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Wie ein Georg Danzer-Text aus den 80ern die heutige Gesellschaft perfekt darstellt

Wie traurig ist es, wenn dieser Liedtext aus 1982 auch heute noch gilt?

Benji Agostini

Benji Agostini

Artwork: Samantha Tobisch

Wenn wir wollen, dass Österreich ein besserer Ort wird, sollten wir mehr Georg Danzer hören. Er war einer der großen österreichischen Liedermacher. Vor allem in den 70ern spielte sich Danzer mit Songs wie "Jö Schau" und "Hupf in Gatsch" zu einer der wichtigsten Figuren der modernen, österreichischen Musikgeschichte hoch. Völlig zurecht. Wir brauchen wieder mehr Zeilen wie: "Jö schau, so a Sau. Jössasna, wos mocht a Nockata im Hawelka?" Gesellschaftskritik in scheißlustigen Texten zu verpacken, konnte Danzer wie kein Zweiter. Gemeinsam mit Rainhard Fendrich und Wolfgang Ambros bildete er in den 90ern die Austria 3, eine Supergroup, die heute noch ihresgleichen sucht. 2007 ist Danzer dann an Lungenkrebs gestorben.

Seinem Album Jetzt oder Nie aus dem Jahr 1982 fehlen zwar die großen Hits, mit dem Song "Die Bürgerwehr" hat Danzer allerdings ein Thema angesprochen, das auch 34 Jahre später noch aktuell ist: Bürgerwehren, die von "besorgten Bürgern" zum Selbstschutz ins Leben gerufen werden. Aber hört euch erstmal den Song an:

Der Text dazu:

Ich hab nix geg'n lange Haare
Nur gepflegt müssen sie sein
Ich hab nix geg'n junge Leute
Wenn sie folgsam sind und rein

Aber diese Hausbesetzer
und die liberalen Schwätzer
kennen keinen Anstand mehr

Die Bürgerwehr muss wieder her
sonst gibt's bald keine Ordnung mehr
Die Bürgerwehr muss wieder her
dann ist der Bürger wieder wer

Da marschier'n sie für den Frieden
und sind gegen das Atom
sie sind aufgehusst und deppert
doch sie schwimmen geg'n den Strom

Nieder mit dem ganzen G'sindel
stellt's einfach alle an die Wand
die zerfetzen unsre Werte
die verspotten unser Vaterland

Weit ist es gekommen in unseren Landen
gesundes Empfinden ist nicht mehr vorhanden
bald stehn Ruinen wo Banken einst standen
es wüten in Straßen verkommene Banden

Sie missachten die Gesetze
dieser Staat ist leider viel zu mild
sie gefährden Arbeitsplätze
Aber – Gottseidank – wir sind im Bild

Anarchisten und Chaoten
bald gibt's wieder einen Toten
der behindert den Verkehr
die Bürgerwehr muss wieder her

Danzer singt aus der Sicht der besorgten Bürger, die sich über die "Hausbesetzer" und "liberale Schwätzer" echauffieren, weil die ihre "Werte zerfetzen" und "das Vaterland verspotten". Um gegen die von den Anarchisten verursachte Unordnung anzukämpfen, brauche man eben wieder eine Bürgerwehr. So wie Anfang 2016, nach den Übergriffen am Kölner Bahnhof, in mehreren österreichischen Städten kurzlebige Bürgerwehren gebildet wurden. Ende Juli ließ die Bürgerwehr Wiener Neustadt mit ihrer Rechtschreibschwäche noch kurz von sich hören, doch auch die verschwand wieder recht schnell. Die Diskussion um den Selbstschutz der Bürger wurde aber beispielsweise von der Kronen Zeitung immer noch am Leben gehalten.

Geht man weiter in Danzers Song stößt man auf die Zeile "Nieder mit dem G'sindel, stellt's einfach an die Wand". Sie erinnert an den hetzerischen Ton, der derzeit in den sozialen Medien herrscht. Täter "An die Wand" stellen würde auch beispielsweise der Gründer des "Steirischen Bürger Vereins" Werner Klambauer. Der Blog "Antifaschistische Recherche Graz" hatte Klambauer hier ausführlich portraitiert. Ihm werden dort Verbindungen zur PEGIDA und der rechtsextremen "Partei des Volkes" nachgewiesen.

Danzer spricht in seinem Text vorher noch von den "Gegnern des Atoms" und meint damit die Abstimmung über die Betriebnahme des AKW Zwentendorf, die mit 50,47 Prozent der Wähler abelehnt wurde. Wir wissen, was bei einem solchen Ergebnis heutzutage passieren würde. Gegen das AKW sprachen sich übrigens damals die ÖVP und FPÖ aus. Bruno Kreisky initiierte die Volksabstimmung, weil er eben befürchtete, im Parlament keine Zustimmung zu bekommen.

Oliver Rathkolb, Universitätsprofessor für Zeitgeschichte an der Uni Wien, erklärt mir, es handle sich bei Danzers Lied um einen Protestsong gegen autoritäre Trends und gegen Jugend-, Umwelt-, Demokratiebewegungen. Damit meint er, dass die besorgten Bürger – aus deren Sicht der Song ja spielt – gegen solche Bewegungen sind, aber autoriäre Trends gutheißen. Danzer überzeichnet mit seinem Protestsong eine Meinung, die in der Mitte der Gesellschaft angekommen ist. Die Bürger wollten mehr Autokratie und weniger Hippies. Hier gebe es durchaus auch Umfragen aus 1978, die das belegen, sagt Rathkolb im Noisey-Interview.

Damals war rechtes Gedankengut nicht nur FPÖ-Wähler/innen nahe. "Es waren auch autoritäre Neigungen bei Wähler/innen der SPÖ an erster Stelle bei jenen Themen zu finden, die einen Hang zur Konvention, zum Irrationalismus signalisierten sowie latentes Aggressionspotential gegen Randgruppen und Minderheiten beinhalteten, wobei die SPÖ-Kernwähler/innen sich hier sogar noch vor den FPÖ-Anhänger/innen outeten." (siehe Ratholbs Buch Die paradoxe Republik: Österreich 1945 bis 2015) Das knappe Ergebnis der letztens Präsidentschaftswahl zeigt, dass auch heute viele der gemäßigten Wähler/innen mit einem rechten Bundespräsidenten einverstanden wären.

Solche Kommentare findet man auf der Seite des "Steirischen Bürger Vereins". Screenshot via Facebook

Zurück zu Danzers Atomgegnern. Sieht man sich die Bilder der Proteste gegen das Kraftwerk an, fallen vor allem viele langhaarige Typen mit Gitarre und den 70erjahrigsten Klamotten ever auf. Sie verkörpern damit etwas, mit dem Danzers-Bürgerwehr-Befürworter nur so lange einverstanden sind, so lange sie "folgsam und rein" sind.

Sie sind der Sündenbock für die Unsicherheiten der Bürger. Blicken wir auf das heutige Österreich, haben sich die Sündenböcke neben den "Gutbürgern" auch Flüchtlinge etabliert. Die Zeile "Sie missachten die Gesetze, dieser Staat ist leider viel zu mild, sie gefährden Arbeitsplätze, aber – Gottseidank – wir sind im Bild" lässt sich perfekt auf die Vorstellung ummünzen, die heute auf Flüchtlinge von rechten Seiten projiziert wird. Bürgerwehren sollen dabei helfen, dass sich die Bürger wieder sicher fühlen können auf ihren Straßen, wenn sie mit ihrem Hund unterwegs sind.

Ein bisschen unheimlich, wie sich die Vergangenheit wiederholt. Wir sollten eigentlich aus ihr lernen und nicht wieder in alte Muster zurückfallen, nur weil es einfacher ist sich einen gemeinsamen Gegner zu suchen. Wir sollten uns weniger fürchten und mehr Georg Danzer hören.

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