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CBN ist ein Tourist auf seiner eigenen Insel

Wir haben CBN zum Interview über sein neues Album "Tourist", die Grenzen des Zynismus und das Künstlerdasein in der Schweiz getroffen.

Ugur Gültekin

Ugur Gültekin

Foto zvg

Als CBN 2009 sein erstes Album Papillon releaste, erklärte er mir, er habe das Album so getauft, weil das Wort schön auszusprechen sei. Als Mitglied von Eldorado FM läutete der gebürtige St. Galler eine Ära in der Historie des Mundartraps ein, die eine Symbiose von Message und Delivery herzustellen versucht hat. Dass dieses Kunststück gelungen ist, zeigen die erfolgreichen Crew- und Soloreleases der Kombo.

Es ist nun 2016 und Rap aus der Schweiz hat sich nach diversen Höhenflügen und Tauchgängen zu einem ernstzunehmenden Genre entwickelt, das sich nicht nur produktionstechnisch mit anderen, viel grösseren Ländern messen kann. Just zu diesem Zeitpunkt ist der James Dean des Schweizer Raps mit seinem langersehnten neuen Album Tourist am Start.

Als ich mir Tourist durchhöre, malt die düstere, an die gnadenlose Klarheit nach ein paar Whiskeys erinnernde Atmosphäre des Albums ein Bild vor meinem geistigen Auge: Ich sehe einen gut gekleideten, stilsicheren Mann mit einer Marlboro-Zigarette im Mundwinkel vor dem Eiffelturm stehen. Um seinen Hals hängt eine analoge Leica-Kamera. Er schaut mit leicht geöffnetem Mund durch seine John Lennon-Brille und wirkt ein wenig orientierungslos, aber das scheint ihn nicht zu stören.

Er beobachtet die Menschenmassen, die sich vor dem Lift zu einer Schlange formiert haben und es kaum erwarten könnne, an der Spitze des Turms anzukommen. Der Mann schaut einfach nur und zieht an seiner Marlboro. Er wirkt etwas wie eine Insel. Ich spreche den Mann an und will von ihm wissen, warum er tut, was er tut und ob es ihm dabei gut gehe.

Noisey: Du sagst auf deinem Album “ich fühl mich wiene Gable inere Suppewelt“. Fühlst du dich manchmal ein bisschen im falschen Film?
CBN: Definitiv. Ich kann gewisse Phänomene unserer Zeit einfach nicht nachvollziehen. Ich gebe dir ein Beispiel: Kennst du die Sneakerness? Das ist ein Happening für Sneaker-Fans, das in regelmässigen Abständen in verschiedenen Städten stattfindet. Ich muss hierzu noch sagen, dass ich die Leute, die das veranstalten, kenne und einige davon sogar Freunde von mir sind. Ich möchte so ein Phänomen keinesfalls bewerten und das Letzte, was ich will, wäre, es zu verurteilen, aber ich kann es einfach nicht verstehen.
Da stehen also hunderte Menschen stundenlang an und zahlen Eintritt, um sich in einer grossen Halle Turnschuhe anzuschauen, die Kinder in einem Billiglohn zusammengenäht haben. Das ist doch schon ein wenig absurd, findest du nicht auch?
Das mit der Sneakerness ist eines von ganz vielen Beispielen. Ich stehe diesen Phänomenen gegenüber, versuche, sie zu verstehen, aber kann sie beim besten Willen nicht fassen. In diesen Augenblicken fühle ich mich wie eine Gabel in einer Suppenwelt, dieses Bild habe ich als Metapher in das Album eingebaut.

Ich höre aus deinen Texten immer wieder Hilflosigkeit, einen leichten Hang zum Zynismus und manchmal sogar Resignation gegenüber den Realitäten der Welt heraus. Findest du nicht, dass Zynismus etwas Gefährliches ist, das über die Resignation direkt in die Kapitulation führt?
Ich finde Zynismus ist allerdings etwas sehr Gefährliches. Ich bin kein zynischer Mensch. Jedoch habe ich oft ein diffuses Gefühl, das mir sagt, irgendwas stimmt hier nicht. Vielleicht klingt genau dieses diffuse Gefühl gegen aussen zynisch oder nach Resignation.
Wenn ich mit Menschen über die Welt, Politik oder die menschliche Existenz an sich spreche, höre ich oft Aussagen wie diese: “Irgendwas geht hier nicht mit rechten Dingen zu und her“ oder “das kann es doch nicht gewesen sein, kommt noch was Spannendes in mein Leben?“. Ich versuche, diesen diffusen Gefühlen eine Form, eine Stimme zu geben. Der menschlichen Existenz haftet meiner Meinung nach eine gewisse Komik an, um nicht gerade von Lächerlichkeit zu sprechen. Aber auch das ist keineswegs zynisch gemeint. Das Annehmen dieser Komik, kann durchaus befreiend sein.

Eine gewisse Komik und Absurdität ist ehrlich gesagt auch deinem Album-Cover nicht abzusprechen. Dort ist deine Frisur abgebildet und weckt in mir das Bild einer Insel, irgendwo im Nirgendwo.
Ich finde auch, dass das Cover ziemlich absurd und komisch ist. Meine Crew-Mitglieder von Eldorado FM ziehen mich wegen meiner Haare immer mal wieder auf. Meine Frisur ist quasi zum internen Running-Gag geworden. Das Bild der Insel ist gewollt. Im Alltag gerate ich immer wieder in Situationen, in der meine Gedankenwelt, mein Inneres, ein ziemlich angenehmes Plätzchen ist. Wie gesagt, kann ich gewisse Phänomene, Regeln oder Konventionen nicht verstehen. Da bietet es sich an, seine eigene Insel zu haben.

Das Tourist-Cover mit einer haarigen Insel

Aber sollte man nicht genau das Gegenteil tun und sich gegen Regeln und Konventionen auflehnen, sie anprangeren und dagegen aufstehen? Bist du sicher, dass du nicht doch ein wenig resigniert hast?

Ich bin klar der Meinung, dass es ganz konkrete Missstände auf der Welt gibt, die man heute noch beheben könnte. Mir ist aber auch bewusst, dass Systematiken hinter diesen Missständen stecken, die genau diese Veränderungen nicht zulassen, die daran interessiert sind, dass alles so bleibt, wie es ist.
Meine Musik ist genau wegen dieser Erkenntnis zum Teil ein wenig schwermütig, aber niemals resigniert. Mich interessieren halt mehr die kleinen Geschichten und Entwicklungen als die lauten Aufstände. Das spiegelt sich in meiner Kunst, aber auch in meinem Alltag und persönlichen Leben wider. Ich glaube, dass man die Welt mit einem kleinen Beitrag zu einem besseren Ort machen kann und dass es auch eine dringende Aufgabe ist, einen Beitrag dazu zu leisten. Die Insel soll ja lediglich ein Rückzugsort sein, wo man von den Wellen des Wahnsinns nicht verschluckt werden kann.

Du bist ein hochintelligenter junger Mann, der mitten im Leben steht, der sich für seine Umwelt, für das Zeitgeschehen, Literatur und Politik interessiert. Dies spiegelt sich alles in deinen Texten und deiner Musik wider. Solltest du nicht besser Bücher schreiben oder Filme produzieren als zu rappen?
Ach weisst du, ich mag diese Kunstform halt einfach. Ich wehre mich dagegen, dass Rap etwas Infantiles oder Dummes sein muss. Und sowieso wehre ich mich dagegen, dass es etwas Elitäres oder Intellektuelles sein muss. Es gibt verschiedene Ansätze, wie man mit Sprache jongliert, seine Gedanken und Beobachtungen aufschreibt und diese rhythmisch über einen Takt oder ein atmosphärisches Klangbild spricht. Für mich ist das Ganze eine Spielwiese, um genau dies in der Art zu tun, wie es mir am meisten entspricht. Rappen macht mir auch nach zehn Jahren immer noch Spass.
Dass wir in der Schweiz in einer so komfortablen Situation sind, dass wir Kunst nicht machen müssen, weil wir gezwungen dazu sind, sondern weil wir sie machen wollen, ist meiner Meinung nach ein Segen. Ich bin finanziell nicht abhängig von meiner Kunst. Ich strebe darum keine berufliche Karriere als Künstler an. Ich mache das, weil ich es will.

Würde es deiner Kunst nicht gut tun, wenn es diese Abhängigkeit doch gäbe? Ich finde, dass Rap immer erst dann spannend wird, wenn er dringlich ist. Wenn ich spüre, dieser Song musste gemacht werden, der Rapper musste das sagen und diese Themen mussten angesprochen werden, hört man das und es macht alles erst richtig relevant.
Ich kann mir natürlich keine äusseren Dringlichkeiten konstruieren. Die Lebensumstände in der Schweiz sind nun mal so, wie sie sind. Auf die finanzielle Abhängigkeit bezogen, ist es Fakt, dass die wenigsten professionell auf die Karte Rap setzen, dass sie abhängig davon sind, ob sich ihr Rap-Album nun verkauft oder nicht. Also muss man es sich so einrichten, dass man sein Leben auf irgendeine andere Art finanziert, zum Beispiel mit einem Job.
Aber es gibt natürlich auch eine andere Ebene von Dringlichkeit, nämlich die Inhaltliche. Und da habe ich auf jeden Fall das Gefühl, dass ich gewisse Dinge machen muss: Ich muss meine Gedanken ausformulieren, ich muss gewisse Beobachtungen in Worte fassen.

Auf dieser Ebene ist Dringlichkeit natürlich auch sehr wichtig. Eigentlich sogar wichtiger als eine äussere oder gar konstruierte Dringlichkeit. Aber trotzdem muss es ja etwas geben, was die Dynamik anstösst, dass man genau das macht, was man eben macht.
Du hast recht. Es gibt bei mir einen wichtigen Grund dafür, das ich Kunst in dieser Form mache: Ich liebe Geschichten. Ich mag es, Geschichten zu erzählen, mir Geschichten anzuhören oder zu lesen und mich über Geschichten zu unterhalten. Ausserdem beobachte ich sehr gerne. Am liebsten beobachte ich Menschen. Ich mache mir dann Gedanken über sie, stelle mir Fragen und suche nach Antworten in diesen Gedanken.
Das klingt jetzt vielleicht so, als würde ich mir ein Plätzchen suchen und mich über andere Menschen lustig machen. Aber das ist es nicht. Wenn ich Menschen beobachte, bin ich nicht wertend. Ich schaue sie mir einfach an und versuche, sie so zu sehen, wie sie mir in diesem Augenblick erscheinen.

Warum redest du nicht einfach mit ihnen?
Weil dann die ganze Magie kaputt ginge. Mich interessiert in diesen Momenten die Wahrheit nicht sonderlich. Ich male mir viel lieber etwas in meiner Fantasie aus. Aber das sind nur die Momente, in denen ich im Beobachtermodus bin. Selbstverständlich tausche ich mich in anderen Phasen auch gerne mit Menschen aus und mich interessiert auch ihre Wahrheit. Aber eben, nur wenn sie mich auch wirklich interessiert.

Beobachtest du auch, um Material für Deine Kunst zu gewinnen? Mir fällt nämlich auf, dass du in deinen Texten oft Geschichten aus deiner Sicht erzählst, obwohl man irgendwie auch raushört, dass du sie nicht selber erlebt hast. Liege ich richtig?
Ich erzähle zwar aus meiner Sicht, aber ich meine nicht immer mich selbst. Ich finde es ein spannenderes Narrativ, eine interessantere Erzählperspektive, wenn man Beobachtungen oder Realitäten anderer auf sich selbst bezieht oder sie mit der Ich-Form personalisiert, damit sie eine grössere Wirkung erzielen. Aber auch, weil ich nicht nur meine eigene Geschichte erzählen möchte.

Ist dein eigenes Leben zu wenig spannend?
Wenn du so fragst: Ja, mein Leben ist manchmal gar nicht mal so spannend. Ich gehe einer normalen Arbeit nach, lebe in einem der reichsten und sichersten Länder der Welt und versuche, ein geregeltes Leben zu führen. Ist es nicht ein Merkmal unserer Generation, dass uns allen ein bisschen langweilig ist? Ausserdem leben wir alle in unserer eigenen Bubble von Erfahrungen und Wahrnehmungen. Ich finde es darum sehr spannend, mir die Realität anderer auszumalen und in meiner Kunst in diese Realitäten abzutauchen. Und wenn mir das alles zu viel wird, habe ich immer noch meine eigene, kleine Insel.

CBN hat heute sein zweites Album "Tourist" releast. Mehr dazu findest du auf seiner Facebook-Seite.

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Noisey Alps begleitet ihn auf Twitter und auf Facebook.