Was ich beim Fortgehen übers Leben gelernt habe

Nahtoderfahrungen und Sex am Klo haben mir die Augen geöffnet. Gepriesen seien die heiligen Hallen der Clubs.

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22 Juli 2016, 8:10am

Ich nehme das Fortgehen sehr ernst. Es eine Freizeitaktivität für nebenbei zu nennen, gleicht einem Sakrileg. Ich liebe das Chaos, das Unvorhersehbare und ein bisschen auch die Geschichten, an die ich mich durch meinen Filmriss nicht mehr erinnern kann.

Ohne den bewussten Kontrollverlust ab Freitag und in guten Wochen ab Donnerstag, würde ich das Arbeits- und Studentenleben wahrscheinlich nicht durchstehen. Die kleine Eskalation am Wochenende stellt mein inneres Gleichgewicht her. OK, vielleicht bin ich nicht ganz so hoffnungslos, ich gehe halt einfach gerne fort und das nicht nur aus hedonistischen Gründen. Und weil ich heute offensichtlich in Gandhi-Stimmung bin und generell über ein paar Lebensentscheidungen refelektiere, habe ich mir Gedanken darüber gemacht, was du vom Fortgehen übers Leben lernen kannst.

Wir haben zu viel Netflix und zu wenig Liebe

Foto via Flickr | Ralph Thompson | CC BY 2.0

Wir leben in einer Zeit, in der wir uns mehr um unseren Netflix-Account kümmern, als um unsere Mitmenschen. Versteht mich nicht falsch, ich bin selber einer dieser Menschen. Ich verbringe viel zu viel Zeit vor irgendwelchen Bildschirmen, lebe quasi mehr digital als analog.

Ich liebe das Internet, aber ich glaube, das Internet liebt mich nicht zurück. Also muss ich mir die Liebe eben woanders holen und wenn man in den richtigen Clubs mit den richtigen Leuten verkehrt, geht es plötzlich allen gleich. Vielleicht liegt es an den Drogen, vielleicht am Alkohol, aber es umarmen sich viel mehr Menschen im Club, als beim Badengehen und dann verschwinden sie am Klo. Es gibt zwar schönere Sachen als Sex im Club, aber damit man mir nicht nachsagt, ich wäre kein Romantiker, zähle ich Klosex einfach als erotische Erfahrung der sub-hygienischen Art.

Tanzen ist wirklich auch Sport und ich mache zu wenig davon

Foto via Flickr | Jirka Matousek | CC BY 2.0

Ich versuche mir einzureden, dass es der Exzess der Nacht ist, der mich am Tag darauf zu seiner Bitch macht. Zu viel Alkohol und zu wenig Wasser sollen mein Verdammnis sein. Aber da muss noch etwas Anderes sein. Etwas, das mit meinem Körper auch ohne zehn Bier im Blut passieren würde.

Wenn es nicht der Ausschlag vom Schweiß der anderen Clubmenschen ist, muss es die Bewegung sein. Gibt's in der Nacht zu viel davon, bin ich am nächsten Tag das ärgste Relaxo (Ja, ich spiele zu viel Pokémon). Zum Glück leben wir in einer Gesellschaft, die diesen Lifestyle voll unterstützt. Geheiligt seien die Zustelldienste. Der abgelutschte Spruch "Tanzen ist auch Sport" stimmt also wirklich und ich würde eindeutig mehr davon in meinem regulären Leben vertragen. Wenn du dich hier erkennst, gib Bescheid, dann machen wir uns aus, gemeinsam laufen zu gehen, um anschließend nie wieder davon zu reden.

Ohne Musik kann der Mensch nicht funktionieren

Kurze Vorwarnung: Der folgende Absatz könnte leicht esoterisch werden, aber ich weiß, dass du der Zwischenüberschrift zustimmst, sonst würdest du nicht Noisey lesen. Ich brauche Musik, um nicht wahnsinnig zu werden. Ich höre James Blake, wenn's mir scheiße geht, denn sein Weltschmerz zeigt mir, dass ich nie so traurig sein werde wie James Blake. Ich höre "Cocaine" von Fidlar, wenn ich eigentlich jemandem viel lieber eine reinhauen will.

Und wenn ich im Club stehe, brauche ich gute Elektronik, sonst kann ich mich nicht bewegen. Gäbe es das Alles nicht, würde ich irgendwann als lebloses Häufchen Fleisch und Knochen enden und nie ist mir das klarer, als an den Tagen nach dem Fortgehen, wenn alle eben beschriebenen Gefühlszustände zusammentreffen. Musik hält unsere Gesellschaft zusammen, auch wenn wir wahrscheinlich ohne die John Otti Band auskommen würden.

Wir sind dem Tod verdammt nahe

Foto via Flickr | dickuhne | CC BY 2.0

Es passiert nicht jedes Mal, aber manchmal bin ich mir sicher, dass der Sensenmann schon ein paar Mal reingeschaut hat, wenn ich nach einem Fortgehabend halbnackt auf meiner Couch aufwache und die Wohnungstür sperrangelweit offen steht. Neben mir die halbaufgegessene Asia Box vom Schwedenplatz und natürlich kein Schluck Wasser in greifbarer Nähe. In diesen Momenten wird mir bewusst, wie einfach es wäre, einfach liegen zu bleiben und einen friedlichen, verkaterten Tod zu sterben. Meisten muss ich dann jedoch so dringend pissen, dass sich meine Füße irgendwie von alleine dazu entschließen, mich aufs Klo zu schleppen. Nicht umsonst hat sich in meinem Freundeskreis das Wort "Nachhausesterben" durchgesetzt.

Solche Momente zeigen mir, wie schnell es gehen kann. Einmal kurz nicht aufgepasst und schon liegst unter der Erde. Also nütz deine Zeit und geh viel fort. Im Club lernt man mehr übers Leben, als du denkst. Vor allem aber solltest du Texte aus dem Internet nicht allzu ernst nehmen.

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Benji ist auf Twitter: @lazy_reviews

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