Im Zeitalter des Post-Swags regiert die Generation Money Boy

Junge Raptalente wie LGoony, Crack Ignaz und Cosmo Gang bringen swaggy Wind in die Deutschrap-Szene.

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09 März 2015, 8:30am

Wisst ihr noch, wie wir 2010 ungläubig gestutzt, gelacht und geheult haben, als Money Boy aus dem Bett aufgestanden ist, um den Swag aufzudrehen? Niemand hatte diesen abgedrehten Wiener ernstgenommen, der in diesem bizarren Video mit einem Segway rumcruiste, in sein Billig-Headset schiefe Reime rappte und zielsicher Töne verfehlte. Dass das alles keinesfalls eine bloße Soulja Boy-Parodie darstellen sollte und wir diesen skurrilen Boy nicht so leicht vergessen würden, wurde uns erst Jahre später klar. Denn in all der Zeit hat sich Money Boy erfolgreich zu einer Kunstfigur inszeniert, über die du vielleicht hochnäsig lachen kannst, sie aber nie unterschätzen und als dummen Witz abtun solltest.

Im vorigen Jahr lief es ganz gut für den Boy, hangelte er sich doch souverän von Interview zu Interview, bekam Szene-übergreifenden Applaus für seinen kompromisslosen Auftritt bei Joiz, veröffentlichte sechs Mixtapes, neun Musikvideos und sein zweites Album, das sich gekonnt zwischen selbstironischer Genialität und beherztem Trash bewegte. Dieses Jahr scheint es aber nochmal ein bisschen besser zu laufen. Die durch die #MoneyBoyLeaks veröffentlichte Magisterarbeit bewies, was wir alle schon heimlich vermutet haben: Unter dem Fanta-Cap des Herrn Meisinger agiert ein reflektierendes Hirn, das ganz genau weiß, wie er sich darstellen sollte und das sich mehr mit Rap und dessen Identität beschäftigt hat als die meisten seiner Kritiker. Zudem scheint er härter zu arbeiten, als je zuvor. Allein in den ersten zwei Monaten hat er schon acht (!) Mixtapes veröffentlicht. Ganz ehrlich: Manche ficken vielleicht mehr, als sie pissen, aber Money Boy haut mehr Mixtapes raus, als andere Rapper Songs aufnehmen. Nebenbei tourte er auch noch mit seinen Glo Up Dinero-Gangmitgliedern Hustensaft Jüngling und Medikamenten Manfred durch Deutschland.

Du hast richtig gelesen, Hustensaft Jüngling und Medikamenten Manfred. Zwei Nachwuchsrapper mit lyrisch zur Schau gestelltem Hang zum Codein. Ähnlich wie ihr Meister überzeugen sie weniger mit guter Technik, Flow oder Inhalt, als vielmehr durch glorifizierte Überstilisierung der eigenen Person: Sie können nach objektiven Kritierien eigentlichen nicht besonders gut rappen, verkaufen diese Tatsache aber umso besser durch ihr auf die Spitze getriebenes, swaghaftes Auftreten. Sie sind nicht die einzigen mit dieser Attitüde. Die Post-Swag-Generation hat einige vielversprechende Raptalente hervorgebracht, wie die Salzburger Crack Ignaz und Young Krillin, die in bester Mundart über Wolken trappen. In Aschaffenburg dreht währenddessen die Cosmo Gang um Holy Modee, Albert Parisien und John Space den Autotune auf Anschlag, um befreit dem Atlanta-Flair zu fröhnen. Am Auffälligsten ist jedoch LGoony, der im ersten Augenblick wie eine deutsche Version des Schweden Yung Lean daherkommt. Beide haben offensichtlich eine Vorliebe für eingängige Autotune-Hooks, simple Photoshop-Artworks, Kool-Aid und düster-atmosphärische Trap-Beats. Yung Lean kann sich auf Yung Gud als zuverlässigen Lieferanten astreiner Beats verlassen, LGoony darf sich gleich dreimal auf den Beats des Londoner Produzenten Whispa austoben.

Im Telefonat wirkt LGoony ein bisschen nervös. Kein Wunder, schließlich fehlt es ihm bisher noch an Interviewerfahrung. Der junge Kölner hat erst im Januar sein erstes Mixtape Goonyverse veröffentlicht, auf dem sich neben Features mit Crack Ignaz, Caz und MC Smook nicht zuletzt auch ein Gastpart vom Paten Money Boy befindet. Auf meine Frage, ob dieser ein großer Einfluss auf seine Musik ist, entgegnet LGoony: „Ja auf jeden Fall. Auch von der ganzen Herangehensweise, sich einfach mal locker zu machen. Ich feiere auch die genannten Artists [Crack Ignaz, Hustensaft Jüngling]. Das ist gute Musik und sehr inspirierend. Eben mal was anderes. Zum Beispiel ist Hustensaft Jüngling jetzt nicht unbedingt musikalisch komplett ausgefeilt. Darum geht es aber auch gar nicht. Sondern um den Swag, der da verkörpert wird. Das spricht mich an.“

Zur Überraschung des Goons wurde sein Tape in kurzer Zeit ziemlich oft runtergeladen und mit ordentlich Lob überhäuft. So ließen Zugezogen Maskulin als Radiogäste seine Tracks spielen, die Orsons sinnierten auf Twitter über seine Songs und empfahlen ihn an Casper weiter, der das Mixtape zur Nummer eins seiner persönlichen Januar-Top-Ten-Liste auserkor. Erklären kann sich LGoony diese Probs nicht so richtig: „Ich mache die Musik, weil ich sowas auf deutsch hören will. Vielleicht gibt es dafür einfach ein großes Publikum.“ Er sei enttäuscht vom Deutschrap und vielleicht wäre das bei vielen genauso: „Ich höre das jetzt schon recht lange und es ändert sich einfach nichts. Von jedem Artist kommt das Gleiche. Es geht nur noch um die Charts, nicht mehr um die Musik.“

JANUAR TOP TEN.

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Dass sich Plattenfirmen die Mechanismen der Charts zunutze machen, um ihre Artists möglichst hoch einsteigen zu lassen, ist kein Geheimnis, das neue Album hübsch in einer Box zu verpacken längst Standard. Im Gegensatz dazu verweigert sich Money Boy diesem Trend komplett und schmeißt lieber wie Marteria Kondome auf dem CSD mit Mixtapes um sich. Möglicherweise fühlen sich deshalb viele Hörer in der überzeichneten Money-Parallelwelt wohl, in der die Leute in ihrer eigenen Nonsens-Sprache miteinander kommunizieren. So missbrauchen sie englische Wörter als umständliches Mittel, simple Aussagen bis fast zur Unverständlichkeit zu verändern. Money Boy und seine treuen Fans sind wie Trekkies, nur dass sie anstatt klingonisch zu reden, sich Sätze wie: „Der boi hat immer die right tracks am haven“ an den Kopf werfen und Tourette-mäßig „Sheesh!“, „Burr!“, „Turnup!“, „Scurr!“ und natürlich „Swag!“ rufen.



Auch LGoony spricht diese Sprache fließend und hat vielleicht deshalb ironischerweise genau wie Money Boy damit zu kämpfen, ernstgenommen zu werden: „Die Leute kategorisieren gerne in ernst und nicht ernst. Ich glaube aber, es ist die falsche Herangehensweise, sich ständig zu fragen, wie ernst der Artist das nun alles meint. Es geht doch letztendlich um die Musik. Money Boy hat ja nichts falsch gemacht, auch wenn er immer einen gewissen Trashfaktor hat. Ich bin auf jeden Fall froh, dass sich die Meinung gerade ändert.“

Die Zukunft wird zeigen, ob LGoony und der restliche Mob es tatsächlich schaffen, in der „normalen“ Welt des Deutschrap als Künstler respektiert oder ob sie als bloßer Trash abgetan werden. Ihre Musik bekommt zwar immer mehr Aufmerksamkeit, wird jedoch noch zu oft unachtsam in den Quatsch-Ecke geworfen. Angesprochen auf einen YouTube-Kommentar, der die Musik so schlecht fände, dass er sie schon wieder abfeiere, meint LGoony irritiert: „Für mich ist die Musik hauptsächlich ein Hobby. Ich weiß nicht, inwiefern das schlechte Musik sein soll. Wahrscheinlich weil es eben Autotune-Parts gibt und deswegen schlecht sein MUSS. Obwohl es eigentlich gefällt. Solche Kommentare kann ich nicht wirklich einordnen.“

Julius ist auch bei Twitter: @Bedtime_Paradox

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