Das passiert, wenn deine Band anfängt, bekannt zu werden

Was mit dem Erfolg einhergeht, ist verdammt merkwürdig, sagt Jason Williams von den Sleaford Mods.

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05 September 2014, 9:00am

Jason Williamson ist Sänger der Sleaford Mods. Das ist die erste Ausgabe seiner neuen VICE-Kolumne.

Wenn du auf der Straße angehalten und nach einem Foto gefragt wirst, denkst du dir: „Scheiße, was ist das denn?“. Freunde von Freunden haben bei Facebook Fotos von sich selbst gepostet, auf denen sie sich für eine Kostümparty als Sleaford Mods verkleidet haben, da denkst du dir: „Was zur Hölle?“. Wenn viele Leute anfangen, die Musik, die du machst, zu mögen, dann passiert so was schnell. Die Wichser kriechen natürlich auch hervor. Das ist jedoch kein großes Hindernis, wenn du weißt, dass die Songs gut sind, es darauf ankommt und du dich nicht auf die Sicht von jemand anderes verlassen musst; es ist aber eine Praxis, an die du dich gewöhnen musst.

Diese Wichser werden von neu gefundener Scheiße wie Fliegen angezogen. Lass dich von diesen Arschlöchern nicht unterkriegen, denn glaub mir, sie haben viele verdammte Wege. Feindseligkeit ist ein Schutzschild für die hasserfüllten Bastarde dieser Welt; ihre Kraft wird die vielen Windungen des menschlichen Gehirns infiltrieren und sich dort für ihre Zwecke festsetzen—wie ein verdammter armseliger Panzer, der dich bei Scheiß-Twitter wie ein erschöpftes Meerschweinchen anquiekt. Es ist ziemlich schwer, die Ruhe zu bewahren, wenn dich jemand aus den anonymen Tiefen von Facebook einen „Scheiß-Idioten“ nennt, während du abends um zehn versuchst, den Abwasch zu machen und dich zu entspannen.

Meistens gefällt den Leuten jedoch, was du tust. Wir singen viel über Arbeit—die abstoßende Darstellung von alltäglichen Dingen, wenn du so willst—und das ist in der Tat eine gewichtige Sache. Arbeit ist ein ständiger Begleiter und die Leute daran zu erinnern, was sie 38 Stunden die Woche so ertragen müssen, kann eine Reaktion hervorrufen, die zu gleichen Teilen aus Abscheu und Euphorie besteht. Ich sage „Euphorie“, da die Leute bei einigen unserer Konzerte regelrecht den Göttern gedankt haben, so verrückt das auch ist. Du solltest dir da allerdings nicht zu viel darauf einbilden oder dich blenden lassen, denn das bedeutet Ärger und führt dazu, dass du aufgrund dieser ganzen Lobpreisung den Fokus verlierst; du wirst zu einem Party Boy und ein Party Boy ist ein nutzloser Trottel, der letztendlich alles vergessen wird, für immer.

Es ist ehrlich gesagt schon schlimm genug, sich Social Media-Plattformen hinzugeben. Drei oder vier gute Reviews haben das Potential, alberne Dinge mit deinem Ego anzustellen, und können dich dazu bringen, betrunkene Tweets abzufeuern, was dir nicht hilft. Wenn deine Arbeit in den Medien Beachtung findet, solltest du das nicht allzu ernst nehmen—wenn du zu sehr daran glaubst, kann das eine gefährliche Einstellung hervorrufen; manchmal wird da ein bisschen übertrieben. Wenn du Gegenstand eines Artikels bist, dann hat die Wirkung davon das Potential, in dein Unterbewusstsein einzudringen und dein Selbstbild zu beeinflussen.

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Dieser Kommentar ist unter einem Interview mit den Sleaford Mods im Guardian zu finden.

Wenn deine Band bekannter wird, können viele Interviews auf dich zukommen und zuerst ist dir das sehr willkommen, da du dir viel von der Seele reden kannst. Größere Veröffentlichungen wie der Guardian können, das, was du machst, auf die wackeligen Füße einer großen Bühne stellen und so dem Schicksal einer blutrünstigen Öffentlichkeit überlassen, die ein Ventil für die Fesseln ihrer eigenen Depression braucht. Ich rede dabei von der berüchtigten „Kommentarfunktion“ und die des Guardian ist ein verdammter Alptraum. Die gefürchtete Kommentarsektion hängt wie ein dicker Schleimfaden an den meisten Webseiten oder Blogs und ist ein Nährboden für die ahnungslosen, einfältigen Hater. Es gibt ein paar, denen du nicht wirklich widersprechen kannst und ein paar, die dein Zeug mögen, aber meistens ist es übersät mit verdammt schrecklichen Fingerspitzen-treffen-Tastatur-Verbrechen. Das ist nichts neues, denn irgendwann warst du bestimmt auch mal der Arsch an der Tastatur.

Nach einer Weile nerven dich die immer gleichen Fragen in Interviews—die Herkunft der Band, deine musikalische Vergangenheit usw. Wenn du in Europa und woanders in der Presse auftauchst, dann ist es logisch, dass sich die gleichen Fragen wiederholen, aber das ist ermüdend; Interviews werden fast zu Arbeit, mit seiner bekannten, mechanischen Routine. Du musst dir auch immer wieder die gleichen musikalischen Vergleiche anhören und fängst an, diese soweit abzulehnen, dass du sogar die Bands oder Künstler selbst, mit denen du verglichen wirst, ablehnst. Ich weiß, es ist nicht ihr Fehler, aber du fängst an, Tagträume davon zu haben, wie du besagten Musikern backstage bei irgendeinem gemütlichen Festival, wo sie von ihren schleimigen Anhängern umgeben sind, sagst, dass sie sich verpissen sollen; es wird schlimm. Du hast die Schnauze voll davon, ihren Namen in Verbindung mit deinem zu hören.

Der Inhalt der Interviews ist ebenfalls ein Problem, da ich einfach über alles Mögliche rede, aber es wohl besser ist, wenn ein paar Dinge im Verborgenen bleiben. Drogen und wie viel du davon konsumierst, ist zum Beispiel so eine Sache. Zum einen ist es verdammt langweilig, wirklich. Ich meine, da hat doch jeder irgendwann seine Erfahrungen mit gemacht, oder? Du ringst damit, ob das wirklich von Belang ist und ob das Relevanz hat, obwohl das im Kontext deiner eigenen Band ein wichtiger Faktor war und für mich so ein Teil der Erklärung ist. Ich arbeite auch noch, von daher ist es vielleicht nicht besonders schlau, offenzulegen, was für chemische Substanzen ich mir so reinpfeife. Die Leute, mit denen ich zusammenarbeite, könnten sich darüber aufregen, wenn ich herausposaune, dass ich 48 Stunden non-stop illegale Drogen schmeiße. Eine andere Sache bei Interviews ist der „Das habe ich verdammt nochmal nicht gesagt“-Faktor, was dir oft in den Sinn kommen kann, wenn du ein fertiges Interview liest. Aber natürlich hast du es gesagt; du hast es nur ein wenig anders gesagt.

Außerdem wollen Leute dein „Freund“ sein, wenn du etwas erreicht hast. Ich meine, das ist nichts Neues, oder? Das ist eine Eigenschaft, die dir sicher bekannt ist, sowohl bei dir als auch bei deinen Mitmenschen. Das kann in verschiedenen Formen auftreten; innerhalb richtiger Freundschaften, die vielleicht zur Zeit deines Aufstiegs entstanden sind, aber auch durch die übertriebene Zurschaustellung von Falschheit, die dir in sozialen Situationen entgegenschlägt, wenn jemand ganz offensichtlich zu eifrig versucht, dir zu schmeicheln. Du musst die Tatsache akzeptieren, dass Leute dich mit ihrem Geschäftsblick durchleuchten; dir mit aufgeblasenem Scheiß kommen und dir urbanen Mist um die Ohren hauen. Scheiß drauf.

Es gibt daran aber auch positive Seiten; du bekommst durchaus Hilfe und Rat, denn das, was du tust, kann einigen Leuten eine Menge bedeuten und das sichert dir von Zeit zu Zeit Rat von Leuten, die ihre eigene Erfahrungen gemacht haben. Du wirst merken, dass es eine Art Gemeinschaft gibt und du fängst an zu realisieren, dass es tatsächlich eine ziemlich kleine Gemeinschaft ist, in der du eine ständige Belegschaft hast, wenn du so willst, und eine ganze Horde an Zeitarbeitern. Was dich zu einem Mitglied der ständigen Belegschaft macht, ist Langlebigkeit. Und deine Arbeit. Dabei ist fraglos Qualität deine allumfassende Mission. Lass dich nicht in die dunklen Ecken des „nichts für etwas“ locken.

Du bekommst auch haufenweise Emails, Nachrichten bei Facebook und so. Auch das ist ein idealer Nährboden für nervige Termiten mit dem Drang, dir hasserfüllte Sachen zu schreiben, aber meistens ist es eine Mischung aus Support-Band-Anfragen, Angeboten für Konzerte, Interviewanfragen, allgemeinen Grüßen…

„Kumpel, wir denken, unsere Band hat viel mit eurer gemeinsam und wir würden gerne wissen, ob ihr noch Support sucht…“

Bla, bla, bla. Ich habe das früher auch so gemacht und bei mir hat sich auch niemand zurückgemeldet, oder? Konzerte sind so schon Aufwand genug, ohne dass du dich noch um den Support kümmern musst; scheiß drauf. Du willst helfen, aber du kommst an einen Punkt, an dem deine Rolle in der Band Vorrang hat. Die Musik steht über allem; alles andere, was damit einhergeht, also wie du in einem Interview rüberkommst usw., ist eine Momentaufnahme, wirklich. Die Musik lebt länger als alles, was du zu Zeitungen sagst.

Irgendwelche Leute schicken dir nachts betrunkene und nichtssagende Ergüsse, linke Typen fragen dich über die Bedeutung einer bestimmten Textzeile in einem deiner Songs aus, deine Antworten können da manchmal eine glühende Reaktion hervorrufen. Leute wollen dich manchmal einfach herausfordern. Ich bin zwar kein Kämpfer im physischen Sinne, aber es wird angenommen, dass ich ein harter Hund bin, Andrew auch. Ich bin zwar ziemlich schlecht darin, um ehrlich zu sein, doch meine Frau sagt, ich bekomme eines Tages was ab und sollte Selbstverteidigung lernen… Aber Judo ist genauso wie eine Harley Davidson was für Pensionisten.

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