Wie wichtig ist Codein für die Deutschrap-Szene?

Wir haben mit einem Apotheker, einer Drogenberatung und dem Rapper Hustensaft Jüngling über das Arzneimittel gesprochen.

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22 April 2015, 1:30pm

Foto: Niklas Fucks

In ihrem im Jahre 2000 erschienenen Track „Grüne Brille“ sangen Dynamite Deluxe: „Alles is' cool solange ich genügend chille, Gras in Tüten hülle, die Lunge mit Zügen fülle.“ Damals schienen sich noch HipHop und Cannabis gegenseitig das Mic in die Hand zu drücken und Reime auf das Papier zu schreiben. Egal ob Ferris MC, Samy Deluxe, Absolute Beginner, Sido, B-Tight oder Harris, am Anfang des Milleniums hatten viele Rapper das starke Bedürfnis, über ihr liebstes Laster zu sprechen. Das Ganze ist so ausgeufert, dass sich Blumentopf gezwungen sahen, mal den Zeigefinder zu erheben und die unkritische Glorifizierung in ihrem Song „Nur dass Ihr wisst“ zu hinterfragen: „Wer heute noch glaubt, man müsste schweineviel kiffen, um gute Reime zu kicken, hat nicht das Kleinste begriffen […] Gras wird exzessiv geraucht, und was erst inhaliert wird, taucht später in den Texten wieder auf.“

Aber das ist verdammt lange her. Die Zeiten, in denen Gras die heißgeliebte Muse so vieler Rapper war, die er mit ins Bett schleifte, sie am nächsten Morgen wachküsste und später mit ins Studio nahm, um sie seinen Freunden vorzustellen, sind zwar noch nicht vorbei, aber neuerdings gibt es eine eifersüchtige Konkurrentin: Codein. In den USA huldigten bereits in den späten 90ern DJ Screw und Big Moe aus dem texanischen Houston ihrer neuen Inspiration Codein. DJ Screw produzierte ungewöhnlich langsame Beats, nannte sie „Screw-Rhythmen“, rappte über einen gewissen „Purple Drank“ und ließ die eingerappten Texte nochmals verlangsamen. Es sollte der passende Soundtrack zur Schlafwandler-Euphorie des Purple-Rausches sein.

Es ist nicht schwer zu erraten, was Big Moe bei der Namenswahl seiner beiden Alben City of Syrup und Purple World beeinflusst hat. Dieses lila-farbene, sirupartige Getränk hat seinen Ursprung in Houston und ist ein Mix aus Hustensaft mit den Inhaltstoffen Codein und Promethazin, Sprite und zerpulverten Bonbons. Schnell verbreitete sich der „Purple Drank“ in den Südstaaten und wurde durch den Three 6 Mafia-Song „Sippin on Some Syrup“ landesweit bekannt.

Heutzutage ist Codein in all seinen kreativen Bezeichnungsfacetten (Purple Drank, Lean, Sizzurp, Syrup, Texas tea) ein großes Thema in der Amirap-Szene. So gab Lil Wayne bereits 2008 in einem Interview offen zu, von Codein abhängig zu sein und davon nicht loszukommen. Im Glauben, seine eigenen Rap-Skills verbessern zu können, begann Macklemore seinem Vorbild nachzueifern, konsumierte Codein und wurde abhängig (inzwischen ist er aber wohl wieder clean). 2013 wurde Gucci Mane in ein Krankenhaus eingeliefert und twitterte, dass er seit 10 Jahren vom Lean abhängig sei und „das Scheißzeug nicht witzig“ sei. Souljah hingegen postete schon oft stolz Bilder von einschlägigen Hustensaft-Fläschchen. Chief Keef behauptete vor einem Jahr, seine Mixtapes Bang 2 und Almighty So wären Fehler gewesen, die er im Rausch aufgenommen hätte. Er wolle jetzt von dem Zeug loskommen. Kurze Zeit später beteuerte 2 Chainz und auch Danny Brown, dem Lean abzuschwören. Schoolboy Q wäre ihnen dabei keine Hilfe, versuchte er doch selbst immer wieder erfolglos, clean zu werden. Verdammt, selbst Justin Bieber hat so seine Problem mit dem Lean. Wenn du Lil Wayne zu deinen Homies zählst, birgt das eben gewissen Risiken.

Es dauert bekanntlich immer etwas länger, bis Trends aus den USA über den Atlantik zu uns nach Europa schwappen. Aber das früher oder später amerikanische Einflüsse auch in der hiesigen Rapszene zu beobachten sind, zeigt sich wieder mal farbenfroh am Hustensaft. Natürlich ist niemand so empfänglich für den Spirit der Südstaaten-Rapszene und weiß gleichzeitig auch noch, wie das stilecht für die deutschsprachige Hörerschaft übersetzt werden muss, als ein gewisser Wiener. Bereits 2012 veröffentlichte Money Boy das Mixtape Pancakes And Sizzurp mit dem Track „Codein in meinem Eistee“ und legte 2014 mit „Codein Cobra“ und 2015 mit „Codeine mit Sprite“ thematisch nach. In seinem legendären Interview bei JOIZ ließ Money Boy mal eben fallen, dass er empfehlen kann, auf Heroin zu feiern. Ob das ein Witz, sein Ernst oder pure Übertreibung war, ist bei ihm nie ganz klar. Fest steht allerdings, dass Codein nicht ohne Grund längere Zeit genutzt wurde, um Heroinsüchtige von ihrer Sucht zu entwöhnen. Beide Substanzen sind Opiate.

„Alle Opiate haben ein großes Abhängigkeitspotenzial. Wenn jemand wirklich abhängig von Codein wird, hat er sich damit eine manifeste Opiat-Abhängigkeit zugezogen. Den Entzug muss er dann zusammen mit den Heroin-Abhängigen durchführen.” Doris Nithammer ist Leiterin der Suchtberatungsstelle Berlin-Friedrichshain und verneint meine Frage, ob denn Codein zurzeit ein Thema wäre: „Ich kenne kein Codein-Problem in Deutschland.“ Überhaupt scheint sie erstaunt, dass dieser Arzneistoff jetzt häufiger missbraucht werden solle. Dafür sei die Dosis in hiesigen Hustensäften einfach zu niedrig, um wirklich zu kicken. Es sei denn, du würdest noch Vodka oder anderen Alkohol in deinen Cup kippen. Das würde die Wirkung wesentlich verstärken.

Neben Money Boy rappen auch seine Schützlinge Hustensaft Jüngling und Medikamenten Manfred vom dickflüssigen Atemwegsberuhiger. Der Jüngling hat erst Anfang April zusammen mit Money Boy ein Video zum Track „Codein Crazy“ veröffentlicht, der mit Lines wie „Ich hab Codein im Doublecup, doch ich bin nicht abgefuckt. Der Hustensaft und Sprite sind der Grund, warum ich high bin“ nicht gerade schüchtern mit der Zuneigung zum Hustensaft umgeht. Auch am Telefon redet der 17-jährige unverkrampft über das Medikament. Schon auf die Einstiegsfrage, wie er denn überhaupt zu seinem Künstlernamen gekommen ist, antwortet er sofort: „Hustensaft muss auf jeden Fall getrunken werden. Vielleicht nicht so oft, wie du vielleicht den Texten entnehmen kannst, aber jede Woche wird das schon getrunken.“

Wenn man ihm so zuhört, könnte man denken, dass er über einen edlen Tropfen Whiskey redet und nicht über ein Opiat, an dem du ersticken kannst. Christoph Willke ist Apotheker und erläutert mir die Risiken eines zweckentfremdeten Konsums: „Das Gefährliche ist immer die Dosierung. Die, die an einer Überdosis sterben, sterben an einer Atemdepression. Da macht einfach die Lunge schlapp und zack, das war’s.“ Davon könnte auch Sizzurp-Vater MC Screw ein Lied singen, wenn er nicht eh schon an einer solchen Codein-Überdosis gestorben wäre.

Hustensaft Jüngling sieht das entspannt. Ob er sich denn nicht Sorgen wegen den Nebenwirkungen mache? „Eigentlich sind die nicht so stark. Aber wenn du zuviel trinkst, bekommst du Bauchschmerzen, Durchfall und so ein paar kleinere Symptome. Solange du das nur am Wochenende trinkst… Ich habe viele Freunde, die in den USA zum Austausch waren und meinten, dass die Jungs das da an der Schule trinken.“ Die Zweckentfremdung von Hustenmitteln ist unter US-amerikanischen Schülern schon lange bekannt. Hierzulande ist es allerdings deutlich aufwändiger, an den gewünschten Spezialsaft ranzukommen. Dafür müsstest du zum Arzt, diesem einen authentischen Reizhusten vortäuschen und mit dem von ihm ausgeschriebenen Rezept weiter zur Apotheke. Christoph Willke gibt aber zu Bedenken: „Du entwickelt ja wie bei jeder Droge eine Toleranz und brauchst irgendwann mehr. Wenn du aber jeden Monat wegen Reizhusten zum Arzt gehst, fällt das auf. Du musst also schon den Arzt und auch die Apotheke wechseln.“ Da wäre es natürlich praktisch, selbst Apotheker zu sein oder einen zu kennen. Denn er selbst könne das einfach so kaufen: „Wenn ich das bestellen würde und kaufe, würde das keiner mitkriegen. Es gibt bei privatrezeptlichen Verschreibungen für Apotheker ja keine Dokumentationspflicht. Da wird bezahlt und das Rezept weggeschmissen. Als Apotheker könntest du da schon was aufziehen.“

Der Jüngling ist einen anderen Weg gegangen. Zwar habe er sich früher das Rezept vom Arzt geholt, indem er einfach Reizhusten vorgetäuscht hätte, inzwischen würde er aber lieber im Internet bei einer französischen Apotheke bestellen. Da bekomme er wenigstens „so richtigen lila Sirup, der auch mehr dem aus den USA entspricht.“ Tatsächlich kannst du bei einem Frankreichbesuch rezeptfrei Fläschchen Neo-Codion mit 500mg Codein kaufen. Zum anschaulichen Vergleich: Die Tagesmaximalsdosis liegt durchschnittlich bei 200mg. Damit könntest du also zweieinhalbmal einer Atemdepression erliegen oder es vernünftigerweise im Doublecup strecken und dich ein paar Wochenenden daran erfreuen. Wäre es aber nicht wesentlich bequemer, das wie der Jüngling ohne Rezept einfach über das Internet zu bestellen? Unser Apotheker ist skeptisch: „Geht eigentlich nicht, bekommst du nicht durch den Zoll. Wenn es geht, ist die Wahrscheinlichkeit, dass es gefälscht ist, sehr hoch. Dann ist irgendein anderer Scheiß drin.“

Klingt insgesamt alles wesentlich umständlicher, als sich über verlässliche Kontakte Gras zu besorgen und zu kiffen. Warum sich den Stress machen, wenn der grüne Rausch doch so nahe scheint? Hustensaft Jüngling: „Weed konsumieren wir nicht mehr so stark, eher nebenbei. Das ist ein bisschen out geworden. Wenn du zuviel smokst, bleibst du drauf hängen und bekommst auch gar nicht den kreativen Input.“ Dagegen scheint Codein ihn zum Texten zu beflügeln. Sowohl der Money Boy-Feature-Track „Codein Crazy“ als auch „Exctasy Codein“ mit Medikamenten Manfred seien unter Codein-Einfluss geschrieben worden: „Das sind ja so futuristic Beats. Wenn du da auf Codein bist, kannst du viel nicere Texte schreiben, als wenn du irgendeinen harten Trapsong machen willst. Da hilft dir Codein auch nicht weiter, sondern macht dich down.“

Was vorher gesippt wird, taucht also später in den Texten wieder auf? Bisher scheint die Begeisterung für den Lean nur eine spezielle Strömung der hiesigen Szene mit den US-Vorbildern zu teilen. Eine gewisse swaggy Strömung. Der überwiegende Rest es Deutschrap bleibt seinen alten Gewohnheiten treu, fröhnt dem THC und schreibt tiefsinnige Songs über die Farbe Grün. Es ist unwahrscheinlich, dass sich in nächster Zeit jemand dazu berufen fühlt, in einem Song die Codein-Glorifizierung anderer Rapper zu kritisieren. „Shawty bist du auf Lean?“ Nein.

Julius ist auch bei Twitter: @Bedtime_Paradox

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