Wir haben uns Andreas Gabaliers ,Volks Rock'n'Roll'-Show angeschaut

Wenn Sarah Connor auf Pseudo-Steirisch „Zuckerpuppen" covert, kann das weh tun.

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07 September 2014, 9:37am

Alle Fotos: ORF.

Verglichen mit privaten TV-Sendern hat das öffentlich-rechtliche Fernsehen eigentlich wenig Finanzierungsprobleme. Das heißt aber nicht, dass der Quotendruck damit geringer wird. In einer Welt, in der jeder immer in allem Erster sein muss, gilt das natürlich auch für den ORF und seine Kollegen in Deutschland und der Schweiz. Nun sind die quotenstarken Sendungen normalerweise nicht unbedingt das, wofür man dann Grimme-Preise gewinnt. Aber mit Sendungen wie dem „Musikantenstadl", „Willkommen bei Carmen Nebel" oder den Festen der Volksmusik lockt man regelmäßig irgendwas zwischen 20 und 30 % der Zuschauer. Das Problem dabei: Der weit, weit überwiegende Teil davon ist 50+.

Da kommt jemand wie Andreas Gabalier natürlich gerade richtig. Der steirische Tausendsassa sorgt nicht nur bei Universal Österreich für klingelnde Kassen, sondern verkauft auch riesige Open Air-Konzerte aus. Er verbindet die Volksmusik mit etwas, das entfernt nach Rock'n'Roll klingt oder zumindest so genannt werden könnte. Dementsprechend ist es logisch, dass die deutsprachigen Öffentlich-Rechtlichen unter Federführung des ORF Gabalier jetzt eine Show auf den Leib geschneidert haben.

Gestern ging die erste Ausgabe der „Volks Rock'n'Roll-Show" über den Sender. Live aus dem Festspielhaus Füssen im Allgäu, was nicht beim Schloss Neuschwanstein liegt, sondern praktischerweise auch irgendwie im Dreieck D-A-CH. Showtechnisch wurde eher geklotzt, mit Feuerwerk am Schluss und einer Außenbühne für zusäzliche 3.500 Zuschauer.

Das Publikum ist relativ jung, hatte zwischenzeitlich sogar Probleme „We Will Rock You“ mitzuklatschen und unterlag einer Dirndlpflicht. Gabalier hat es mit seinem Mikrofon-bewehrten Schamanenstab im Griff, bringt es mit seinem leicht lahmen Hüftschwung und Kusshänden zum Kreischen. Überhaupt ist Gabalier eigentlich mehr Rampensau als Sänger, was im Grunde ja eigentlich völlig ok ist. Warum er dann aber bei jeder Performance seiner Gäste unbedingt mit auf die Bühne muss, bleibt bis zum Schluss unklar.

Es gibt eine recht bekannte South Park-Folge, in der am Beispiel AIDS ausgeführt wird, dass man über schlimme Dinge nach genau 22,3 Jahren lachen darf. Man müsste mal eine ähnliche Regel darüber aufstellen, ab wann Musikrichtungen offiziell ein Label werden, das jeder nach Belieben (und ohne Rücksicht auf den Originalkontext) füllen darf. Rock'Roll zum Beispiel hat niemanden, der ihn davor verteidigen kann, dass Rae Garvey, Sarah Connor und Zucchero unter seinem Namen auftreten müssen.

Das Konzept der Show ist recht einfach: Es gibt sehr viele musikalische Darbietungen mit ein paar Einspielern und Schaltungen auf die Außenbühne. Gabalier hält alles zusammen. Die Einspieler handeln davon, dass er in die Schweiz fährt, um Stefanie Heinzmann für die Show zu rekrutieren (schafft er recht einfach), nach Berlin fährt, um The Boss Hoss für die Show zu rekrutieren (schafft er ebenso recht einfach) und in die USA fährt, um Jerry Lee Lewis zu treffen (geht auch, ist aber schwieriger). In einer Sequenz joggt Gabalier nach einem Schnitt auf seine Wadln den Grazer Schlossberg hinauf und spielt danach in Schwarzweiß (weil Rückblende!) die Geschichte nach, wie er älteren Männern im Nachbarskeller das erste Mal seine Songs vorspielt.

Zucchero, Status Quo und die Scorpions sind die größten Altstars an diesem Abend. Sonst verteilt sich das Ganze natürlich ein bisschen auf die Produktionsländer: Gabalier vertritt qua seines Amtes und gemeinsam mit Peter Kraus Österreich, Stefanie Heinzmann die Schweiz, sonst ist viel aus Deutschland dabei, eh klar. Das führt dann auch dazu, dass Matze Knoop Sarah Connor mit einer grausamen Dieter Bohlen-Parodie einleitet und im Handumdrehen beide disqualifiziert. Oder dass die Norddeutsche Connor im Pseudo-Steirisch das Gabalier-Cover „Zuckerpuppen" singt, danach aber ein bisschen awkward fragen muss, was „Aufpudeln" heißt. „Live"-TV, I love you so much.

Es gibt eine angetäuschte Live-Schaltung zu „Wir sind Kaiser“, wo man sich ein bisschen über den Hymnen-Streit lustig macht. Seyffenstein schlägt Gabalier dann vor der Kamera zum „Ritter von Volks-Rock'n'Roll“, muss dann aber die Bühne für Jeanette Biedermann freimachen, die sich tanz-technisch nicht ganz zwischen Hüftschwung und Slut-Drop entscheiden kann. „Jeanette, das ist dein Publikum!“ schreit Gabalier danach. Er hat recht und beschreibt damit auch gleich das Problem.

Insgesamt war „Die Volks Rock'n'Roll"-Show eine klassische öffentlich-rechtliche Samstagabend-Show, mit allen Stärken und Schwächen. Das Musikantenstadl mit poppigeren Acts. Dieselben gefakten Dialoge auf der Bühne, dieselben „frechen" Aktionen, ein spontaner Hüftschwungwettbewerb, den die Tänzerinnen mit vorproduzierten Schildern bewerten. Die Quoten waren okay, aber nicht spektakulär. Es wird wohl weitergehen. Volks Rock'n'Roll will never die.

Jonas hat nichts gegen Andreas Gabalier. Diese Meinung verteidigt er auch auf Twitter: @L4ndvogt

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