Fotos: Christoph Liebentritt

"Es gibt auch türkische Nazis" – Auf Wohnungstour bei Ebow im 7. Bezirk in Wien

Ebow zieht nach einem erfolgreichen Jahr Bilanz über die politischen Entwicklungen in Österreich, Frauen im Rapgame und ihre Liebe zu 70er-Jahre Psychedelic-Rock.

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Jan. 2 2018, 2:26pm

Fotos: Christoph Liebentritt

Ebow – mit bürgerlichem Namen Ebru Düzgün – ist eine der Rapperinnen, für die 2017 ein verdammt gutes Jahr war. Die Müncherin mit türkischen Wurzeln startete ihr Projekt vor knapp zehn Jahren. Auf normale Gigs hatte sie damals geschissen und lieber Guerilla-Konzerte vor Friseurläden, in Supermärkten oder Hotellobbys gespielt. Zwei Jahre nachdem sie ihr selbstbetiteltes Debütalbum Ebow droppte, zog sie nach Wien und wechselte von Disko B zu Problembär Records, wo sie heuer ihr zweites Album namens Komplexität releaste. Ebrus musikalische Palette reicht von politischem Rap, der euch eure letzte Stimmabgabe nochmal gründlich überdenken lässt, bis hin zu orientalischem Dance-Sound, der vor lauter Tanzbarkeit einen vierwöchigen Bauchmuskelkater hinterlässt.

Nachdem sie 2017 so ziemlich jedes Musikmedium abgegrast hatte und sich Interview an Interview reihte, hat uns Ebow in ihre Wohnung im siebten Wiener Gemeindebezirk eingeladen, um mit uns bei einem Tee unter anderem über die Sorgen ihrer Mutter zu sprechen, komische HipHop-Bücher auseinanderzunehmen und die Kunst ihrer ehemaligen Mitbewohnerin zu interpretieren.

Noisey: Ich bin in den zahlreichen Interviews von dir quasi jedes Mal der Frage begegnet, wie es dir als Frau im HipHop geht. Bist du zufrieden damit, wie du von Medien als Rapperin dargestellt wirst?
Ebow: Ich bin zufriedener als früher, sagen wir es so. In meinen ersten Interviews hab ich teilweise nicht gecheckt, was die Interviewer mit gewissen Fragen von mir hören wollten. Für viele Medien war es dann eben auch immer der Aufhänger mit meinem türkisch-kurdischen Background, den ich hab, dann bin ich eine Frau und dann rappe ich. Darauf wurde ich ständig reduziert, hab das aber nie gecheckt, weil ich dachte, die haben einfach Interesse an mir wegen meiner Musik. Jetzt kann ich besser selbst steuern, wie ich als Frau im HipHop dargestellt werde. Was dann in den YouTube-Kommentaren oder Albumrezensionen passiert, kann ich nicht beeinflussen. Da kommen teilweise noch immer dumme Kommentare.

Wie gehst du mit solchen Kommentaren um?
Ich les die Kommentare, warte dann aber ab. Meistens ist es so, dass direkt Gegenkommentare kommen und ich mich nicht selber damit auseinandersetzen muss. Die meisten Hasskommentare sind sexistisch oder rassistisch und da kommen immer gleich Leute an, die etwas dagegen kommentieren. Das macht mir dann auch Mut.

Also ist durchaus auch Lob dabei?
Gerade auf YouTube kommt überwiegend Positives, aber das geht teilweise auch unter, weil man dem nicht so viel Gewicht gibt, wie den negativen Kommentaren.

Hat sich in puncto Frau-sein im Rapgame in den letzten Jahren etwas für dich verändert?
Ich mach einfach nach wie vor das, auf was ich Bock habe. Ob ihr das gut findet oder nicht. Ich glaube, dass ich mir dadurch über die Jahre meinen Platz geclaimt habe und jetzt auch für meine Musik respektiert werde. Das hat sich definitiv geändert.

Wie verhält sich das mit Gegenstimmen aus der Türkei?
Es gibt auch türkische Nazis. Zum Beispiel die Grauen Wölfe und andere sehr konservative Typen, die dann auch nicht so cool finden, was ich machten. Da kommt auch ab und zu mal sowas wie "du PKK-Schlampe" oder so.

Und das ist dir dann auch wurscht?
Ist es tatsächlich. Das ist etwas, das es in meinem Leben eversince gibt und mittlerweile stört es mich nicht mehr.

Du hast bei der Tag X-Demo am Wiener Heldenplatz gespielt. Mit deinem türkischen Pass hast du in Österreich aber kein Stimmrecht. Wie wichtig ist es für dich, mit deiner Musik einen politischen Beitrag zu leisten?
Ich war wirklich begeistert, dass dort so viele Menschen für den selben Zweck eingestanden sind. Ich bin eben auch auf Demos aufgewachsen. Meine Eltern sind beide Kurden und wir waren halt immer auf Demos – nonstop. Anfangs sogar noch auf Papas Schultern. Demonstrieren zu gehen, ist für mich etwas Schönes und Wichtiges und ich mag auch diese Energie, die eine Demo hat. Die Leute hier sind im Vergleich zu München auch viel aktiver.

Deine Wohnung ist voll mit den verschiedensten Eindrücken. Welche Stücke hier verknüpfst du denn am ehesten mit deiner Musik?
Hier hab ich zum Beispiel meine Platten. MIA ist immer eine große Inspiration für mich gewesen, deswegen hab ich auch ihr Plakat hier hängen. Ich wollte schon immer Rap machen, der auch politisch ist. Meine Mama hat mir immer davon abgeraten, weil sie dachte, dass ich mir Feinde mache und es gefährlich sei. Ich wollte dann aber auch nicht nur düsteren Conscious-Rap machen, weil ich auch selbst gern tanze. Mit so 16 oder 17 Jahren hab ich dann MIA entdeckt. Die Geschichte der Tamilen in Sri Lanka ist ähnlich wie die der Kurden in der Türkei. Natürlich spielen da andere Faktoren eine Rolle, aber die die grundsätzliche Geschichte ist gleich. Und MIA bringt diese politischen Themen auf einem Level rüber, wie es zuvor noch nie jemand geschafft hat. Tanzbare Musik mit politischen Messages – hat mich voll inspiriert.

Was liegen denn da hinten noch für Platten?
Was mich auch sehr inspiriert hat war immer türkische Musik aus den 70ern. Das hier ist so eine Compilation. Davon hab ich mehrere, aber das hier ist eine der besten.

Hast du davon auch was gesampelt?
Davon nicht. Ich hab von Baba Zula was gesamplet für das Album. Aber die machen ja so psychedelische Musik, die man in den 70ern so gehört hat.

Ah, die Scheibe von Fatoni. Den hast du ja damals im Flex Café supportet, weil Juse Ju krank war, oder?
Genau! Toni ist meganice. Der kommt ja auch aus München und die ganzen Rappertypen von dort, wie er, Keno von Moop Mama oder Edgar Wasser, sind supernice Dudes. Freundinnen von mir, die in anderen Städten Rappen, erzählen immer wieder davon, dass die Jungs scheiße zu ihnen sind. In München sind aber alle ziemlich supportive.

Liegt das vielleicht an der kleineren Größe der Stadt? Ich denke halt, dass die Ellbogengesellschaft in Berlin zum Beispiel viel ausgeprägter ist, weil es schwerer ist, sich gegen die Masse an Künstlern durchzusetzen.
Deshalb bin ich zum Beispiel auch nach Wien gezogen. In Berlin hat Musik immer so den Anspruch extrem hip zu sein. Wien hat eine Fuck Off-Einstellung eher. Die Leute, die hier Musik machen, versuchen nicht zwingend hip zu sein. Ich glaub auch nicht, dass das eine gesunde Entwicklung für die Musik ist.

Nice. Du hast auch einen ordentlichen Haufen Bücher herumliegen.
Ich lese für meine Musik extrem viele Gedichtbänder. Hier zum Beispiel Salt. von Nayyirah Waheed, das ist mein Fave einfach. Hier hab ich auch noch eines, das ist so early Gangstarap. Hier, Großstadtlyrik. Das ist so eine Sammlung an Gedichten und Poesie über Großstädte. Damals war halt alles so düster in den Großstädten. Da sind echt superschöne Sachen dabei. Es schaut so aus, als würde ich sehr viel lesen, aber dabei brauch ich meistens fast ein Jahr, um ein Buch zu lesen.

Gleich hier bei dir ums Eck gibt es ja auch diesen öffentlichen Bücherschrank, warst du dort schon mal?
Haha, ja! Da hab ich mir letztens das hier mitgenommen, Das neue HipHop-Lexikon. Aber das ist super blöd geschrieben. Als würde dir irgendein Student HipHop erklären. Dann noch mit dem einzigen weißen Rapper drauf, Eminem, warum auch immer. Das ist so 2000 rausgekommen.

Klingt ziemlich cringey.
Aber hier hab ich dafür noch ein gutes HipHop-Buch, The Rap Yearbook. Da gehts in jedem Jahr um die Rapper beziehungsweise den Track, der für das Jahr am prägendsten war. Das geht von Rappers Delight 1979 bis hin zur Rich Gang 2017.

Wow. Nicht nur optisch eine ziemliche Veränderung.
Hart, oder? Aber ich bin mit der Sugarhill Gang nicht ganz zufrieden, weil die auch schon so zusammengecastet war.

Dort hinten hängen auch noch deine Set- und Tracklists?
Haha, die lass ich immer hängen, weil ich sonst vergesse, welche Song an welcher Stelle des Albums kommen.

Das hier ist übrigens mein Lieblingsstück in der Wohnung. Das hat eine Freundin von mir gemacht, die früher hier gewohnt hat. Ich find, das macht voll was aus, wenn da so ein riesiges Bild hängt.

Wow, ziemlich detailliert. Ich finde die Mini-Ziegen bei den Füßen ziemlich nice.
Ich glaube, das sind Ameisen.

In dieser Wohnung habt ihr auch das Video zu "Punani Power" gedreht, oder? Kommt mir so bekannt vor hier.
Jaja, genau! Damals war das Bett noch woanders und wir saßen hier vor dem Fenster und haben von draußen mit der Drohne reingefilmt. Ich will eh unbedingt eine Drohne haben, kann mich dann aber selber schlecht damit filmen.

Na ja, Next-Level-Selfies eben.
Es gibt sowas, oder? Drone-fies nennt man das, glaub ich. Reiche Kids einfach.

Schau, dieses Buch hab ich als letztes komplett gelesen. Es heißt Project Migration da gehts um die Geschichten von verschiedenen Gastarbeiter-Familien, die damals nach Deutschland gekommen sind, was sie für Dokumente dabei hatten und wie absurd das damals war. Voll viele Frauen aus Tunesien haben zum Beispiel bei Samsung gearbeitet und so. Der eine erzählt auch, wie er vom Fernsehen interviewt und die Wohnung davor so hergerichtet und umdekoriert wurde, dass sie türkischer aussieht – hier, die Story heißt Getürkter Türk.

Hörst du selber Deutschrap eigentlich?
Nein, Deutschrap höre ich nur selten, weil ich Angst habe, dass ich mich anpasse und Sachen übernehme. Auf der anderen Seite ist es cool, dass man viele geile Reime hört, wenn man sich viel Deutschrap gibt. Genau diese Sachen hol ich mir dann aber aus den Büchern.

Wen feierst du zur Zeit denn am meisten?
Das neue Album von Megaloh fand ich mega gut. Haha, "Megaloh" und "mega gut". Den hab ich jetzt auch vor kurzem live gesehen in München und es war echt nice. Jugo Ürdens mag ich auch voll gerne von den Rappern hier. Und sonst auch Esra von Esrap, die auch auf meinem neuen Album drauf ist. Sonst generell die ganze Femme DMC-Crew. Es gibt richtig viele gute Rapperinnen in Wien! Ich hab die alle an einem Abend auf einem Event kennengelernt und war sofort überrascht, was hier in Wien so abgeht. In München gibts da nicht so viele.

Bis zu JBG3 waren auch Kollegahs Reime ziemlich feierbar, aber mit dem neuen Album hat er sich unendlich unsympathisch gemacht .
Kollegah verfolge ich nicht so, aber jedes Mal, wenn ich was von ihm gelesen habe, dachte ich mir, was das denn für ein Wichser ist. Solche Künstler sind einfach mega sexistisch und zwar nicht auf einem Kool Savas-Level, sondern nochmal anders sexistisch. Wir haben 2017 und wenn man die unterstützt, gibt man denen halt recht. Ich find da auch weibliche Rapper wie SXTN problematisch. Ich bin einerseit froh, dass es sie gibt, aber sie sind halt so ein Produkt von Männern. Sie reproduzieren einfach diesen Sexismus, den es im HipHop gibt und stellen sich damit über andere Frauen, die sie damit niedermachen. In Workshops mit Kindern, die ich manchmal gebe, kennen die auch nur SXTN, wenn ich die nach weiblichen Rappern frage. Sowas wie Princess Nokia kennen sie gar nicht. Und wenn ich nach dem Warum frage, sagen sie, dass die das Gleiche wie die Typen machen.

Wie siehst du die momentane Lage im Deutschrap?
Vor allem textlich sind deutsche Rapper komplett zurückgeblieben im Vergleich zu Ami-Rappern. Zeig mir mal einen Deutschrapper, der Kendrick-mäßigen Inhalt hat. HipHop ist von der Community für die Community, deshalb sollte es diese auch wiedergeben. Ich frag mich dann teilweise, warum sich manche die Mühe machen, wenn sie eh seit 20 Jahren die selben Texte schreiben.

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Sandro auf Twitter: @vorarlwiener

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