Warum niemand über sexuelle Belästigung unter Freunden spricht

"In diesem betrunkenen Moment hab ich den Gedanken gehabt, wenn ich ihn jetzt ran lass, dann gibt es insgesamt weniger Stress, als wenn ich das jetzt nicht zulasse."

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07 Juli 2016, 2:02pm

Foto via Flickr | Ethan Hickerson | CC BY 2.0

Aus der Kolumne #NichtMehrWegschauen

Ausgehen ohne Freunde hat für mich nur halb so viel Sinn. Ich will mich beim Feiern mit Menschen umgeben, die mir wichtig sind. Als ich letztens mit meinen Besten unterwegs war, sagten mir drei meiner Freundinnen, sie wüssten nicht, wie sie Flo* loswerden sollten. Flo ist mit uns befreundet. Er hat an diesem Abend nicht damit aufgehört, die drei anzugraben und wir wussten alle nicht, wie wir damit umgehen sollten.

Als ich ein paar Tage darauf mit anderen Freunden über diesen Abend spreche, fällt mir auf, dass so gut wie alle etwas Ähnliches zu sagen hatten. Schnell gingen die Erzählungen von Angraben über Po-Grapschern, bis hin zu aufgezwungenen Blowjobs und unfrewilligem Sex. Alles unter Freunden und meistens in Verbindung mit Alkohol. Wirklich gesprochen wurde vorher darüber noch nicht. Ich habe mich gefragt, warum.

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Valerie* erzählt mir, dass sie jedes Mal, wenn sie mit diesem einen bestimmten Freund fortgeht, von ihm angemacht und begrapscht wird. Wenn das vorkommt, sagt sie ihm beharrlich, er solle damit aufhören. Nüchtern würde sie ihn aber nie darauf ansprechen, weil es beiden unangenehm sei. "Aber ich verstehe mich trotzdem gut mit ihm, weil ich mir dann denke, nüchtern sehe ich ihn trotzdem gern, weil ich weiß, dass er es nüchtern nicht macht. Aber ich gehe halt nicht gern mit ihm fort", sagt mir Valerie.

Man spricht hier von sexueller Belästigung, auch wenn man mit dem Täter befreundet ist. Im Gesetz ist sexuelle Belästigung im Artikel § 218 StGB definiert, wenn auch sehr vage. Unter diesen Tatbestand fällt, "wer eine Person durch eine geschlechtliche Handlung an ihr oder vor ihr unter Umständen, unter denen dies geeignet ist, berechtigtes Ärgernis zu erregen, belästigt." Auch eine "intensive Berührung der Geschlechtssphäre", die die Würde verletzt, fällt unter sexuelle Belästigung. Kurz: Das Gesetz lässt auch in der neuen Version noch viel Spielraum für Interpretation. Es geht mehr darum, ob sich die Person belästigt fühlt.

Aber wie geht man damit um, wenn man sich von Freunden belästigt fühlt? Ignorieren und weggehen funktioniert nicht, wenn die Person zu hartnäckig ist und einfach immer wieder Kontakt sucht. Meine Freunde wollten auch von zu harschem Zurückweisen absehen, denn das würde Konflikte heraufbeschwören, die die Freundschaft in Gefahr bringen könnten. Die Leute, mit denen ich gesprochen habe, vermieden alle bisher mit den Tätern, mit denen sie befreundet sind, darüber zu sprechen.

Wir stellen die Freundschaft über solche Vorfälle und vernachlässigen das eigene Wohlbefinden. Warum ist das so? Das Thema sexuelle Belästigung unter Freunden wurde in der Wissenschaft noch kaum untersucht. Nachdem mir mehrere Soziologen und Psychologen sagten, sie können mir bei dem Thema nicht helfen, stieß ich auf Mag. Birgit Maurer. Sie betreibt eine Liebeskummerpraxis und beschäftigt sich dabei oft genau mit diesem Problem.

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Sie erklärt mir, warum wir es vermeiden, uns mit dem Konflikt auseinanderzusetzen. Es spielen dabei mehrere Faktoren eine Rolle. Zuerst entsteht ein Schamgefühl durch das Zulassen der Belästigung. "Ich höre oft von meinen Patienten, sie wollten ja keine Zicke sein. Dabei geht es eigentlich immer noch um ihren eigenen Körper." Es werden also keine Grenzen festgemacht und dafür schämt man sich im Nachhinein. Genau hier liegt der Knackpunkt. Dem Thema der sexuellen Belästigung durch Fremde wird schon viel Aufmerksamkeit geschenkt. Wir diskutieren und sensibilisieren. Zu sexueller Belästigung unter Freunden findet man bei weitem nicht so viele Auseinandersetzungen.

Darum spricht man auch nicht mit seinen Freunden darüber. Wer gibt schon gerne zu, sich freiwillig belästigen zu lassen. Es entsteht Angst vor Bewertung und Verurteilung. Ein Beispiel dafür ist Tatjana*. Sie erzählte lange niemandem davon, dass sie unfreiwillig mit einem ihrer Freunde Sex hatte. Das passierte bei einer Party, als sie sich zu späterer Stunde in ein Bett legte, um zu schlafen.

Ein Freund von ihr hat sich daraufhin zu ihr gelegt. Das fand Tatjana zwar komisch, aber sie wollte nicht die Zicke sein—Tatjana wählte interessanterweise das Wort "Zicke" unabhängig von Frau Maurers Bezeichnung—und sich darüber aufregen. "Dann bin ich eingeschlafen und später aufgewacht, während er mich schon angefasst hat. Auf der Brust und über dem Höschen im Vaginalbereich", sagt sie, "Ich hab schon oft Typen weggestoßen, das ist kein Problem für mich. Aber ich hab in diesem betrunkenen Moment den Gedanken gehabt, wenn ich ihn jetzt ran lass, dann gibt es insgesamt weniger Stress, als wenn ich das jetzt nicht zulasse." Tatjana habe sich daraufhin totgestellt und gehofft, dass er aufhört. Hat er nicht.

Irgendwann habe er sie umgedreht, geküsst und dann ging alles ziemlich schnell, erzählt mir Tatjana. "Ich bin dann ziemlich schnell aufgestanden und ging mich duschen. Ich hab das einfach nur schrecklich und furchtbar gefunden." Gesprochen hat sie lange mit niemandem darüber. Auch aus Schamgefühl. Tatjana erzählte mir aber auch, dass sie selber aufpassen muss, nicht zur Täterin zu werden. Um einen ihrer Freunde dazu zu bringen, ihr etwas näher zu kommen, hat sie ihm MDMA ins Getränk gemischt. Sie erzählte mir auch von einer Freundin, die befreundete Männer aufs Klo verschleppt und ihnen trotz anfänglicher Gegenwehr einen bläst.

Ich habe mich daraufhin bei meinen männlichen Freunden umgehört, ob ihnen schon Ähnliches passiert ist. Stefan* erzählte mir von einem Clubabend, an dem er von einer Freundin in eine Ecke gedrängt und anschließend auf den Tisch geschleudert wurde. Wirklich gewehrt hat er sich dabei auch nur anfangs, weil er es eigentlich gut fand.

Dafür schämt er sich nicht. Tatjana schämte sich allerdings schon zu sehr dafür, mit ihrem Freund geschlafen zu haben, um darüber zu sprechen. Neben der Scham nennt Frau Mag. Maurer noch die Angst vor dem Verlust der Freundschaft.: "Je länger die Freundschaft besteht, desto größer ist die Angst, diese zu verlieren und desto weniger möchte man sie aufgeben." Es wird also auch nach sexuellen Übergriffen die Freundschaft über das eigene Wohl gestellt. Man könne hier Parallelen zu Missbrauch in der Familie ziehen, denn Kinder würden ihre Eltern auch oft noch lieben, obwohl sie von ihnen missbraucht werden.

Aber wie geht man damit um? Konfrontation ist wahrscheinlich die beste Möglichkeit, um weitere Konflikte zu vermeiden—so unangenehm diese auch sein kann. Noch besser ist es natürlich, schon etwas zu sagen, wenn man merkt, dass so eine Situation entsteht. Auch wenn das sehr schwer sein kann. Die Sache einfach in sich hineinzufressen, ist schlecht für das eigene Wohl. Will man weiterhin mit seinen Freunden Spaß haben können, muss man offen solche Probleme besprechen. Wir haben uns bereits damit beschäftigt, wie man in verschiedenen Situationen am besten damit umgehen soll. Ihr könnt das hier nachlesen.

Sexuelle Belästigung unter Freunden ist weiter verbreitet, als ich angenommen habe und die meisten Leute, mit denen ich gesprochen habe, wissen noch nicht, wie sie damit umgehen sollen. Es ist falsch, solche Dinge einfach runterzuspielen. Jeder sollte seine Integrität bewahren und das umso mehr vor seinen Freunden. Wenn sie echte Freunde sind, müssen sie das verstehen. Es ist immer noch euer Körper und ob es Freunde sind oder nicht, sie müssen das akzeptieren.

* Namen von der Redaktion geändert

Benji ist auch auf Twitter: @lazy_reviews

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