ postete und sich dabei bei der Rapcrew für die coolen, politischen Tracks bedankte, ärgerte das Grim ebenso wie Testo. Dennoch konnten sie die Lage relativ nüchtern betrachten und wissen, dass sie ihre zweckentfremdete Kunst akzeptieren müssen. „Man müsste ja in einen Duktus von einem Kinderbuch verfallen, damit es auch wirklich jeder Vollidiot versteht“, fasst Testo die Lage ganz richtig im Splash Mag-Interview zusammen. Selbst wenn es überhaupt nichts falsch zu verstehen gibt, kann die politische Nutzung egal von welcher Kraft fehl am Platz und ein Dorn im Auge sein. So hielten beispielsweise die erfolgreichen Wahlergebnisse der letzten Bundestagswahl die CDU dazu an, den Toten Hosen-Song „Tage wie dieser“ als Siegeshymne zu nutzen. Kurze Zeit später beschwerte sich Campino deswegen bei der Kanzlerin.

Solange Musik nicht politisch ist, sollte sie auch nicht für politische Zwecke genutzt werden, da sie dann so weit aus jeglichem Kontext gerissen wird, dass fast nicht mehr darüber hinwegzusehen ist. Gleichzeitig muss sich aber jeder Musiker bewusst sein, dass die Musik sobald sie den öffentlichen Raum betritt, vogelfrei ist und von jedem verstanden werden kann, wie derjenige das gerade möchte. Es darf nicht vergessen werden, dass die meisten Leute immer noch nicht auf das ganze Bild blicken. Und von den Pegida-Aktivisten erwarten wir doch schon lange keine Rationalität mehr oder einen Blick auf Fakten.

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