Back To The Gürtelbogen

Unsere Autorin war am Freitag im Chelsea, B72 und im Cafe Carina und musste feststellen, dass man sehr falsch liegt, wenn man sich nur 15 bis 18-jährige erwartet.

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09 Februar 2015, 11:56am

Alle Fotos von der Autorin

Könnt ihr euch noch erinnern, als ihr euch jedes Wochenende von einem ins nächste Gürtellokal geschleppt habt? Nein? Ich mich auch nicht. Deshalb habe ich beschlossen, meinen alten Freund unter der Gürtellinie wieder einmal zu besuchen, mal wieder nach ihm zu sehen und zu schauen, ob eh alles beim Alten geblieben ist. Und das ist es nicht ganz. Aber alles nach der Reihe.

Das Alter hat aus mir eine Techno-Fortgeh-Tante gemacht. Es ist nicht so sehr der repetitive, immer gleiche Sound, der mich zu elektronischen Partys lockt, sondern mehr die Öffnungszeiten (bis mindestens 6:00 Uhr), die Leute (gleich alt, offen und kaum am abstürzen) und die Locations (an meinen Lieblingsorten spielt es nun mal Techno). Außerdem leide ich, wie die meisten Ü20-Menschen an der Kinder-Hypochondrie. Es ist lächerlich, ich weiß, aber ich meide Orte wo Teenager feiern. Das hat nichts mit ihnen, sondern mit mir zu tun. Denn als ich in diesem Alter war, verdammt, ja da hätte ich niemanden der Ü20-Menschen gewünscht, einen Abend neben mirverbringen zu müssen.

Ich war am Donnerstag auf einer Technoparty, und meine Lust mir den Gürtelbogen zu geben war eher gering. Im Schlepptau hatte ich zwei meiner besten Freunde—alte Indie-Liebhaber. Zur Party habe ich einen roten oversized Omapulli anghabt, der mir grundsätzlich zehn Kilo am Bauchumfang hinzuzaubert (laut Freundin DER Indielook der 2000er), eine Uhrkette ( ich fühle mich bisschen wie der Flavor Flav der Indieszene) und einen Rock. Außerdem brauche ich die halbe Tube Billigmakeup auf, um meine Augenringe zu sanften Schatten großer Taten zu verwandeln. Ich bin übrigens fest davon überzeugt, mindestens vier Snapchat-Kontakte (oder wie auch immer jüngere Menschen kommunizieren) in der ersten Location klar machen zu können. Eine spätere Analyse der Fotos ergab, naja lassen wir das.

23:00 Chelsea DJ Ants 80’s Party

Ich bin demotiviert, meine Laune ist schlecht und ich will heim. Außerdem bin ich nüchtern und ich fühle mich fett, was in der weiblichen Welt eine Krisenstufe über „ich fühle mich hässlich“ ist. Ich war lange nicht mehr im Chelsea, meine beste Freundin und ihre Begleitung, haben dort ihre Jugend verbracht. Deshalb erwarte ich 15 bis 18 jährige Innenbezirk-Gymnasiasten, die Indie hören und an einem wilden Abend vier Bier kippen. Als ich reinkomme ist a) viel weniger los als erwartet und b) sind wir die Jüngsten dort. Mit Abstand. Ich meine ja klar, 80er Party, aber da waren Menschen, die ihre Jugend tatsächlich in den 80ern verbracht haben. Da ich vom jüngeren Publikum ausgegangen bin, habe ich auch erwartet, dass um 23:00 der Bär steppt (oh Gott ich werde wirklich alt). Keine heulenden Teenies am Klo, keine wilden Schmuserein um 23 Uhr, ja nicht mal Raucher im Nichtraucherbereich.

Was soll man zu der Party sagen? Dank meiner dazugewonnen Lebensweisheit ist mein erster Gang der zur Bar, und ich bestelle mir um drei Euro einen Vodkashot Marke Lösungsmittel. Auf der Tanzfläche finden Balzrituale statt, die ich abstoßend finde (Wirklich?! Sich als Ü30-Menschen um halb zwölf zu „Jeanne“ von Falco angrinden?—Oida !?!). Ich kippe noch ein paar Shots, wechsle aber zum Obstler, der seinen Job genauso gut macht und nur 2,90 Euro kostet. Außer mit Arash, der nicht meinen Snapchat Kontakt, sondern fünf Fotos mit mir will, rede ich mit niemanden. Ich habe nach dem dritten Shot Spaß und fange an, zu dem gefühlt achten Falco-Song tanzen gehen zu wollen. Das Tanzen ist total lustig, weil ¾ der Tanzfläche nicht tanzt und ¼ sich so bewegt, als hätten sie einen LSD-Flashback aus irgendeinem 90er Rave. Ich gehöre natürlich zum letzterem Viertel. Wir fangen an im Nichtraucherbereich zu rauchen, beschmieren Klowände und führen uns sonst auch wie die letzten Menschen auf. Da wir uns ansonsten trotzdem eher langweilen, ziehen wir weiter.

01:00 B72

Der Weg zum B72 verlangt nach einem Kebabstop. Wir sind angesoffen genug um in die Buden reinzugehen und Fotos mit den armen arbeitenden Männern machen zu wollen. Insofern alles beim Alten. Im B72 ist zwar auch nicht höllisch viel los, aber die Menschen sind zumindest gleich alt. Also die Typen haben einen leichten bis bereits ausgeprägten Bartwuchs, und wie alt Frauen sind, kann in Wirklichkeit eh niemand, nirgendwo wirklich schätzen. Jedenfalls kommen sie einem weder ur jung noch ur alt vor. Wir setzen uns rauf zur Garderobe (Jacke abgeben kostet einen Euro und mysteriöse 30 Cent) und beobachten gespannt die Szenerie. Ein paar Menschen sind offensichtlich besoffen und tanzen im Kreis, ein paar Menschen sind ganz normal. Und die Musik! Bilderbuch? Ich gröhle mit! Arctic Monkeys? Ich weiß nicht ob ich aus Rührung oder Freude so besoffen mitkreische.

Meine Begeisterung kann durchaus auch stark mit dem Alkoholkonsum zusammenhängen, aber als dann Jay Zs „Empire State of Mind“ gespielt wird, sterbe ich definitiv und renne runter zur Tanzfläche. Ich bin betrunken, ich bin glücklich und ich will nicht gehen. Ich rede mit einigen Leuten: Sie sind wirklich alle Anfang oder Mitte 20. Dann finde ich einen Typen mit einem Lichtschwert, dem ich ungefähr fünf Mal sage wie cool sein Lichtschwert nicht ist. Ich hab Spaß, aber ich bin auf Mission. Aber auch hier: Keine verheulten kindlich-unschuldigen Gesichter. Wo gehen die Kids von heute weg? War nicht das B72 voller 16-jährigen Innenstadtgymnasiasten?

03:30 Café Carina

Das Café Carina ist eine meiner Lieblingslocations in Wien, aber ich stehe auch irrsinnig auf trashige Lokale. Ohne mich zu enttäuschen sitzen dort drin die schrägsten Menschen aus den schrägsten Gründen. Außerdem ist das Café Carina das einzige Lokal, dass faschingsmäßig dekoriert hat, was ich hier positiv festhalten möchte. Es ist wenig los, unter den flashigen Visuals, die das Meer simulieren, knutscht ein Pärchen. Die Bar ist mit Hobbyalkoholikern, also auch uns, besetzt. Ich treffe einen Augustinverkäufer und Victór aus Peru, und ich unterhalte mich mit beiden vorzüglich. Ich kann ab einer gewissen Promilleanzahl fließend Spanisch, deshalb kann ich Victór in nur einer Stunde erklären, dass man in der Slowakei weniger Grundeinkommen hat als in Österreich, und das Leben aber gleich viel kostet. Als wir angekommen sind ist es noch relativ leer, aber die Hochzeiten von Café Carina sind ja auch bekanntlich nicht vor 04:00. Als dann um 04:00 immer mehr Menschen reinkommen und wir zu dritt anfangen ernsthaft zu schwächeln, besorgen wir uns um 04:30 ein Taxi und fahren heim.

Keine Jugendlichen. Im Chelsea und im Café Carina waren wir die Jüngsten, im B72 waren nur Gleichaltrige. Entweder der Freitag, an dem ich auf Mission war, stand ausnahmsweise unter einem schlechten Stern oder das Publikum der Indie Lokale am Gürtel ist mitgewachsen. B72 hat den Eindruck gemacht, dass die Leute die mit 15 dort waren, mit 24 noch immer da sind. Richtig gespannt bin ich auf den Ride Club und das Loco nächste Woche, wenn dort das Publikum auch mitgewachsen ist—Hawidere.

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