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Die Diskussion um den Record Store Day reißt nicht ab

Auch in UK wird der Record Store Day gerade kontrovers diskutiert. Hinter all dem dem stecken wohl legitime Verteilungskämpfe.

Jonas Vogt

Jonas Vogt

Alle Fotos: Nicole Schöndorfer

Der Record Store Day ist ja grundsätzlich eine ziemlich gute Idee. Spezielle Releases, die dazu dienen sollen, mehr Leute in die lokalen Plattenläden zu bekommen. Plus ein bisschen Promo. What could possibly go wrong?

Einiges. Schon letztes Jahr haben wir ein Gespräch mit dem Besitzer eines größeren Wiener Plattenladens protokolliert, der dabei seinem Ärger Luft machte. Ja, die Verkäufe seien super, uind dementsprechend gäbe es für niemanden die Möglichkeit, auf den RSD zu verzichten. Aber die Major Labels würden mit ihrer Politik (viel zu viele Re-Issues; hohe Presszahlen; Belieferung auch größerer Elektronikketten etc.) die Idee kaputt machen. Marketing killed the Record Store Star.

In der vergangenen Woche brach die Diskussion in UK auch aus dem Untergrund in die Schlagzeilen. Allerdings kam die Kritik weniger aus der Richtung der Plattenläden, sondern von zwei kleineren Independent-Labels—Howling Owl und Sonic Cathedral—die den RSD in recht drastischen Worten attackierten:

Der Record Store Day ist nur zu einem weiteren Event im jährlichen Zirkus der Musikindustrie geworden, der mit der BBC Sound Of…-Liste beginnt und mit den Mercury Preisen endet. Er steht unter der Kontrolle der Majors und wird als reines Marketing-Instrument benutzt. (…) Klar könnt ihr euch alle frühmorgens anstellen, um eine Mumford & Sons 7“ oder eine überteuerte Noel Gallagher 12“ zu kaufen. Das ist OK, hat aber mit uns überhaupt nichts zu tun. (…) Der Record Store Day bringt kleinen, unabhängigen Labels überhaupt nichts. Aber er hat trotzdem Einfluss auf uns. Und zwar einen schlechten. Spectres Album Dying ist aktuell nicht auf Vinyl zu bekommen. Warum? Weil die Presswerke mit B-Seiten der Foo Fighters, Unmengen von The 1975-EPs und Millionen von Rock-Re-Issues verstopft sind, die niemand braucht.

Harsche Worte. Die Entertainment Retailer Association, die den RSD organisiert, hat sich jetzt zu dem Ganzen geäußert. Sie beschuldigt die Labels, damit selber einen PR-Stunt zu veranstaltet. Eh. Geschenkt. Interessanter sind die darauf folgenden Argumente:

Der Record Store Day war ohne Zweifel der wichtigste Katalysator des Vinyl-Revivals, das wir beobachten können. Er hat eine neue Generation dazu gebracht, Musik auf Schallplatte zu kaufen. Um es klar zu sagen: Der Record Store Day ist nicht dazu dazu da, Independent Labels zu promoten, sondern Independent Record Stores. Da die Produkte kleinerer Labels überproportional über diese vertrieben werden, gehören Indies zu den größten Profiteuren. Die Medien stürzen sich gerne auf die Releases der großen Acts, die bei Majors unter Vertrag stehen. Aber drei von vier Releases am RSD kommen auf Indie-Labels heraus. Die Zahl an Major-Releases ist in den letzten Jahren relativ statisch geblieben, so dass der quantitative Anstieg vor allem auf die Indies zurückgeht. (…) Die Zahl an Releases wird 2015 übrigens 10% unter den den Zahlen von 2014 liegen. (…) Wir wissen, dass der RSD nicht perfekt ist. Und dass wir wieder mehr Press-Kapazitäten brauchen. Aber die Welt mit dem Record Store Day ist sicher besser als eine Welt ohne ihn.

Die Entwicklung ist nicht so wahnsinnig überraschend. Wie in allen Bereichen, in denen es in letzter Konsequenz um Geld geht, brechen Verteilungskämpfe aus. Man kann Majors nicht vorwerfen, dass sie den RSD nutzen wollen. Man kann den Organisatoren nicht vorwerfen, den RSD möglichst groß und—nach ihren Maßstäben sinnvoll—gestalten zu wollen. Und man kann den Indies nicht vorwerfen, dass sie das stört.

Man muss auch diese Diskussion als Teil einer größeren sehen. Wenn man vom Vinyl-Revial spricht, muss man eben auch von einigen anderen Dingen sprechen, die eh schon angeklungen sind: Der hohe Anteil von Re-Issues aus dem Back-Katalog der Majors. Der mittlerweile leider geringen Kapazität der Presswerke, unter der jetzt vor allem die Indies leiden. Und sicher auch ein bisschen einem gefühlten Problem, dass Major-Labels einen Bereich erobern, der lange Zeit durch Indies hochgehalten wurde und den es ohne diese wohl längst nicht mehr gäbe. Aber daran ist halt auch nicht der Record Store Day schuld.

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