Die Swiss Avengers sind der beste Pausenfüller bis es rätoromanische Pornos gibt

Ein überflüssiger Gimma, Bünzli-Alltag und bescheuertes Rumgefuchtel—Die Schweizer Rap-Supergroup Swiss Avengers lud zum Video-Dreh, wir gingen hin und haben 10 Dinge gelernt.

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17 Mai 2014, 12:05pm

Alle Fotos von Diana Pfammatter.

Du kennst bestimmt den Marvel-Blockbuster Avengers. Der mit den in die Jahre gekommenen Superhelden, die sich zusammenschliessen, um die Welt vor dem absolut Bösen zu retten. Etwas Vergleichbares läuft momentan in der Schweiz ab. Hier scheint zwar alles Friede, Freude, Eierkuchen, doch hinter den auf Hochglanz polierten Fassaden brodelt es. Westschweiz vs. Deutschschweiz! 1. Mai-Krawallos vs. Freund und Helfer! SVP vs. JUSO! Alle vs. Zürich!

Um unseren Niedergang zu stoppen, haben sich fünf ältere Herren, oft als Sellouts verschrieene CH-HipHop-Legenden um den Superschwizer Gimma geschart: Die Swiss Avengers sind Brandhärd-Frontmann Fetch, Ex-Liricas-Analas-Schönling PDDP, Stress-Homie Nega, Ticinese-Rapper SISMA und Platten-Papst DJ Idem. Sie zeigen die wahre Schweiz—in allen vier Landessprachen: Dass wir zwar alle aneinander vorbeireden, uns aber trotzdem lieb haben sollten.

Diese Wahrheit wollen die Swiss Avengers auch verbreiten. Darum haben sie mich zum Videodreh nach Graubünden geladen. Bei dem ganzen Rätoromanisch, Französisch und Italienisch habe ich zwar komplett den Durchblick verloren. Gelernt habe ich trotzdem einiges:

1. Ohne Musik kein Musikvideo!

Ein Musikvideo besteht aus zwei Elementen: Musik und Video. Vergisst man ersteres zu Hause, wird es schwierig, letzteres in Angriff zu nehmen. Bei den Swiss Avengers scheppert der Sound darum wahlweise aus einem im Halteverbot parkierten Skoda oder Mini-Lautsprechern aus der Zeit vor der Anbauschlacht.

2. Graubünden ist das schönste Dorf der Welt!

Alle in Graubünden kennen Gimma, Gimma kennt alle in Graubünden—Graubünden ist ein Dorf. Ein schönes noch dazu. Bilderbuchidylle: Türkisblaue Bergseen in scheinbar endlosen Mooswälder liegen neben einem Canyon, der die vorbeifahrenden Züge zum Märklin-Traum deiner Kindheit macht. Nur etwas langweilig scheint den Bündnern zu sein. Sonst würden sie kaum das Steine-in-Schluchten-Schmeissen—wahlweise auch Flat-Screen-Schmeissen—zu ihren liebsten Hobbys zählen.

3. Rap-Rumgefuchtel sieht ohne Sound noch bescheuerter aus!

Unter uns: Wer kam eigentlich auf die Idee, dass Rapper in allen Videos wie Revier markierende Zoo-Affen auf MDMA rumhampeln müssen? Bestimmt will es keiner gewesen sein—man hat sich ja schon dran gewöhnt. Scheppert die Musik aber aus Lautsprechern, die dem Smartphone deines liebsten Hobby-Gangsters in der letzten Busreihe kaum die Stirn bieten können, offenbart sich die irre Kraft des hysterischen Rumgefuchtels.

4. Videodrehs sind das Langweiligste der Welt!

Explosionen, Koks, Gras, Nutten. Du stellst dir einen Musik-Videodreh als real gewordene Hollywood-Blockbuster vor? Ich muss dich leider enttäuschen—es gibt nichts Langweiligeres als einen Musik-Clip zu drehen. Dein Tag besteht aus warten, mit dem Auto durch die Gegend zu heizen und durch nasse Wälder zu waten, sonst tust du nichts—ausser natürlich im Regen stehen und frieren. Solltest du trotz dieser Warnung in Versuchung geraten, ein Musikvideo zu drehen: Vergiss dein Gras nicht!

5. Schweizer Rap-Videos sind gratis!

Authentische Rap-Videos brauchen fette Autos und nicht ganz so fette Bitches mit umso fetteren Ärschen. Aber: Schöne Bitches wollen Geld, fette Autos kosten Geld. Blöd, wenn man das ganze Geld schon für die CD-Produktion verpulvert hat. Noch blöder, wenn das eigene Auto ein gebrauchter Opel, ein mit Gaffer-Tape zusammengeflickter Skoda oder irgendein Baustellenfahrzeug ist—big pimpin' liegt da nicht drin. Also muss Pascale Manuel Vegas her. Der Typ macht—ganz Brudi-Liebe-mässig—so lange gratis Musikclips bis er selbst ein Star ist.

6. Das Bünzli-Leben holt jeden ein!

Rapper ficken Groupies ohne Ende, kiffen sich das Gehirn aus dem Kopf, saufen tagein, tagaus nur Champagner—sie leben das „life to the fullest“. Sollte man meinen. Die Realität sieht aber anders aus: Deine Lieblingsrapper werden alt. Sie träumen vom eigenen Weinberg, diskutieren über Kindersitze im Auto und freuen sich über ruhige Abende ohne Frau und Kind.

7. Gimma ist überflüssig!

Die Swiss Avengers funktionieren auch ohne Gimma, wird mir versichert. Natürlich nicht ohne zu betonen, wie sehr Bruder Gimma geliebt wird. Für mich und dich viel wichtiger: Wir werden auch ohne Gimma gerettet. Amüsanter wäre es zwar allemal mit ihm. Wo blieben sonst die Geschichten von einsamen Haldensteiner Wölfen und nackten Nutten auf Wohnzimmer-Couchs, die von mindestens so nackten Freunden mit einem—für die Couch tödlichen—Hechtsprung geehrt werden?

8. Ein Shitstorm ist die beste und die schlechteste Promo!

Februar 2013: Die Swiss Avengers veröffentlichten zum 75. Geburtstag der Ernennung des Rätoromanischen zur Nationalsprache einen Song. Irgendein Typ von Radio Zürisee weigerte sich, das Lied zu spielen und nutzte die Gelegenheit gleich dazu, alle Rätoromanen per Email als Hinterwäldler und Pappnasen zu beschimpfen. Gimma veröffentlichte die Liebeserklärung des Typen, der wird Shitstorm-Opfer und die Swiss Avengers waren in den Medien. Superhelden wollen aber auf der guten Seite der Macht stehen. Und dort kommt es bekanntlich nicht gut an, wenn man für den Karrieretod eines Musikredaktors verantwortlich ist. Darum nahmen die Avengers die veröffentlichte E-Mail wieder offline—die Promo hatten sie ja schon.

9. Die Schweiz wartet auf rätoromanische Pornos!

Diesen Deutschschweizer Porno-Star kennt mittlerweile wohl auch deine Oma. Die würde sich bestimmt auch freuen, wenn eine weitere Schweizer Traditionssprache vom eigenen Porno entjungfert wird. Bleibt nur noch die Frage: Wer kommt zuerst? Gimma und PMVegas mit ihrer kantonal subventionierten Eigenproduktion oder PDDP als rätoromanischer Synchron-Stöhner?

10. Rap ist gelebtes Esperanto!

Fünf Rapper, vier Sprachen, eine Crew—das kann nicht gut kommen. Sie reden und leben aneinander vorbei. Müssen sich mit Händen und Füssen verständigen—oder noch schlimmer: Auf Englisch. Wühlen genüsslich in der Vorurteilskiste: Der Tessiner kommt sowieso zu spät, die Steinbock-Tschinggen können keine Pizza backen. Und trotzdem schaffen sie es, eine CD aufzunehmen. Ohne Tote, ohne Trauma.

Die Video-Premiere zur Swiss Avengers-Single „Patois“ kommt am 22. Mai exklusiv bei Noisey. Das Album steht ab dem 23. Mai im digitalen oder analogen Plattenladen deines Vertrauens.

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