Musik hat weder Schwanz noch Muschi

Es gibt Begriffe, die benutzen nur männliche Musikjournalisten. „Männermusik“ zum Beispiel. Oder „Muschihouse“. Hört doch einfach damit auf.

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19 März 2014, 9:19am

Hier soll eines klar werden: Diese männlichen Musiker und männlichen Musikjournalisten haben alle einen Penis. Montage: VICE Media

Uns regt grundsätzlich recht viel auf. Shia LaBeouf. Das Ende von True Detective. Warmer Champagner. Relativ weit oben auf der Hate-Liste steht allerdings dummer Sexismus. Vor allem in Medien. Vor allem in popkulturellen Medien. Vor allem von Pop-Journalisten, die sich selbst wohl als aufgeklärte Menschen bezeichnen würden. Man muss es sagen, es wird ja oft viel Bödsinn geschrieben. An der Speerspitze der Phrasendrescherei steht aber unangefochten der Musikjournalismus. Nirgends verlieren sich die Schreiber so gerne in doofen Platitüden wie hier. Eine ausgesprochen charmante Sammlung von Stilblüten findet man zum Beispiel hier.

Musikjournalismus ist immer noch eine Männerdomäne. Dass da sexistische Bemerkungen und Anspielungen nicht zu kurz kommen, liegt auf der Hand. Besonders dämlich ist aber die immer und immer wiederkehrende Verwendung des Gegensatzpaars des Teufels: Männer-/Bubenmusik und Mädchenmusik. Hauptsächlich verwendet wird das—man kann es sich denken—von mittelalterlichen Männern. Früher, als wir noch Musik-Reviews gelesen haben, stolperte man über den Begriff häufiger in der Musikspalte der rosa Tageszeitung, die ja immer wieder mit reaktionären und manchmal schlichtweg unqualifizierten Aussagen über Musik, die die Schreiberlinge einfach nicht verstehen wollen, durchsetzt ist.

Jedenfalls Männer-/Bubenmusik. Es bedeutet meist: Hey, das ist Musik für die ganz harten Jungs. Laut. Und mit Gitarren. Gut zum Dosenbier trinken und im Dreck wälzen. Zwei Dinge, die Frauen bekanntermaßen ausgesprochen ungern tun. Für uns nur Cosmopolitans auf weißen Ledercouchs und Loungemusik, bitte! Wir wollen uns ja die manikürten Fingerchen nicht schmutzig machen. Und Dosenbier trinken wir sowieso nur, wenn wir Jungs damit beeindrucken möchten. Rockmusik mögen wir auch nicht, dazu braucht man nämlich einen Penis.

Frauen mögen keinen Rock'n'Roll. Und Motörhead natürlich auch nicht. Und Dosenbier nur, wenn sie Männer beeindrucken wollen.

Falls der unsägliche Begriff nicht in diesem Zusammenhang verwendet wird, gibt es auch noch eine zweite Variante. Männermusik, das ist Musik für Nerds, für Kenner, schwierig, ernsthaft, nicht einfach zu verstehen. Die Gleichung ist da natürlich: Musik-Nerds können nur Männer sein. Eh klar. Das liegt bestimmt in den Genen. Wer kennt schon eine Frau, die auf Shellac steht? Oder Drone mag? Oder gar Jazz?

Als Gegenstück zu Bubenmusik muss es natürlich auch den Begriff Mädchenmusik geben, weitaus öfter verwendet als seine männliche Variante. Klar, da haben wir mal unzählige Artikel, in denen es um Taylor Swift geht. Oder sonstiges Zeug, das in der Bravo vorkommt (gibt’s die eigentlich noch?) Das darf unter Umständen schon mal ein Guilty Pleasure sein. Aber was Mädchenmusik bestimmt nicht ist, ist qualitativ hochwertig. Sie ist ein bisschen doof, ein bisschen seicht und ganz bestimmt nichts für die Musikkenner unter uns. Die sind nämlich ja auch Männer, wie wir bereits festgestellt haben.

Gerne wird Mädchenmusik auch von Musikern selbst als Referenz verwendet, für das, was man auf keinen Fall machen will. Zum Beispiel von Marteria. Oder Kettcar. All diese Musiker müssen jetzt aber echt Mal klarstellen, dass sie keine Mädchenmusik machen! Denn damit will bitteschön niemand in Verbindung gebracht werden. Schon gar kein Rapper, dem popkulturellen Inbegriff von Männlichkeit.

Männermusik ist das Gegenteil von Mädchenmusik. Laut, hart, anspruchsvoll. Und vor allen Dingen gut! Montage: VICE Media

Die Geschichte endet aber nicht bei Mädchenmusik. Kürzlich gab es einen Mini-Aufschrei (in Österreich gibt es ja alles nur in Mini-Version), als das Magazin The Gap etwas unbedacht in einem Artikel über die unsägliche Musik von Klangkarussell den Begriff Muschihouse verwendete. Die Gemüter erhitzten sich. Zwar nur auf Raumtemperatur, aber zu Recht. Zwar versuchte man sich gleich zu rechtfertigen, man habe den Begriff ja nicht erfunden, aber auch die pure Reproduktion dämlicher Gedanken enthebt einen leider nicht von jeglicher Verantwortung. Genauso wie war-ja-nicht-böse-gemeint. Vor allem, wenn man dann gleich auch noch ein zweites Mal unser liebstes Geschlechtsteil verunglimpft und für die Bezeichnung Muschi-Beats missbraucht. Nein danke!

Hier unser Vorschlag für eine bessere Welt: nennt doch solche Musik in Zukunft einfach „Scheißmusik“, denn genau das ist ja das, was ihr damit sagen wollt. Und das Wort Bubenmusik streichen wir samt seiner Bedeutung einfach aus dem kollektiven Bewußtsein, denn das gibts schlichtweg einfach nicht.

Julia Preinerstorfer ist Hohepriesterin beim Blog auchsuperwichtig.

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