Wir haben mit der Frau gesprochen, die Lady Gaga angekotzt hat

Und ja, wir meinen das tatsächlich wortwörtlich—die Frau kotzt Lady Gaga voll. Alles natürlich unter dem Banner der Kunst.

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18 März 2014, 11:00am

„Wenn sie vollgekotzt wird, ist es eine ‚Performance’. Wenn mir das passiert, ist es einfach nur Freitag Nacht?“

Das twitterte ich, während ich mir anschaute, wie Lady Gaga ein Roboterschwein ritt, während sie von dem Mädchen, das auf ihrem Schoß saß, mit grünem Schleim vollgekotzt wurde. Ich fügte meinem Kommentar noch ein „#Unfair“ hinzu. Das Mädchen auf Gagas Schoß war Millie Brown, eine Performancekünstlerin, die dafür bekannt ist, farbige Milch auf Leinwände zu kotzen—und jetzt eben auch auf einen der größten Popstars der Welt. Obwohl sie das gleiche zuvor schon in einem Video gemacht hatte, bekam die SXSW „Swine“-Show ungeheuer viel Medienaufmerksamkeit und damit einhergehend einen Haufen empörter Reaktionen von Fans, anderen Berühmtheiten und nicht zuletzt dem Qualitätsblatt TMZ.

Nur weil Millie in L.A. lebt, heißt das noch lange nicht, dass sie auf Gossip und wilde Mutmaßungen steht, also haben wir uns mit ihr über Skype unterhalten, um die ganze Sache zu klären, um über die Zukunft zu reden und natürlich, um herauszufinden, welche Sorte Milch sie für ihre Aktionen benutzt.

Noisey: Wie war's beim SXSW?
Millie: Es hat super viel Spaß gemacht! Ich bin Dienstag dort angekommen und habe mich Mittwoch mit Gaga getroffen. Da haben wir uns dann auch dafür entschieden, die Performance durchzuziehen.

Also war das eine mehr oder weniger spontane Sache?
Ja, das war es. Ich habe erst die Nacht, bevor ich nach Austin geflogen bin, herausgefunden, dass sie dort ist, und sie bekam dann erst mit, dass ich dort bin. Wir dachten also einfach: Verdammt, dann lass uns doch etwas zusammen machen!

Und wie hast du dich auf der Bühne gefühlt?
Ich habe zuvor noch nie eine Performance in dieser Größenordnung gemacht. Sie ist auch der erste Mensch, den ich direkt in so etwas einbezogen habe. Andere Künstler hatten mich zuvor schon gebeten, auf sie zu kotzen, aber ich habe immer abgelehnt. Ich habe sie ausgewählt, weil ich weiß, dass sie versteht, worum es bei der ganzen Sache geht. Sie weiß Performancekunst wirklich zu schätzen. Die Geschichte dann live mit ihr durchzuziehen, mit der ganzen Energie des Publikums, das war wirklich großartig.

Der Auftritt wird, wie zu erwarten, von vielen Seiten kritisiert. Gaga erklärte in einem Statement, dass ihr beide nur den Song und seinen Inhalt darstellen wolltet. Kannst du mir mehr dazu sagen?
Es hat für uns beide Sinn gemacht. Es hat einfach sehr gut zu dem Song gepasst und zu dieser Idee, sich von der ganzen schlechten Energie zu reinigen.

Wie hat sich deine Arbeit weiterentwickelt, seitdem du dich 2005 mit !WOWOW! zum ersten mal dazu entschieden hattest, dich in Regenbogenfarben zu übergeben?
Mein Idee ist, mich an meine eigenen Grenzen zu bringen. Momentan stößt jede Performance, die ich durchführe, an mein mentales und physisches Limit. Ich habe gerade auch einen wirklich abgefahrenen Film mit dem Namen Pendulum gedreht, der diesen Sommer gezeigt wird. Ich kann aber noch nicht mehr verraten, es soll eine Überraschung bleiben! Ich habe neben der Vomit-Art auch viele andere Performanceprojekte, die ich bald verwirklichen werde.

Einige Kritiker machen sich Sorgen, dass die Aktionen deinem Körper schaden. Wie oft kotzt du Regenbogen?
Ich mache das alle paar Monate.

Okay, das ist nicht sehr oft! Die Leute denken wohl, dass du das jeden Tag machst.
Ja genau, so ist es eben nicht. Ich mache Live-Performances, Filme, ich ‚bemale Leinwände’—dazwischen liegt immer mindestens ein Monat Pause.

Demi Lovato hat behauptet, dass du und Lady Gaga mit der Performance Bulimie verherrlichen würdet. Auch andere Leute haben dir schon vorgeworfen, dass du Essstörungen glorifizieren würdest. Gibt es etwas, dass du dazu sagen möchtest?
Wir haben nichts verherrlicht. Jede meine Performances soll die Zuschauer dazu bringen, die Konzepte von klassischer Schönheit und Weiblichkeit in Frage zu stellen, und sie sind gerade nicht dazu gedacht, diese Standards weiter voranzutreiben, mit denen sich Mädchen und Frauen tagtäglich auseinandersetzen müssen—durch die die ja Essstörungen erst entstehen. Ich würde sagen, dass es da einen großen Unterschied gibt, wenn ich meinen Körper dazu benutze, etwas Schönes zu kreieren und mich selbst auszudrücken, oder ich ihn dazu zu benutze, mir selbst zu schaden und mich den gesellschaftlichen Normen zu beugen. Meine Arbeit ist ein Aufbegehren gegen diese Normen! Ich kann verstehen, dass es einige Menschen triggern kann, aber als Künstlerin kann ich mich nicht selber zensieren, nur damit alle glücklich sind.

Ich selber litt unter einer Essstörung und mir kamen diese Vergleiche niemals in den Sinn. Wenn ich überhaupt darüber nachdenken würde, würde ich davon ausgehen, dass du versuchst, dieses Thema öffentlich zu machen und Menschen dazu zu bringen, das alles zu hinterfragen; und nicht um es zu trivialisieren oder zu einem Fetisch zu machen.
Exakt! Viele Menschen, die unter Essstörungen gelitten haben, sind zu mir gekommen und haben mir gesagt, dass es sie dazu gebracht hat, über das Thema auf eine völlig neue Art und Weise nachzudenken. Sie empfanden es als geradezu therapeutisch. Ich habe mehr Menschen getroffen, die sehr gelitten haben und die von meiner Arbeit positiv beeinflusst wurden, als solche, die es negativ getroffen hat. Natürlich schreiben die Leute im Internet eher negative Sachen.

Absolut. Wie gehst du mit dieser Kritik um?
Am Anfang habe ich noch alle Kommentare durchgelesen und fand sie sehr erschütternd: Menschen schrieben mir Todesdrohungen, redeten über meine Mutter und so weiter. Ich lese mir diesen Mist nicht mehr durch, aber ich denke mir, dass es eigentlich gut ist, wenn es die Menschen zu so extremen Reaktionen bringt. Das ist ja der Sinn von Kunst. Sie ist dazu da, Emotionen auszulösen und Leute dazu zu bringen, Dinge in Frage zu stellen. Es ist gleichermaßen wichtig, ob es sie verärgert oder inspiriert.

Genau, als ich mit dem Schreiben anfing, war ich traumatisiert von den ganzen hasserfüllten Kommentaren. Inzwischen bin ich an dem Punkt, an dem ich sagen kann: „Haha, er hat schon wieder gesagt, dass ich es verdiene, vergewaltigt zu werden, und dass ich mich umbringen soll, LOL“. Aber das hat Jahre gedauert! Hast du irgendeinen Ratschlag für Mädchen, die gerade erst anfangen, ihre Arbeiten zu veröffentlichen, damit sie sich das nicht zu sehr zu Herzen nehmen?
Du darfst nie auf die Sachen hören, die andere Leute über dich sagen. Du darfst dir davon nicht deine Einstellungen beeinflussen lassen. Du wirst sowieso niemals alle zufrieden stellen können, also brauchst du es auch gar nicht erst zu versuchen. Wenn diese Leute dich dann davon abhalten, das auszudrücken, was du eigentlich sagen möchtest, wo bleibt dann da noch der Sinn des Ganzen?

Ich habe das Gefühl, dass die Kommentare viel brutaler sind, wenn sie an Frauen gerichtet sind, und Scham ist dabei ein beliebtes Thema. Sie wollen immer, dass du dich für das schämst, was du gemacht hast.
Ja, vor allem wenn es um Essstörungen geht. Wie auch immer, es hat was mit Minderwertigkeitskomplexen zu tun und es ist eine wirklich komische Sache: Die Leute verstecken sich hinter ihren Bildschirmen und denken, sie könnten deswegen sagen, was sie wollen. Die guten Manieren werden dabei schnell vergessen!

Würdest du sagen, dass Menschen insgeheim gemeiner sind, als wir denken?
Naja, ich glaube, dass die Leute eher Kommentare schreiben, wenn sie etwas hassen. Wenn Menschen etwas mögen, schreiben sie vielleicht mal „das ist super!“ und das war’s, aber wenn sie etwas hassen, dann wollen sie das wirklich kundtun! Ich habe das Gefühl, dass die Leute denken, es sei ihre Pflicht ist, das zu tun. Ich versuche schon immer, mich möglichst wenig damit zu beschäftigen, aber manchmal lese ich einen Kommentar und denke, „Wer sagt solche Sachen?“

Und wenn du sie dann am nächsten Morgen beim Bäcker treffen würdest, sie wären alle so verdammt höflich! Wo wir gerade schon bei den Kommentaren sind: Jemand schrieb einmal unter eins von deinen Videos „Warum spuckt sie nicht einfach die Milch?“ Warum ist es für dich so wichtig, dich deinem Körper komplett zu unterwerfen, anstatt etwas mehr Kontrolle zu behalten; auch in Anbetracht von ‚Komfort’ oder „gesundem Menschenverstand“—wie es einer deiner Zuschauer formuliert hat.
Ich habe schon viele verschiedene Formen von Kunst ausprobiert und Performancekunst spricht mich einfach am meisten an. Ich benutze dabei meinen ganzen Körper und das ist meine Möglichkeit, mich selbst auszudrücken. Ja, ich könnte die Farbe auch einfach werfen oder so, aber es ist eben dieser Prozess, der für mich interessant ist. Dieses Erschaffen von etwas Ungeschöntem und Ursprünglichem, etwas, das du nicht justieren oder kontrollieren kannst.

Du hast „everything is possible“ auf deinem Arm tätowiert. Das ist ein Zitat von Matthew Stone, oder? Ich weiß, dass euch beide schon eine längere Geschichte verbindet.
Das war eine !WOWOW!-Mantra. Alles ist möglich und das Universum wird schon dafür sorgen, dass es auch passiert.

Ist es das wirklich so?
Ja! Ich würde sagen, jetzt mehr als jemals zuvor. Du musst immer nur daran glauben, dass alles klappt und dass es großartig wird.

Ja gut, dafür muss man sehr hartnäckig sein. Es kann auch entmutigend sein, wenn man versucht, Künstler zu sein. So in der Art von „Tavi Gevinson könnte meine Tochter sein und ich habe noch nicht mal meinen ersten Roman veröffentlicht.“ Hast du irgendwelche Ratschläge für Künstler, wie sie mit dem täglichen Kampf umgehen sollen? Was sind die Sachen, die dich motiviert haben, weiterzumachen?
Du musst einfach nur an das glauben, was du tust. Bleib positiv. Es wird nicht immer leicht sein, aber manchmal schon.

Weil es auch gleichzeitig bedeutet, wenn du etwas wirklich willst, wirst du auch 100% geben, oder?
Genau! Es ist nicht so, als ob du nicht auch hart dafür arbeiten müsstest. Es ist eine Kombination aus harter Arbeit und dem Glauben daran, dass sich deine Ziele verwirklichen werden.

Du bist bei deinen Performances immer so gut angezogen. Leute haben gefragt, „warum Wildlederschuhe tragen, wenn sie gleich vollgekotzt werden?“ Wie wichtig sind Image und Fashion für dich?
Es fing damit an, dass ich in dieser Hausgemeinschaft wohnte, und Gareth Pughs Studio befand sich in unserem Haus. Mir wurde klar, dass Fashion eigentlich eine Form von Kunst ist. Für mich repräsentiert die Kleidung, die ich trage, meine Persönlichkeit. Wenn meine Persönlichkeit eine Jeans und ein labbriges T-Shirt wären, würde ich das zu meiner Performance tragen. Es ist nicht so, als ob ich mich sonst anders kleiden würde und die Sachen extra für die Bühne anziehe! Manchmal entferne ich das Fashion-Statement aber auch aus meiner Show und trete nackt auf. Ich mache das nicht, um die Leute zu schocken, sondern damit es wirklich nur noch um meine Kunst geht.

Machst du dir gerade Kaffee? Was für Milch ist das? Ich wollte dich auch noch fragen, welche Milch du für deine Performances verwendest.
Es ist Silk! Das war die erste, die ich ausprobiert habe und sie ist sehr gut.

Kann ich einen Screenshot machen?

Die sollten dich sponsern oder wenigstens eine Party für dich schmeißen. Statt Vodka gäbe es dann Silk-Milk-Shots.
Ich habe schon abgefahrenere Sachen erlebt.

Wirklich? Danke Millie!

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