Der Knigge für Hardcore-Shows

Eine Hardcore-Show ist wie ein Familientreffen. Deswegen gibt es immer die eine Oma, die allen den Abend versaut.

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15 September 2014, 9:30am


Foto: Flickr | Suzy S. Photography | CC BY 2.0

Unsere Kollegen von Thump haben dir ja bereits den ultimativen Knigge für Clubs ans Herz gelegt, doch gutes Benehmen sollte nicht nur auf dem Dancefloor beachtet werden. Auch wenn Hardcore-Shows eigentlich der ideale Ort sind, den ganzen Scheiß-Frust von deiner Seele zu laden, sollte auch hier gutes—oder sagen wir—angemessenes Verhalten großgeschrieben werden. Jedes bunte Jugendzentrum und jeder dunkle Clubkeller wird für einen Abend zu einem muffigen, verdreckten Tempel deiner wohl verdienten Katharsis. Was soll auch schon schief gehen, wenn an einem Abend fünf Bands spielen, du dafür nur fünf bis sieben Euro abdrücken musst, das Wieselburger wohlig kühl deine Hand betäubt und deinen Gaumen umschmeichelt, der Duft von veganen Burgern den Raum erfüllt, deine Freunde gut drauf sind und ihr unglaubliche Lust aufs Abdrehen habt? Verfickt viel, weil Menschen derb scheiße sind.

Scheiß mal auf dein Outfit

„Hardcore-Shows sind ein Ort, an dem du genau der sein kannst, wer du bist. Hier sind profane Sachen wie Style und Mode egal, du bist hier mit deiner Familie zusammen, keiner beurteilt dich nach deinem Äußeren!“ Den Text hat der Sänger von xStayPosix fein aufgesagt, leider hält er sich ja nicht mal selbst daran. Denn Hardcore-Shows sind teilweise noch schlimmer als Dorfdiskos, wenn es darum geht, sich herauszuputzen. Selbst im Winter, wenn dein Urinstrahl flüssig und warm deinen Körper verlässt und als Eis auf dem harten Boden in tausend Teile zersplittert, lassen es sich echte Tough-Guys nicht nehmen, lediglich mit kurzen Hosen und Tank Tops bekleidet durch den Club zu wackeln. Schließlich soll doch jeder die Oldschool-Tätowierungen und die Soja-Eiweiß-gestählten Muskeln bewundern können. Vor allem die Frauen, die sich ihre neugekauften, ungetragenen Shirts am Hals und an den Ärmeln so weit ausschneiden, dass sie tiefen Ausschnitt und Sideboobs vorweisen können. Darüber kann sich dann die Carhartt Beanie- und Karohemd-Fraktion aufregen, während sie ihren La Dispute Beutel zurechtrücken und wütend an ihrer Club Mate zutschen. Scheiß doch bitte einfach mal darauf, dir dein Outfit für die Show stundenlang zurechtzulegen, frustiert festzustellen, dass du auch trotz gefüllter PAX-Schränke NICHTS zum Anziehen hast und deswegen deinen Warenkorb bei Impericon und Frontlineshop füllst, während irritierte Modern Life Is War aus deinen Boxen dröhnen.

Der Pit ist eine gewaltfreie Zone

Von außen betrachtet, könnten Unbeteiligte schon denken, dass sich nur Leute in den Moshpit begeben, um sich im Takt der Musik gegenseitig beherzt das Kiefer zu brechen. Aber eigentlich bekommst du nur mit einer gehörigen Person Pech mal einen verirrten Schlag oder Tritt ab. Schließlich herrscht im besten Falle der stille Kodex, gemeinsam Spaß zu haben, niemanden zu verletzen und Gefallene so schnell wie möglich wieder hochzuhelfen. Dann gibt es doch noch die wundebaren Typen, die dieses Prinzip noch nicht so ganz kapiert haben. Sie sind leicht daran zu erkennen, dass sie dumm grinsend Leute wegschubsen, absichtlich Leute schlagen oder bei einem versehentlichen Treffer durch andere auf die „Täter“ zustürmen, um sie anzuschreien und eine Schlägerei anzuzetteln. Verpisst euch einfach zurück an die Tankstelle, wo ihr euch immer mit euren proletigen Freunden trefft, um scheiße zu sein. Eure Freunde, das sind die, die mit den Füßen voran von der Bühne ins Publikum springen. Kommt schon, das könnt ihr auch ganz einfach von einer Brücke machen, dazu müsst ihr nicht extra Eintritt bezahlen.

Der Konzertraum ist kein Stammtisch

Ich habe es vielleicht schonmal erwähnt, aber wenn Leute während eines Konzertes denken, sie wären an der Bartheke und sich laut unterhalten, mutiere ich zum Psycho-Andreas. Eigentlich trifft das auf jedes Konzert aller Genre zu, aber im Hardcore haben die Bands ja im besten Falle mehr zu sagen als: „Ihr seid das beste Publikum der Tour! Heute ist der beste Abend, den wir je hatten!“ Deswegen ist es ganz nett, auch zwischen den Songs mal genauer hinzuhören, ohne dass sich neben dir zwei Vollidioten darüber kaputtlachen, wie dumm der Sänger beim Schreien aussieht oder was für dicke Titten die Bassistin hat. Wenn du also das nächste Mal den Drang verspürst, deinem Kumpel etwas ins Ohr zu brüllen, dann lass dir doch bitte gleich von Dr. Heiter den Inhalt deines Dudes an deinen Arsch nähen, weil sich die Scheiße, die du verzapfst nicht unwesentlich von deinen abgesonderten Fäkalien unterscheidet und du uns allen nicht das Konzert versaust, weil unser auflodernder Hass jegliche musikalischen Rezeptoren verstopft.

Niemand will deinen nackten Oberkörper sehen

Gilt zwar auch in der Disko, mehr aber noch in einer Ansammlung wild mit sich rangelnder Leiber: Lass dein Shirt an, verdammt! Keiner will in Berührung mit einem warm glitschigen Aal-Menschen kommen, der sich scheinbar überall gleichzeitig aufhält. Es hat schon einen Grund, warum niemand außer dir sein Shirt anbehält, auch wenn der Schweiß von der Decke tropft. Wenigstens ein Hauch an körperlicher Distanz zu fremden Individuen will gewahrt werden. Also warum zum Teufel kommst du dann noch auf die Idee, zu stagediven? Damit dich möglichst viele Menschen anfassen müssen, während sie sich innerlich erbrechen? Dann spring halt, aber niemand wird dich auffangen. Höchstens noch mal beherzt in die Nieren treten, wenn du am Boden liegst. Mit Absicht.

Täusche wenigstens vor, nicht Smartphone-süchtig zu sein

Stell dir doch einfach mal folgendes Szenario vor: Du stehst in einem engen Keller, es ist dunkel, die Bühne von Kunstnebel verhüllt, der die roten Lichter so fein in Szene setzt. Es ist sowieso schon schwierig, etwas davon auszumachen, was die Band da so treibt und dann hebt der Vollpfosten vor dir wirklich sein Smartphone, um zu filmen. Bitte? Mal völlig abgesehen davon, dass du dir jetzt noch weiter den Hals verrenken musst, was erwartet der Typ? 10 Klicks auf Youtube, weil sich keiner grizzlige Audioaufnahmen und verwackelte Bilder von rotem Licht anschauen will? Auch auf die Gefahr hin wie ein verbitterter Soziopath zu klingen und sich die Hardcore-Szene eh längst lachend von ihren anti-kapitalistischen Idealen entfernt hat: Wer es nötig hat, während der Show sein Smartphone auszupacken, um zu checken, wer gerade seinen Facebook-Newsfeed mit bedeutungslosen Müll zukackt, gehört enterbt.

Töte den leeren Halbkreis vor der Bühne

Hardcore und vor allem moshlastiger Hardcore animiert Zuschauer zum Tanzen. Am liebsten direkt vor der Bühne, weil sich an diesem Ort die freigesetzte Wut der Band auf die Zuschauer überträgt, welche wiederum ausrasten und die Band weiter bis zur Ekstase anstacheln. Schwierig wird es aber, wenn der Raum nur halb gefüllt ist und auf der Bühne eine Modern Hardcore-Band steht, die in schlechtem Englisch einen Text über deepe Emotions aufsagt, während der Delay der gezupften Gitarren auf Anschlag gedreht wird. Dass das nicht gerade dazu animiert, zu two-steppen oder die Luft vor sich mit wilden Schlägen zu zerstören, ist klar. Sich in der Musik zu verlieren, mitzufühlen und mitzusingen hat ja auch was. Aber wieso ist vor der Bühne trotzdem dieser beschissene Halbkreis, in den sich niemand traut? Gewohnheit, Ignoranz, Angst? Ich selbst stand schon ein paarmal in halbleeren Clubs auf der Bühne und habe Musik gespielt, bei der sich selbst Ash Ketchum nicht das Cap umgedreht hätte, um zu moshen. Ehrlich, es fühlt sich äußerst bizarr an, wenn Leute, die eigentlich direkt vor dir stehen könnten, freiwillig Abstand nehmen. Da kommen dir schon Selbstzweifel und quälende Fragen, ob du wirklich so extrem nach Schweiß stinkst. Niemand wird dir etwas tun, also mach einen beherzten Schritt Richtung Bühne! Spätestens dann, wenn die Band dich darum bittet.


Foto: Flickr | Suzy S. Photography | CC BY 2.0

Bier ist zum Austrinken da

Selbst Captain Obvious weiß: Auf einer HC-Show ist die Chance, dass dir dein frischgekauftes Bier von einem donnernden Moshpart aus der Hand geschlagen wird, bedeutend höher, als bei einem Lorde-Konzert. Warum es dennoch genug Deppen gibt, die sich naiv wie Star Wars-Fan beim ersten Kinobesuch von Episode 1 genau an den Rand des Moshpits stellen, wird wohl für immer ein ungelöster Fall in den Archiven der X-Files bleiben. Du könntest sie auslachen, wenn du nicht selbst die halbe Suppe auf deinem Shirt hättest. Zugegeben, das hättest du vermeiden können, wenn du ihn einfach beherzt in den Pit geschubst hättest, um vielleicht dem rumstressenden Proll ein frisches Odeur zu verpassen. Obwohl das wahrscheinlich zum nächsten Problem geführt hätte: Bierflaschen, die auf dem Boden zerschellen, dem nächsten Hinfallenden sämtliche Körperpartien aufreißen und den Boden mit glitschigen Blut besudeln. Klingt jetzt vielleicht übertrieben, aber du weißt, worauf ich hinauswill: Versau anderen Leuten nicht den Spielplatz. Natürlich gibt es dann auch immer wieder die Typen, die meinen, Bierduschen sind das Sahnehäubchen einer guten Show und sie sind auserwählt, diese zu sprühen. Sauft die Flasche doch lieber aus und erfreut euch am warmen Alkoholrausch.


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