Alle Fotos: Viktoria Grünwald

"Deutscher Trap wäre ohne uns heute komplett anders" – Die Broke Boys im Interview

Früher wollte keiner die Beats der beiden Berliner Greeny und BeatsByA haben, dann kam Ufo361 und alles war anders. Uns erzählen die beiden, wie sie Trap großgemacht haben und es aktuell um Deutschrap steht.

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Jan. 10 2019, 4:37pm

Alle Fotos: Viktoria Grünwald

Als Deutschrap Anfang der 2010er Jahre die letzten Wellen der Raop-Überflutung ritt oder sich Street-Rapper die Azzlacks-Erfolgsformel krampfhaft überstülpen wollten, waren die Broke Boys bereits weiter. Greeny, BeatsByA(lexander) und Gründungs- aber Nicht-Mehr-Mitglied Sam Salam machten schon Trap, als in VBT-Battle-Runden noch ironisch mit den Armen gewackelt wurde.

Dank unzähligen DJ-Sets, dem selbst produzierten Trap-Türöffner-Tape Man nennt mich Greeny Tortellini und jeder Menge Überzeugungsarbeit, haben die Berliner gründungsväterlich den Weg für Trap in Deutschland mitgeebnet.

Es folgten die Produktionen zahlreicher Hits auf der Ich bin ein Berliner-Mixtape-Reihe von Ufo361 und 2015 die Gründung der "Trap or Die"-Partyreihe. Die erste reine Trap-Party Deutschlands verknüpft DJ-Sets aus Viral-Hits und Untergrund-Perlen mit dem Booking angesagter US-Acts wie Juice WRLD. Die Formel ging auf, "Trap or Die" hat schon szene-internen Kultstatus erreicht.

Wer also über Trap in Deutschland spricht, muss die Broke Boys kennen.

Wir haben Greeny und Alex in ihrem Studio in Berlin-Tempelhof getroffen, um über die Zeit, als keiner diese Beats "für Betrunkene" wollte, den dank Ufo361 einsetzenden Hype und den aktuellen Stand von Deutschtrap zu sprechen.

Noisey: In einem Interview habt ihr erzählt, dass der Beat zu "Scottie Pippen" von Ufo361 aus dem Jahr 2012 ist. Der Track erschien aber erst 2016 und klang damals noch absolut aktuell, wenn nicht sogar fortschrittlich. Wie exemplarisch ist diese Anekdote für eure Anfangszeit?
Alex: Das Witzige war, dass unsere neuen Beats damals auf dem Level der Sachen waren, die zu der Zeit in den USA abgingen. Die älteren Beats von uns waren dagegen aber passender zu dem, was gerade in Deutschland passiert ist.
Greeny: Das war wie zeitversetzt.
Alex: Deswegen hatte es auch irgendwann keinen Sinn mehr, Rappern unsere neuen Beats zu zeigen.

Was fielen damals die Reaktionen der deutschen Rapper auf die Beats aus?
Greeny: Anfangs hieß es immer: "Das ist nur für Betrunkene! Das wird nie funktionieren! Kennst du 2Pac?!"
Alex: Das waren noch die Zeiten, als "In da Club“ von 50 Cent in jedem HipHop-Club lief.
Greeny: Es hieß, dass unser Sound in Deutschland keinen Sinn machen würde. Der wäre zu stumpf, die Beats zu stupide. Aber was ist denn der große Unterschied, wenn ein DJ Desue sich ein Sample schnappt und dazu einen Drum-Loop baut, als wenn wir eine Melodie bauen und dazu eben Drums programmieren?

Wie habt ihr dieses Feedback damals aufgenommen? War das frustrierend oder war es euch eher egal?
Greeny: Das Einzige, was wirklich frustrierend war, waren die "Expertenmeinungen", die man sich von Leuten anhören mussten, die eigentlich gar keine Expertise hatten.

Was für Leute waren das?
Greeny: Naja… Rapper (beide lachen). Als die Franzosen mit Trap angefangen haben, kamen die Leute hier langsam auf den Trichter. Aber dann wollten alle Beats haben, die wie Hit XY klingen. Aber diese Beats und Songs gab es ja schon. Da hatten wir keine Lust drauf'.
Alex: Und noch schlimmer war es, wenn mich Rapper gebeten haben, meine eigenen Beats noch einmal etwas abgewandelt nachzubauen, weil die schon für Hits von anderen Rappern gesorgt hatten. Warum sollte ich etwas noch einmal machen, was ich schon gemacht habe?


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Wie und wann seid ihr dann auf die erste, breitere Akzeptanz gestoßen?
Alex: Zum Beispiel mit dem Mixtape Man nennt mich Greeny Tortellini von 2015, was innerhalb der Industrie schon echt gut ankam.
Greeny: Safe. 50 Prozent der Rapper kennen MNMGT, da bin ich mir sicher. Auch wenn die es nicht gepostet haben oder das öffentlich sagen. Die kennen das.

Wie war denn das Zuhörer-Feedback dazu?
Greeny: Was ich am Witzigsten fand, war Folgendes: Ich habe 2016 gesagt, dass MNMGT Deutschlands erstes Trap-Album war. Das hat richtig viele Money-Boy-Fans hart getriggert (lacht). Dann habe ich das versucht zu erklären und gesagt, dass meine Aussage auf ernst gemeinte Musik abzielt, die nicht in erster Linie auf einem witzigen, ironischen Gedanken wächst. Für ganz viele Leute gab es zwischen diesen beiden Dingen aber gar keinen Unterschied. Deswegen wurde ich oft gefragt: "Was ist denn der Unterschied zwischen deinen Texten und denen von Money Boy?" Und ich wollte einfach schreien: "Alles!"

Aber der wahre Unterschied ist eigentlich nur, dass ich versuche, Kunst zu machen und noch einen gewissen Oldschooler-Background habe, der es mir verbietet, zu viel zu faken. Wenn ein Money Boy sagt, dass er Crack mit der Uzi whippt, ist das hundertprozentig ein Joke. Wenn ich aber sage, dass ich Kilo-Ticker aus der Hood kenne, dann ist das kein Witz. Für das Kid aus Poppelhausen ist es aber doch einer, weil er sich das genauso wenig vorstellen kann. Mich hat das so geflasht, dass ich einfach in diese Schublade gesteckt wurde.

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Wie viele Rapper, denen ihr früher Beats angeboten habt, sind nach zwei, drei Jahre wieder bei euch angekommen?
Beide zeitgleich: Alle.
Alex: Man kann wirklich sagen, dass fast ganz Deutschrap uns angefragt hat. Aber wir finden vieles auch einfach nicht cool, deswegen haben wir sehr vieles auch nicht gemacht. Und weil wir lange extrem beschäftigt mit den Ufo-Projekten waren.

Welchen Effekt hatten Ufo361s Ich bin ein Berliner-Releases auf Deutsch-Rap allgemein?
Greeny: Das war ein Türöffner, der gezeigt hat, was möglich ist. Das Projekt mit Ufo hat zum einen diese Indie-Ära eingeleitet, dass Rapper selbst zu Streaming-Anbietern wie Recordjet gehen und sich eigene Spotify-Profile aufbauen. Zum anderen haben die Tracks auch verdeutlicht, dass man einfach machen soll, worauf man Bock hat. Viele Leute haben das eben so übersetzt, dass sie Trap machen sollten. Außerdem hat sich die Offenheit der Medien gegenüber trappigen Sachen total verändert.
Alex: Ab Ich bin ein Berliner konnte außerdem keiner mehr sagen, dass das, was wir machen, nicht funktioniert.
Greeny: Da haben echt die Tausenden von Kids und die Fans entschieden, die das sofort gefeiert haben. Keiner aus der Industrie konnte dann mehr das kleinreden, was wir machen.

Würdet ihr denn sagen, dass es eine richtige Mission für euch war, Trap hierzulande salonfähig zu machen?
Greeny: Auf jeden Fall. Mit allem, was wir machen, haben wir daraufhin gearbeitet. Ich bin auch absolut der Meinung, dass deutscher Trap ohne uns, unsere Leute und ohne das, was wir machen und gemacht haben, heute komplett anders wäre. Wir haben uns unseren eigenen Weg geschaffen, indem wir einen Style hierher importiert haben. Mit dem haben wir dann nach und nach Türen eingetreten.

Wir haben HipHop-Musik und das Night-Life in Deutschland für immer verändert. Ich kenne kein Kollektiv, das kulturell mehr Impact auf die urbane Kultur hierzulande hatte.

Habt ihr das Gefühl, dafür genügend Anerkennung zu bekommen?

(Beide lachen schon, während die Frage noch gestellt wird.)

Greeny: Nein. Auf keinen Fall. Aber das ist der Fluch und Segen von echten Machern, auch wenn das total corny klingt. Wir sind fokussiert darauf, einfach zu machen, während andere Leute mit den richtigen Menschen koksen und trinken gehen und dann in jedem Magazin zu finden sind, obwohl sie niemanden interessieren. Ich habe sogar einmal einen Artikel über die zehn Personen gelesen, die das Berliner Nachtleben am meisten beeinflusst haben sollen. Keiner von uns war da aufgelistet. Wo ich mir denke: "Are you for real?!"

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Damit sprichst du natürlich eure Party-Reihe "Trap or Die" an. Ich erinnere mich noch an eine der ersten Ausgaben im Chesters beim Görlitzer Bahnhof in Berlin. Da kamen vielleicht 100 Leute. Heute seid ihr im ganzen Land unterwegs und wechselt in Berlin immer wieder in größere Locations. Wie schwer war der Weg bis dahin?
Greeny: Ich bin ein ziemlich überzeugender Redner. Wenn ich die Leute ans Telefon bekommen habe, habe ich das Konzept auch verkauft bekommen. Ich konnte natürlich auch mit Berlin prahlen und das wir hier teilweise eine zweistündige Schlange vor den Clubs hatten. Das funktioniert bei jedem Clubbesitzer. Schwierig war es aber schon, weil es verdammt viel Arbeit war. Als wir gespürt haben, dass die Party in Berlin funktioniert, wollten wir sie auch in anderen Städten testen. Auch weil wir immer wieder Nachrichten von Leuten aus anderen Städten bekommen haben, die wirklich gebettelt haben, dass wir zu denen kommen.

Ihr bucht auch regelmäßig Ami-Acts wie Juice WRLD, Jay Critch oder Killy für eure Partys. Was ist das für ein Gefühl, den Leuten, deren Kultur ihr hier erfolgreich eingepflanzt habt, Bühnen bieten zu können?
Greeny: Man sagt ja "Never meet your heroes" und das hat sich leider oft schon als wahr erwiesen. Es gibt halt solche und solche Amis. Aber alles in allem waren die meisten von denen schon OK. Auch so Gangster wie Hoodrich Pablo, der war im Endeffekt auch irgendwo nett, aber halt trotzdem aus der Hood und deshalb auch ein Assi (lacht).
Alex: Man lernt auch relativ schnell, wie man mit den Jungs reden muss. Man kann da nicht der super nette Typ sein, man muss auch hier und da mal eine Ansage machen.
Greeny: Wenn man die für uns normale, europäische Gastfreundschaft anwendet, wird das schnell missverstanden.
Alex: Dann wirkt man einfach schwach für die, wie ein Laufbursche.

Ich habe gehört, dass ihr vor einigen Jahren mal eine Hotelzimmer-Nacht mit den Migos verbracht habt?
Greeny: Das war 2015 vor dem allerersten Migos-Gig in Deutschland. Sam Salam hatte rausgestalkt, in welchem Hotel die schlafen. Wir haben dann Gras eingepackt, uns vor das Hotel gestellt und gewartet, bis einer von denen auftaucht. Als es dann soweit war, haben wir die einfach angequatscht und eine Verbindung hergestellt. Wir waren dann deren Ott-Quelle in Berlin.

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Wir waren mit im Hotel, haben für die Übersetzer gespielt und denen Ott besorgt. Quavo meinte dann zum Abschied: "Yo, hit me up tomorrow!" Als ob ich seine Nummer hätte (lacht). Die waren richtig auf ihrem Film. Das war auf jeden Fall ein witziger Abend.
Alex: Ich war damals bei meiner Oma. Das ärgert mich bis heute so doll (lacht). Aber zu einem späteren Zeitpunkt war Rich The Kid hier in Berlin. Da war der DJ der Migos, DJ Durel, auch dabei. Und der hat Greeny wiedererkannt. Die brauchten unbedingt einen Plug und so ging das dann wieder los.
Greeny: Dann haben wir Rich The Kid auch Ott vercheckt und er hat mir ein Feature für 4.000 Euro angeboten.
Alex: Da hätte man mal zuschlagen sollen.
Greeny: Das hätten wir alleine durch Spotify wieder reingespielt…

Was haltet ihr davon, wenn Leute nach all den Jahren, in denen ihr für eure Liebe zu Trap und euer Schaffen nie akzeptiert worden seid, auf den Zug aufspringen? Ich denke da vor allem an Leute wie KC Rebell oder Summer Cem, die das aber natürlich in einer eigenen, abgewandelten Form machen.
Alex: Ach, es war klar, dass das passiert. Das war unaufhaltbar. Aber: Das, was zurzeit in Deutschrap passiert, ist nicht das, was ich mache – mit Ausnahme von vielleicht zwei oder drei Künstlern. Auch wenn das für ein Laien so wirken könnte.
Greeny: Ich sehe alle gerne gewinnen. Wenn wir dazu beitragen konnten, dass Trap hier in irgendeiner Form angekommen ist, dann freue ich mich. Das ist eine Ehre. Aber ich unterschreibe das, was Alex sagt: Das, was hier mitunter als Trap gilt, ist nicht das, was wir machen. Viele werden das jetzt zwar nicht verstehen und sagen: "Hä?! Da ist doch aber auch eine 808-Kick drin und da wird auch Autotune benutzt. Das ist doch auch Trap!"

Glaubt ihr, dass diese Trap-Blase bald platzen könnte?
Greeny: Das ist keine Blase mehr. Früher haben so viele Leute gesagt, dass Trap nichts für die Massen sei. Aber Trap hat sich während den Anfangszeiten in den gleichen BPM-Bereichen wie Techno- und Dance-Musik aufgehalten. Für mich war deshalb klar, dass Trap die HipHop-Sprache zu den Massen ist. Weil es tanzbar ist. Man kann es im Club, aber auch Zuhause hören. Und es ist einfach! Menschen lieben einfache Sachen.

Trap erfüllt alle Kriterien, die ein massentaugliches Subgenre mitbringen muss. Und dadurch hat Trap in den USA auch alle anderen Genres überholt. Ein größeres Statement kann es gar nicht geben. Die Migos sind unsere Backstreet Boys!

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Ist das in Deutschland eurer Ansicht nach mittlerweile ähnlich?
Alex: Ich weiß nicht. Dieser ganze tropische Kram ist zum Beispiel noch mal eine Musikrichtung für sich. Das ist irgendwie aus HipHop entstanden, ich zähle das aber irgendwie nicht zu Rap dazu. Aber das kann jeder sehen, wie er möchte.
Greeny: Es ist aber safe so, dass die stärksten deutschen Artists zurzeit – bis auf Helene Fischer – Rapper sind. Und das ist ein Statement! Und auch der Grund dafür, warum man Trap nicht mehr belächeln darf. Die deutschen Pop-Künstler strugglen, die deutschen Schlager-Sänger strugglen. Die Einkünfte, die die erzielen, sind nicht vergleichbar mit dem, was Luciano, Capital oder Miami Yacine verdienen. Dementsprechend wandelt sich auch das Bild von Rappern in der Gesellschaft.

Ich komme aus einer Zeit, wo es richtig peinlich war, Rapper zu sein. Jetzt ist es schon cooler. Und diverse Unternehmen beugen sich dem auch. Es wird immer mehr nach HipHop-Themen oder -Künstlern für das Werbe-Business gesucht, auch in der Mode.

Vielleicht gibt es Dörfer, wo die 15 Rap-Hörer immer noch die Assis sind. Aber in den Städten und Metropolen hat sich das so stark verändert. Jeder hört Rap und Trap. Das ist keine Randkultur mehr. Es gibt 35-Jährige, die nach der Arbeit nach Hause gehen, Rap hören und dabei kiffen. So ist es doch heutzutage.

Louis Richter ist auch auf Twitter: @Karimdrehkick

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