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Warum gibt es so wenig Videoclips von Frauen hinter der Kamera?

Wir haben uns mit einer der wenigen Musikvideo-Regisseurinnen unterhalten.

Nina Vedova

Nina Vedova

Alle Fotos zvg | Collage Noisey

Ein Song und ein Album, eine Tour. Das ist der natürlich Zyklus im Leben eines Musikers, doch eine wichtige Sache fehlt darin: die Visualisierung der einzelnen Songs – ein geiles Musikvideo. Aber die 0815-Videos mit fetten Schlitten, schönen Frauen und Champagner haben wir inzwischen reichlich gesehen. Regisseure müssen sich etwas Neues einfallen lassen. Interessanterweise sprechen wir dabei eigentlich immer nur von Regisseuren, aber was ist mit Regisseurinnen? Dass fast alle Videos in der Schweiz und international von Männern gedreht und produziert werden, ist für die meisten so selbstverständlich, dass sie darüber gar nicht nachdenken. 2013 wurde Melina Matsoukas mit dem Video zu Rihannas "We Found Love" die erste Frau, die den Grammy für das beste Musikvideo gewann. Gerade von der Künstlerszene sollten wir eigentlich mehr erwarten können.

Obwohl es in den technischen Branchen wenige Frauen gibt, finden sich unter den Männerhorden immer wieder Frauen, die ihre Kreativität in Musikvideos äussern. So haben wir bei der Recherche zu dieser Story einige geniale Videos aus Frauenhand gefunden. Unter den Regisseurinnen ist auch Jen Ries aus Basel, die schon Clips für Dodo, Nemo und The Gardener & The Tree gedreht hat. Wir haben die selbständige Fotografin und Regisseurin anlässlich des Weltfrauentags getroffen und sie gefragt, wieso es eigentlich so wenige Frauen im Musikvideo-Business gibt.

Noisey: Wann hast du angefangen, Videoclips zu drehen und wie bist du dazu gekommen?
Jen: Angefangen habe ich vor etwas mehr als einem Jahr durch Dodo, da ich die Art Direction für sein Album Pfingstweid machte. Diese Aufgabe beinhaltet Konzeption, Shootings, Cover-Artwork und auch das Mitplanen der Musikvideos. Davor arbeitete ich an verschiedenen Projekten mit einem jungen Filmemacher, der mit mir das Büro teilt. Ich bin schon seit zehn Jahren selbstständige Fotografin, die Konzepte sind in Film und Bild sehr ähnlich. Da spielt es mir keine Rolle, ob das Endresultat bewegt oder statisch ist.

Worauf achtest du beim Drehen? Was zeichnet dich aus?
Ich bin detailverliebt und achte sehr auf die Atmosphäre, die Location und das Styling. Es ist mir wichtig, dass alles sehr homogen bleibt und im Stil zusammenpasst. Wenn Kleinigkeiten nicht stimmen, stört mich das. Mir ist aufgefallen, dass Frauen eine spezielle Feinheit haben – sei es jetzt beim Fotografieren oder bei der Regie. Sie können starke Aussagen auf eine feine Art vermitteln. Es kann von Vorteil sein, wenn ein Video, das Frauen ansprechen soll, auch von einer Frau produziert wird. Sie achtet womöglich auf Details, die einem Mann vielleicht weniger wichtig wären. Das beobachte ich auch bei einigen meiner männlichen Kollegen: Wird eine Frau fotografiert, konzentriert er sich eher darauf, dass die Frau aus einem männlichen Blickwinkel schön ist und eine sexy Ausstrahlung hat. Frauen haben einen anderen Blickwinkel und empfinden manchmal etwas Anderes als schön. Der Markt pusht diese andere Art noch nicht, Geschichten zu erzählen oder Bilder zu machen. Ein klassisches HipHop-Video mit Ärschen, die geschüttelt werden, könnte beispielsweise unter der Regie einer Frau ganz anders aussehen. Doch in der Schweiz habe ich noch nichts in diese Richtung gesehen.

Was ist dir als Frau in dieser Branche bis jetzt aufgefallen? Wirst du anders behandelt?
Ich kann das noch nicht so beurteilen. Aber ich habe das Gefühl, dass Leute, die mich anfragen, wissen, dass ich sehr auf Details achte. Trotzdem beobachte ich, dass männliche Künstler ernster genommen werden als Künstlerinnen. Wenn ein Mann ein Konzept pitcht, wird es viel schneller und ohne Widerworte akzeptiert. Als Frau wirst du eher als Dienstleister und weniger als Künstler angesehen. Ich hatte aber das Glück, dass ich bei meinen bisherigen Projekten immer extrem viel Freiheit und die Unterstützung der Auftraggeber hatte.

Was sind deine Erfahrungen beim Umgang mit Künstlern?
Dodo schätzt die Zusammenarbeit mit einer Frau. Ich habe trotzdem das Gefühl, du musst dich als Frau am Anfang mehr beweisen. Es ist halt auch eher untypisch, mit Frauen in dieser Branche zusammenzuarbeiten – das fängt schon damit an, dass alle den Begriff "Kameramann" im Kopf haben. Auch wenn ich selber nach Kamera-Leuten suche, ertappe ich mich manchmal dabei, dass ich zuerst an Männer denke, weil der Begriff so präsent ist und es auch wenige Frauen gibt.

Was denkst du, sind Gründe dafür, dass es so wenige Regisseurinnen gibt?
Hauptsächlich liegt es daran, dass sich viele Frauen nicht trauen, sich durchzusetzen und auch mal eine grosse Klappe zu haben. Ein Grund dafür ist vielleicht die Erziehung. Als Kinder werden Jungs darauf getrimmt, rauszugehen, Scheisse zu bauen und sich die Knie blutig zu schlagen. Mädchen wachsen häufig mit einem Fokus auf Sicherheit auf: Sie sollen sich möglichst angepasst verhalten und keine Risiken eingehen. Ich denke, deshalb sind Frauen sind weniger mutig. Du musst auch lernen, einen Rückschlag wegzustecken und dich gut zu verkaufen, was Frauen vielleicht schwerer fällt. Wenn du dich als Frau mal auf die Hinterbeine stellst, wirst du oft von anderen Frauen und Männern als arrogant oder bitchig abgestempelt. Klar ist das eine Gratwanderung. Männer haben es da einfacher, die sind dann der coole Typ, der weiss, was er will. Auf der anderen Seite können nicht viel Frauen gebucht werden, wenn es in der Branche nicht viele Frauen gibt. Was sicher auch damit zusammenhängt, dass es ein techniklastiger Beruf ist. Du musst viel schweres Zeugs rumschleppen, und es kann auch mal dreckig werden. Doch es gibt immer mehr Frauen in dieser Branche und ich hoffe, dass ich bald mehr mit ihnen zusammenarbeiten kann.

Gibt es mehr berühmte Regisseure, weil es mehr berühmte männliche Musiker gibt? Weil Männer lieber mit Männern zusammenarbeiten?
Ja, ich denke das liegt bei manchen im Urdenken, dass sie bei einem Künstler an einen Mann denken. Das ist irgendwie leider in unserer Gesellschaft verankert, aber direkt habe ich das noch nie erleben müssen. Ich wurde nie so behandelt. Es wäre gut, wenn es einen Wandel geben würde. Wenn ein Produkt Frauen ansprechen soll, sollte es vielleicht auch von Frauen gemacht werden. Man könnte die Produktion zielgerichteter anwenden.

Findest du es nicht paradox, dass die ansonsten so offene Künstlerszene an solches veraltetes Denken festhält?
Ein Stück weit finde ich es schon paradox, dass es massiv auffällig weniger Frauen in diesen Bereichen gibt. Auf der anderen Seite vergeben Männer sowie Frauen die Jobs, also ist es nicht so, dass die Männer einfach die Bösen sind. Es wäre schön, wenn das Geschlecht gar keine Rolle mehr spielen würde.

Schlussendlich will ich hier nicht betteln und rumjammern, dass man mehr Frauen Jobs geben sollte. Ich finde es wichtig zu zeigen, dass viele Frauen Potential haben und man dieses auch nutzen sollte.

Ein paar tolle Videos von Regisseurinnen

Regie: Andrea Grambow & Joscha Kirchknopf
Gewannen 2017 am m4music den Award für best Videoclip

Regie: Sophie Muller
Mit vier Millionen Dollar Budget der teuerste von einer Frau gedrehte Videoclip

Regie: Sarah Hugentobler
Die Videokünstlerin ist auch gleich Hauptdarstellerin im Video – und für das Werk für den m4music-Videoclip-Award 2018 nominiert.

Regie: Melina Matsoukas
Melina Matsoukas gewann mit “Formation” und Rihannas “We Found Love” jeweils den Grammy für das beste Musikvideo.

Regie: Evelinn Trouble
Evelinn Trouble dreht all ihre Videoclips selbst und führte auch bei der Basler Alternative-Band Regie. Der Clip ist etwas verstörend, aber genial.

Regie: Emily Kai Bock
Emily Kai Bock ist eine der gefragtesten Regisseurinnen im Alternative-Bereich und stand schon für Arcade Fire, Sebastian Schuller, Grimes, Lorde und Grizzly Bear hinter der Kamera.


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