Zum Leben zu wenig, zum Sterben zu viel – Eine andere Sicht zur Popfest-Debatte

Musikbranchenexperte Hannes Tschürtz von Ink Music hat eine Antwort auf den umstrittenen Text der Presse.

|
Juli 31 2017, 1:50pm

Fotos via VICE Media

Das eben zu Ende gegangene Popfest Wien hat vor allem im Vorfeld für Schlagzeilen gesorgt, weil sich rund um Thomas Kramars in der Presse publizierter Polemik gegen das Gratisfestival eine saftige Dikussion entsponn. Ich erlaube mir, unter diesem Eindruck einen kleinen Einblick in das Einmaleins der hiesigen Musikökonomie zu geben; denn die gezeichneten Bilder sind großteils mehr von Einseitigkeit und Ideologie geprägt, als von sachlicher Analyse.

Ein Gratisfest schafft genauso wenig Existenzsicherung wie Existenzgefährdung für einzelne Musiker – it is, what it is. Dass die Häufung von derlei Veranstaltungen in Wien eine "Gratiskultur" geschaffen hätte (Donauinselfest, Donaukanaltreiben, Gürtel Nightwalk, Electric Spring), mag ein subjektives Gefühl sein, dem sich genau solche Argumente entgegensetzen ließen, denen man wiederum genauso widersprechen kann (wie in der genannten Diskussion geschehen).

Es geht einem Förderer oberflächlich um das Zugänglichmachen von Kultur – ein Gedanke, der theoretisch auch hinter den immensen Förderungen in zweistelliger Millionenhöhe für Staatsoper, Burgtheater oder Salzburger Festspiele steckt. Hierüber ließe sich deutlich voluminöser und trefflicher streiten als über die ohnehin sträflich vernachlässigte Popmusikförderung. Der von der Stadt Wien zugesprochene Betrag (180.000 Euro) für diesen Event ist nicht nichts; er könnte (wie jede Förderung) auch anderswo gut eingesetzt werden, aber er ist im Vergleich immer noch eine Kleinigkeit.

Wenn sich Thomas Kramar letztlich nichts anderes als kulturinteressierteres, gescheiteres Publikum wünscht, das freiwillig (hohe) Eintritte für kulturelle Leistung zu zahlen bereit ist, würde er das mit Exklusivität und Reduktion noch viel weniger erreichen können als mit punktuellen Triggern, wie das Popfest durchaus einer sein kann. Dass es am Karlsplatz nach Jahren der Existenz einen Kirtagsfaktor gibt, der mit Kulturhochgenuss nicht recht viel gemein hat, ist nicht abzustreiten und liegt quasi in der Natur der Sache.

Hier greifen Angebot und Nachfrage durchaus sinnvoll in die Diskussion ein. Für eine Band, die in Wien imstande ist, Spielstätten wie das WUK oder die Arena zu befüllen, ist das Popfest etwa ökonomisch gesehen gar nicht attraktiv. Trotz von außen gesehen üppiger Förderung, sind die Gagen am Karlsplatz keineswegs handelsunüblich oder gar übertrieben hoch – im Gegenteil. Argumentiert wird mit jenen Bausteinen, die Kramar gegen das Fest ins Spiel bringt: Breitenwirksamkeit, Popularität, Aufmerksamkeit aus unbekannten Ecken. Das kann für eine neue, junge Band sehr wohl wertvoll sein. Das kann für eine etabliertere Künstlerin ein willkommener Grund sein, neues Material, neue Seiten, neue Produktionen zu präsentieren. Es muss aber nicht. Ein Konzert in Wien will für eine Band gut gesetzt und gekonnt inszeniert sein – it is, what it is.

Das Popfest beklagt bereits, dass viele der gewünschten Acts eben nicht (mehr) am Karlsplatz auftreten wollen – und ironischerweise ist es genau das, was die größte, wiewohl eher unabsichtliche Errungenschaft der Veranstaltung ist. Vor zehn, fünfzehn Jahren waren solche Clubs füllende Acts eine wahre Ausnahmeerscheinung. Im heurigen Frühjahr alleine haben etwa HVOB, Garish, 5/8erl in Ehr'n, Granada, Yasmo & die Klangkantine das zuwege gebracht (um nur die ersten, wenigen zu nennen, die mir spontan in den Sinn kommen). Vom Bilderbuch-Coup, dreimal die Open Air Arena zu füllen, rede ich da noch gar nicht.

Das Popfest hat dazu historisch gesehen einen kleinen, aber nicht unwichtigen Beitrag geleistet. Nicht, weil diese Bands am Popfest entdeckt und groß geworden wären – aber weil das Festival eine prosperierende, letztlich jedoch unter einer Glaskuppel gefangene Szene deutlich sichtbarer gemacht hat. Umgekehrt hat sich das ganz wesentlich auf das Selbstbewusstsein der Musiker ausgewirkt: Ja, wir können "groß"; ja, wir können ein Festival headlinen. Ja, wir dürfen auch einmal im Lichte jener Öffentlichkeit stehen, die uns ein Frequency Festival nicht so geboten hätte.

Um ein differenziertes Bild zu zeichnen, reicht das freilich nicht. Die skizzierte Wechselwirkung ist vorwiegend eine psychologische, aber umso bedeutendere, wenn man sich die dazugehörigen Zahlen zu Gemüte führt. Die Lage der Musiker und Musikwirtschafter hierzulande ist nach wie vor höchst prekär. Der Umstand eines populär gewordenen Gratisfestivals mag darüber ein bisschen hinwegtäuschen, aber mindestens 80 Prozent (und in Wahrheit wohl deutlich mehr) der heuer dort aufgetretenen Künstler sind bessere Hobbyisten. Selbst von den oben genannten Bands können weit nicht alle von ihrem Schaffen als Musiker leben – trotz gefühlt "großer" Erfolge. (Und um den Platz nicht überzubeanspruchen, werde ich mich in den nächsten Wochen bemühen, die Zeit zu finden, das näher zu beleuchten.)

Der ultimative "freie Markt", den die Kritiker so herbeisehnen, ist so dermaßen unterkritisch – kann sich also selbst nicht finanzieren – dass es ihn ohne Förderungsmodelle schlicht und ergreifend gar nicht geben könnte. Und ich meine hier explizit nicht das Popfest, sondern die gesamtheitliche Musiklandschaft damit.

Freilich kann ein sinnstiftendes Fördersystem nicht alle Künstler versorgen, die einmal im Jahr auf einer Popfest-Bühne stehen dürfen. Es muss vielmehr Möglichkeiten schaffen, die jeweils nächsten Karrierestufen erklimmen zu können. Eine Veranstaltung wie diese kann also (bestenfalls) Impulse geben. Der Österreichische Musikfonds etwa bewegt mit erschreckend niedrigen Mitteln vergleichsweise viel in diese Richtung. Ohne solche Unterstützung wäre die hiesige Landschaft gar nicht denkbar, wären auch heute "große" Acts nicht in dieser Zahl und Qualität entstanden.

Dennoch: Mit dem aktuellen System bewegt man sich maximal in der ominösen "zum Leben zu wenig und zum Sterben zu viel"-Zone. Und hier haben die Kritiker durchaus Recht: Für einen wirklich funktionierenden "Markt" braucht es neben eines großen Festes nämlich die kleinen Veranstalter und Lokale, die flucs, Flex und rhiz dieser Stadt, umso mehr. Sie füttern und nähren die Stadt das ganze Jahr über. Ich behaupte, sie profitieren in the long run auch vom Boom der hiesigen Szene – sie sind aber mindestens genauso daran "Schuld" wie das Popfest – eine nennenswerte Förderung erhalten sie aber dafür nicht.

Bei immer schwieriger und kompetitiver werdenden Rahmenbedingungen stellt man nicht nur damit schnell fest, wie fragil dieser "Boom" sein kann. Das Pflänzchen Pop made in Austria ist trotz aller positiver Signale der vergangenen Jahre ein sehr zartes. Es wäre an der Zeit, sein Potenzial besser auszuschöpfen, einen echten Stamm daraus zu bauen und damit einen wesentlichen Schritt in einen echten, besser funktionierenden Markt und Wettbewerb zu erreichen, den sich die Kritiker wünschen. Die Ironie ist: Das wird ohne ein deutliches Plus an klug eingesetzten Fördermitteln nicht gehen.

Hannes Tschürtz ist Gründer von Ink Music und Initiator des Lehrgangs Musikwirtschaft an der FH Kufstein. Dieser Beitrag wurde ursprünglich auf seinem Blog veröffentlicht.

**

Folgt Noisey bei Facebook, Instagram und Twitter.