Fuck everything—Die BergMoneyGang vs. Noisey

Ein paar Worte zum Beef. Und warum Vergewaltigungswitze nicht lustig sind.

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Sep. 21 2015, 7:59am

Montage: VICE Media

Es gibt Abende in diesem Internet, die sich am nächsten Morgen ein bisschen komisch anfühlen. Wie ein heftiges Saufen, das man am Morgen danach mit eher trüberen Augen betrachtet und sich fragt, was da eigentlich passiert ist. Gestern war so ein Abend. Die Wogen gingen so sehr hin und her, dass es wohl sinnvoll ist, hier noch ein paar Worte zu der Causa loszuwerden.

Die Geschichte ist zu lang, um sie hier ausführlich wiederzugeben. Nur kurz: Unsere Autorin Antonia machte gestern Nacht den Gesprächsverlauf mit der BergMoneyGang öffentlich, den sie im Zuge einer Recherche für eine Geschichte über Cloud-Rap hatte, und postete Screenshots aus einer privaten Facebookgruppe, in denen sie beschimpft, persönlich angegangen und Witze über Gangrape gemacht wurden. Jeder hatte etwas zu sagen, auch die, die mit der Sache nur peripher zu tun hatten. Willkommen im Internet.

Nach einer—zugegebenermaßen relativ unruhigen—Nacht gibt es hier einige Punkte, die ich gerne festhalten würde.

1. Das Wichtigste: Antonia hat unseren 100prozentigen Support. Das ist eigentlich selbstverständlich, soll aber hier noch einmal ausdrücklich betont werden. Als Autorin sowieso, aber eben auch als Privatperson, die im Internet angegangen wird. Man muss das mal in aller Deutlichkeit sagen: Ich habe in meiner mehrjährigen Laufbahn als Musikschreiberling unzählige Interview-Fragen gestellt. Gute, mittelmäßige, schlechte. Aber noch nie—weder hier noch in meinen früheren Jobs—ist das in persönlichen Angriffen, in public shaming, geschweige denn in #Gangrape-Witzen geendet. Das ist etwas, das nur Frauen passiert. Das lässt sich nicht wegdiskutieren.

Wir haben das im Vorfeld natürlich ordentlich durchgeredet. Es lag in Antonias Händen, die Sache war viel zu persönlich, um da irgendwas vorzugeben. Es gab verschiedene Möglichkeiten: Ein Artikel, ein Facebook-Posting, und auch Schweigen war natürlich eine (schlechte) Option. Antonia hat sich dazu entschieden, das Ganze mit einem Facebook-Posting auf ihrem privaten Profil zu regeln.

2. Rape-Witze sind nicht lustig. Punkt. Nein, auch nicht im HipHop-Kontext. Ich weiß, dass das alles nicht ernst gemeint ist und dass niemand der #BMG jetzt loszieht und Frauen am Donaukanal vergewaltigt. Das wissen wir alle. Aber Rape-Culture ist eben viel, viel mehr. Solche Witze schaffen ein Klima, in dem sich Frauen unsicher fühlen, schweigen, sich unterordnen. Und in dem der kleine Prozentsatz der Männer, die zu sexueller Gewalt neigen, sich darin bestätigt fühlen. Ja, ich weiß eh, Ironie und so. Aber es reicht eben nicht, sich im Zweifelsfall darauf zurückzuziehen, dass man es nicht so gemeint hat. Wir alle müssen für die Dinge einstehen, die wir tun und sagen. Und zur Not sagen „Fuck, da war ich einfach ein Idiot.“ Männer machen sich oft kein Bild davon, wie bedrohlich Situationen auf Frauen wirken. Und wenn sich jemand bedroht fühlt, wird eindeutig eine Grenze überschritten. Misogynie is no laughing matter. Fuck Rape-Culture. Das ist nicht lustig. Nie.

3. Die Situation ist gestern Abend wohl ein bisschen out of hand geraten. Es ist das Internet, Dinge kochen hoch, Leute regen sich auf und mischen sich ein. Da braucht man jetzt nicht besorgt die Braue hochziehen und irgendwelchen Kultur-Pessimismus daherschwafeln, das ist einfach so. Es entwickelt sich sofort ein „wir vs die“, und der Ton wird auf beiden Seiten augenblicklich rau. Und in zwei Tagen weiß niemand mehr so richtig, worum es eigentlich ging.

Ich glaube, dass sie meisten Jungs, die da unter dem #BMG posten, persönlich überhaupt keine unguten Typen sind. Ja, auch mir rutscht gelegentlich ein scheiß Witz raus, von dem ich froh bin, dass er nicht an die Öffentlichkeit gezerrt wird. Und als ich Teenager war, ist mir das sicher noch viel öfter passiert. Menschen machen Fehler, aber Fehler bleiben trotzdem scheiße. Und es macht halt auch einen Unterschied, wie ich auf Fehler reagiere. Ich kann mir eh vorstellen, wie es zu den Reaktionen gestern gekommen ist: Die Jungs waren überrascht, haben unüberlegt „in character“ und per Vorwärtsverteidigung geantwortet. Und jetzt kommen sie da nicht mehr raus. Es gab gestern einige Situationen, in denen man einen Gang zurück hätte schalten können. Aber ich gehe davon aus, dass ein Großteil von ihnen weiß, dass das ziemlich daneben war. Oder dass sie zumindest stiller werden, wenn sie sich vorstellen, ähnliches würde ihren Schwestern, Müttern oder Cousinen passieren.

4. Was hat das alles jetzt mit Yung Hurn zu tun? Es ist zwar nicht ganz fair, wenn ihm jetzt Unbeteiligte jeden Satz persönlich zuschreiben, weil er im Gegensatz zu den anderen eine zumindest halb-öffentliche Person ist. Aber er war aktiv dabei als Antonia in der Gruppe fertig gemacht wurde und hat sie als „größtes Opfer Wiens“ bezeichnet, als sie ihre Kritik öffentlich gemacht hat.

UPDATE: Das im Absatz erwähnte Posting ist gelöscht und wir hoffen, dass mittlerweile die Sache für alle geklärt ist.

Um das hier noch einmal klarzustellen: Niemand hier will irgendeinen Artist vernichten. Allerdings werden wir auch weiterhin jede Autorin, die im Netz persönlich bedroht wird, mit Zähnen und Klauen verteidigen. Und wir werden weiterhin sagen, dass Misogynie scheiße ist und Witze über Vergewaltigungen nicht lustig sind. Für sowas darf kein Platz sein.

Jetzt, wo wir alle mal die Chance hatten durchzuatmen, wäre es eventuell Zeit für verbale Abrüstung. Btw: Es ist nie zu spät für eine Entschuldigung.

UPDATE: Die Veranstaltung ist jetzt offenbar abgesagt.