Rudis Brille

Spontan(er) Techno—Holt bitte wer die Technopolizei?

Rudi Wrany würde sich mehr Offenheit wünschen, und noch viele Spontan Techno-Feste. Aber vielleicht ohne den dümmlichen Zusatz "Warum denn nicht?".

Rudi Wrany

Rudi Wrany

Fotos: Claudio Farkasch

Letzten Freitag fand Spontan Techno endlich einmal an einem völlig neuen Ort statt: Auf einem Grundstück, das zur "Praterfee" der Familie Kolarik gehört. Das Kollektiv hat sich dabei erstmals auch endlich selbst verwirklichen können—zumindest laut Eigendefinition. Es gab Deko, eine amtlich fette Funktion One-Anlage, die man aus Linz eiligst herankarrte und ein nettes, gut gelauntes Publikum strömte in Massen auf die Party. Endlich ist es also einmal gelungen, einen Freiraum auch legal zu nutzen. Laut den Veranstaltern wird dies nicht das einzige Mal gewesen sein, an dem es Spontan Techno, eine Brand mit offensichtlich sehr viel Fanpotenzial, dort geben soll.


Der Erfolg liegt vielleicht auch am Doppelnamen: Spontan Techno. Die Leute lieben es bei Tag zu feiern und dazu dient der Oberbegriff "Techno" als große Hilfe. Sehr amüsant waren dann wieder die Diskussionen, die sich in den sozialen Netzwerken entspannen, weil hier schon wieder vielen "Techno" in seiner ursprünglichen Form weit unterrepräsentiert erschien. Es entwurmten sich—wie schon in vergangenen Jahren—Diskussionen darüber, was genau "Techno" zu sein habe und was keiner war. In jedem Fall spaltet sich die "Nation" wieder darüber, ob ein gemeinhin großes Open Air, das sich zum Ziel gesetzt hat, mit seiner Spontaneität den Willen und das feierflexible Zeitmanagement der Leute auszutesten, das Wort "Techno" als Leitslogan enthalten dürfe.

Ich denke einmal, dass "Techno" mittlerweile einfach ein allgemein gültiger Oberbegriff für die 4/4-Spielarten der elektronischen Musik geworden ist. Es hört sich klarer, direkter und definierter an, als alle anderen Begriffe. Ein "Spontan Muschihouse" oder "Das Elektro Cafe" kämen einfach nicht so gut an—alleine schon, weil sich darunter 98 Prozent der Besucher nichts vorstellen könnten. So muss eben Techno als Schlagwort herhalten—sehr zum Missfallen einiger, die sich mit dieser Materie äußerst intensiv auseinandersetzen, fast so, dass man meinen könnte, es ginge um die Zukunft unseres Landes. Aber es gibt ja auch "Weißwein", der bei grottig grässlichem Soave um 99 Cent beginnt und bei Chablis Grand Cru endet.

Vielleicht haben auch beide Seiten recht. Klar, es kamen im LineUp des Spontan Technos Leute vor, die uns noch vor Jahren mit quälenden Gesangsschmonzetten mit Saxophon-Einlauf an den Rand des Ohrkrebses brachten. Es kamen Leute vor, die erst vor kurzem wussten, welche Öffnung am CD-Player die richtige zum Anbringen des USB Sticks war und solche, die noch vor zwei Jahren ein vorgefertigtes Set vom PC abließen und als der Computer abkackte, das Set von vorne beginnen ließen. Klar, es gab sie, die historischen Peinlichkeiten auf LineUps der letzten Zeit, die sich schnell mal aus Beatport zehn Technotracks downgeloadet haben, um sie dann stolz bei Sonnenuntergang in die wogenden Studentenmassen zu schleudern. Aber ja, worum geht es bei solchen Open Airs, die keinen Eintritt verlangen und untertags, oft unter der Woche stattfinden? Es geht darum, sich ungezwungen zu treffen, zu socializen und der Musik zu lauschen, die ja mittlerweile ohnehin alle fehlerfrei rüberbringen können.

Der technoaffine Feinschmecker mag sich darüber mokieren, dass die musikalische Tiefe fehlen könnte, und wieder Berlin aus dem verstaubten Hirneck zerren. Doch wir sind erst am Anfang, es gibt bei uns keine Tradition, keine Unterstützung durch die Wirtschaft oder die Stadt und die Acts sind eben die Wahl der Veranstalter, ob man Neulingen, die ein heimgemixtes DJ-Set schicken, dabei eine Chance gibt oder nicht, bleibt denen überlassen. Ich sehe da eine gute Durchmischung, sie könnte noch ausbaufähiger sein, aber das ist die Sicht des alternden Wutopas.

Mich stört die Glorifizierung des Wortes "Techno". Was es zu sein hat bestimmen nicht wir Megacleveren in den sozialen Netzwerken: Es gibt mittlerweile 25 verschiedene Spielarten davon, ein quälend lähmendes Minimalset von Ricardo Villalobos mag für die einen die absolute Erfüllung sein, für die anderen ist es der darke, harte Sound von Oscar Mulero. Man kann dieses Genre -und Nischendenken offenbar nicht aufhalten, es wird meiner Einschätzung immer schlimmer statt besser: War es früher in, viele Stile zu vermischen und zu kombinieren, gilt dies mittlerweile als absolutes No-Go, als Fail, als Irgendwas. Die wenigen, die sich das noch trauen, wie etwa Laurent Garnier, genießen deswegen vermutlich Kultstatus.


Ich würde mir da hier mehr Offenheit wünschen, und noch viele "Spontan Techno"-Feste, vielleicht ohne den dümmlichen Zusatz "Warum denn nicht?". Diese Frage muss man nicht stellen, da die Antwort klar ist. Angekündigt wurden jedenfalls weitere Open Airs, die weiterhin auch spontan und kurz davor angekündigt werden. Anfang Juni soll es das nächste geben, die Locations sollen ausgefallen bleiben, eine Rückkehr an den Beach Club hielte ich für einen Rückschritt.

Ähnliches formiert sich nun anlässlich der drohenden Katastrophe beim Finaldurchgang der Bundespräsidentenwahl. Ein "Presidential Rave"—wieder so ein Wort—wird die Demonstration am Vorwahltag (21.5) am geschichtsträchtigen Heldenplatz abrunden. Auch hier wurde im Netz bereits eifrigst darüber diskutiert, wer den nun die Berechtigung hätte, dort (gratis, wohlgemerkt) auflegen zu dürfen und manche wurden bereits im Vorfeld gedisst. Hallo? Worum geht es? Darum, ein Zeichen zu setzen, was man NICHT will und dies mit elektronischer Musik (kurz Techno genannt, für diejenigen, die es vergessen haben) zu untermalen und einigen Protagonisten, die sich bereit erklären, hier freiwillig mitzutun? Muss man dann darüber diskutieren, ob man hingeht oder nicht, wenn DJ XY spielt, weil der ja eigentlich sonst ein Narzisst ist?

Erneut wird die Technopolizei gerufen, die entscheiden soll, was angemessener Sound ist. Er soll ja nicht zu angepasst sein, ja gut, unterschreibe ich, aber die Leute bei solchen Anlässen zu ihrem musikalischen Glück zu zwingen und zu belehren, halte ich für falsch. Dafür ist der Zweck zu gut und gut war, dass alsbald nach dem ersten Wahlgang, nach ein paar Wutstunden, die GEGEN Aufrufe in FÜR/PRO Kampagnen umgewandelt wurden—man hatte dazu gelernt. Dass dann ein paar Intellektuelle, Schrifsteller und Journalisten uns aber auch noch mit drohendem Zeigefinger mahnten, man solle doch aufhören, die Wähler des Gegenlagers ständig als "dumm" zu bezeichnen und sie zu "verstehen", war dann doch ein wenig starker Tobak. Ich erinnere daran, dass, wenn erst einmal an der Macht, hier auch kein Funken Verständnis für uns vorhanden sein wird. Lieber mal kein Verständnis, eher sofort die Geschmackspolizei rufen und hoffen, dass unter "Hofer", der Bauernführer aus Tirol im 19. Jahrhundert, als einzige Führerfigur in den Geschichtsbüchern bleibt. Auch nach dem 22. Mai, denn sonst erübrigt sich nämlich bald die Frage, was "Techno" sein darf, den wird's dann nämlich nur noch zu Hause geben, wenn die Nachbarin nicht gerade Stenzel heißt.

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