Arbeit ist scheiße, wenn du in einer Band bist

Es ist ein widerlich trüber Mix aus Katern, schlechtem Kaffee und Arschlöchern.

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24 September 2014, 9:00am


Foto von Simon Parfrement

Jason Williamson ist Sänger der Sleaford Mods. Das ist die zweite Ausgabe seiner neuen VICE-Kolumne.


Das Schlimmste am Arbeiten und aktiv Musikmachen sind die Aufnahmen. Für mich ist es das Schlimmste, weil es hauptsächlich abends geschieht, nach der Arbeit, bis in die Nacht, von Montag auf Dienstag. Die Sessions werden meistens von Drinks und Weed begleitet (du kennst das vielleicht), also sitze ich am Tag nach einer Session immer schief und verkatert an meinem Schreibtisch, was die sowieso schon ungesunde Realität des Angestelltendaseins in einem Büro noch verschlimmert. Ich bin überrascht, dass noch keine neue Krankheit namens „Bürohaufen“ durch übermäßigen Stuhlgang aufgrund von billigem Kaffee ausgemacht wurde. Ein schokoladener Arschlikör voller Gold Blend. Furchtbar.

Aufnahmesessions sind spontan. Das Einzige, was man vorher plant, sind die Texte und Beats. Ich kümmere mich um die Texte und schreibe sie bei der Arbeit oder im Bus oder auf dem Klo oder wo und wann immer sie so kommen. Andrew kümmert sich um die Musik, was er ziemlich schnell zuhause macht. Wir werfen uns die Sachen dann gegenseitig zu und hoffen, dass sie aufeinander passen. Das lässt dich morgens zwar ziemlich abgefuckt zurück, aber nüchtern aufzunehmen, ist immer noch eine Hürde für uns. Die Euphorie betrunkener Produktivität unterstützt die Kreativität und das Ritual, nach der ersten Session abends in die Kneipe zu gehen, bereitet dich auf Runde Zwei vor. Wir schaffen pro Nacht zwei oder drei gute, fertige Ideen, wenn es gut läuft. Es klappt für gewöhnlich, wenn ich mich daran halte, Schimpftiraden über einen guten Beat zu legen oder an ein strukturierteres Strophe/Refrain/Bridge-Muster. Wenn wir experimentieren, dann ist es am Ende weniger belohnend, kann aber hilfreich sein für zukünftige Ansätze, also bringt es alles etwas.

Der nächste Tag ist allerdings total im Arsch. Paranoia und der Tabakentzug machen dich körperlich fertig und der Schmerz ist wirklich böse. Ich bin nach einer Aufnahmesession zwischen ein und zwei Uhr nachts im Bett und stehe am nächsten Morgen wieder um 6:30 Uhr auf, um ein Hemd zu bügeln und herumzustolpern; es ist wirklich beschissen. Ich kann nicht am Wochenende aufnehmen, da ich eine Familie habe und diese Zeit dafür da ist, mit ihnen zusammen zu sein, also sind die Abende unter der Woche die einzige Option. Es ist wirklich ein Elend—ich will nicht wie ein Arsch klingen, denn natürlich ist es kein wirkliches Elend—aber trotzdem ist die Bemühung um Aktivität mit einer Menge Stress verbunden. Du hast am Ende die Songs, aber es kostet dich. Es ist verdammt ungesund.

Auf Tour zu gehen und einen Job zu haben, bedeutet auch, dass du all deinen Urlaub aufbrauchen musst und eine Menge Abende in der Woche und Wochenenden dafür draufgehen; es gibt keine andere Möglichkeit, außer du scheißt auf die Arbeit, aber das ist immer noch keine Option für mich. Wenn du in England spielst, dann kannst du es so planen, dass du nur an Wochenenden unterwegs bist. Steve, unser Boss, schafft es, uns in seinem Polo bis 4 Uhr nachts wieder zu Hause zu haben, je nachdem wie weit es ist, aber 4 Uhr nachts ist das Worst-Case-Szenario.

In Europa unterwegs zu sein, ist natürlich anders. Im Notfall schaffst du zwei Abende an einem Wochenende, vorausgesetzt die Flug- und Zugverbindungen sind gut. Es ist wirklich merkwürdig, zum Beispiel in einer protzigen Stadt in der Schweiz die Sau rauszulassen und 24 Stunden später wieder an deinem Schreibtisch zu sitzen und Kaffee zu trinken, der nach Elchpisse stinkt. Die Band ist gerade recht erfolgreich, also habe ich kein Problem zu touren, weil ich weiß, dass das der Sache hilft. Wir waren in den Zeitungen, also musst du touren, um zu beweisen, dass du was kannst. Je mehr du in Europa tourst, desto mehr Veranstalter kommen auf dich mit Angeboten zu, also hilft das, neue Bookings in unbekannten Gegenden an Land zu ziehen.

Deine Arbeitskollegen zeigen unterschiedliche Reaktionen auf den Erfolg deiner Musik. Das hängt wirklich von der Person ab. Es gibt eine Menge, das man über den Nicht-Karrieristen sagen kann, den proletarischen Angestellten, der Dienst nach Vorschrift macht und dann nach Hause geht, „Ambition“ ist für ihn ein Begriff, der eher zu den Leuten mit weißen Zähnen, die man morgens in Talkshows sieht, passt. Solche Leuten tendieren zu einem bestimmten Level an Respekt und nur wenige Anzeichen von Neid, wenn überhaupt—dir wird also der morgendliche Spießrutenlauf erspart.


Sleaford Mods—„Jobseeker“

Um ehrlich zu sein, interessiert es die meisten Leute einen Scheiß. Irgendwann am Tag mag es vielleicht mal Thema sein, aber nicht mehr der Stoff für Legenden; je älter ich werde, desto mehr denke ich, dass es das wahrscheinlich nie war. Natürlich hast du die Arschlöcher, ich war auch so eins, also wusste ich bereits, wie es ist, wenn hinter deinem Rücken über dich geredet wird, als ich dann das Opfer wurde. Diese Leute sind ziemliche Scheißkerle und meistens „andere Musiker“, mit denen ich das Pech hatte, zusammenzuarbeiten. Ich nehme an, wenn du die Zielscheibe bist, siehst du Neid wirklich als das, was es ist. Meine einzige Verteidigung in dieser Angelegenheit ist, dass ich das Leuten angetan habe, weil ihre Musik scheiße war.

Wie auch immer, Verbitterung saugt dir das Leben aus; sie sorgt dafür, dass dein Weg konstant von einem dicken Nebel umgeben ist und die meisten sprechen dann nicht mehr mit dir, weil das ihre Art ist, den Kampf zu gewinnen und zu beweisen, dass du belanglos bist. Am gefährlichsten sind diejenigen, die früher mit ihrer alten Band Erfolg hatten und die das nicht ertragen und glauben können. Davor haben sie die Bewegungen deiner Band verfolgt, sie haben geheime Netzwerke begonnen und sich deine arglose Natur zum Vorteil gemacht, um mit dir auf verschiedene Arten zu spielen, die dich ganz subtil treffen, die in Stufen an dir nagen. Jede Stufe gedankenvoll vom Gift eines Wichsers instrumentiert und ausgeführt, der vorher seinem Ego zum Opfer gefallen ist—durch den Nebel an Selbstüberschätzung, weil irgendein beschissenes Label ihm mal gesagt hat, dass er „talentiert“ wäre.

Die Arbeit raubt dir die Energie. Ich bin 44 und obwohl mein Kopf mir sagt, dass ich nach einem Gig Pillen schmeißen, Glas um Glas trinken und Unmengen an Zigaretten rauchen kann, kann ich das nicht. Dein Körper macht das mit, versteh mich nicht falsch, aber die Konsequenzen sind wirklich verdammt lästig. Also versuche ich, mich nicht zu sehr zu zerstören und stattdessen Sport zu machen, selbst wenn die Arbeit es hasst, wenn du Sport machst, und dir keine Zeit für solches Zeug lässt. Du musst es irgendwie um dieses verdammte Monster Arbeit herumbauen, was unmöglich ist. Ich bin Vater; meine Tochter ist drei und wacht nachts oft auf. Das ist sowohl schlecht für mich als auch für meine Chancen, eine Stunde früher aufzustehen, um laufen zu gehen. Dann gibt es die gefürchteten Bürosüßigkeiten und Geburtstagskuchen im Überfluss. Natürlich isst du das Zeug; ich glaube, ich habe noch nie jemanden getroffen, der keine Donuts mag. Das alles macht mich natürlich wütend. Ich mache die Arbeit dafür verantwortlich, dass sie mich in diese Ecke drängt, mir Donuts reinzuzwängen und im Bett zu bleiben, wenn ich aufstehen sollte, um zu joggen und Sit-Ups zu machen.

Ich würde gerne aufhören zu arbeiten, weil ich mich dann nur auf die Musik konzentrieren könnte—und damit meine ich, dass ich mehr darüber nachdenken könnte. Die Arbeit hat meine Band geformt, sie hat sie zu dem gemacht, was es ist, aber das kann nicht für immer so weiter gehen. Ich kann mich nicht immer weiter in Songs über die Arbeit beschweren, es muss wachsen. Ich kann mich um Sachen kümmern und live spielen und aufnehmen, während ich arbeite; Platten zu veröffentlichen, dauert fünf verdammte Minuten. Artwork, Musikdateien und Verträge, alles ist per Email in kurzer Zeit erledigt. Aber ich kann in dieser Umgebung nicht weiter existieren und erwarten, dass es wächst.

Oder kann ich das? Wer sagt, dass ich nicht weiter arbeiten und eine Vollzeit-Band haben kann? Warum sollte ich mit der Arbeit aufhören müssen? Damit ich mehr Musiker auf „unserem Level“ treffen kann? Mehr Konzerte spielen? Blöd herumsitzen? Was bringt das? Damit ich mehr von der Welt sehen kann? Was bringt das? Es gibt die Gefahr, dass ich in Selbstgefälligkeit verfalle und bevor ich es mitbekommen, singe ich über die windigen Bäume in Singapur oder so. Scheiß drauf; ich stopfe mir lieber weiter Donuts ins Gesicht und furze auf dem Parkplatz. Du kannst nicht gewinnen, oder?

Scheißarbeit.

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