Wie viel österreichische Musik spielt Ö3 denn jetzt wirklich?

In den letzten Tagen tauchte eine Statistik auf, welche den offiziellen Anteil von 15% an österreichischer Musik auf Ö3 in Frage stellte. Zu Recht?

|
08 Januar 2016, 9:16am

Screenshots mit freundlicher Genehmigung von The Gap

Ö3 und die österreichische Musik—kein einfaches Thema. Nachdem die Situation 2014 rund um die Causa Elke Lichtenegger eskalierte, schien sie sich wieder ein bisschen beruhigt zu haben. Vertreter der Musikwirtschaft und des Senders setzten sich zusammen, verhandelten, einigten sich auf eine Musikcharta mit einer selbstverpflichtenden Quote von 15 Prozent. Der Anteil stieg nach offiziellen Angaben dann auch wirklich kontinuierlich, und die 15 Prozent wurden 2015 erreicht. Natürlich reden wir hier in Sachen Acts eher von Tagträumer, Christina Stürmer oder Julian Le Play als von Dorian Concept. Aber trotzdem hat der Anteil österreichischer Musik ja auch über prinzipielle Dinge wie Ö3 ist Teil des öffentlich-rechtlichen Rundfunks hinaus seinen Sinn: Es geht natürlich um Geld. Geld, von dem die österreichische Musikindustrie natürlich lieber hätte, dass es den eigenen Musikern, Labels und Agencys zu Gute kommt statt ins Ausland zu fließen. Man behauptet da ja auch durchaus glaubhaft, es gäbe einen Trickle-Down-Effect—also dass man mit dem Geld, das man mit einer Anna F. verdient, mehrere kleinere österreichische Bands aufbauen könne.

Vor knapp zwei Tagen wurde dann der Burgfrieden ein bisschen gestört. Der Linzer Student Frederic Köberl veröffentlichte auf seiner Webseite Internetztube eine eigene, inoffizielle Statistik, die er über das Jahr 2015 hinweg erstellt hat. Frederic programmierte dafür einen Scraper, das ist ein Programm, das offen zugängliche Meta-Daten ausliest. Ganz einfach ausgedrückt: Ö3 gibt auf seiner Webseite die Songs bekannt, die gespielt werden. Das Programm zeichnet sie auf und wertet sie aus.

Die Ergebnisse waren teils naheliegend, teils kurios. Dass der Großteil des Musik aus den USA (32 Prozent) und UK (24 Prozent) stammte ist jetzt keine große Überraschung. Ebenso wenig, dass „Cheerleader“ von OMI der meistgespielte Song 2015 ist. Leider ist die Statistik nicht mehr abrufbar (siehe weiter unten), die Kollegen von The Gap und Volume haben ein paar der Daten gestern zusammengefasst.

Der wirkliche Knackpunkt ist aber eine einzelne Zahl aus der Statistik: Laut den Ergebnissen von Frederic Köberl hat Ö3 2015 nur 8 Prozent österreichische Musik gespielt. Nicht 15 Prozent, wie es offiziell angibt.

Boom. Das saß. So sehr, dass sich nicht nur in den sozialen Netzwerken eine Diskussion entwickelte, sondern sich auch Ö3 recht schnell bei Frederic meldete und rechtliche Schritte andeutete, sollte die Statistik nicht offline gehen. Die Zahlen würden so nicht stimmen und die Statistik sei „womöglich [...] unternehmensschädigend“. Frederic hat das vollständige Mail veröffentlicht. Sowas ist natürlich PR-technisch natürlich immer schwierig, muss aber natürlich nicht heißen, dass Ö3 falsch liegt. Manchmal hat der Goliath ja auch einfach recht.

Wir haben bei beiden Seiten nachgefragt. Frederic erklärt uns, was er genau getan hat: „Ich habe ein Skript geschrieben, welches den JSON-Feed des Ö3-Live-Monitors, welcher immer den aktuellen Song zeigt, ausliest, und alle Songs mit Titel, Interpret und Länge in eine Datenbank speichert. Dieses Skript habe ich das ganze Jahr 2015 laufen lassen. Alternativ hätte ich auch den Liedtitel im Radioplayer als Text auslesen können, die JSON-Version war jedoch einfacher.“ Dabei sei er zu dem Ergebnis gekommen, dass Ö3—nach Trackhäufigkeit gesehen—8 Prozent Musik aus Österreich spiele. Die Daten offline genommen habe er, weil er nach dem Mail auf Nummer sicher gehen wollte.

Isabella Henke vom ORF erläutert uns per Mail, was die Vereinbarung zwischen AKM und Ö3 unter „österreichischer Musik“ verstehen würde. Dies seien „Werke der Tonkunst, Darbietungen von ausübenden Künstlern und Leistungen von Tonträgerherstellern, die von österreichischen Urhebern, österreichischen Interpreten beziehungsweise von österreichischen Produzenten geschaffen beziehungsweise erbracht werden/wurden. Auch ,Coverversionen‘ können darunter fallen. Als österreichisch gelten Personen, die die österreichische Staatsbürgerschaft besitzen/besaßen, die längere Zeit hindurch ihren Lebensmittelpunkt oder ihren Produktionsstandort in Österreich haben/hatten oder die aufgrund der bisherigen Karriere oder ihres Images als Österreicher betrachtet werden/wurden“.

So wie es ausschaut, liegt darin des Pudels Kern. Im vorliegenden Fall scheint es auf die Frage, ob David (Frederic) oder Goliath (Ö3) Recht haben, eine etwas unbefriedigende Antwort zu geben: irgendwie beide. Frederic Köberl benutze für die Bestimmung, ob ein Künstler Österreicher ist, die Locationdaten der Echonest API. Echonest ist ein Musikinformationsdienst, der zu Spotify gehört. In den Datenbanken von Echonest werden jedoch Bands, die man gemeinhin als Österreicher wahrnehmen würde, nicht unbedingt als Österreicher geführt. Zwei berühmte Beispiele: Zum einen Tagträumer, die bei Echonest als Deutsche geführt waren (diesen Fehler hat Frederic bereits berichtigt, weswegen der Österreicher-Anteil von 7 Prozent auf 8 Prozent sprang. Und Wanda, die als Briten angegeben werden.

Dieser Screenshot zeigt die Echonest-Locationinformation zu Wanda. via VICE Media

Infos, die auf den ersten Blick „falsch“ ausschauen, müssen es nicht unbedingt sein. An Songs, Platten und Künstlern sind oft viele Leute in der Verwertungskette beteiligt. Und die sitzen oft nicht in einem Land. Ö3 benutzt zur Bestimmung, was „österreichische Musik“ ist, das oben ausgeführte System, das offenbar nicht mit den Angaben von Echonest überein stimmt.

Also: Was stimmt denn jetzt? Spielt Ö3 die selbstauferlegten 15 Prozent oder doch eher 8 Prozent österreichische Musik? Das kommt ganz einfach darauf an, wie man „österreichische Musik“ definiert. Auch wenn wir weder die Angaben von Frederic noch von Ö3 explizit bestätigen oder widerlegen können, weist vieles darauf hin, dass einfach beide mit unterschiedlichen Datenbanken arbeiten und ihre Berechnungen in sich schlüssig sind. In diesem Fall scheint die Kritik an Ö3 wohl weitgehend unberechtigt zu sein. In jedem Fall ist es aber gut zu sehen, dass Menschen versuchen, die offiziellen Daten zu überprüfen.