Fluch oder Segen? Wie Social Media die Psyche von Musikern beeinflussen kann

Wir haben mit Psychologen, einer Musikmanagerin und einem Musiker gesprochen, wie sehr Künstler unter Social Media leiden können.

von Eoin Murray; illustriert von Joel Benjamin
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18 Oktober 2017, 12:05pm

Bonez MC ist jemand, der uns täglich an seinem turbulenten Leben als Kopf der zurzeit erfolgreichsten Rap-Crew Deutschlands teilhaben lässt. Dank seiner Instagram-Storys waren wir schon in zahllosen Festival-Backstages und hörten im Studio in neue Songs rein. Dazu immer ein gutgelaunter Bonez, der mit tiefer Stimme sein Leben feierte. Doch diese Woche überraschte er dann mit einer langen Textnachricht, in der er die Schattenseite des Social Media-Rummels sprach: "Mit jeder Story schenkt man ein Teil seiner Seele, weil man süchtig ist nach Aufmerksamkeit!!" Über die Vor- und Nachteile davon, ständig online zu sein, haben sich auch unsere Kollegen aus der Londoner Redaktion beschäftigt und dafür mit Psychologen, einer Musikmanagerin und William Doyle von East India Youth gesprochen.

Screenshot via Instagram von @bonez187ers

2015 nahm sich William Doyle während einer hektischen Tour einen Moment, um etwas durchs Internet zu scrollen. Zwei erfolgreiche Alben und eine Nominierung für den renommierten Mercury-Preis als East India Youth hatten Doyles Karriere durchstarten lassen. Mit diesem Erfolg wuchs aber auch der Druck – vor allem im Internet. "Ich habe so viele Erinnerungen daran, wie ich mir direkt nach Konzerten im Internet die Reaktionen angeschaut habe", erzählt er. "Je bekannter ich wurde, desto mehr Follower hatte ich bei Twitter – und damit stieg auch der Druck, besonders sorgsam damit umzugehen. Es war ein Teufelskreis: Mehr Follower bekommen, mehr Tweets posten, noch mehr Follower für noch lustigere Tweets bekommen. Ich verstehe einfach nicht, wie das produktiv sein soll. Ich hatte das Gefühl, mehr zu tweeten, als Musik zu machen."

Für jedes Joyce-sche Stück Twitter-Poesie, das uns Cher beschert, entpuppen sich die sozialen Medien für viele als eine Art verkehrter Realität, in der Musiker das Ziel von einer Flut persönlicher bis hin zu geradeheraus böswilliger Kommentare sind. Dieser Effekt verstärkt sich oft, wenn sich besagte Künstler als Frau oder Trans identifizieren oder dort, wo sie leben, zu einer ethnischen Minderheit gehören. Das trifft natürlich nicht nur Musiker. Eine aktuelle Studie des Pew Research Centers zeigt, dass etwa vier von zehn US-Amerikanern schon einmal im Internet belästigt wurden. Aber während der Rest von uns einfach die Feeds Feeds sein lassen kann, wenn es zu unangenehm wird, machen die heutigen Anforderungen und Erwartungen es vielen Künstlern schwerer bis unmöglich, einfach den Stecker zu ziehen.


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Wenn du dazu noch die große Zahl der Follower und den Druck bedenkst, sie pausenlos zu unterhalten, wird schnell klar, dass das immensen psychischen Stress bedeuten kann. Doyle beschreibt es so: "Es ist ein unglaublicher Druck, den du dir da neben deinem eigentlichen Künstlerdasein aufhalst. Dieses Gefühl, ständig Bestätigung zu brauchen, war schädlich für mich. Ich musste mich eine Weile davon lösen, weil es Panik- und Angstzustände bei mir auslöste. In diesem Geschäft gib es einiges, was dich ausbrennen lassen kann. Social Media war für mich auf jeden Fall eins davon."

Dr. Arthur Cassidy, ein Psychologe, der sich auf Prominente und soziale Medien spezialisiert hat, erklärt mir, dass die beinahe unablässige Aufmerksamkeit im Internet die Fähigkeit hat, die mentale Gesundheit eines Menschen auf sehr negative Art und Weise zu beeinflussen. "In sozialen Netzwerken gibt es eine ständige Nachfrage nach Prominenten", sagt er. "Durch das ständige Bemühen, anderen zu gefallen, entstehen soziopsychologische Probleme. Das kann einen extrem auszehren. Wenn ständig in alle Bereiche der Privatsphäre eingedrungen wird, wird es schwer, die Kontrolle über das eigene Leben zu bewahren oder abseits der Bühne überhaupt mal 'normal' zu sein. Es kann sehr frustrierend sein, wenn du ein normales Leben leben willst, dein Leben aber überhaupt nicht normal ist."

Wenn du in einem Bereich arbeitest, der dich für öffentliche Diskussionen – oder sogar Spott – angreifbar macht, dann lernst du auch, dich gegen Kritik abzuhärten – egal, ob sie von Journalisten kommt oder von Menschen, die sich hinter einem anonymen Hunde- oder Cartoon-Avatar verstecken. Es ist dabei aber wichtig, eine Grenze zwischen Kritik und reiner Bosheit zu ziehen. Künstler wie Kehlani, Normani Kordei von Fifth Harmony und vor Kurzem Win Butler von Arcade Fire haben sich bei Twitter abgemeldet. Als Grund gaben sie oftmals den dort herrschenden hasserfüllten Umgangston an. Kanye West und Sinead O'Connor wurden aufgrund ihrer psychischen Probleme zum Ziel des Gespötts. Das hat nichts mehr mit konstruktiver Kritik zu tun. Es ist reines Arschlochverhalten.

"Social Media erlaubt es Fans, eine authentische Verbindung zu Künstlern zu fühlen. Das erschafft eine stärkere psychische Bindung und das Gefühl einer wie auch immer gearteten Beziehung", sagt die kalifornische Medienpsychologin Dr. Pamela Rutledge. "Es vermittelt Nähe. Allerdings macht diese Nähe auch negative Bemerkungen und Belästigungen verletzender." Jeder, der schon einmal darauf gewartet, dass sein oder ihr Schwarm in der Liste von Followern auftaucht, die die neuste verwackelte Instagram-Story gesehen haben, weiß, wie der Bestätigungsdrang Züge einer Abhängigkeit annehmen kann. Wenn diese Bestätigung ausbleibt, kann das unbegründete Gefühle von Einsamkeit oder Unzulänglichkeit hervorrufen.

Dr. Rutledge sagt: "Menschen, die sich auf eine Bühne stellen, sind besonders anfällig für soziale Bestätigung. Die Liebe und Bewunderung des Publikums führt dazu, dass Endorphine und Oxytocin im Belohnungszentrum des Gehirns ausgeschüttet werden. Social Media erlaubt es diesen Menschen mit dem Publikum auch nach dem Auftritt in Kontakt zu bleiben. Weil diese Technologien noch relativ neu sind, müssen Menschen erst noch lernen, die gleichen Grenzen aufzubauen, die sie auch offline haben. Kein Künstler würde auf die Idee kommen, Fans zu jeder Tag- und Nachtzeit in sein Wohnzimmer zu lassen. Das haben sie aber noch nicht auf Social Media übertragen. Jeder braucht eine Gelegenheit, sein privates Selbst und nicht ständig 'on' zu sein." Es ist schon komisch, dass wir uns kaum damit beschäftigt haben, wie Social Media die Menschen beeinflussen kann, die sich mit so viel Einfluss darauf bewegen. Häufig reißen Technologieskeptiker die Diskussion an sich, die nur in den Apps die Schuldigen sehen. Das Problem reicht aber wesentlich tiefer.

Es muss eigentlich nicht extra erwähnt werden, dass bei weiblichen, nicht-weißen und LGBTQ-Musikern, die online ihre Arbeit promoten oder bloß dort existieren, ein noch ganz anderer Druck oder verabscheuungswürdige Faktoren mit reinspielen. Wie Dr. Rutledge sagt: "Wie vielen männlichen Performern wird sexuelle Gewalt angedroht? Es wäre ein absoluter Fehlschluss zu sagen, dass Musikerinnen anfälliger für Angstzustände sind, wenn sie gleichzeitig viel häuiger bedroht werden und unschöne Bemerkungen über ihr Aussehen bekommen als ihre männlichen Kollegen. Zeig mir, dass derartige Belästigungen gleichmäßig auf alle Geschlechter verteilt stattfinden, und wir können über unterschiedliche Reaktionsformen sprechen."

Dementsprechend lassen sich auch keine allgemeingültigen Statements bezüglich Social Media und geistiger Gesundheit abgeben. Kein Mensch – Musiker oder nicht – erlebt das Internet gleich. Wenn Studien über soziale Medien zeigen, dass 62 Prozent der befragten User angeben, dass diese Seiten ihnen das Gefühl geben, unzulänglich zu sein, und 71 Prozent der Teilnehmer einer Umfrage unter britischen Musiker angeben, unter Angststörungen und Panikattacken zu leiden, ist das durchaus Grund zur Sorge. Aber um eins klarzustellen: Ich ziehe hier keine Kausalbeziehung zwischen Social Media und den psychischen Problemen von Musikern. Wir erreichen mit diesen Apps allerdings einen Sättigungspunkt, der es verdient, genauer betrachtet zu werden – insbesondere, was Künstler und ihre geistige Gesundheit angeht.

Natürlich geht es vielen Musikern gut und sie entgegnen den negativen Kommentaren ein Lachen und einen erhobenen Mittelfinger – und das allein ist schon ein Zeichen von großer Stärke. Juliette Carter – eine Managerin die für Künstler wie R'n'B-Sänger Dawn Richard und Ethereal gearbeitet hat – sagt: "Sich die gleiche Freiheit zur Meinungsäußerung herausnehmen wie die Angreifer ist die beste Verteidigung. Laut zu werden, für sich und seine Fans einzustehen, ist die mächtigste Waffe gegen solche Angriffe. Als Managerin arbeite ich mit meinen Künstlern darin, ihre Plattformen als Räume der Akzeptanz und sicheren Raum für diejenigen zu verwenden, die wie sie im Fadenkreuz gelandet sind. Wenn man in einem anonymen und von Konsequenz befreiten Umfeld angegriffen wird, kann man sich extrem einsam fühlen." Sie weist darauf hin, dass "eine Art Entkoppelung stattfinden kann, wenn Künstler über Social Media das Bild vermitteln, ein luxuriöses und sorgenfreies Leben zu leben" – das "Dein Leben ist doch super, hör auf zu jammern!"-Argument des digitalen Zeitalters. "Für Außenstehende ist die Verletzlichkeit schwer zu verstehen, die damit einhergeht, sich selbst und sein Leben dermaßen der Öffentlichkeit preiszugeben."

Auch wenn es noch einigen Handlungsbedarf von offizieller Seite braucht, scheint das Thema – zumindest in Großbritannien – in letzter Zeit zunehmend zum Handeln motiviert zu haben. Es herrscht ein größeres Bewusstsein für psychische Leiden und auch das Stigma, das solche Probleme umgibt, ist deutlich schwächer geworden. Wohltätigkeitsorganisationen wie Help Musicians UK und die Wishart Group des Passion-Pit-Frontmanns Michael Angelakos bemühen sich darum, ein besseres, sichereres und gesünderes Umfeld für Musiker zu schaffen.

William Doyle hat derweil sein East India Youth Projekt auf Eis gelegt und arbeitet an einem neuen Album. Aber wie wird er mit dem endlosen Kreislauf aus Online-Promotion und Social-Media-Aufmerksamkeit umgehen, wenn es wieder so weit ist? "Ich darf mich einfach nicht mehr von diesem Prozess einspinnen lassen. Anstatt meine Zeit damit zu verschwenden, mich um die Reaktionen jedes Einzelnen zu kümmern, kann ich meine Zeit auch effektiver nutzen, um mehr Musik zu machen. Sprich mich doch einfach nach der Show an – das dürfte wesentlich hilfreicher sein."

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