Ich bin einen Tag lang mit Post Malones Gesichtstattoos rumgelaufen

Skeptische bis abwertende Blicke: "Ich wünsche mir nichts lieber, als von einer sich plötzlich auftuenden Erdspalte verschluckt zu werden."

von Ryan Bassil; fotos von Jake Lewis
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Aug. 31 2018, 12:10pm

Der Autor im Museum. (Foto: Jake Lewis)

Es ist noch nicht lange her, da waren Gesichtstattoos nur etwas für total Durchgeknallte. Stämmige Hooligans, die nicht lange fackeln, bevor sie dich unangespitzt in den Boden rammen. Mike Tyson. Der Typ von der Uni, der irgendwie ausklamüsert hatte, wie man aus einer elektrischen Zahnbürste eine Tätowiermaschine macht.

Mit dem Aufkommen eines gewissen musikalischen Subgenres vor etwa zwei Jahren änderte sich der Kontext der dauerhaften Gesichtsveredelung dann aber radikal. Plötzlich waren Gesichtstattoos nicht nur was für die Härtesten unter den Harten. Sie waren das Erkennungszeichen einer neuen Generation Rapper: vollgepumpt mit Xanax, grenzenlos apathisch und potenziell problematisch. Der verstorbene Lil Peep hatte "Cry Baby" über seine rechte Augenbraue tätowiert. 21 Savage beantwortete ein Frage zur Bedeutung seines Stirntattoos knapp mit "Issa knife" und ebnete damit den Weg für einen Haufen Memes. Lil Uzi Vert, Lil Xan, Lil Pump, Trippie Redd, 6ix9ine ... die Liste ließe sich endlos weiterführen.


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Der Bekannteste ist allerdings Post Malone – und auf Anhieb auch derjenige, der mit Abstand am Weitesten vom klassischen Tätowierten entfernt ist. Er versprüht die Aura eines gemütlichen Teddybärs. Seine Musik wird geliebt – "Rockstar" war in den USA acht Wochen auf Platz eins der Hot-100-Charts – und gehasst. Viele empfinden seine Vereinnahmung eines überwiegend Schwarzen Genres als Weißer Künstler problematisch.

Posty ist aber weder der erste, noch der einzige Rapper mit Gesichtstattoos und hoher Chartsplatzierung. Lil Wayne landete bereits 2008 mit "Lollipop" auf der Eins. Und gerade Waynes einzigartiger Style mit ausgewachsenen Dreads, Grillz und unzähligen Tattoos dient der neuen Rappergeneration offensichtlich als primäre ästhetische Inspirationshilfe. Du brauchst dir nur Memes wie "How to Become a Popular Rapper in 2018" anzuschauen. Mit seinem stetig wachsenden Platz im Rampenlicht ist Post Malone zum Aushängeschild der gesichtstätowierten Rapper geworden – und hat dabei sogar Wayne hinter sich gelassen. Mittlerweile kannst du sogar Abziehvarianten seiner Tattoos kaufen:

Auf der Website Post's Tattoo Parlor kannst du dir die obigen Tattoos bestellen – jedes einzelne davon ist den Artworks auf Postys knuffigem bärtigen Gesicht nachempfunden. Ich persönlich werde mir zwar nie im Leben ein Gesichtstattoo stechen lassen, nur leider wollte mein Chefredakteur unbedingt, dass ich am eigenen Leib erfahre, wie es ist, mit Posts Gesichtstattoos rumzurennen. Also ließ ich mir die Bildchen eines besonders unschönen Dienstagmorgens im Büro aufpappen.

Auf die Motivation für seine Tattoos angesprochen – unter anderem ein schnörkeliges "Stay Away" über der rechten Augenbraue und "Always Tired" einmal quer übers Gesicht – sagte Post, dass er einfach alles tun wollte, um "meine Mutter anzupissen". Was a) sehr der Denke eines nicht-so-erwachsenen-23-Jährigen entspricht, und b) auch mich richtig angepisst hat, weil ich mir wirklich nichts Schlimmeres vorstellen konnte, als mit einer vollgekritzelten Fresse durch London zu laufen.

Im Grunde sind Post Malone und ich uns gar nicht so unähnlich. Wir sind zwei ziemlich durchschnittliche Typen, die es irgendwie geschafft haben, eine beträchtliche Zahl an Twitter-Followern um sich zu scharen. Aber gut, vielleicht ist da auch noch mehr:

Geboren als Austin Richard in Syracuse, New York, wuchs Post Malone in Dallas auf. Sein Interesse für Musik wurde durch stundenlanges Guitar Hero II-Zocken erweckt. Nach der High School zog Post nach Los Angeles in ein Haus voller YouTuber und Gamer, von wo aus er live Minecraft-Sessions streamte. Anfang der 2010er stellte er Bob-Dylan-Cover online. Ähnlich wie im Fall Donald Glover hat Richard seinen Künstlernamen aus einem Online-Generator. Aber im Gegensatz zu Glover, der sich jahrelang als Childish Gambino abackerte, bevor seine Popularität mit seinem dritten Album, Awaken, My Love, regelrecht explodierte, legte Malone durch den Erfolg seiner 2015er Single, "White Iverson", von Anfang an einen geradezu kometenhaften Aufstieg hin.

"White Iverson" wurde so gefeiert, wie sich darüber lustig gemacht wurde – ein Muster, das sich auch durch den Rest seiner Karriere ziehen sollte. "LMAO ich bin ein erwachsener Mann, habt alle viel Spaß mit dem hier", postete Earl Sweatshirt bei Twitter. Irgendwo, vermutlich Hannover, kaufte sich ein Mittelstandskind ein paar Grills.

Nachdem sich beide bei der Party zu Kylie Jenners 18. Geburtstag kennengelernt hatten, lud Kanye West Malone zu Aufnahmen ein. Das Ergebnis davon ist in dem Track "Fade" von Wests The Life of Pablo zu hören. Es folgten Beiträge in Tracks von 50 Cent, Justin Bieber und Young Thug. Post Malone zu sein, schien einfach zu sein. Gegen diese Annahme wehrte er sich in einem Interview mit GQ, in dem er sagte: "Es ist schwer, ein Weißer Rapper zu sein."

Noch ein Fakt:

Es macht überhaupt keinen Spaß, Post Malones Gesichtstattoos in der Öffentlichkeit zu tragen. Ich wünsche mir nichts lieber, als von einer sich plötzlich auftuenden Erdspalte verschluckt zu werden.

Natürlich schauen die Leute auf der Straße dich auf andere Weise an, als sie es sonst tun würden. Auf eine Weise, um genau zu sein, die dich sofort daran erinnert, dass du Tattoos im Gesicht hast. Von dem höchst subjektiven ästhetischen Wert mal abgesehen dürfte sich die Frage, ob du dir irgendwann mal ein Gesichtstattoo stechen lässt, daran entscheiden, wie sehr du darauf stehst, auf der Straße skeptische bis abwertende Blicke zu ernten.

Nichtsdestotrotz versuche ich, meinen Tag so normal wie möglich zu gestalten:

Ich kaufe mir ein Sandwich im Supermarkt, immerhin habe ich heute noch einige Kilometer zu Fuß vor mir.

Ich lese ein bisschen in der Bibliothek. Bildung ist wichtig.

Ich gehe ins Museum. Kann man nicht oft genug tun.

Aber all diese Unternehmungen machen mit Gesichtstattoos ein bisschen weniger Spaß. Ich habe ständig das Gefühl, im Rampenlicht zu stehen, von allen angestarrt zu werden. Ich muss unweigerlich an Hostgator Doctom denken, den Typen, der sich sein Gesicht mit den URLs von Pornoseiten verzieren ließ, um etwas Geld zu kriegen. Wie verzweifelt muss er gewesen sein, um mit DrFreak.com auf der Stirn rumzulaufen? Er hatte sich allerdings nicht tätowieren lassen, um seine Mutter anzupissen. Er hatte sich tätowieren lassen, um seine Kinder zu ernähren, nachdem er im Zuge der Wirtschaftskrise seinen Job verloren hatte.

Bei Post Malone geht es vor allem um Style.

Post hat eine Ästhetik kultiviert, die gleichermaßen pleite und reich zu sagen scheint. Er kombiniert vermeintlich ungepflegte Gesichtsbehaarung mit Klamotten, mit denen er sofort ein Fotoshooting machen könnte. Die Tattoos erfüllen gewissermaßen den gleichen Zweck, indem sie Post als einen Menschen darstellen, der eine andere Vergangenheit hinter sich hat, als Post sie tatsächlich gelebt hat. Aber vielleicht ist es auch gar nicht so kompliziert und er findet einfach die Designs schick und ich bin angepisst, weil ich den ganzen Tag mit einem Dolch an der Backe rumlatschen muss.

Es ist nicht so, dass ich Gesichtstattoos unbedingt schlechtreden will – sie sind ohnehin stigmatisiert genug und jede Person, die ich mit einem kennengelernt habe, war so nett wie jeder andere. Es ist vielmehr, dass Posts Motivwahl in meinen Augen übers Ziel hinausschießt. Im Großen und Ganzen sind es einfach komische Tattoos, um sie sich ins Gesicht stechen zu lassen.

Aber wer weiß, vielleicht markiert Posty einen Wendepunkt in Sachen Gesichtstätowierungen? Vielleicht werden sie 2049 mehr mit Bettnässern als harten Typen assoziiert, sind so normal wie gefärbte Haare. Aber wäre das eine Zukunft, auf die wir uns freuen? Ich schätze, das hängt ganz davon ab, wie sehr dir die Gesichter anderer Menschen am Herzen liegen.

Post Malone war schon immer ein Außenseiter. Das macht ihn für sein Publikum so interessant. Seine Gesichtstattoos sind nur ein weiterer Ausdruck davon: symbolisch für sein Verlangen, aus der Masse herauszustechen und gleichzeitig darin aufzugehen. Wirklich bemerkenswert ist, dass du mit diesen Abziehtattoos jetzt selbst ausprobieren kannst, wie es ist, ein Gesichtstattoo zu haben. Danach wäscht du es einfach wieder ab, als wäre nichts gewesen. Probier's aus. Vielleicht kommst du auf tiefsinnige Gedanken über Kontext und alles. Vielleicht denkst du dir dabei aber auch gar nichts. Das scheint jedenfalls Post Malones Ding zu sein, bis er mal wieder an der Reihe ist, sich für irgendwas zu entschuldigen.

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Dieser Artikel erschien ursprünglich auf Noisey UK.