Als österreichische Punkband im Ausland—Interview mit Mike Dee Crackus

„Das Negative ist, dass man das Meiste gleich vergisst, weil wir meistens voll fett sind, aber so läuft es halt auf Tour.“ Dass die Band fast erschossen wurde, weiß sie aber noch.

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22 Juli 2015, 7:46am

Fotos von Mike Dee Crackus via Facebook | DeeCracks in Osaka, von links nach rechts: Matt, Mike und Manu

Die DeeCracks sind Matt DeeCrack (Gitarre und Gesang), Mike Dee Crackus (Schlagzeug und Gesang) und neun verschiedene Bassisten (Manu, Hank, Apey, Zhong, Mahnke, Lucy, Marc, Joe und Paul). In den letzten zwölf Jahren haben die Wahl-Wiener in so ziemlich jeder Kneipe ihren Pop-Punk gespielt. Damit ist der traditionelle, „Lederjacken und Converse"-Sound gemeint. Das Genre, in dem alle Bandmitglieder den selben Nachnamen haben und so schnell spielen, dass es klingt, als hätte man Tom Petty & the Heartbreakers mit tonnenweise Kokain zwangsernährt. Im Unterschied zu den tausenden Bands, die als Ramones-Coverband starten, waren sie schon überall auf der Welt und spielen im Jahr öfter Konzerte, als ich mir die Haare wasche. Wir haben mit Mike Dee Crackus geredet. Über Touren, Pop-Punk und wie er in Mexiko fast erschossen wurde.

Noisey: Ihr seid ja extrem fleißig. Weißt du wie viele Shows ihr in den letzten zwölf Jahren gespielt habt?
Mike Dee Crackus: Es ist schwierig. Ich hab irgendwann einmal aufgehört zu zählen und dann wieder angefangen. Die Zahlen stimmen nicht ganz, aber wir sind bei ca. 800 Shows in den letzten zwölf Jahren. Vielleicht sind es auch nur 750, vielleicht sind es schon 820. Ich würde es gern rekonstruieren, weil es mich selbst interessiert, aber leider haben wir das verabsäumt. Wir haben gedacht: „Irgendwer wird schon mitzählen."

Touren—vor allem im Ausland—ist nicht einfach. Wie finanziert man sich das als Band?
Gagen bekommen wir ja durchaus. Die sind zwar nicht hoch, aber wir spielen jeden Tag, wenn wir auf Tour fahren. Da haben wir jeden Tag ein gratis Essen, gratis Sauferei, Party und Schlafplatz. Den Rest machen wir mit Merch. Wenn man viel tourt und Platten rausbringt, reißen uns die Tantiemenabrechnungen auch immer wieder raus. Wenn wir Geld haben, investieren wir das sofort wieder. Die erste US-Tour haben wir uns dadurch vorfinanziert, dass eine Nummer von uns in einem Werbespot von einem Möbelhaus verwendet wurde. Wir schauen, dass wir wo es geht sparen und dass wir die Gagen in Größeres investieren. Zum Beispiel: Als wir durch Russland und Japan getourt sind, haben wir gewusst, dass wir finanziell einfahren. Wir sind dann aber nur leicht eingefahren, was cool war. Das einzige Mal in den letzten sieben Jahren, bei dem wir eigenes Geld reinbuttern mussten, war als wir aus Amerika rausgeschmissen wurden und 23 Konzerte absagen mussten.

Bitte erzähl.
Es war unsere vierte Nordamerika-Tour und zum ersten Mal auch Kanada. Wir sind mit einem Touristenvisum eingereist—so wie wir das jedes Mal machen. Es ist schwierig. Es gibt da kein Mittelding, du bekommst zwar ein Künstlervisum, aber wir sind zu unbedeutend, die Gagen sind zu gering und die Shows, die wir spielen, sind meistens keine „tax-paying-shows", werden also nicht aufgelistet. Außerdem muss die Tour sechs Monate davor komplett stehen, damit du überhaupt die Zeit hast, das Visum zu kriegen. Das geht nicht. Wir fahren auf Tour, haben vier Tage frei und dann bekommen wir irgendeine Hausparty rein und spielen bei irgendeinem Kerl im Keller. Entweder gar nicht spielen, oder sich reinschwindeln. Wir sind dann für drei Shows nach Kanada und als wir zurück nach New York State wollten, haben sie uns bei der Grenze aufgeklatscht. Sie haben unsere Namen gegooglet und nichts gefunden. Aber über die Namen von den Amerikanern mit denen wir unterwegs waren—die JettyBoys und Direct Hit—haben sie Fotos von uns auf Tour gefunden. Wir haben halt gelogen: „Wir sind nur Touristen, schauen uns das Land an, jawohl, USA, voll geil". Sie haben uns aber nicht reingelassen und aben uns einzeln verhört. Jetzt sind wir vorbestraft, haben „Mugshots" machen müssen, Fingerabdrücke und das ganze Blabla. Wir sind auf Lebenszeit gesperrt vom Esta-Waiver-Program und Touristenvisum. Haben wir auch das geschafft...

Ihr wart ja nicht nur in den USA. Russland, Japan, die letzte Tour war in Kanada und danach Mexiko. Ist es überall so schwierig mit den Behörden?
Die nächste Tour, nachdem sie uns aus den USA rausgehaut haben, war Russland/Japan. Russland: „Touristenvisum, fahr ma volle", Japan: „Touristenvisum, sicher, warum nicht?" (lacht). Die haben auch ähnliche Statuten, aber das richtige Visum zu bekommen ist auch immer mit Kosten verbunden, die wir nicht tragen können. Russland war überhaupt ganz schwindlig. Wir haben eine Einladung von einem Hotel gehabt, das es nicht gibt, weil man so eine Einladung aus dem Staat braucht. Das war eine „fake-agency", von denen es anscheinend einen Haufen gibt. Die Booker, mit denen wir gearbeitet haben, haben gemeint, dass sie das mit allen Bands so machen. An der Grenze hat der Beamte eiskalt russisch geschaut, aber dann waren wir drin. In Japan das selbe, einfach nur lächeln beim rübergehen und schon ist alles in Ordnung. Merch und Equipment sind ein Problem. Wir schauen, dass wir so wenig wie möglich mitnehmen, damit wir nicht auffallen. Merch lassen wir meistens im Land selbst produzieren, damit es dort dann schon auf uns wartet und wir nicht bei der Grenzkontrolle einen Koffer haben mit 100 gleichen T-Shirts in allen mögliche Größen. Mexiko war ein Problem. Nicht für uns alle, aber für Matt DeeCrack, die haben ihn irgendwie ewig aufgehalten.

Das ist ja ein bisschen das Ding vom Matt.
Er fällt halt einfach auf. Er war auch einfach schon schlecht drauf wegen der langen Flugreise, dann ist er meistens angezipft. Von der Klimaanlage bekommt er meistens rote Augen wegen seiner Kontaktlinsen und dann schaut er aus, als wär er voll high. Klar zupfen sie ihn dann immer raus. In Mexiko haben wir dann zwei Stunden auf ihn gewartet, und ich hab ihn schon wieder heimfliegen gesehn (lacht). Also die Angst fliegt immer mit, aber wir riskieren halt einfach. Anders geht's nicht. Wir sind halt einfach eine kleine „Oaschloch"-Band, die hart arbeitet, wir können nicht drauf warten, bis es anders funktioniert.

Muss man als Punkrockband aus Österreich raus?
Wir haben nicht so das Ansehen in Österreich. Es interessiert die meisten Leute nicht, was wir machen. Es ist schon so, dass wir Fans haben, aber wenn wir allein eine Show in Wien spielen, dann kommen 70 Leute wenn wir Glück haben; und davon kennen wir alle persönlich. Die Qualität sieht man uns im eigenen Land nicht an. Wenn wir dann nach Italien fahren, dann kommen ein Haufen Kids, die alle mitsingen und abgehen. Belgien, da ist auch immer die Hölle los, Spanien genauso. Überall auf der Welt haben wir großartige Fanbases, deshalb können wir auch die ganzen Touren spielen. Das funktioniert besser, weil da mehr Leute kommen und von denen kennen wir niemanden. In Wien musst du die Leute ein bisschen überreden, dann wollen alle auf die Gästeliste und am besten eine CD, die sie sich unter den Tisch stellen, damit er nicht mehr wackelt. Weißt? Weil anhören tut es sich eh keiner.

Ist es euer klassischer Pop-Punk-Sound in Österreich nicht angesagt?
Er war ja schon out, als wir damit angefangen haben. Aber das wollen wir halt machen. Wir bleiben uns treu, wir sind Hardliner was das angeht. Der Sound ist nicht tot. In Österreich schon—da gibt's schon ein paar Leute die das cool finden, aber es wird nicht so gefeiert. Keiner sagt „Jawohl, wir müssen uns unbedingt die DeeCracks anschauen." Wenn wir irgendwo anders hinfahren sagen die Leute genau: „Jawohl, die DeeCracks kommen". Das haben wir auch alles erst herausfinden müssen. Wir haben uns gedacht: „Daheim funktioniert es nicht", aber ich hab mich immer darum gekümmert herauszufinden, wo was los ist auf dem Planeten, für unsere Musik und dass wir dorthin kommen. Dass wir das richtige Label haben und mit den richtigen Leuten in Kontakt kommen. Das war eine Mordsarbeit, aber anscheinend dürften wir qualitativ keine schlechte Band sein, was diesen Sound betrifft. Wir werden überall mit offenen Armen empfangen.

Ist Touren anstrengend für dich?
Auf Tour geht's mir eh gut, es ist eher das Heimkommen. Auf Tour haben wir zwar auch immer Stress, weil du nie weißt, wo du heute schlafen wirst, oder wann, oder wie. Du kannst nicht auf's Klo gehen wann du willst, du kannst nicht das essen, was du essen willst. Man muss sich in einen „Tour-Mode" bringen.

Spürt man je nach Land Unterschiede in eurer Szene?
Das klassische Pop-Punk-Ding, dieser Ramones-Sound, den wir machen, der hat ja nicht wirklich eine Szene. Das ist eher nur so ein Fetisch. Da gibt's auf dem Planeten vielleicht fünfzehn- bis zwanzigtausend Leute, die das richtig abfeiern. Das reicht für uns.

Sagen wir so: Wie unterscheidet sich eine Show in Russland von einer Show in Japan?
(lacht), Ja, also, das war ein arger Kontrast. Die Leute in Russland treten dir die Tür ein. Die wollen rein und pogen schon wenn du mit dem Bus ankommmst. Die haben einen Circlepit beim Schlagzeug-Soundcheck gemacht (lacht). Das wird mir im Leben nicht mehr passieren, das war extrem verrückt. Eine Show in Moskau haben wir akustisch gespielt und die Leute sind von den Barhocker runter crowd-gesurft—bei einer Akustik-Show! Mikro wegreißen und irgendwas auf russisch reinschreien, weil sie den Text nicht kennen, das ist halt geil. Chaotisch, aber voll lieb. In Japan, gleich danach, sind die Leute voll organisiert—die kleinen stehen vorne, die größeren hinten. Alle sind brav und stehen schon so da, wie sie den ganzen restlichen Abend dastehen werden. Dann schunkeln sie nur, nach jeder Nummer sind ein paar Sekunden Applaus und dann Totenstille. Sie wissen einfach nicht, wie sie mit uns umgehen sollen. Es gibt schon Unterschiede von der Attitude und wie die Leute das feiern. In Mexiko sind wir mit dem Bus angekommen und die Fans haben schon auf die Scheiben geklopft „Deecracks, Deecracks!". Zwei Wochen davor hat uns dort noch niemand gekannt. Die haben nur gewusst, dass wir kommen und die ganzen Leute, die so eine Musik hören, bereiten sich drauf vor und plötzlich sind wir Helden dort drüben.

Ist das der Österreicher-Bonus den man im Ausland hat?
Eher generell Ausländerbonus. Wir spielen aber auch in kleinen Städten, wo sonst wenig Bands hinkommen und die glauben dann, dass wir in Österreich die größte Band sind und weltweit den irrsten Erfolg haben. Das ist voll witzig. Du musst dann mit den Leuten Fotos machen, dabei bin ich immer der Erste, der sich bedankt (lacht).

Was ist das Gute am Touren?
Dass du die Welt siehst, Kulturen kennen lernst, Freunde kennen lernst. Ich kann mittlerweile überall hinfliegen und hab dort Freunde auf die ich mich freuen kann. Ich hätte nie gedacht, dass ich dort überall hinkomme, wo ich schon war. Das Negative ist, dass man das meiste gleich vergisst (lacht) weil wir meistens voll fett sind, aber so läuft's halt auf Tour.

Das gschissene am Touren?
Also Scheiß-Schlafplätze kann ich dir genug auflisten. In Belgien haben wir im November gespielt und dann in einem Zimmer schlafen müssen, wo ein Stück Wand gefehlt hat und draußen war Schneesturm. Es passiert genug Scheiße. Aus den USA sind wir rausgeworfen worden. Es kostet halt auch immer. In Italien hat jemand unseren Bus aufgebrochen, hat unsere Taschen, Kleidung und Pässe gestohlen. Es waren auch die Pässe von den Kingons, die Japaner mit denen wir auf Tour waren, weg. Und dann in Italien versuchen, japanische Pässe wieder zu kriegen, wo keiner Englisch kann. Weder die Italiener noch die Japaner und ich muss das organisieren. Das war die Hölle auf Erden. Mexiko war eine der toughsten Touren, die wir je gemacht haben. Weißt eh, ich bin fast erschossen worden.

Fuck, was?!
Am ersten Tag haben wir in einer Art Ramones-Museum gespielt, in Mexico City, aber außerhalb vom Zentrum. Es war eine Afternoon-Show, weil wir weg mussten, bevor es dunkel wurde. Es hat geheißen, dass es dann nicht mehr sicher ist. Um drei am Nachmittag sind wir dort rumgestanden und ein Typ mit einer Waffe ist gekommen, „Hände rauf". Er schießt einen Meter neben mir in den Boden, ich hab mich hinlegen müssen. Er hat „Telefon" gerufen, die anderen haben auch die Brieftaschen auf den Boden geworfen. Ich hab mir gedacht: „Pass, Brieftasche, das kriegt er nicht", ich bin ziemlich ruhig geblieben. Ich habe viele Taschentücher mit gehabt, weil ich verschnupft war vom Temperaturunterschied zu Kanada, und hab dann wie ein Zauberer, einzeln die Taschentücher herausgeklaubt, damit er glaubt, dass ich ales aus meinen Taschen heraushole. So hab ich mein Handy verloren, aber mein Leben behalten. Auf der Tour hätten wir auch die letzten zwei Shows in Mexico City spielen sollen, im selben Club. Am zweiten Tag (der Tag vom letzten Konzert) wurden wir aufgeweckt und uns wurde gesagt, dass die Show abgesagt ist. Zwei bis drei Stunden nach dem Konzert gestern war eine Schießerei im Laden. Einer ist gestorben, mehrere Leute waren im Krankenhaus und der Barbesitzer war im Gefängnis. Also man kriegt gute und schlechte Sachen von den ganzen Kulturen mit. Die Leute in Mexiko waren alle großartig. Die Leidenschaft, die sie uns entgegengebracht haben; die Leute waren megageil drauf. Aber ich möchte gar nicht wissen, wie viele Waffen bei unserer Show waren. Ich kann mir gar nicht vorstellen, was ein Leben dort wert ist.

Geht ihr euch beim Touren gegenseitig auf den Sack?
Permanent (lacht). Also Matt und ich zumindest, unsere Bassisten sind eh immer andere—ich frag mich, wieso die andauernd durchwechseln. Ich und Matt haben über die zwölf Jahre eine ganz eigene Dynamik aufgebaut. Wir wissen halt ganz genau wie wir uns gegenseitig anzipfen können, und tun das auch. Aber wir sind halt so wie Brüder. Wir gehören schon zusammen, aber es ist immer ein bisschen ein Kampf, es kann niemals einfach sein.

Wann ist eure nächste Tour geplant?
Im September fliegen wir nach China. 23 Konzerte in 26 Tagen. Zhong wird wieder Bass spielen und er hat auch die Tour gebucht. Ich kann kein Chinesisch und die haben kein Facebook, kein Youtube, kein Google. Ich weiß gar nicht, ob die unsere Bandcamp-Seite aufrufen können. Also hat Zhong eine Seite auf diesem chinesischen Social Network gemacht, das wie myspace aussieht. Da stehen jetzt ein Haufen Hieroglyphen und irgendwo ist ein Bild von uns. Wird schon geil werden. An Matts 36. Geburtstag haben wir einen Tag frei, da gehen wir ins Disneyland Hongkong (lacht).

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