Frauen und die Wiener Clubkultur – Wenn sich Feminismus noch immer erklären muss

"Das kann wieder leicht als Emanzenscheiße abgestempelt werden."

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15 April 2016, 7:10am

Foto von Christian Guzy

Als langjähriger Club-Veranstalter habe ich bis vor kurzem nie so richtig über die Rolle von Frauen im Club-Kontext nachgedacht. Wenn ich das Feedback bekommen habe, dass Frauen bei einer Party aggressiv angemacht oder ungewollt angefasst worden sind, habe ich mir über Männer, die sowas machen nur gedacht: "Solche blöden Arschlöcher." Dass Frauen auflegen, war für mich nie etwas Besonderes, schließlich war eine meiner ersten Cluberfahrungen ein inspirierendes DJ-Set von Anna Leiser im Wiener Fluc vor einigen Jahren.

In den letzten Monaten ist mir jedoch bewusst geworden, dass es in diesem Zusammenhang ganz grundlegende Probleme gibt. Ja, nicht gerade früh dran damit. Immerhin gab es mit Initiativen wie female:pressure oder Club Courage genügend Impulse für mich, dieses Thema weiterzudenken. Bis dahin waren Grapsch-Attacken, von denen ich gehört habe, keine Einzelfälle mehr und viele Clubabende mit riesigen LineUps und keinem einzigen weiblichen Act keine Seltenheit.

Foto von Christian Guzy

"Das kann wieder leicht als Emanzenscheiße abgestempelt werden."

"Ich hatte vor eineinhalb bis zwei Jahren, als ich angefangen habe mich stärker mit dem Thema auseinanderzusetzen, noch total das Gefühl, dass es so einen Backlash gab, dass das Thema für weniger wichtig befunden wurde, dass viele Leute geglaubt haben, dass eh schon alles erledigt und alles fein ist", meint Astrid Exner, Mitbegründerin des Musik-Blogs Walzerkönig. Einer ihrer bekanntesten Artikel ist wohl ihr Wanda-Veriss anlässlich des "Bussi Baby"-Videos mit der selbsterklärten Anti-Feministin Ronja von Rönne. "Mir kommt es in den letzten Monaten und Jahren so vor, dass die Wichtigkeit erkannt wird und es wieder eine Bewegung zurück zu dem Thema gibt."

Tatsächlich scheint sich in der letzten Zeit etwas zu tun. Die Grelle Forelle hat aufgrund von sexuellen Belästigungen weiblicher Gäste ihr Security-Personal entsprechend instruiert. Es wird aktiv kontrolliert und Täter sofort hinausgeworfen. Das Werk hat erst kürzlich ein Maßnahmenpaket veröffentlicht, das Frauen vor Übergriffen schützen soll. Die Initiative Club Courage setzt sich seit einigen Jahren für Zivilcourage und soziales Handeln im Rahmen von Clubs, Konzerten und Partys ein. Und auch abseits des Clubs hat sich etwas getan. Grapschen ist mit dem sogenannten "Po-Grapsch-Paragrafen" in Österreich seit 2015 strafbar.

Die Position von Frauen als kreativer Teil von Clubs und elektronischer Musik wurde ebenfalls gestärkt. Das von der Wienerin Susanne Kirchmayr aka. Electric Indigo gegründete female:pressure als internationales Netzwerk für weibliche Künstler in der elektronischen Musikszene gibt es sowieso schon seit 1998. Das Booking des Electric Spring 2016 durch Katharina Seidler enthielt auffallend viele weibliche Acts – vor allem im elektronischen Bereich. Auch beim Popfest hielt man es nach drei Jahren mit Robert Rotifer als männlichen Kurator für angebracht, eine weibliche Co-Programmgestalterin zu engagieren. Eine sehr unübliche Klausel ließ der männliche, in Berlin ansässige DJ Objekt über seine britische Agentur Littlebig an zwei Anfragen für DJ-Sets in Österreich ausrichten. Die Voraussetzung für eine Show ist, dass das Lineup weibliche Acts enthält.

Die Häufung solcher Maßnahmen stimmt positiv, damit ist es aber noch lange nicht getan. "Es passiert einer Frau total oft, dass dir ein Typ beim Vorbeigehen in einer Konzertsituation oder im Club, wo es eng ist, gerade so unauffällig auf den Hintern greift, dass er behaupten könnte, es wäre keine Absicht gewesen", meint Astrid Exner. Noch immer gibt es Frauen, die solche Übergriffe als unvermeidbares Übel hinnehmen und Übergriffe nicht melden. Securitys, wie in der Grellen Forelle, die für Beschwerden jederzeit ein offenes Ohr haben, gibt es aber auch nicht überall. "Du hast auch das Problem, dass engagierte Securityfirmen eher rechts angehaucht sind. Die haben dann für sowas überhaupt kein Verständnis. Oder wenn du ein starker Mann bist, dann ist es wahrscheinlich schwieriger, sich in eine Person hineinzuversetzen, die sich nicht wehren kann", sagt Astrid.

Bitte nicht DJane

Foto von Ivana Dzoic, Lichtschalter

Auffällig viele weiblich dominierte DJ-Kollektive wie That Good Wibe Collective, FYPM oder On Fleek spielen in Clubs wie dem Titanic oder Cafe Leopold auf. Bass, R'n'B, HipHop und Pop sind, was weibliche DJs betrifft, mittlerweile relativ gut aufgestellt. Bei House, Techno oder Drum and Bass sind vor allem die weiblichen Neuzugänge eher ernüchternd. "In Österreich gibt es zwar einige female DJs, aber kaum solche, die regelmäßig spielen, kaum erfolgreiche female DJs, noch weniger Veranstalterinnen und vor allem kaum Clubbesitzerinnen oder Bookerinnen. Gerade im elektronischen Bereich gibt es quasi kaum Frauen, die regelmäßig spielen", meint Therese Kaiser, Vorstandsmitglied des Wiener Frauennetzwerkes Sorority und DJ bei Terror + Martina. Mit ihrer neuen Veranstaltung „Femtrails“ will sie zusammen mit Martina Schöggl ab 14.5. im Elektro Gönner aktiv etwas gegen den Gender Gap in der DJ-Szene tun. Dazu meint sie: "Die Botschaft ist relativ klar. Es gibt zu wenig Öffentlichkeit für weibliche DJs und ja, es gibt sie en masse und es ist nicht mal sonderlich schwierig, sie zu finden." Booker, die Dinge sagen wie "Ich buche DJs nicht nach ihrem Geschlecht, sondern nach ihrer Qualifikation" oder dem mangelnden Angebot weiblicher DJs die Schuld geben, machen es sich leider etwas zu leicht.

Symptombekämpfung alleine reicht nicht

Foto: Kristina Kulakova

Das Engagement, Musikproduzentinnen, Kuratorinnen und weibliche DJs sind da. Nicht zu unterschätzen ist jedoch die allgemeine gesellschaftliche Stellung von Frauen, die selbst in einem tendenziell emanzipierten Land wie Österreich nicht unkritisch gesehen werden kann. "Als Mädchen wirst du eher dazu erzogen, brav zu sein, leise zu sein, Ja und Amen zu sagen. Als Mädchen kommst du nicht so schnell auf die Idee, dich auf eine Bühne oder hinter ein DJ-Pult zu stellen, weil du eher als Konsumentin erzogen wirst", meint Astrid dazu. Die Vorbildwirkung für Frauen fehle, dadurch dass man vorwiegend weiße junge Männer hinter dem DJ-Pult sehe. Auch wenn sich in Wien einiges getan hat: Therese reicht das nicht und das ist auch gut so: "Ich habe das Gefühl, dass sich hier sowieso einiges tut, zumindest in Wien, aber noch lange nicht so schnell und konsequent, wie wir uns das eigentlich wünschen würden."

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