Sind Frauen schuld am Verfall der musikalischen Qualität?

Festivals, Awards und Förderstellen behaupten oft: Sie können nicht gezielt mehr Frauen fördern, weil darunter die Qualität leide. Ein Kommentar von Sarah E. Müller von Cruise Ship Misery.

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März 7 2018, 11:15pm

Foto: zvg

Heute ist Weltfrauentag. Noisey überlässt aus diesem Anlass Frauen aus der Musik- und Nightlife-Szene das Wort. Sarah Elena Müller ist freischaffende Autorin und Teil des Mundart-Pop-Duos Cruise Ship Misery.

Festivals wollen sich nicht zu einer Frauenquote verpflichten, weil die befürchten, schlechtere Bands buchen zu müssen. Dieses Schreckgespenst der sinkenden Qualität, mit dem strukturelle Veränderungen in der Kulturszene oft abgewehrt werden, ist meiner Meinung nach ein zynisches Konstrukt. Die Diskussion um die Geschlechterfrage wird umgemünzt in eine Diskussion um die Qualität des Produkts. Ein Produkt, das angeblich ganz losgelöst von den Musiker*innen ein für sich stehendes Dasein führt und von den Veranstalter*innen, den Verkaufszahlen oder den Fördergremien objektiv bewertet wird.

*"Also wenn wir bei uns am Jazzfestival eine Frauenquote einführen würden, könnten wir rein qualitativ einfach nicht auf demselben Niveau weiterfahren. Wir müssen das auch gar nicht ausprobieren, denn wir wissen es bereits. Wir wissen immer schon im vornherein, was sich bewähren wird. Würden wir sonst an dieser hohen Stelle sitzen? Wenn man sich erstmal auf unser Qualitätsniveau hochgekämpft hat, will man einfach nicht mehr runter. Die Aussicht ist fast so schön wie auf dem Jungfraujoch. Aber eben, steiler Aufstieg, teures Ticket, beschränkte Platzzahl und so weiter. Würde schliesslich auch niemand verlangen, das Jungfraujochs abzusenken, da würden ja die Preise in den Keller sausen."



Das Problem der ungleichen Verteilung wird an Alibitagungen zwischen den Organisationen, Förderstellen, Musikschulen, Eltern und Gleichstellungsbeauftragten umhergeschoben. Die sogenannten Hardline-Feministinnen werden gar nicht erst zur Debatte eingeladen, da sie mit ihren extremen Meinungen angeblich einen konstruktiven Dialog verhindern. Das Argument der sinkenden Qualität ist eine dreiste Hypothese, mit der bestehende Machtverhältnisse gestärkt, Experimente im Keim erstickt und Diskussionen vom Kern des Problems abgelenkt werden. Denn wenn sich niemand für die angeblich mindere Qualität einer egalitär organisierten Musikszene einsetzen will, wird sie sich kaum von selbst am Schopf aus dem Sumpf reissen.

"Also wir vom Musikpreis können schliesslich auch nichts an den Verkaufszahlen ändern. Was gekauft wird, wird gekauft. Wenn die Musik gar nicht erst auf dem Markt landet, weil sie keine Livepräsenz und kein Budget für Produktion zugesprochen bekommt, dann liegt das nun wirklich nicht an uns. Und wie würden wir dastehen, wenn wir plötzlich irgendwelche LoFi-Produktionen einbeziehen würden? Die man womöglich noch bei den Herstellerinnen selbst auf selbstgebrannter CD bestellen muss? Das passt doch marketingtechnisch überhaupt nicht ins Konzept! Zudem wäre es doch unfair gegenüber denen, die Musik auf einem hohen Qualitätsniveau produzieren."



Ungenügende Livepräsenz ist ein Argument gegen das Sprechen öffentlicher Fördergelder. Kein Fördergeld kann ein Grund sein, keinen Tonträger/keine Tour zu realisieren. Keinen Tonträger/keine Tour zu machen, kann ein Grund sein, den Mut zu verlieren, sich nicht weiterzuentwickeln, sich nicht zu vernetzen. Und somit auch niemals auf den Radar all jener zu gelangen, die das hohe Qualitätsniveau sichern.

"Also wir vom Kulturdepartement brauchen keine nationale Studie, die offenlegt, wie es mit der Geschlechterverteilung der bei staatlichen Förderstellen eingehenden Fördergesuche aussieht. Schon gar nicht brauchen wir Zahlen, denen zu entnehmen wäre, ob und welche Unterschiede in den Budgets der eingereichten Projekte bestehen. Selbstbewusstsein muss sich halt jede(r) selbst herausnehmen! Zudem haben wir ja eine Verpflichtung gegenüber den Steuerzahlenden. Wir müssen das Qualitätsniveau wahren, sonst wird das Volk schnell unruhig. Das Volk weiss zwar nicht, was Qualität ist, aber sie wirkt ausgleichend auf das vegetative Nervensystem – wie bei Milchkühen die klassische Musik."

Wir sollten alle Gruppen zur Diskussion einladen, die sich mit Gender-Equality befassen. Denn gerade jene, die sich nicht erst seit den letzten Swiss Music Awards mit feministischen Inhalten befassen, verfügen über Archive mit Musikerinnen, Studien, Zahlen und vernetzen sich jenseits von Verkaufszahlen und Festivals, die trotz intensiven Bemühungen einfach keine weiblich besetzten Jazzbands finden können. Es gilt aber auch, die Wut auszuhalten, die aufkommt, wenn Zahlen, Fakten und (Achtung!) Emotionen in die Debatte eingebracht werden. Nur so kann verhindert werden, dass die altbekannten Instanzen mit altbekannten Qualitätsargumenten Veränderungsanstösse unterbinden.

"Nun, wo liegt das Problem der Musikerinnen und Kulturproduzentinnen? Es steht doch wirklich allen offen, an der spätkapitalistischen Vereinzelung teilzuhaben. Ellbogen raus und ran an den Speck! Und in der helvetischen Verschwiegenheit lässt sich wunderbar allein im Stübli für das eigene Wohl kämpfen. Wir brauchen nicht einmal vor die Tür zu gehen, denn wir sehen dank der guten Aussicht vom Qualitätsniveau aus sogar in die Zukunft. Und offenlegen brauchen wir auch nichts. Wir wissen ganz intuitiv: Qualität ist nun mal keine Frage des Geschlechts."

*Diese Aussagen sind frei erfunden und stellen die Argumentation der Qualitätsminderung überspitzt dar.


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