Hypermerch gegen Hedonismus und Heten

Kann Merchandise mehr als Fantum anzeigen? Hypermerch beantwortet diese Frage mit einem sehr lauten Ja.

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03 Mai 2017, 1:21pm

Heute beginnen wir mit unseren Features zum Hyperreality Festival, das von 24. bis 27. Mai im Schloss Neugebäude stattfinden wird. Dafür haben wir unter anderem Gastautorinnen aus dem Hyperreality-Umfeld eingeladen, uns in die wichtigste Welt der heurigen Festival-Saison mitzunehmen. Wir beginnen unsere Reihe mit HYPERMERCH, ein Projekt der Wiener Festwochen im Rahmen von HYPERREALITY.

Kultur ist ein Palast, der aus Hundescheiße gebaut ist – das hat Berthold Brecht nach Ende des zweiten Weltkriegs festgestellt und in den letzten vier Jahrzehnten wurde auch zunehmend klarer, dass der Palast auf digitalem Treibsand steht.

Vorbei an dem Palast fließt der Mainstream, in dem Tocotronic zitierende Rechte beim Abendland-retten inkontinent werden und die Gaspuffn nicht nur zücken. In den Fluten tauchen aber auch Jungs, die Mädchen mit Bart sind, auf, gewinnen den Songkontest und sind für ein paar Monate Liebling einer Zeitung, deren Stil es sonst eher ist, Schriftstellerinnen für satirische Texte mit Vergewaltigungsaufrufen zu bestrafen.

Das ist der Mainstream, an dessen Ufer der Palast – ein inzwischen merklich schwankendes Haus der Lüge – steht.

"Hyperreality beschreibt ein Zusammenfallen von Realität mit einem Realitätskonstrukt."

Hyperreality ist ein Beben. Mensch spürt es bereits, stärker oder schwächer. Je nachdem, wie fein die individuellen Seismographen eingestellt sind. Wenn das Beben seinen Höhepunkt erreicht hat, bleibt kein Stein im Plast der Lüge auf dem anderen. Den Dachgeschoss-Ausbau könnt ihr vergessen.

Die aus historischen Lagen von Macht und Wissen gepressten Blöcke beginnen, sich zu verschieben. Einschlüsse und Faltungen werden sichtbar. Es bröckelt und bröselt an allen Ecken und Enden. Der Kitt aus Zuschreibungen und binären Kategorien hält nicht mehr. Die Beben haben in den letzten vier Jahrzehnten Neuland geschaffen.

Hyperreality ist ein Begriff, den der zwar nicht vergessene, aber aus dem Feuilleton verschwundene Philosoph Jean Baudrillard in die Konversationslexika der Jägerinnen des verlorenen Zeitgeists geschrieben hat, um die grundsätzliche philosophische Frage des Verhältnis von Sein und Schein für den digitalen Alltagsgebrauch zu adaptieren. Er hat darüber nachgedacht und geschrieben, wie Realität und geschaffene Abbilder, Zerrbilder, Überhöhungen von Realität sich beeinflussen, bis sie zur Hyperreality verschmelzen. Hyperreality beschreibt ein Zusammenfallen von Realität mit einem Realitätskonstrukt.

Für das Individuum bedeutet dies eine Chance auf Freiheit. Eine idealisierte, überhöhte, libidinös aufgeladene Identitätskonstruktion wird in einem nicht hierarchisch strukturierten digitalen oder realen Raum gelebt und hat Konsequenzen in dem, was wir mehr oder weniger übereinstimmend Realität nennen. Der erste reale Raum, auf den das zutrifft, sind Clubs, die kapitalistisch normierendes Regelwerk ausschließen anstatt zu überhöhen, das Utopie-Versprechen elektronischer Musik weitertragen.

"Selbst wenn zwischen mir und den anderen diversen Community-Mitgliedern tausende Kilometer, Despoten, Gotteskrieger, Abendlandretter und Kronenzeitungskolumnisten liegen, weiß ich, es gibt Leben jenseits von Normierung."

Das Wissen, dass ich nicht "the only gay in the village", das einzige widersprüchliche in keine Kategorie passende Wesen bin, macht mein Leben erträglicher. Selbst wenn zwischen mir und den anderen diversen Community-Mitgliedern tausende Kilometer, Despoten, Gotteskrieger, Abendlandretter und Kronenzeitungskolumnisten liegen, weiß ich, es gibt Leben jenseits von Normierung. Es erlaubt mir, näher zu der Idee zu kommen, die ich von mir habe, zu dem zu werden, was ich bin und zu leben, wie ich will. Wenn man all den Artists, die in den vier Tagen des Hyperreality Festivals eine Gemeinsamkeit unterstellen will, dann ist es, dass sie diesen Ansatz teilen und in ihre performative Praxis übernommen haben.

Mafia Boyz SA, Princess Nokia, Holly Herndon, Tomasa del Real und viele mehr zeigen wie rostig die Hundescheiße verklebte und eine von Kolonialismus, Rassismus Sexismus angetriebene Normierungsmaschine ist, und wie sie auf verschiedenste Weise umgangen oder hinter sich gelassen wurde.

Digitale Communitys und die fluktuierenden nomadischen Sozietäten, die wir in Clubs bilden sind zwei Eingänge des Hasenbaus, der in das freiheitversprechende Terrain der Hyperreality führt. Beides verhandeln Holly Herndon und Matt Dryhurst, die für ihren Auftritt bei Hyperreality eine neue Live Show erarbeitet haben.

"Nur weil etwas nicht ist, heißt das noch lang nicht, dass es nicht sein kann": hat Alice zu irgendeiner sich Autorität anmaßenden Figur in Lewis Carolls Wunderland gesagt. Das Fass, was diese Gedanken für Konsequenzen für binäre, ausschließende Realitätskonzepte haben können, kann jede/r für sich selbst öffnen.

Wir stellen uns in die Wurfbahn der brennenden Ölfässer, mit denen ein analoger Donkey Kong JR. namens Esther Straganz uns beim Hyperreality Musikfestival bombardieren wird. Merchandise gehört zu Festivals wie Uniformen zu PfadfinderInnen und Schwarzgeld zum Drogenhandel. Aber wie setzt mensch die Idee von Hyperrealität in Produkten und nicht Werken um?

Hypermerch wird zum Verkauf dargeboten – manche Artefakte auch nicht – beim Hyperreality Festival im Schloss Neugebäude. Hypermerch sind Produkte, die irritieren und die Fragen auf die Brust pinseln, ob mensch via Merchandise Subversion im Alltag tragen kann, das Festival ad Infinitum verlängern kann.

"Babys in Ramones- und Motörhead- Stramplern, Horden von österreichischen Jugendlichen mit Compton Caps und Beyonce im Feminist-T-Shirt sind kein leicht zu verdauender Anblick."

Kann Merchandise mehr als Fantum anzeigen? Kann er unsere Zugehörigkeit zu etwas jenseits eures Horizonts anzeigen, wie wir beim Kauf unseres ersten Slayer-/Nirvana-/Public Enemy-T- Shirts gehofft haben? Ich kann mich an eine Zeit erinnern, da konnte mensch mit T-Shirts noch wirklich gut seine Umgebung irritieren und ärgern.

Johnny Rottens vor Dreck und Nihilismus strotzendes Hakenkreuz T- Shirt war für mich der erste Impuls, Interesse zu entwickeln für die Aussagen, Meinungen, Subversionsversuche, Werbebotschaften, mehr oder weniger geglückter Versuche des Einheimsens von Bonuspunkten kulturellen Kapitals. Bonuspunkte, die Menschen sich, ihren Kindern und Hunden auf die Brust pflastern und mich manchmal erschaudern lassen. Babys in Ramones- und Motörhead- Stramplern, Horden von österreichischen Jugendlichen mit Compton Caps und Beyonce im Feminist-T-Shirt sind kein leicht zu verdauender Anblick, aber auch ganz spannendes Straßenkino, wer welche Geschichte schreibt, weiterschreibt, umschreibt oder sich aneignet.

Ich habe Freunde, die sich sehr über mein Swans Live 1981 T-Shirt mit der Aufschrift "Public Castration is a good idea" ärgern. Nicht, weil sie um ihren Penis bangen, sondern weil sie die Vermutung haben, es sei nicht offiziell lizensiert. Momente wie diese haben meine Hoffnung auf die Möglichkeit von Kleidung gewordener Subversions- und Irritationsgesten nicht sterben lassen. Folgendermaßen versuche ich das meiner Umwelt in die Augen zu reiben:

Zu 50 Prozent hülle ich mich völlig jroniefrei in Band-T-Shirts (die sollen ja auch von was leben). Zu 30 Prozent über das Tragen von teilweise recht hässlicher Protz-, Prahl- und Klunker-Designerware. Kleidung, die mit "Ich bin was besseres als ihr "Moderniesierungsverlierer"-Attitude imprägniert ist, obwohl sie von den gleichen Kindersklavenhänden gemacht wird wie das 1 Euro, 99 Cent-T-Shirt beim Diskonter, aber das 70 bis 100fache kostet.

Selbstverständlich kaufe ich sie mir nur um maximal 15,90 Euro online und das second hand, meistens etwas zu groß oder zu klein. Aber drauf geschissen – hauptsache billig und Prada. Ich glaube nicht wirklich an das Versprechen der Distinktion, ich hoffe Hochstapeln zu können, der Marke zu schaden und die Käuferschaft, die an die soziale Macht, das kulturelle Kapital der Fetzen glaubt, zu irritieren. Also Mitnaschen und Auskotzen in einem. Ich schmiere Barbecue Sauce auf was euch heilig ist, und zünde eine Kerze für Eric B & Rakim, 1987 am Cover ihres Paid in Full-Albums in Gucci-Anzügen made in Harlem, Meilensteine der Reappropriation.

Zu 20 Prozent besitze ich Kleidung mit satanistischen oder dekontextualisierten Symbolen.
Vor fünf Jahren habe ich meinem damaligen Mitbewohner, Michael Ho – an international Man of Mystery –, ein T-Shirt von den auch auf der Festwochen Hypermerch-Seite erwähnten African Apparel gestohlen.

Es ist ein simples Fan-T- Shirt mit dem Antlitz von Jimi Hendrix und darüber der Name Bob Marley. Graphisch so dezent gemacht, dass ich eine subtile Kritik der weißen hegemonialen Popkulturrezeption zu sehen glaube. Diese kritische Subtilität oder auch hinterfotzige Klugheit teilen die von Straganz für Partyreihe Bliss und jetzt für Hypermerch entworfenen Merchandise-Produkte.

Ein Beispiel ist die Coolio zitierende "U6 Gangsters Paradise"-Baseballkappe. Sie ist als Kommentar zum angeblichen Dealer-Problem entlang der U-Bahnlinie entstanden. In Wien funktioniert das Teil wie die Faust aufs Auge der Heute- und Österreich-LeserInnenschaft, ein Kleidungsstück auf das dich Leute tatsächlich ansprechen.

Frau "Hypermerch" Straganz und ich teilen eine Leidenschaft: Dokumentenfälschung aus moralisch ideologischen Gründen beziehungsweise eleganter formuliert und auch Straganz künstlerische Praxis beschreibend: Alterationen von Realität und Neukalkulationen von kulturellen Kapital.

Noisey: Photoshopgangster und Buchhalterin der Subversion, würdest du das als zwei der vielen möglichen Berufsbezeichnungen für dich akzeptieren?
Esther:Klar, obwohl ich Photoshop nicht mag und Buchhaltung auch nicht, aber in Kombi mit Gangster und Subversion geht sich bei mir fast alles aus.

Ich würde sagen, Merchandise ist etwas sehr Spezielles, entsprungen dem Nimbus von Fantum, kultureller Aneignung und Werbung. Wie siehst du das und warum hast du begonnen, dich für Merch zu interessieren?
Als Kind des Postkapitalismus ziehen mich Produkte und vor allem auch die Art, wie sie präsentiert und zum Kauf feilgeboten werden, magisch an. Merchstände sind idealerweise Wunderkammern der Weltvorstellung von MusikerInnen und ProduzentInnen. Für mich sind sie purer Ego-Fetisch, auch damit ich meine Gruppenzugehörigkeit triggern kann. Das läuft circa so: Ich geh zu einem Konzert schau mich um, um den Merch zu finden. Observiere. Konzert beginnt. Total begeistert (oder nicht) wie im Rausch steuere ich auf den Merch zu, um mir ein echtes Zeitdokument zu holen – ein "Ich war echt dabei".

Was ist für dich die Definition von Hypermerch? Wodurch unterscheidet er sich von den in den 90ern populären Shirt, die aus dem Nivea Schriftzug Naiv machten, aus Billa Labil und so weiter?
Inhaltlich beziehungsweise technisch ist es sehr ähnlich und ich würde sagen, es kommt beides aus dem großen Feld der Propaganda. Man nimmt ein Ereignis oder einen Begriff, der für alle (beschränkt sich auf einen Kulturkreis) im Wesentlichen etwas ähnliches darstellt zum Beispiel NIVEA und bleibt gestalterisch im Stil und verändert beziehungsweise verformt eine Kleinigkeit, die aber dadurch zu einer anderen Aussage führt - und erst durch die Veränderungen generiert man die Aufmerksamkeit und kann alles mögliche transportieren. Ein für mich wesentlicher Unterschied von Hypermerch zu den Beispielen aus den 90er Jahren ist, dass wir ziemlich explizit in unseren Aussagen sind (Black FAGS to rule us all) und diese im Kontext einer Community positionieren. Also wenn wir Nivea als Vorlage hätten, würde es im Kontext von Hypermerch wohl eher so aussehen: Eine blaue Dose mit weißen Schriftzug, im Stil von NIVEA, nur würde statt NIVEA "Nazi" drauf stehen - auf der Rückseite der Dose wäre dann noch ein Text über Rassismen, die von der FPÖ bedient werden. Das ist ein Hyper-Beispiel – lebt also nur in der Fantasie.

Achtest du darauf, was Menschen für Band-T-Shirts tragen? Überlegst du dir, wer aus welchem Kalkül sich in welche Kultur, Subkultur et cetera einschreiben will? Oder ist dir das alles wurscht?
Ja, für mich ist das schon ein Ding, was die Leute tragen, was auf ihren Klamotten steht. Obwohl ich glaube auch, dass es vielen echt total egal ist. Obwohl stimmt vielleicht auch nicht, wenn ich die U6 Gangstas-Paradise Cap auf habe, lachen schon viele oder gaffen mich arg an.

Levis war für mich immer der Gipfel des Nonsens-Marken-Dings. Die haben einfach nur ihren Namen gewichst und es hat funktioniert – jetzt ist das halt Supreme. Stilistisch fad, obwohl sie die Wildesten sein wollen. Da finde ich sogar Gucci und Versace noch unterhaltsamer.

Wie subtil dürfen oder müssen Symboliken, Codes und Zeichen sein, dass sie sich zum hijacken eignen und funktioniert das nur kontextspezifisch?
Es müssen generell aufgeladenen Zeichen sein, die im Diskurs eine Bedeutung haben. Ich finde, Tyler the Creator hat einen ziemlich guten Coup landet: Er hat das White Pride-Symbol genommen, mit Regenbogenfarben gefüllt und Golf Pride World Wide draus gemacht – reownen – dann ist das richtig laut und direkt in die Fratze des Rassismus.

Was ist das beste oder dekadenteste Merch, das du gerne besitzen würdest?
One Ring to Rule them All, eine Burschenschaft Hysteria-Seidenbettwäsche und
eine schwarze Jacht, wo groß B L I S S drauf steht.

Hier könnt ihr euch Tickets für das Hyperreality Festival kaufen, HYPERMERCH ist während des Festivals im Schloss Neugebäude erhältlich.

Credits:

HYPERMERCH by Esther Straganz

Eine Produktion der Wiener Festwochen

Photos by Naa Teki
Styling & Creative Direction: Hvala Ilija
Model: Florentin Kurz stellamodels.com
Model: Aya Sky

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