Wie man sich mit Mitte Zwanzig auf einem Festival verhält

Der kleine Noisey-Ratgeber für Drogenkonsum und Sex mit Fremden, wenn man in ein Alter gekommen ist, in dem man Scham verspürt.

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23 Juni 2014, 9:50am

Das erste Mal auf ein Musikfestival zu gehen, ist eine großartige Erfahrung: für viele Menschen ist es die erste Möglichkeit, ihr eigenes Körpergewicht in Alkohol zu trinken, mit völlig Fremden zu vögeln und die Nacht mit rauen Mengen an Drogen durchzumachen, ohne Stress zu bekommen. Es sind kleine Inseln der Freiheit—fernab von Eltern, Regeln und Hausaufgaben.

Auf den ersten Festivals, die du besuchst, hast du nur eine Aufgabe: du kommst mit einem Wechsel-T-Shirt, einer Reisetasche voll mit Alkohol und ungesundem Billigfraß und dem Vorhaben an, die ganzen Biervorräte in den ersten fünf Stunden nach Ankunft zu vernichten. Du kotzt, putzt dir nicht die Zähne und der Spaß-Express läuft das ganze Wochenende nonstop. Das kannst du so vielleicht für ein paar Jahre machen, aber wenn du älter wirst, offenbaren sich dir die ersten Nachteile dieser Herangehensweise. Du weilst jetzt schon mehr als zwei Dekaden auf dieser Erde und es ist unglaublich anstrengend geworden, sich nach der Arbeit noch auf ein Bier zu treffen—ganz zu schweigen davon, deinen unaufhaltsam verfallenden Körper für fünf Tage über irgendein komisches Feld in der Pampa zu manövrieren.

Es ist eine komische Phase. Du bist noch nicht alt genug, um das ganze Wochenende 500 Meter entfernt von der Bühne auf einem Campingstuhl zu hocken und an einer Tasse Holunderblütentee zu nippen, aber du bist auch nicht mehr so jung, dass du durch den Matsch springen und Bier aus Schläuchen saufen kannst, ohne dich dabei wie ein Vollidiot zu fühlen.

Deswegen haben wir einen kleinen Guide erstellt, damit du Festivals auch in deinen Zwanzigern noch genießen kannst. Ein Handbuch, wenn du so willst, darüber, wie man ein halbwegs verantwortungsvoller Erwachsener ist, der wirklich weiß, wie man Drogen nimmt, völlig Fremde vögelt und sich mitten auf irgendeinem Feld abschießt, ohne danach zwei Wochen mit dem Runterkommen kämpfen zu müssen. Und los gehts:


Lerne, zwischen zwei Sorten von Festival zu unterscheiden

Es gibt Festivals, die du nicht nur „besuchen" willst, sondern in denen du wirklich aufgehen, von denen du buchstäblich verschlungen werden möchtest. Das Glastonbury, das Urban Art Forms und das Sziget gehören jedenfalls zu diesen Veranstaltungen, in die du buchstäblich reinkriechen willst—und aus denen du fünf Tage später wieder auferstehst, dein Körper gezeichnet von etwas, das man „Erfahrung" nennt (neben dem Standardkram wie Schweiß, dreckigen Fingern und einem stinkenden Hintern). Bei diesen Festivals solltest du schon früh am Donnerstag anreisen—dich mit ein paar Gin Tonics aus einem Emaille-Becher einpendeln und am besten einige Tage der nächsten Woche freinehmen. Du solltest dich wie ein Kleinkind anziehen und jeden Morgen bis mindestens 7 Uhr mit einem Pfarrerssohn zu Pystrance tanzen. Unterhalte dich mit Leuten über Gärtnerei. Tu was für dein verschissenes Qi. Diese Festivals sind wie Beziehungen. Du bekommst zurück, was du reinsteckst, und wenn du das ganze Wochenende nur zynisch durch die Gegend rennst, wirst du keine besonders gute Zeit hast.

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Foto: Anis Ali

Es gibt aber auch andere Festivals, für die ein gewisser Grad an Zynismus geradezu Voraussetzung ist, um etwas Spaß zu haben. Dazu gehört so ziemlich jede Veranstaltung, die gerade mal eine Stunde entfernt von deinem Zuhause stattfindet. Bei diesen Events solltest du erst Freitagnachmittag aufkreuzen und sicher gehen, dass du Sonntags pünktlich zum Tatort wieder daheim bist. Der ganze Witz an diesen Stadtfestivals ist die Tatsache, dass man sich problemlos für ein vernünftiges Mittagessen oder ein Spiel der Fußball WM aus dem Trubel verabschieden kann, um dann später wieder zu den Headlinern zurückzukommen. Wenn du darauf bestehst, auch über Nacht zu bleiben, dann häng bloß nicht auf dem Campingplatz ab und fang an, mitten am Tag mit Maximillian und seinen furchtbaren Marketingkumpels aus irgendeinem Scheißkaff Jelly Shots zu kippen. Lass dich nicht zu irgendeiner dämlichen Promoaktion überreden, für die du ein Selfie von dir als berühmter Popstar machen musst, um eine kleine Dose pisswarmes Bier zu gewinnen. Schau dir einfach ein paar Bands an, hab ein paar Drinks und mach dir bewusst, dass es so doch ein besseres Wochenende ist, als wieder nur in deiner deprimierenden Stammkneipe zu versacken. Diese Festivals sind ein bisschen, wie in einen Sexclub zu gehen—sie können eine schöne, abwechslungsreiche Erfahrung darstellen, solange du es nur einmal im Jahr machst, und wie beim Sexclub willst du auch hier einen wohlüberlegten Rückzugsplan haben, sollte es unschön werden.

Vögeln

Festivals machen dich geil. Die Kombination aus Alkohol, MDMA und einer hohen Dichte attraktiver Menschen, die wenig Kleidung anhaben, bedeutet, dass, auch wenn du gerade die Fleet Foxes anschaust, dir unweigerlich Gedanken in der Art wie ‚Also den einen Typ von den Fleet Foxes würde ich ja gerne mal ...' kommen. Lass dich einfach treiben. Verschiedene Sachen sind auf Festivals gemeinhin akzeptiert. Mit dem besten Freund, mit hässlichen Spinnern, mit Menschen, die in Bands sind, und mit Menschen, die du so grauenvoll findest, dass du dich kaum mit ihnen unterhalten kannst: das ist alles cool.

Mit dem Gedanken im Hinterkopf gibt es aber auch einige Einschränkungen, die zu beachten sind. Erst einmal: du bist jetzt in deinen Zwanzigern, also denke nicht mal im Traum daran, mit jemandem im Zelt zu verschwinden, der oder die nicht entweder auch in seinen/ihren Zwanzigern ist oder diese schon durchlebt hat. Mir ist es kackegal, wie sehr du dich abschießt, sobald dir jemand anfängt, etwas von seinen Maturanoten zu erzählen, dreh dich um und geh weg. Zweitens gilt zu beachten, dass Festivals eine gewisse Vernachlässigung hygienischer Normen erfordern. Das ist einfach etwas, mit dem du fertig werden musst—versuche, während ihr euch hemmungslos aneinander reibt, nicht daran zu denken, dass eins eurer Geschlechtsteile höchstwahrscheinlich beim Besuch der Kackbuden an etwas Durchfall langgeschrammt ist. Für den Fall, dass die Finger zum Einsatz kommen (wesentlich lieber in Zelten gesehen als nachmittags in der fünften Reihe beim Warpaint-Auftritt), seid euch sicher, dass ihr euch die Fingernägel sauber gemacht habt. Niemand bekommt gerne die Überreste des Cheesy Chips-Mittagessen in irgendwelche Körperöffnungen gestopft. Münder, das sollte hier eigentlich nicht extra erwähnt werden müssen, haben beim Sonntagnachtsex im Zelt bitte unbeteiligt zu bleiben.

Zähneputzen ...

... ist etwas, dass du auch weiterhin tun musst.

Essen kaufen


Foto: Katrin Ingwersen

Sechzehnjährige können mit einer Ernährung überleben, die ausschließlich aus Müsliriegeln und Riffelchips besteht—sie tragen in sich noch diese unglaubliche Energiequelle mit dem Namen Pubertät. Du bist jetzt aber in einem Alter, in dem es schon anstrengend ist, auf einen Computerbildschirm zu starren: Wenn du nichts Vernünftiges isst, wirst du als zitterndes Wrack enden. Jaja, eating is cheating, aber drei Tage nichts zu essen, bedeutet, ein totaler Vollidiot zu sein.

Was Essen angeht, hast du zwei Optionen. Alles von Zuhause mitzubringen, ist die langweilige, umständliche und langwierige Option. Wenn du es aber richtig angehst—dich wie eine abgebrühte Hausfrau verhältst und alle Sonderangebote abgreifst—dann kannst du dir eine Menge Geld für die spaßigeren Sachen sparen. Außerdem ist es wirklich cool, über einem Lagerfeuer zu kochen, und du wirst deine Beliebtheit noch mal ungemein steigern, wenn deine ganzen Kumpels, die nur in einem T-Shirt und Harem Pants durch die Gegend rennen, anfangen, sich zu Tode zu frieren. Wenn du keinen Bock hast, einen halben Supermarkt mit dir rumzuschleppen, dann stell wenigstens sicher, dass du die vernünftigen Essensstände findest. Die zwei Euro, die du sparst, wenn du dich für den billigsten Burger entscheidest, sind die 45 Minuten nicht wert, die du danach mit Sprühstuhl auf dem Klo verbringen musst. Essen ist das Wichtigste auf der Welt. Wenn du nicht genug Geld gespart hast, um dir Essen zu leisten, dann solltest du dein Leben überdenken… du hattest ja nur zehn Monate, um dich auf das hier vorzubereiten.

Drogen


Foto: Paley Fairman

Drogenbeschaffung ist das Schlimmste. Sich damit zu beschäftigen, auch wenn es nur darin besteht, einen alten Freund anzurufen, um herauszufinden, ob er immer noch dealt, lässt dich sofort wie ein süchtiges Arschloch aussehen. Es wäre so viel schöner, wenn man die ganze Sache mit den Drogen einfach laufen lassen könnte. Du kaufst dir ein paar Pillen von irgendjemandem beim Chemical Brothers-Auftritt und verbringst die nächsten fünf Stunden damit, überglücklich durch ein buntes Wunderland zu schweben—das wäre ein Traum.

Leider sind die meisten Drogen voll mit Waschpulver und können nicht nur eine immense Geldverschwendung sein, sondern auch dazu führen, dass es dir wirklich schlecht geht, und dir unter Umständen dein ganzes Wochenende ruinieren. Leider musst du dich also ein bisschen wie das süchtige Arschloch verhalten. Fange an, ein paar Wochen im Voraus zu planen—finde heraus, wer guten Stoff hat und wo dieser herkommt. Mach einen kleinen Testdurchlauf. Natürlich wird es dadurch nicht idiotensicher, aber du bist in jedem Falle besser dran, wenn du dein Zeug von jemandem kaufst, den du kennst, als von einem glatzköpfigen 40-jährigen, der in einer Würstchenbude arbeitet.

Wenn du dann am Ort des Geschehens angekommen bist, musst du dich in Zurückhaltung üben. Ecstasy ist verständlicherweise die Festivaldroge der Wahl, aber es macht keinen Sinn, sich jeden Abend drei Pillen einzuwerfen. Deinem Körper wird schnell das Serotonin ausgehen, aber du wirst immer noch „draufkommen". Am Samstag bist du dann nur noch ein verplanter Haufen Elend mit furchterregenden Gesichtszuckungen. Such dir vielleicht zwei Nächte aus, an denen du MDMA nehmen willst und halte dich in den anderen Nächten an anderes Zeug. Oh, und Finger weg von Lachgas: Das ist was für Oberstufenschüler und die Art von Menschen, die auf das NASS-Festival gehen.

Wenn du Probleme hast, nach einer umtriebigen Nacht wieder einzuschlafen, dann solltest du dir wahrscheinlich etwas besorgen, das dir dabei behilflich sein könnte. Sei aber vorsichtig—die Dosierungen variieren wirklich stark von Pille zu Pille. Hau dir also nicht wie eine kürzlich Geschiedene eine Handvoll auf einmal rein.

Wasser


Foto: Katrin Ingwersen

Trinke es. Viel davon. Es wird dir dabei helfen, die ganzen Gifte loszuwerden, dafür sorgen, dass du nicht dehydrierst, und es ist umsonst. Was könnte besser sein? Stelle sicher, dass du eine volle Flasche in Reichweite hast, wenn du schlafen gehst. Das Erwachen mit diesem trockenen Festivalpappmaul ist einfach widerlich.

Wenn du Freunde hast, die „kein Wasser trinken" weil sie „den Geschmack nicht mögen", dann rate ihnen, umgehend ihren Geschmackshorizont zu erweitern oder einfach verdammt noch mal erwachsen zu werden.


Air BnB, Hotels, Jugendherbergen, ...


Foto: Katrin Ingwersen

Für jedes Festival, bei dem Camping nicht zwangsweise zur Festivalerfahrung gehört (also eigentlich jedes Festival, bei dem Campingplatz und Veranstaltungsgelände getrennt sind), ist es eine ernsthafte Überlegung wert, sich eine vernünftige Unterkunft zu suchen, die nicht zu weit vom Geschehen entfernt ist. Wenn man sich zu fünft eine Behausung teilt, kann das verdammt günstig werden, und man spart auch noch Geld damit, dass man zuhause sein eigenes Essen kochen und vorsaufen kann. Eine angemessene Unterkunft bietet ein angenehmes Umfeld, um zu duschen, Drogen zu nehmen und kacken zu gehen. Und das beste überhaupt—wenn es anfängt, wie aus Kübeln zu schütten, und ihr alle durchnässt seid, könnt ihr einfach nach Hause fahren, die Klamotten wechseln, ein Tässchen Tee trinken und euch dann nach Herbal Essences duftend zum Festivalgelände zurückbegeben.

Eine Warnung aber auch hier: Wenn es auch OK für gleichermaßen dreckige Leute ist, alle Hygieneprinzipien für ein Wochenende zugedröhntem Sex dranzugeben, ist es für jemanden, der jede Nacht zum Duschen und Rasieren nach Hause fährt, nicht mehr akzeptabel in das Zelt von irgendeinem Hippie zu gehen, um dort rumzuschnackseln. Wen du also auch immer aufgabelst, musst du mit zu dir nehmen und dann sicherstellen, dass die Person sich erst mal wäscht—auch wenn man sich dadurch wie eine Prostituierte fühlt.


Camping

Falls du dich für die Campingvariante entscheiden solltest, dann stelle sicher, dass du doppelt so viel Platz hast, wie du brauchst. Auf der Verpackung steht vier-Personen Zelt. Die Verpackung lügt.


Süße Spitznamen wie „Festies" „Glasto" und „Glasters" verwenden


Foto: Katrin Ingwersen

Nein, Nein und Nein.


Zerreiß den Time-Table


Foto: Katrin Ingwersen

Viele Menschen sind einfach derartig begeistert von den Unmengen an Bands, die man sich anschauen kann, dass sie sich selber kleine Stundenpläne schreiben, die sie immer mit sich in der Hosentasche rumschleppen und alle anderen damit terrorisieren, einen strikten Zeitplan einzuhalten. Mach das nicht: Du bist kein Lehrer in einem Museum, du bist jung, hip, groovy und in deinen Zwanzigern. Trag doch mal die Haare offen, Liebes!

Das eigentliche Geheimnis hinter Spaß lautet, ihn nicht durchzuplanen. Auf diese Weise vermeidest du nicht nur Enttäuschungen, sondern verbringst auch nicht die halbe Zeit damit, dich zu stressen, dass sich „Essenszeit" vielleicht mit „Bandzeit" überschneiden könnte. Ich sage jetzt nicht, dass du nicht grob planen darfst, wen du wann sehen willst, aber das heißt nicht automatisch, dass du einen minutiösen Zeitplan für 32 Bands inklusive Ruhepausen erstellen musst. Abgesehen davon sollte es nicht allzu schlimm sein, eine der Bands aus dem Tagesprogramm zu verpassen—die werden sowieso nächste Woche in einer beschissenen Bar vor hundert Leuten in deinem Kaff spielen.

Babypuder

Wenn du dir auch nur eine Sache aus diesem Artikel zu Herzen nimmst, dann lass es die hier sein. Gehe niemals, wirklich niemals, ohne Babypuder auf ein Festival. Es ist das Elixier der Träume, die einfache Lösung für fast jedes Festivalproblem. Dein Haar hat sich in einen fettigen Wollklumpen verwandelt, von dem deine Kopfhaut Ausschlag bekommt? Babypuder! Du kannst nicht mehr vernünftig laufen, weil du dir beim tagelangen rumrennen in deinen schweiß- und dreckverkrusteten Klamotten alles aufgescheuert hast? Babypuder! Dir ist die Kohle ausgegangen und du musst schnell ein bisschen Kohle damit verdienen, ein paar Schulabbrechern etwas „Koks" zu verkaufen? Babypuder!

Alles andere: Drogen, Unterkunft, sogar das Ticket, können wenn nötig an Ort und Stelle beschafft werden. Babypuder aber ist eine der essentiellsten Dinge von allen und du wirst es niemals vor Ort kaufen können.

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