Oomph! am Greenfield Festival. Foto: Greenfield Festival/Darwin Hansen

Rock ist tot: Warum Gitarrenmusik zur Nische geworden ist

Müssen wir akzeptieren, dass wir vor dem Grab von Rock, Metal und Punk stehen? Wenn nur noch Ü40-Bands als Headliner am Greenfield spielen, ist es vielleicht tatsächlich soweit.

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Juni 21 2018, 11:30am

Oomph! am Greenfield Festival. Foto: Greenfield Festival/Darwin Hansen

Wenn du auf dem Greenfield Festival im bernischen Interlaken durch das Tor in den Mittelaltermarkt trittst, fühlt es sich an wie eine Zeitreise: Wachen in Landsknecht-Outfits begrüssen dich, ein Spanferkel dreht am Drehspiess und am Lagerfeuer kannst du Flöten und Lauten lauschen. Die Schausteller inszenieren mit Sorgfalt etwas längst Vergangenes. Nostalgie spielt sich am grössten Schweizer Festival für harte Gitarrenmusik aber nicht nur im Mikrokosmos Mittelaltermarkt ab.

Das Line-up der diesjährigen Ausgabe des Greenfield ist einmal mehr eine Erinnerung an vergangene Zeiten: Limp Bizkit, The Prodigy, The Offspring, Rise Against und Bullet For My Valentine hätten in dieser Zusammenstellung auch schon vor 10 Jahren Festivals headlinen können – oder sogar vor 20 Jahren. Für regelmässige Besucher des Greenfield ist das Recycling von Bands aber längst kein neues Phänomen mehr. Alle oben genannten Acts ausser Limp Bizkit haben schon vor zwei Jahren in Interlaken gespielt. Diverse andere Bands standen in 13 Jahren Greenfield Festival bis zu fünfmal auf der Bühne.

Stören die ständigen Wiederholungen das Publikum? Als ich mich auf dem Festivalgelände umhöre, sind die Reaktionen gemischt. "Um neue Bands zu entdecken, gehst du nicht ans Greenfield – du gehst für die Stimmung", erklärt mir etwa Diana, 25, die bereits zum fünften Mal nach Interlaken gepilgert ist. Ihr Freund Alex ergänzt: "Ich fände es aber schon geil, wenn mal ein Newcomer wie Zeal & Ardor zu einer guten Zeiten auf der Hauptbühne spielen würde." Auf der anderen Seite gibt es aber durchaus Leute, die sich an mittlerweile in die Jahre gekommenen Punk-, Pagan-Metal- und Industrial-Bands erfreuen können: "Ich habe The Prodigy sicher schon sechsmal gesehen. Sie gehen aber immer noch gut ab", sagt Simon, 27, der auch schon zum fünften Mal da ist. Und auch die jüngere Generation fühlt sich auf dem Greenfield zu Hause. "Limp Bizkit war der Hammer! Dass die schon lange dabei sind, stört mich nicht. Die sind halt legendär", sagt Simone, die mit 20 Jahren zum zweiten Mal auf dem Festival ist.

Das Publikum kann auch altbekannte Bands feiern. Foto: Greenfield Festival/Nicolas Burri

Ich frage bei Stephan Thanscheidt, dem Booker des Greenfield, nach einer Erklärung für die immergleichen Headliner: Einen Hauptgrund sieht er vor allem im Musik-Streaming: "Das Albumkonzept gibt es nicht mehr wirklich. Der Einzelsong steht im Fokus. Und das nächste grosse Ding ist immer nur einen Klick entfernt. Das hat Loyalitäten und Bandaufbau schwieriger gemacht." So gebe es immer noch viele Rockbands und viele, die nachrücken würden. "Aber es gibt wenige, die in die erste Liga durchmarschieren", sagt er. Dieses Bild zeichne sich für ihn seit zehn Jahren.

Wenn sich keine Superstars mehr durchsetzen können, heisst das auch: Rock, Punk und Metal sind einfach nicht mehr in Mode. Das zeigt sich deutlich bei einem Blick auf die Streaming-Plattformen: "RapCaviar", Spotifys HipHop-Flagship-Playlist, zählt fast zehn Millionen Follower, "mint" (elektronische Musik) fünf Millionen, "Rock This" ist mit etwas mehr als vier Millionen Followern die grösste Gitarrenmusik-Playlist. Keine Metal-, Punk- oder Indie-Rock-Playlist kommt über eine Million Follower. Gitarrenmusik ist sogar so irrelevant geworden, dass die Vergabe des Rock-Grammys nicht mehr übertragen wird. Oder schauen wir das m4music an: Der einzige Act mit Verstärkern, der dieses Jahr auf der Mainstage des Zürcher Showcase-Festivals Platz fand, war Zeal & Ardor. Während die Halle aber bei Trettmann aus den Nähten platzte und die Schlange zu Yung Hurn zu keinem Zeitpunkt kleiner wurde, musste sich der Metal-Act der Stunde mit einer halbvollen Halle abgeben – und das zur besten Zeit.


Zeal & Ardor antwortet auf eure YouTube-Kommentare:


Gleichzeitig verschwindet Gitarrenmusik auch immer mehr aus den Radiowellen: Aktuell lässt sich mit Nickelbacks "Song On Fire" ein Song in den Schweizer Top 100 Airplay-Charts finden, den man zur Rockmusik zählen könnte – und das auch nur mit blutendem Herzen. "Aktuell haben wir keine härtere Gitarrenmusik bei uns in der Playlist. Höchstens alte Perlen aus besseren Zeiten. Rock ist nicht mehr das Top-Genre", sagt Dino Giglio, Head of Music beim Radiosender Planet 105, zu Noisey.

Manuel Gagneux, Frontmann von Zeal & Ardor, erklärt sich diesen Shift damit, dass Gitarrenmusik mittlerweile 'klassisch' sei und deshalb nicht mehr für die Rebellion der Jugendkultur stehe. Und die macht nun mal auch den Mainstream aus: "Heute ist die harte Musik Trap. Wie die Jungs da abgehen, ist nicht unähnlich wie auf einer Punk- oder Metal-Show." Greenfield-Booker Stephan Thanscheidt glaubt aber auch, dass der mediale Hype, den HipHop gerade erlebt, in fünf Jahren wieder Rockmusik treffen könnte. "Es ist nichts im freien Fall", sagt er.

Seit 1983 im Fall: Der Anteil Rocksongs in den amerikanischen Charts | Foto: Screenshot thedataface.com

Vielleicht befindet sich Gitarrenmusik nicht im freien Fall, aber der Sinkflug ist klar zu erkennen. Nicht nur in der medialen Resonanz, die Rockbands haben, sondern auch in den knallharten Verkaufszahlen: In den vergangenen zehn Jahren hat Gitarrenmusik laut Daten des Marktforschungsinstituts GfK, die Noisey vorliegen, fünf Prozent Marktanteil in der Schweiz verloren. So machten Metal, Rock und Punk 2017 noch etwas mehr als zehn Prozent an allen Musikverkäufen aus. Schaut man weiter zurück, sieht der Trend noch gravierender aus: Laut einer Analyse des kalifornischen Data-Storytelling-Unternehmens The Data Face der amerikanischen Billboard-Charts ist der Anteil an Rocksongs in den Top 100 von 60 Prozent im Jahr 1983 auf 0.8 Prozent im Jahr 2015, bzw. 1.4 Prozent im Jahr 2016, gefallen.

Dies hat auch zu dem Missstand geführt, dass sich keine neuen Bands mehr durchsetzen können. Zuletzt waren es Imagine Dragons, die 2012 mit ihrem Debüt Night Visions den Durchbruch in die Schweizer Jahres-Album-Charts geschafft haben. Obendrein ist auch nicht unumstritten, ob die Amerikaner überhaupt eine Rockband sind. Die einzigen zwei nennenswerten, weltweiten Durchbrüche im selben Zeitraum sind die von Volbeat (2013 mit Outlaw Gentlemen and Shady Ladies) und den Black Keys (2012 mit El Camino). Seitdem sind die einzigen Gitarren-Acts, die sich noch in den Charts behaupten können, alteingesessene wie Die Toten Hosen, Metallica, Queens of the Stone Age oder Linkin Park.

Volbeat-Frontmann Poulsen, auch schon 43 Jahre alt. Foto: Greenfield/Nicolas Burri

Greenfield-Booker Stephan Thanscheidt nennt Volbeat auch als eine der wenigen Ausnahme-Bands. Die dänischen Metaler waren in den vergangenen zehn Jahren die einzige aufkommende Band, die sich zum Headliner mausern konnte. Zwei Jahre nach ihrem Debüt-Auftritt auf dem Greenfield standen Volbeat 2011 zum ersten Mal als Headliner auf dem Plakat. Aber: Ihre diesjährige Show war schon die vierte auf dem Greenfield.

Dass es neue Bands mit härterer Gitarrenmusik immer schwerer haben, zeigt sich jedoch nicht nur bei internationalen Stars. Auch für Schweizer Acts ist der Musikmarkt ein hartes Pflaster geworden. Die St. Galler Bluesband Velvet Two Stripes, die 2012 von 20 Minuten als "coolste Band der Schweiz" bezeichnet wurde, war in den vergangenen Monaten auf der Suche nach einem Label für ihr nächstes Album – mit wenig Erfolg. "Überall, wo wir uns vorgestellt haben, hiess es: 'Finden wir geil, wird aber kommerziell nicht funktionieren. Deswegen müssen wir absagen'", sagt Sängerin Sophie Diggelmann zu Noisey. Auch das Zürcher Punk-Duo Todesdisko musste sich für seine aktuelle EP Todestape II eine ernüchternde Absage abholen. Und das obwohl "Ertränke" eine gelungene Nummer ist und Todesdisko recht bescheidene Ansprüche hatten: "Wir haben von SRF Virus die Antwort bekommen, dass sie 'leider keine Möglichkeit sehen', einen Song von der EP in ihre Playlist zu nehmen", sagt Sänger Manuel Kellerhals gegenüber Noisey. Eine Freundin, die dort arbeitet, habe ihm dann gesagt, dass es leider kein Format mehr für seine Musik gebe, Gitarrenmusik werde sowieso immer mehr aus dem Programm gedrängt. Michael Schuler, Leiter Fachredaktion Musik, bestätigt auf Anfrage von Noisey, dass SRF Virus seit knapp 10 Jahren keine separaten 'Gitarren/Punk/Metal'-Sendungen mehr im Programm hätte:"Virus präsentiert im Programm aber Songs aus verschiedenen Stilrichtungen – dazu gehört auch Gitarrenmusik."

Wer die Alles-Ist-Gut-Scheuklappen ablegt, muss sich eingestehen, dass Rockmusik im Mainstream keine grosse Rolle mehr spielt. "Wer nostalgisch ist und immer an klassischer Gitarrenmusik festhält, wird wohl enttäuscht", findet auch Manuel von Zeal & Ardor. Für ihn sei die einzige Lösung Innovation: "Wenn Rockmusik sich noch einmal durchsetzen wird, dann in einer anderen Form." Die Basler Band scheint mit ihrer einzigartigen Mischung aus Blues und Metal gerade selbst den Beweis dafür zu liefern: Mit ihrem zweiten Album steht sie aktuell auf Platz zwei der Schweizer Albumcharts. Ein Hoffnungsschimmer. Bis die Aufbruchsstimmung aber die gesamte Szene gepackt hat, müssen sich Künstler und Fans damit abfinden, dass sie nicht mehr die populären Kids auf dem Musik-Schulhof sind. "Für uns ist das OK. Deswegen pushen wir auch unsere Aussenseiter-Rolle mehr, anstatt uns zu verstellen", sagt Manuel von Todesdisko. Er merke auch, dass sich durch die subkulturelle Ausrichtung viel loyalere Fans um die Band versammeln.

Natürlich kann ein Musikstil auch in einer Nische florieren. "Je mehr die Popularität von Rockmusik sinkt, desto mehr zieht sie Verrückte und Sonderlinge an – diejenigen, die etwas zu beweisen, aber nichts zu verlieren haben", analysiert mein Noisey-Kollege Dan Ozzi in einem Kommentar zum Tod der Gitarrenmusik. So könne auch das Verschwinden der klassischen Rockstar-Karriere Platz für wahre Visionäre schaffen, die Unnachahmliches kreieren. Nicht nur für Geld, sondern um der Kunst willen.


Klassiker: Unsere Doku über harte Gitarren im Irak:


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