Alle Fotos von Tobias Raschbacher | Instagram: tobiasrschbchr 

Zwischen Jeff Mills, Ibiza und Familie – Adam Beyer im Interview

Kurz vor seiner Boiler Room-Show in Wien hat er sich Zeit genommen, um uns Rede und Antwort zu stehen und jetzt sind wir ein bisschen verliebt.

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Dez. 4 2017, 10:43am

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Familienvater, Ehemann, Labelchef und Technogott. Irgendwie ist er alles gleichzeitig und alles gleichermaßen erfolgreich. Mit 16 Jahren wurde er das erste Mal unter Vertrag genommen und seitdem ist eigentlich alles ziemlich steil bergauf gegangen. Er ist der Begründer des Labels Drumcode, das seit 21 Jahren ein Garant für ehrlichen und harten Techno ist, ohne dabei zu ernst und verkrampft zu wirken, denn hin und wieder schwingt die ein oder andere Note aus den Balearen mit. Er tourt das ganze Jahr um den gesamten Globus – seine Familie scheint er aber dennoch nie aus den Augen zu verlieren. Wir haben Adam Beyer zu einem seiner seltenen Interviews dieses Jahr getroffen, bevor er beim Boiler Room x Eristoff 'Into The Dark' in Wien aufgelegt hat. Dabei haben wir nicht nur über seine Musik und seine Karriere gesprochen, sondern auch einen Einblick auf den Mann hinter den Kulissen bekommen. Der Mann nämlich, der Vater von drei kleinen Töchtern ist und eine Ehe mit Ida Engberg führt.

Noisey: Du hast deinen zweiten Boiler Room gespielt, was waren deine Anforderungen an dieses Set?
Adam Beyer: Ich habe versucht, diesmal eine etwas andere Richtung einzuschlagen: Es war weniger massentauglich und kommerzialisiert, meine momentane Laune spiegelt sich darin wieder. Es war ein wenig dunkler – ich wollte wirklich echten, geradlinigen Underground-Techno spielen. Eigentlich spiel ich oft auch ein bisschen weicheren "Party-Techno", aber es ist dieses Mal einfach härter geworden.

Wie lang hast du dich auf den Gig vorbereitet und bist du zufrieden mit dem Set?
Die Vorbereitung hat im Laufe der letzten Wochen ein paar Stunden pro Tag in Anspruch genommen. Ob ich zufrieden bin? Ich weiß es nicht, ich glaube nicht. Es kommt drauf an, ich möchte immer, dass es perfekt ist und überlege die ganze Zeit, ob ich nicht doch eine andere Richtung hätte einschlagen sollen. Ich bin dieses Mal ein größeres Wagnis eingegangen, als sonst und ich glaube, dass ich das auch von Zeit zu Zeit tun muss. Ich spiele sehr oft sichere Sachen, bei denen ich weiß, dass sie funktionieren, das liegt auch natürlich an der gesamten Drumcode-Maschinerie. Ich liebe das auf der einen Seite natürlich auch, aber auf der anderen möchte ich mich selbst hin und wieder pushen.

Die Boiler Room-Events zeichnen sich ja auch unter anderem dadurch aus, dass man quasi inmitten der Crowd auflegt. Spielst du lieber in so einem Setting oder doch lieber mit irgendeiner Barriere zwischen dir und dem Publikum?
Da gibt es zwar Ausnahmen, aber pauschal gesagt, habe ich es doch lieber, wenn ich mein eigenes kleines Refugium habe, was mich von DJs unterscheidet, die sehr gerne Teil ihres Publikums sind. Ich habe nichts dagegen, wenn viele Leute im DJ-Booth sind, aber wenn die Leute wirklich direkt vor dir stehen und die ganze Zeit versuchen Augenkontakt mit dir herzustellen oder deinem Equipment so nahe kommen, dass sie es fast schon berühren, fällt es mir schwerer, mich auf meine Arbeit zu fokussieren.

Hast du irgendein Ritual oder eine Marotte, die du vor jedem Auftritt durchgehst?
Nein, nicht mehr. Früher habe ich gerne relativ viel getrunken, bevor ich aufgelegt habe, haha – ein bisschen volllaufen lassen halt, aber nach so vielen Jahren konzentriere ich mich einfach davor und verfalle dadurch in einen natürlichen Zustand. Ich hatte eine Zeit lang die Angewohnheit, meine Schuhe auszuziehen und ohne meine Schuhe zu spielen, wahrscheinlich um den Bass noch mehr zu spüren, das habe ich einige Zeit durchgezogen.

Du bist schon seit über 20 Jahren ein relevanter Teil des Techno, was würdest du sagen sind die größten Unterschiede zu heute?
Definitiv das Internet. Es hat dich mit dem gesamten Globus vernetzt und man hatte plötzlich Zugriff auf jegliche Information und all die neue Musik, die releast wurde. Als ich damals begonnen habe, mich für diesen Kosmos zu interessieren, haben wir mit einem Deutsch-Wörterbuch über Groove Magazine-Artikeln gesessen, die uns jemand aus Frankfurt mitgebracht hatte, nur um an ein kleines bisschen an Information über KünstlerInnen oder deren Musik zu gelangen. Wir waren besessen von Techno und anders ist man an Infos einfach nicht rangekommen. Es war eine neue Musikrichtung und man konnte jetzt nicht in die Bibliothek oder sonst irgendwo hin spazieren, um etwas darüber herauszufinden. Das hatte seinen ganz eigenen Charme, beispielsweise wie mystisch damalige Jeff Mills-Releases waren. Er hatte politische Aussagen auf seinen Platten, die mit seiner Musik verbunden waren und wir konnten das sehr nachempfinden, aber wir haben abgesehen davon nicht mehr gewusst. Die ganze Szene wurde sehr mystifiziert dadurch.

Jeff Mills war für dich ein wichtiger Einfluss auf deine Musik, gab es abgesehen davon noch andere größere Einflüsse?
Es gibt niemanden aus dem Techno-Genre, der nicht auf irgendeine Art und Weise durch Jeff Mills beeinflusst wurde, denn er hat im Prinzip die Blaupausen für alle unterschiedlichen Styles, die im Techno vorherrschen, geschaffen. Ich bin um die zweite Jahrtausendwende herum dann nach Ibiza und der damalige harte Techno hat so ein bisschen sein zwischenzeitliches Ende gefunden, der Markt war sehr übersaturiert. Genauso mit Drumcode: Wir haben das Label gestartet und andere Labels haben sehr ähnliche Sachen herausgebracht wie wir und dadurch ist es irgendwie ein bisschen langweilig geworden, um ehrlich zu sein.

Dann habe ich Richie Hawtin und Ricardo Villalobos kennengelernt. Die haben damals mit Minimal und mit House herumexperimentiert, das hat mich auch beeinflusst. Die Musik ist dadurch wieder spaßiger geworden, hat mehr Bounce bekommen. Sven Väth war genauso ein großer Einfluss für die 90er, der jedoch ein großer Gegenpart zu Jeff Mills war, denn Jeff war immer sehr ernst mit seiner Musik. Damit habe ich mich zwar mehr identifizieren können, aber ich habe auch geliebt, was Sven gemacht hat, denn er war immer der Partymeister, sehr offen, extrovertiert und ein Showman. Das hat vielen Leuten gezeigt, dass sie die Musik sehr unterschiedlich interpretieren können und wie sie sich damit identifizieren. Ich glaube, ich bin von all diesen großen DJs beeinflusst worden, die ja bis heute noch relevant sind. Auch von Carl Cox ein bisschen.

Der ja auch ein wenig weicher geworden ist.
Eine gewisse Zeit auf jeden Fall, aber er ist jetzt wieder dabei, ernsten Techno zu spielen, er hatte seine Phase, wo er House gespielt hat, die hatte aber jeder damals in den frühen 2000ern. Jeder durchgeht gewisse Phasen, ich weiß nicht, wie viele ich durchwandert habe im Laufe meiner Karriere. Es gibt natürlich Leute, die ihr ganzes Leben lang in einer Spur bleiben, ich lass mich jedoch gerne viel inspirieren und muss unterschiedliche Sachen ausprobieren.

Bist du selbst auch schon am Ende der musikalischen Entwicklung angekommen oder siehst du immer noch Raum für Verbesserung?
Ich hoffe nicht, ich würde mir wünschen, dass noch mehr in mir steckt. Ich habe dem leider nicht genug Raum gegeben in den letzten fünf bis zehn Jahren, aufgrund all der anderen Dinge, mit denen ich beschäftigt bin. Ich versuche mich nicht auf zu viele Sachen gleichzeitig zu konzentrieren, das funktioniert nicht. Sich um das Label zu kümmern, so viele Gigs zu spielen, dem Drumcode Radio viel Zeit zu schenken und vor allem ein DJ zu sein, hat einen gewissen Teil meiner Kreativität aufgeschoben.

Wird sich das denn ändern in nächster Zeit?
Ja, wir sind gerade nach Ibiza umgezogen und ich habe vor, mir dort ein Studio aufzubauen und mich wieder inspirieren zu lassen. Ich habe meine Musik immer komplett selbst gemacht, ich bin also jemand, der tatsächlich selbst produzieren kann, was in der heutigen Szene jetzt natürlich keine arge Rarität ist, aber es gibt genug Leute, die sich Musik ghostproducen lassen.

Das ist auch eine sehr weit verbreitete Annahme, dass jeder Produzent ein guter DJ sein muss und umgekehrt.
Ja das sind definitiv zwei grundverschiedene Dinge, wenn nicht sogar die direkten Gegenteile. Wenn man Musik produziert, kann man immer wieder darauf zurückgreifen und es bis in die Ewigkeit verändern, als DJ triffst du Entscheidungen im Moment, die du nicht mehr verändern kannst, sobald du sie mal umgesetzt hast.

Ist das nicht auch irgendwie der Fluch am Produzieren, weil es sich dadurch nie fertig anfühlt?
Das ist eine Fähigkeit, die man erlangen muss, dass man Projekte zu Ende bringt. Manche Leute haben da das Gespür dafür und manche eben nicht.

Hast du das Gespür dafür?
Nein, eher nicht. Ich tu mir auch damit schwer, Sachen fertigzustellen und ende oft in irgendwelchen wiederkehrenden Kreisläufen, obwohl ich eigentlich weiß, wie ich genau diesen Teufelskreisen entkomme.

Inwiefern beeinflusst denn deine Frau Ida Engberg deinen Workflow in der Musik und auch umgekehrt?
Wir kommunizieren natürlich miteinander, selbst, wenn wir gerade nicht miteinander spielen. Ich versuche, immer alles maximal zu optimieren und hin und wieder zeige ich ihr eine Selektion von den besten Sachen, die ich so zusammengetragen habe, da ich ja mit einer sehr irrsinnigen Menge an Musik konfrontiert werde. Genau das Aussuchen und das Finden von wirklich guter Musik war auch immer schon eine von Idas Stärken, deswegen frage ich sie sehr oft, was das angeht, vor allem, wenn ich etwas außerhalb meiner Comfort Zone mache. Wenn ich faul bin, frage ich sie manchmal, ob sie mir vielleicht ein kleines Paket an Musik für mich zusammenstellt, aber natürlich fragen und helfen wir uns.

Schafft ihr es dabei, die Arbeit vom Privaten zu trennen oder ist das eher ein Mix aus beidem?
Es ist eine Kombi aus beidem, normalerweise passiert das, wenn die Kids zuhause rumrennen und man so seinen normalen Alltag führt.

Und wenn du nun nach neuen KünsterInnen für dein Label suchst, wonach hältst du Ausschau, welche Faktoren spielen da eine Rolle?
Früher habe ich ausschließlich auf die Musik geachtet. Inzwischen achte ich aber auch immer mehr auf den Menschen hinter der Musik, da wir bei Drumcode sehr eng zusammenarbeiten und zusammen Shows spielen, deswegen muss schon eine angenehme Chemie vorherrschen. Ich will wissen, wie sehr sich diese Person der Musik widmet, wie viel Passion er dafür hat, ob er Pläne hat für seine Zukunft. Ich versuche, der Marktübersättigung entgegenzuarbeiten, obwohl ich manchmal selbst dafür beschuldigt werde.

Momentan fokussiere ich mich mehr darauf, mit den bestehenden Labelsignings enger zusammenzuarbeiten und ihnen mehr Shows zu ermöglichen. Drumcode ist für viele ein Sprungbrett in die Szene geworden, dadurch landet man sehr schnell auf den großen Bühnen. Wenn du weißt, was du zu tun hast, ist das eine garantierte Karriere. Es klopfen sehr viele Leute an die Tür und man hat sehr viele, schwierige Entscheidungen zu treffen. Oft kommen Leute mit ihrer Musik und sie klingt schon zu sehr nach etwas, dass ich gesignt habe. Das tut mir weh, weil ich gerne allen helfen würde, aber man braucht eben keine Kopien von schon bestehender Musik.

Wenn wir schon von großen Bühnen reden, Drumcode hostet sein erstes eigenes Festival im August 2018. Wie lange ist das schon in Planung?
Eigentlich noch gar nicht so lange, vielleicht seit diesem Sommer ungefähr. Die Idee dazu hatten wir schon für mehrere Jahre eigentlich und jetzt ist der richtige Zeitpunkt dafür.

Warum genau jetzt?
Ich glaub, wir sind uns alle sicher, dass es klappen wird und wir genug Erfahrung gesammelt haben, weil wir unter anderem sehr eng mit Junction und mit Awakenings zusammenarbeiten.

Was können wir von dem Festival erwarten?
Es wird fünf Stages geben, die alle einen leicht unterschiedlichen Style haben werden, unter anderem auch eine Truesoul Stage, die meisten KünstlerInnen kommen natürlich von Drumcode, es wird aber auch Extragäste geben, jedoch nicht zu viele und es werden so 15.000 Tickets verkauft.

Truesoul hat sein 100. Release erreicht und Truesoul unterscheidet sich schon stark von Drumcode. Wie wird es mit diesem eher experimentellen Label weitergehen?
Ehrlich gesagt, es gibt keinen großen Masterplan für Truesoul und genau das gefällt mir so gut daran, denn Drumcode ist viel diszipliniertere, präzise Arbeit. Es ist quasi mein kleines Baby, das ich in jedem Schritt mitverfolge und mit dem ich zu keinem Zeitpunkt jemals einen Fehler machen möchte. Truesoul ist entspannter, da passieren vielleicht mal kleine Fehler, da kann ich mich mehr ausprobieren. Dort landet auch die Musik, die mir gefällt, abseits des ganzen Drumcode-Settings.

Wenn du so viel gesendet bekommst, wie schafft man es überhaupt sich von der Masse abzugrenzen, um dich zu erreichen?
Ich höre mir offensichtlich nicht alles an, was ich zugesendet bekomme, das ist unmöglich. Normalerweise bekomme ich von mir bekannten Leuten gewisse Sachen in die Hand gedrückt, in letzter Zeit ist es jedoch anders verlaufen. Ich spiele Tracks von anderen, noch nicht ganz so bekannten Leuten, die mir persönlich gefallen, in meinen eigenen Sets und die melden sich dann bei mir und fragen mich, ob ich an einer Demo von ihren Songs interessiert wäre. Natürlich hören sich Kollegen von mir im Büro hin und wieder mal was von dem Zeug an, das man uns schickt, aber ich glaube auf diesem Wege haben wir noch nie Potential für ein Release ausfindig gemacht. Manchmal hat man Glück und manchmal eben auch nicht.

Du bist ja nicht nur glücklich verheiratet, sondern hast auch drei junge Töchter. Wie geht es denn den Kids so?
Denen geht’s gut, wir sind gerade in einer Umzugsphase seit circa einem halben Jahr, weil wir von Schweden nach Ibiza gezogen sind. Das war ein wirklich großer Wechsel für sie, verständlicherweise. Wir haben sie in eine englische Privatschule gesteckt, obwohl sie gar kein Englisch können und jetzt sprechen sie fließend Englisch, was sehr beeindruckend ist. Sie haben sogar angefangen, ein wenig Spanisch aufzugreifen, was auch nicht schlecht sein kann. Kinder sind wirklich etwas ganz Einzigartiges. Es wirkt auf jeden Fall so, als würden sie es lieben, es ist ein großartiger Ort, um seine Kinder großzuziehen. Ibiza hat eine Seite, die vielen nicht bekannt ist, die nicht für all das steht, für das Ibiza bekannt ist.

Abseits von dem ganzen Club- und Drogenkosmos, hat es auch eine ruhige Seite an sich. Sehr viele Freidenker, KünstlerInnen, Spirituelle, einfach gesagt es ist ein Schmelztiegel für Verrückte. Man lebt so ein bisschen in einer Blase, Ibiza ist nicht wirklich groß. Wir leben auf der eher ländlichen Seite, da sieht man eher Pferde als Raver. Durch seine bequeme Größe bist du aber trotzdem in 20 Minuten in der Stadt. Die Kids wachsen ganz normal auf, haben Freunde, ich habe erst letztens CDJs aufgebaut und es macht ihnen eine Menge Spaß daran herumzuspielen. Der neue Pioneer Sampler hat eine Menge flashige Lichter und Knöpfe, schaut ein bisschen aus wie ein EDM-Zirkus und das macht ihnen dann natürlich sehr viel Spaß daran rumzutüfteln.

Also entwickeln deine Kinder auch langsam schon Interesse für das Handwerk der Eltern?
Ja, sie sind alle musikbegeistert und recht kreativ schon für ihr Alter, unsere Älteste ist gerade mal sechs Jahre alt und beginnt so in Grundzügen zu verstehen, was die Eltern so machen. Sie lieben es alle zu zeichnen, Sachen zu bauen, generell zu erschaffen und wir unterstützen das und versuchen, sie weitestgehend von irgendwelchen Bildschirmen fernzuhalten.

Würdest du dir wünschen, dass ein Teil deiner Kinder in einem ähnlichen Beruf wie deinem oder dem deiner Frau landet?
Ich denke nicht auf diese Art und Weise. Ich habe sicher schon mal romantische Gedanken in diese Richtung gehabt, klar kann man versuchen, ihnen Dinge zu zeigen und sie zu inspirieren, aber letztendlich ist es einfach das Vertrauen in die eigenen Kinder, dass sie das machen, wofür sie sich interessieren. Es würde mich nicht wundern, wenn ein oder zwei in einem kreativen Beruf landen und wenn sie sich für so eine Richtung entscheiden würden, werde ich das natürlich unterstützen. Ich bin ein starker Verfechter davon, Kinder ihre Interessen selbst herausfinden zu lassen, anstatt sie in bestimmte Richtungen zu pushen.

Wenn eure Kinder älter werden, könnte es kompliziert werden, so viele Shows zu spielen. Was wird sich für dich und Ida dadurch ändern?
Ida spielt momentan eh nicht so viel, sie hat jetzt erst wieder damit angefangen, einmal im Monat aufzulegen, den Rest ist sie zuhause und wir versuchen das erst mal bis es nicht mehr geht. Ich habe jetzt schon angefangen, weniger als sonst aufzulegen, momentan sind es nur noch zwischen 75 und 90 Auftritte, verglichen zu den knapp 120 letztes Jahr. Das gibt mir die Möglichkeit, ein privates Leben zu erhalten und ein Vater zu sein.

Drumcode zählt zu einem der bekanntesten Labels, die der gestandene Techno vorzuweisen hat. Hast du dir vor 21 Jahren gedacht, als all das begonnen hat, dass du heute an diesem Punkt landen würdest?
Es war auf jeden Fall der Traum, den ich damals hatte und ich glaube auch daran, dass, wenn du einen Traum hast und du hart dafür arbeitest, dass du diesen auch umsetzen kannst. Es gibt keine Abkürzungen auf diesem Weg und man darf vor keiner Herausforderung zurückweichen, man muss es immer wollen. Hätte man mich damals gefragt, ob ich an den heutigen Punkt gelangen würde, weiß ich nicht, was ich geantwortet hätte. Wahrscheinlich "Ja", ich war ein vorlauter Scheißer, ich bin es immer noch, aber ja, ich habe meiner Mutter damals schon mit elf Jahren gesagt, ich würde DJ werden und auch erfolgreich damit sein.

Wo wird es mit Drumcode in der Zukunft hingehen?
Es ist ein nie aufhörender Denkprozess – das Letzte, was ich wollen würde, wäre es stagnieren zu lassen, sodass es sich nach dem "Zeug von gestern" anhört. Drumcode befindet sich nach wie vor in einer guten Position und das länger als viele andere Labels. Das erreicht man unter anderem dadurch, nicht zu sehr in der Vergangenheit zu verweilen oder es zu sehr zu reglementieren, nach dem Motto: "Techno hat so und so zu klingen und der Rest ist falsch", denn so hat Jeff Mills es gemacht. Ich habe damals ein paar große Entscheidungen getroffen, nicht so zu denken und das Label auch immer positiv zu betrachten, Ausschau zu halten nach neuen Talenten und auch den Mut zu haben, diese neuen Talente aufzunehmen und ihnen eine Bühne zu verschaffen. Und auch offen sein für neue Trends, diese zu verfolgen und Teile dessen mit der eigenen Formel zu vermischen.

Apropos Ausschau halten, gibt es irgendwelche Releases in nächster Zeit, die nicht aus dem eigenen Hause stammen, auf die du dich persönlich freust?
So wirklich gespannt auf ganze bestimmte Sachen warten, tue ich nicht, aber ich warte immer darauf, dass guter Techno erscheint. Dennoch ich habe irgendwie das Gefühl, es würde etwas fehlen, ein ganz bestimmter Style, den ich vermisse.

Welcher Style wäre das denn?
Ich denke, da ist eine Lücke, zwischen dem ganzen Berghain-lastigen Techno und dem was wir so machen.

Wird die Ära Adam Beyer jemals sein Ende finden?
Das ist schwer zu sagen, ich bin schon so lange um den gesamten Globus unterwegs. Da ich jetzt drei Kinder habe, ist das natürlich nicht mehr so einfach und ich versuche, mal einen Gang runterzuschalten, aber ich glaube, ich habe mindestens noch zehn gute Jahre in mir. Vorausgesetzt es würde plötzlich mit dem Label schlecht laufen und ich würde schlechte Entscheidungen treffen und meine Inspiration verlieren, würde das Ganze vielleicht schnell ein Ende finden, aber hoffen wir einfach mal, dass das nicht eintrifft.

Adam Beyer scheint selbst nach über 20 Jahren im Business nicht einen Funken an Energie verloren zu haben und liebt Techno heute immer noch genauso sehr wie damals mit 16 Jahren, als er bei Planet Rhythm gearbeitet hat. Wer noch nicht die Chance hatte ihn live zu hören, sollte das möglichst bald ändern, wo und wann das möglich ist, kannst du hier nachschauen. Eines ist klar, abschreiben sollte man Adam Beyer noch lange nicht und ein bisschen mehr bewundern wir ihn nach unserem Gespräch auch.

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