Fotos von Marcel Wurzer und Philipp Horak

Was uns Frauen der österreichischen Musikbranche zu sagen haben

"Erst vor Kurzem habe ich eine Jobanfrage-Rundmail für SängerInnen bekommen – mit dem ausdrücklichen Wunsch, dass die Sängerinnen attraktiv sein sollten."

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März 8 2018, 12:27pm

Fotos von Marcel Wurzer und Philipp Horak

Im Rahmen des 8. März, dem Weltfrauentag, sind wir dem Aufruf des Frauennetzwerk Medien gefolgt und verwenden an diesem Tag das generische Femininum.

Heute ist Weltfrauentag, falls ihr es noch nicht mitbekommen habt. An diesem Tag feiern wir Frauen die Rechte, die wir haben, und kämpfen für die Gleichberechtigung, die uns noch fehlt. Aber wie sieht es bei uns in Österreich aus? Es gibt immer noch welche, die meinen, wir wären eh längst gleichberechtigt. Frauen in Österreich haben immerhin das Wahlrecht, ein Recht auf Bildung, und früher gab es in Kinos oder Clubs sogenannte "Ladies Nights" (die wurden ja wegen der Gleichberechtigung wieder verboten). Ach ja, und seit 2012 werden wir sogar in unserer Bundeshymne erwähnt!

Bullshit! Es ist 2018, aber es gibt noch immer genügend Dinge, für die wir kämpfen müssen. Auch in der österreichischen Musikszene sieht es schlecht aus – wenn frau sich beispielsweise den Frauenanteil bei den heurigen Amadeus Music Awards anschaut. Der Durchschnittswert liegt bei 23 Prozent, bei einigen Rubriken sogar bei null Prozent.

Nicht ohne Grund entstehen Initiativen wie Music.Women.Austria – eine Plattform zur Vernetzung, Stärkung und Sichtbarmachung von Musikerinnen in Österreich. Zu ihren regelmäßigen Roundtables werden verschiedenste Musikerinnen zur Diskussion eingeladen. Allerdings landen sie am Ende immer beim selben Thema: Sexismus. Es wird über Diskriminierung und sexuelle Belästigung gesprochen, wodurch dann auch und die unvorstellbarsten Geschichten ans Licht kommen.

Wir wollten genauer wissen, wie es in der österreichischen Musikbranche aussieht und haben unterschiedliche Frauen gefragt, wie ihre Sicht der Dinge ist.

Helene Griesslehner, Jazz-Sängerin, Gesangspädagogin und Betreiberin von Women.Music.Austria

Foto von Elsa Okazaki

Noisey: Wie geht es dir als Frau in deiner Branche? Gibt es etwas zu kritisieren?
Helene: Die niedrige Sichtbarkeit, geringe Vernetzung unter Frauen und auch zwischen Entscheidungsträgern, wie Veranstaltern, Labelchefs oder Radiomachern, und Musikerinnen hat Zarah Lii – eine Komponistin – dazu bewogen, die Initiative Music.Women.Austria 2016 ins Leben zu rufen. Ich betreue die Initiative mit ihr. Im Austausch mit anderen Musikerinnen höre ich immer wieder schockierende Erlebnisse.

Welche denn?
Zum Beispiel habe ich gehört, dass ein Label sagte, dass sie schon genug weibliche Acts haben oder dass Frauen geringere Gagen verlangen sollten, weil sie eh weniger verdienen müssen. Erst vor Kurzem habe ich eine Jobanfrage-Rundmail für SängerInnen bekommen – mit dem ausdrücklichen Wunsch, dass die Sängerinnen attraktiv sein sollten.

Was kann die Musikindustrie für Frauen besser machen?
Ich finde, es sollte bereits an den Ausbildungsstätten, Musikschulen sowie Unis eine diversere Bildsprache und Darstellung von Vorbildern geben. Bereits im Kleinkindalter könnte man mit der Bildsprache einiges bewirken. Wenn man zum Beispiel in Büchern Schlagzeugerinnen, Bassistinnen, Tubistinnen und Sänger abbildet.

Es fehlt definitiv an weiblichen Entscheidungsträgerinnen in anderen Sektoren, in Labels und Radiostationen zum Beispiel. Eine drastische Erhöhung der Quote für heimische Musikerinnen in öffentlich-rechtlichen Radios wäre auch ein Schritt in die richtige Richtung.

Wie stehst du zum Weltfrauentag generell?
Der Weltfrauentag erinnert an die Frauen, die am Anfang des 20. Jahrhunderts das Wahlrecht mit viel Engagement und Feuer eingefordert haben. Der Tag ist immer wieder Anstoß, um über Ungleichgewicht nachzudenken und Kritik noch lauter zu äußern.

Soulcat E-Phife, Rapperin und DJ

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Foto von Philipp Horak

Noisey: Du bist ja Rapperin und es ist doch eine sehr männlich dominierte Szene. Wurdest du schon mal wegen deinem Geschlecht benachteiligt?
Soulcat:
Ich bin mir sicher, dass man diese Frage als Mann nicht sehr oft bekommt…wenn überhaupt! Aber ich werde die Frage trotzdem beantworten: Nein, ich fühle mich ganz und gar nicht benachteiligt als Frau. Wenn ich mich in der Branche manchmal benachteiligt fühle, dann liegt das wohl eher an meinem Standort als an meinem Geschlecht. Hier in Österreich oder auch in Deutschland wird Deutschrap einfach klar bevorzugt - das ist normal und auch logisch.

Kannst du die Kritik von deinen Kolleginnen nachvollziehen?
Ob männliche Artists wirklich stärker bevorzugt werden als weibliche, kann ich leider nicht sagen, da ich ja in einem Frauen-positiven Netzwerk arbeite. Ich denke aber eher, dass das Problem darin liegt, dass der Pool an Artists, die hohe musikalische Qualität abliefern, oft einen höheren Männer- als Frauenanteil hat. Das ist aber von Genre zu Genre anders. Warum das so ist, versuchen viele damit zu erklären, dass Männer durch die größere Konkurrenz unter höherem Leistungsdruck stehen, gleichzeitig die "Latte" auch höher liegt oder aber, dass Frauen weniger von der Technik verstehen würden, die nötig ist, um zum Beispiel als DJ oder Musikerin erfolgreich zu sein. Ersteres empfinde ich als wahr – zweiteres ist ein kompletter Blödsinn.

Wieso ist es Blödsinn?
Nicht nur, dass sich immer mehr Frauen sich für technische Berufe wie Tontechnik oder Musikproduktion entscheiden und darin brillieren, es werden auch ihren männlichen Kollegen nicht unbedingt technische Meisterleistungen abverlangt, um Mainstreamerfolg zu erlangen. Wer am Mainstream weniger interessiert ist, für den gilt nach wie vor, dass extreme Skills zwar dazu beitragen, schneller von seiner Fanbase entdeckt zu werden, jedoch alleinig nicht unbedingt immer den Erfolg liefern, den man sich verspricht. Networking is key.

Warum kritisieren dann so viele Frauen die Musikbranche?
Das viel Kritik von Frauen an der Musikbranche zu hören ist, kommt denke ich aus zwei verschiedenen Gründen. Entweder, sie haben eben irgendwo in ihren Vorgehensweisen oder im Team Schwächen und sollten versuchen, diese in Stärken umzuwandeln, oder man befindet sich einfach in einem sehr männerdominierten Genre. In beiden Fällen ist es nötig, seine Reichweite und Position durch harte Arbeit, Investitionen, Promotion oder erhöhte Zusammenarbeit mit Peers/Kollegen oder genderspezifischen Gruppen oder Medien zu stärken.

Sollen Künstlerinnen für Feminismus einstehen?
Wegen einer Vorbildwirkung sollte man sich in jedem Falle oft am Riemen reißen, es bringt jedoch nichts, nur Lippenbekenntnisse zu machen. Wer klar hinter dem Konzept und der Tatsache steht, dass es nötig ist, die gesellschaftliche Sichtweise auf das Frausein zu verbessern, der soll das auch machen.

Wenn man sich als Frau nicht damit identifizieren kann, dass man ein vollwertiges Mitglied der Gesellschaft sein sollte – mit den selben Freiheiten und Pflichten, die auch ein Mann hat –, dann läuft bei einem im Kopf zwar klar was schief und das ist ernst zu nehmen, aber dann sollte man auch nicht für Aufmerksamkeit behaupten, dass man da dahinter steht. Oder aber die Menschen mit Dreck bewerfen, die solch eine Unabhängigkeit für sich oder andere beanspruchen.

Antonia Haslinger, Klassische Gitarristin

Foto von Marcel Wurzer

"Womit ich und andere weibliche Gitarristinnen aber schon öfter konfrontiert wurden, ist die Behauptung, dass der Erfolg von Frauen vor allem von ihrem Aussehen abhänge."

Noisey: Wie geht es dir als Frau in deiner Branche? Fühlst du dich benachteiligt?
Antonia: Ich würde mich nicht als benachteiligt bezeichnen. Womit ich und andere weibliche Gitarristinnen aber schon öfter konfrontiert wurden, ist die Behauptung, dass der Erfolg von Frauen vor allem von ihrem Aussehen abhänge. Frauen werden immer wieder auf ihr Äußeres reduziert und das nicht nur von Männern. Nur durch Schönheit wird man im Bereich der klassischen Musik nicht berühmt. Wenn man schon über die Vorteile von gutaussehenden Musikern spricht, dann sollten auch Männer in diesen Topf genommen werden.

Wie stehst du zum Weltfrauentag?
Generell bin ich kein Fan von Valentins-, Weltkatzen- oder Was-Auch-Immer-Tagen. Einmal im Jahr ein gewisses Thema zu beachten, ist für mich sehr oberflächlich und bedeutet nicht viel. Diese Tage schaffen zwar Aufmerksamkeit – im Fall der Frauentages für feministische Themen – aber diese greifen sehr viel tiefer und betreffen unseren Alltag das ganze Jahr. Wenn man etwas zum Besseren ändern will, muss man öfter als nur einmal im Jahr propagieren.

Sollten Musikerinnen feministisch sein oder sich für Feminismus einsetzen?
Ich bin nicht für eine radikale Form des Feminismus. Meiner Meinung nach ist es nicht die Aufgabe einer Musikerin, sich für Frauenbewegungen einzusetzen. Primär steht für mich als Musikerin die Musik an erster Stelle. Wenn eine berühmte Frau mit großem Einfluss Lust hat, sich für Frauen einzusetzen, kann sie dies gerne tun, aber ich würde nicht sagen, dass es als Pflicht zu sehen ist.

Du sagst du bist gegen eine radikale Form des Feminismus – was willst du damit genau sagen?
Ich bin nicht dafür, dass man Frauen durch besondere Erwähnung hervorhebt, denn gerade damit schließt man sie wieder aus. Gleichberechtigung bedeutet nicht, dass wir Frauen unser Geschlecht hervorheben, sondern es geht darum, denselben Stellenwert wie ein Mann zu haben. Das ist es, was mich an dieser Debatte insgesamt sehr stört – dass wir noch immer darum kämpfen müssen, dass Frauen gleich behandelt werden wie Männer. Meiner Meinung nach sollte das selbstverständlich sein.

Soia, Sängerin

Foto von Maxwell Odero

Noisey: Wie geht es dir als Frau in deiner Branche?
Soia: Ich fühle mich nicht aktiv benachteiligt, nur manchmal aufgrund meines Geschlechts für ziemlich dumm gehalten. Ein Beispiel: Ich frage auf Facebook, ob mir jemand bei einer Technical-Rider-Übersetzung helfen kann und ein Kollege beschreibt mir daraufhin ganz banal, was ein Rider ist. Kann auch unterhaltsam sein. Schade finde ich, dass in vielen Feldern der Musikwirtschaft noch immer wenige Frauen zu finden sind.

"Frauen sind es gewohnt zu hustlen, und deshalb sind sie sehr adaptiv und voller Ressourcen."

Was kann Österreich konkret besser für Frauen in der Musikindustrie machen?
Ich bin eine Freundin der Quote. Bevorzugt behandelt zu werden, um grobem Ungleichgewicht entgegenzutreten, heißt nicht, dass uns Frauen die Qualifikation fehlt. Vielleicht müssen wir auch einfach Erfahrung aufholen. Frauen sind es gewohnt zu hustlen, und deshalb sind sie sehr adaptiv und voller Ressourcen – damit kann man so einiges aufholen.

Ist Österreich vielleicht nicht das Land für musikalische Frauen?
Österreich ist immer hinten nach, beschweren will ich mich aber nicht. Ich habe in Österreich mit ganz tollen Menschen zusammengearbeitet – und auch mit Männern –, die in Ihrem Wirkungsbereich für Ausgeglichenheit sorgen. Freuen würde mich, wenn es vermehrt Fördermaßnahmen für Mädchen und Frauen im Bereich Production und Sound Engineering gäbe.

Wie stehst du zum Weltfrauentag generell?
Jeder Tag ist Weltfrauentag.

Pia Gärtner, Musikjournalistin

Foto von Martyna Trepczyk

Noisey: Wie geht es dir als Frau in deiner Branche? Fühlst du dich benachteiligt?
Pia: In meinem nahen (musik-)redaktionellen Umfeld sind Frauen eigentlich nicht unterrepräsentiert, da siehts anscheinend schon besser aus als im Business generell. Trotzdem ist die Musikbranche eine männerdominierte Branche, und egal, in welchem Kontext man sich als Frau mit Musik beschäftigt, das bekommt man zu spüren. Ich glaube fast, zu keinem anderen Thema ist mir öfter etwas gemansplained worden – von Kollegen, in Interviewsituationen, aber auch einfach von anderen Fans.

Was fällt dir speziell als Journalistin auf?
Geht es darum, über die Musik von Frauen zu schreiben oder sie zu interviewen, wird oft eine Frau damit beauftragt. Irgendwie wird angenommen, wir hätten uns dadurch, dass wir uns zum gleichen Geschlecht zählen, schon viel zu sagen. Das reproduziert Trennungen, weil die Arbeit von Musikerinnen dann dem vermeintlichen Genre "weibliche Musik" zugeordnet wird. Es sollte nicht von "female rock" die Rede sein, wenn es einfach nur Rock ist, der von Frauen gespielt wird. Darüber können Frauen schreiben und Männer genauso. Diese Zuordnungen müssen noch mehr aufgebrochen werden.

Was kann die Musikindustrie für Frauen besser machen?
Besonders jungen Mädchen sollte schon früh vermittelt werden, dass Musik nicht nur Männersache ist. Safe spaces wie Workshops finde ich super, weil man sich ausprobieren kann, ohne Angst vor Abwertung haben zu müssen. Quoten sind natürlich auch wichtig, denn damit das Geschlecht irgendwann keine Rolle mehr spielt, muss man zuerst besonders auf Ausgewogenheit achten. Darüber hinaus können alle an ihrer emotionalen Intelligenz arbeiten. Wir sollten uns alle, besonders uns Frauen, pushen, gegenseitig feiern und das Konkurrenzdenken ablegen.

Wie stehst du zum Weltfrauentag generell?
Ich halte es mit dem Weltfrauentag wie mit meinem Geburtstag: Sollte jeden Tag sein. Also, so ein Tag, an dem Bilanz gezogen wird und alle Aufmerksamkeit dem Thema gilt, ist gut und wichtig, solange er nicht dazu missbraucht wird, uns noch mehr gegenderten Scheiß zu verkaufen. Die vergangenen Monate haben sich außerdem sehr stark nach Weltfrauen-Monaten angefühlt. Gut, wenn sich so eine Energie nicht auf einen einzigen Tag im Jahr beschränkt.

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