Genres sind nicht tot, aber wir reden trotzdem falsch über Musik

...jedoch wurde es so lange verwässert, bis nur noch ein Indie-Nichts übrig blieb.

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15 Januar 2015, 12:30pm

Das Jahr 2015 ist noch jung, aber das hier ist trotzdem ein Aufruf an Musikfans und Schreiberlinge, die faule Art und Weise, wie wir Musik beschreiben, kategorisieren und teilen endgültig zu begraben.

Das Bedürfnis nach simplifizierenden Wörtern und Phrasen, mit denen Bands und Künstler beschrieben werden, ist natürlich grundsätzlich verständlich. Wenn eine 90-jährige „Was ist das für Musik?“ fragt, wenn im Hintergrund Skinny Puppt läuft, dann kann man wohl guten Gewissens mit „Das ist Rock’n’Roll, Oma“ antworten. Aber wenn wir uns unter Menschen unterhalten, die Musik lieben und sich gerne mit ihr beschäftigen, sollten wir eigentlich etwas besseres hinkriegen.

Rein PR-technisch ist es natürlich völlig OK, wenn sich eine Band, die haargenau wie die Goo Goo Dolls klingt, als „zwischen allen Genres“ beschreibt. Aber sorry: Wenn du einem Teenager St.Vincent als Indierock—oder noch schlimmer: Art Rock!—beschreibst, dann bist du nicht mehr Teil der Lösung, sondern Teil dieses Reduktions-Problems. Hot-Potato-Journalismus gab es immer schon, aber in den letzten zehn Jahren hat sich eine Pseudo-Undergroundness breit gemacht, die jeglichen Fortschritt verhindert. Das führt dann zu lächerlicheren Aussagen à la „Gitarren sind tot“ oder „Die beste Musik gab es halt in den 60er/70er/80ern/90ern.“

Genau wie Nachrichtenjournalisten, die sich zwischen Worten wie „Psychopath“ und Terrorist“ oder „Jugendlicher“ und „Dieb“ entscheiden müssen, müssen auch Muskliebhaber—und insbesondere Musikjournalisten—eine ähnlich geleitete Verantwortung an den Tag legen, wenn sie Nuancen in der Wahrnehmung von Musik verstehen und verbreiten wollen.

Das alles ist eigentlich nicht neu. Das Künstler vs Journalist vs Konsument-Dilemma ist Jahrzehnte alt. Aber wir haben einen Punkt erreicht, in dem das „klassische Musikgenre“ des 20. Jahrhunderts mehr oder weniger endgültig tot ist. Und das Fehlen der Nuancen ist daran schuld, dass die beliebten Narrative der Musik weiterhin existieren und der Fortschritt völlig still steht. Wir erleben gerade eine der interessantesten, besten und erstaunlichsten Zeiten in der Musikgeschichte. Die Art, wie wir über Musik schreiben, spiegelt das aber überhaupt nicht wider. Wie Brian Eno richtigerweise gesagt hat, haben Künstler heute zum erst Mal in der Geschichte quasi unbegrenzten Zugang zum vollständigen Archiv der Populärkultur, um daraus zu lernen und Neues zu bauen. Und sie tun das. Es liegt nicht an ihnen, dass Menschen denken, der Höhepunkt der Musik wäre vor 40 Jahren gewesen. Es liegt an uns, den Schreiberlingen.

The Cure, Dirty Projectors, Deerhunter, FKA Twigs, Clockcleaner, Tame Impala, Kurt Vile, The Smiths, The Pixies, Future Islands, Flipper, 2Pac, Jackson Scott, MGMT, Weezer, Ariel Pink, Odd Future, Crystal Stilts—sie alle werden irgendwie grob als Indiepop/Indierock/Indierap/Indiepunk beschrieben. Das Präfix „Indie“ vor irgendwas zu klatschen entbindet dich nicht von der Verantwortung, Unterschiede zwischen Künstler und Äras herauszuarbeiten. Das gilt insbesondere, wenn man den Wandel in Produktionstechniken, Ideen der Kommerzialisierung, Distributionswege etc in die Betrachtung einfließen lässt.

Wenn nicht der Begriff „Indie“ fällt, hilft man sich oft mit einem lahmen Vergleich weiter. Unser Geschreibe wimmelt von „Tame Impala-Riffs“ oder „Lyrics, die man auch bei MGMT hören könnte“. Das ist sogar noch fauler als vieles andere. Jede Kunst sollte ihren Raum bekommen und ehrlich porträtiert werden. Man sollte es zumindest versuchen. Eine Fülle an Information sollte nicht bedeuten, dass wir weniger verstehen und Dinge mehr simplifizieren. Sondern dass wir noch genauer verstehen können, was eigentlich passiert.

Begriffe wie „Rock“, „Indie“, „Blues“, „Post-Punk“ oder „Techno“ haben ihre spezifischen, historischen Bedeutungen und Konnotationen. Zumindest sollten sie das. Wenn man sie über Jahrzehnte immer und immer wiederholt, verlieren sie ihre Essenz und damit auf die Dauer auch ihre Bedeutung. Dazu kommt noch, dass man hunderte Interviews mit Künstler liest, die lang und breit erklären, warum sie aus diesen und jenen Gründen kein Post-Punk oder Techno sind. Zum Beispiel weil sie ganz anders produzieren oder ihre Musik kommerzialisieren und damit gar kein Punk sein können oder so. Ich würde soweit gehen zu sagen, dass kein aktueller Künstler von Bedeutung einfach so unter eines dieser Label fällt. Alle Kunst, die heute diesen Namen verdient, hat Unmengen an Geschichten, Genres, Produktionstechniken aus der Geschichte aufgesogen, so dass es einfach völlig am Wesentlichen vorbei geht, wenn man eine Band wie Tame Impala „Psychodelic Rock“ nennt.

Wenn man an „Psychodelic Rock“ denkt, kommen einem dann HipHop-Beats, DJ Software, West-Australien und Kylie Minogue in den Sinn? Warum wird dann Tame Impala als Psychodelic Rock betitelt, wenn das einzige an der Band, was mit Psychodelic Rock zu tun hat eine Handvoll Songs sind, die vor über zehn Jahren geschrieben wurden? Durch die Brille der 70er gesehen, ist Tame Impala eigentlich mehr EDM als Psychodelic Rock.

Wir brauchen neue Begriffe, aber wir brauchen vor allem ein neues Verständnis. Die meisten Künstler gehen ihr Werk heute ganz anders an als ihre Kollegen in den Zeiten von Joy Division. Der faule Musikjournalismus negiert diesen Fortschritt völlig. Ignoriert, dass Künstler ihre Musik heute viel orchestraler konstruieren und ihre Alben wie Enzyklopädien schreiben—sei es Ariel Pinks The Golddrums, Tame Impalas Lonerism oder Swans To Be Kind—und fasst es unter dem bescheuerten Label „weird“ zusammen. Nein, Ariel Pink ist kein „weird Indiepop“.

John Maus, Pop-Papst und langjähriger Freund von Ariel Pink, hat einmal gesagt, dass The Golddrums—das zweite Ariel Pink-Album aus der Hunted Grafitti-Serie—eigentlich einen epochalen Einschlag hätte haben müssen. So wie alle ihre Guns’n’Roses Poster von den Wänden rissen, als sie das erste Mal Nirvana hörten, oder ihre Pink Floyd-Platten verkauften, als sie in Berührung mit Punk kamen. Seiner Meinung nach hat das Ausbleiben dieses Shifts damit zu tun, dass sich Musik in Zeiten von Soundcloud eben langsamer entfalten würde. Ich stimme dem teilweise zu, glaube aber auch, dass es aufgrund von Barrieren in der Sprache und Verständnis von Referenzen oft schwierig ist, überhaupt zu wissen wonach man in einer Band suchen soll. Stattdessen warten alle auf simple und offensichtliche Garage Rock Revivals wie The Strokes, The Libertines oder Franz Ferdinand, durch die die Entwicklung der Musik in eine weitere unnötige Post-Chumbawumba-Schleife geschickt wurde. Versteht mich nicht falsch: Ich liebe diese Bands, aber diese ganzen post-Cobain-Bands sollten eher eine Nebenrolle spielen als Ariel Pink.

Ich erwarte von niemandem—inklusive mir—hier ein komplett neues Lexikon zu erstellen, um auch weiterhin einen Job zu haben. Ich will eine Diskussion über eine Sprache, die dem 21. Jahrhundert angemessen ist, eröffnen. Die es der Erzählung der Musik erlaubt, voranzuschreiten.

Mac DeMarco hat seine Musik mal irgendwann halb ironisch „Jizz Jazz“ genannt. Das ist natürlich Blödsinn, aber es zeigt, in welche Richtung es bei der Beschreibung von Musik gehen sollte. „Gitarrenmusik“ ist heute nicht mehr tot als sie es 1967 war, als plötzlich niemand mehr wie Woody Guthrie klang.

Lasst uns diese Begriffe, diese Sprache finden. Lasst uns Dinge angemessen beschreiben. Es ist ein Versuch. Aber es lohnt sich.

Steven Viney ist Autor und lebt in Melbourne- @stevenviney