Eine Nacht im B(erm)udadreieck

„Es gibt nur 4 perverse Dinge: Sex mit Tieren, Sex mit Babys, Sex mit Leichen. Und das vierte hab ich vergessen.“ Wir haben uns eine Nacht durch das Bermudadreieck gekämpft.

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Aug. 3 2015, 8:05am

Einmal war ich im Bermudadreieck. Das war ein erstes Date mit jemandem, den ich in meinem ersten Monat in Wien im Loco kennengelernt habe. Das Date war schlimm, das Bermudadreieck auch und ich hab beide danach nie wieder gesehen. Aber manchmal muss man sich seinen Ängsten stellen, also habe ich dieses Wochenende eine Nacht im Bermudadreieck verbracht, das von mir und meinen Freundinnen nach der zweiten Flasche Wein nur noch liebevoll Budadreieck genannt wurde. Völlig zu Recht.

Ich weiß nicht, wann die Stimmung gekippt ist, wir haben mit Käsekuchen, Qualtinger, Wein und dem Teeservice meiner Oma begonnen vorzuglühen. Irgendwann ist dann alles den Bach runtergegangen. Aber das ist hier unwichtig. Sorry Oma, sorry Helmut. Wichtiger ist der Teil, der am Schwedenplatz beginnt.

Meine Freundinnen werde ich Jenny und Vroni nennen, die beiden sind nämlich superintelligente Mädchen, die es mal zu sehr viel bringen werden und ich möchte ihre Karrieren nicht zerstören, indem ich zum Beispiel verrate, dass Jenny um 2:00 Uhr mit einem 1.50-großen Italiener am Boden entlang gegrindet ist.

Außerdem haben wir uns im Vorfeld diese Namen überlegt—ich weiß nicht mehr weshalb—aber irgendwie wollten wir nicht als die wahren Wirs ins Bermudadreieck gehen. Nachdem wir also viel Wein und Likör getrunken hatten, haben wir eine Flasche Wegwein eingepackt, unsere Würde dafür daheim gelassen und sind losgezogen.

Hahahaha, und mach bei „Cocktail“ noch das „tail“ weg. Und „Shot“ steht auch da. Hahaha, das ist der lustigste Abend der Welt!

Das erste Lokal, in dem wir waren, war gar nicht so schlimm. Eine Live-Band hat irgendein durchschnittliches Lied gespielt, an das ich mich nicht erinnere und die Menschen waren um die 50+. Sowas ist also auch Bermudadreieck. Rauschige alte Menschen. Aber die soll's ja auch geben und ich hoffe, dass sie mich irgendwann in ihren Kreis aufnehmen.

Zweites Lokal war das Gnadenlos. Wir sind die Treppe runter und auch direkt in der Sekunde, in der wir den Treppenabsatz erreicht haben, von zwei Typen angetanzt worden. Der eine wollte auch gleich schmusen und hat gefragt, ob ich ihn auf was zum Trinken einlade, ich war aber eher daran interessiert, was Menschen in so ein Lokal treibt und was das überhaupt für Menschen sind. Freunde hätten ihn hierher geschleppt, er arbeite auf der Burg Liechtenstein und höre eigentlich lieber Rock.

- „Burg Liechtenstein kenne ich gar nicht.“
- „Hast du schon einmal vom Staat Liechtenstein gehört?“
- „Haha, äh, ja?“
- „Wow, sehr cool.“

OK, solche Unterhaltungen führt man hier also. Das war noch ein Level unter den Fortgehunterhaltungen, die man sonst so führt. Einen Spritzer später sind wir dann auf der Tanzfläche gestanden und nachdem wir erst noch gedacht haben, das würde unangenehm werden, waren wir nach 10 Sekunden genau auf dem Level, auf dem wir sein mussten, um sowohl sie schlechte Musik als auch die hmm ... ungewohnt aufdringlichen Leute zu lieben. Das Lokal war voller Männer, ein paar Mädchen gab es—die waren kurz vor nackt und sahen aus, als würden sie hier einen Stripkurs besuchen.

Nach ein paar Minuten hatten sich um uns herum um die 10 Männer versammelt, die in einem Kreis standen und allesamt darauf warteten, zuzuschlagen. Wir haben uns ausgemalt, dass immer einer „Zugriff“ schreit und dann 2 in die Mitte kommen, auf den Po grapschen oder zu grinden beginnen. Das Übliche halt. Anfangs war das auch noch lustig.

Aber irgendwann hab ich dann einfach so getan, als könnte ich kein Deutsch, was hier viele nicht konnten, weil ein Großteil der Budadreieck-Besucher glaube ich Touristen sind, die bei einem Pubcrawl mitmachen. Dass ich kein Deutsch mehr konnte, hieß also nur, dass mich noch mehr Menschen verstanden und ich irgendwann mit einem Maschinenbau-Studenten von der TU da stand, der zwar kein Englisch konnte, es aber trotzdem immer mit einem „What does you here?“ versuchte.

Später kam noch ein sympathischer Typ, der nicht gehen wollte, es bei uns allen dreien versucht hat und auch nachdem mein temperamentvolles südamerikanisches Alter Ego mit europäischen Wurzeln ihm zehnmal „Si la toques, te voy a matar. TE MATO“ ins Gesicht geschrien hat, nicht aufhören wollte, uns anzugraben. Auch sein wiederholtes „But I am rich and beauty“ konnte niemanden von uns so ganz überzeugen. Ich weiß nicht, was dann mit ihm passiert ist. Irgendwann war er weg. Oder wir.

Angeblich soll es im Bermudadreieck ja Nazilokale geben. In so eins wollte ich unbedingt, um mit Menschen zu streiten, aber weil wir keins gefunden haben, bin ich in irgendein Lokal gegangen, um nach der Richtung zu fragen. Philosoph hieß es und ich glaube, dass dieses Lokal das einzig nette Lokal im Bermudadreieck ist. Jedenfalls war es fast leer und die beiden Kellner waren nicht allzu nett, als ich sie nach der Richtung zum nächsten Nazilokal gefragt habe. Sie haben mich gefragt, was ich da denn wollen würde, aber dass ich ihnen um 2:00 Uhr nachts betrunken „Recherche“ entgegnet habe, schien sie nicht völlig zu überzeugen.

Wir haben uns also selbst auf die Suche nach einem Nazilokal gemacht und sind in das nächste Lokal gegangen, das so aussah, als würden dort Dartpfeile auf Glawischnig-Fotos geworfen. Da standen auch gleich zwei Polizisten drin, ich hoffte kurz, mitten in einen Nazi-Aufdeckungs-Skandal gestolpert zu sein, Jenny fragte währenddessen erst sich und dann die Polizisten, weshalb der eine eine blaue, der andere eine weiße Uniform trug. An die Antwort kann ich mich nicht erinnern. Aber ich weiß noch, dass sie nicht ganz so begeistert von uns waren und befürchte, dass sie einfach gar nicht geantwortet haben. Ich befürchte auch, dass die Nazi-Lokal-Skandal-Aufdeckerei nur in meinem Kopf passiert ist. Hat trotzdem Spaß gemacht.

Irgendwann an diesem Abend waren wir auch noch im Kaktus, in dem ein Mädchen auf so etwas wie einem Strip-Balkon für die Menschen tanzte, was ich mich aber eher traurig machte. Ungefähr fünf Minuten, was im Rausch zirka 10 Stunden sind, hab ich nachgedacht, was ihre Eltern dazu sagen würden, ob sie es vielleicht tut, weil sie gar keine Eltern mehr hat und ob mir jemand einfällt, der einen Job zu vergeben hat, damit ich sie da rausholen kann.

Kurz ist mir eingefallen, dass ich irgendwo vor Kurzem „Kellnerin gesucht“ gelesen hatte, aber dann fiel mir ein, dass das im Gnadenlos war, was dann wohl auch keine allzu große Veränderung wäre. Ein zirka 40-jähriger Typ mit weißem Hemd tanzte währenddessen krampfhaft gegen den Rhythmus auf einer Bank und es lief ganz laut ein House-Electro-irgendwas Remix von „Smells Like Teen Spirit“.

Nach diesem kurzen Downer war ich kurz verführt, heimzugehen, aber die beiden Rauschkugeln neben mir haben nur laut „Neeeeeeeeeein“ gerufen, also haben wir beschlossen, noch einmal ins Gnadenlos zu gehen, das jetzt leerer und noch ein bisschen primitiver geworden war. Mädchen gab es um die Uhrzeit kaum noch, dafür umso mehr Italiener. Als ich kurz am Klo war, hab ich mir folgende Notiz gemacht:

„Klogespräche mit Mädels hier nicht möglich. Schauen mich nur komisch an. Why??? Liebe!“ Ich liebe Klogespräche, ich hätte auch gerne jedem hier ein bisschen platonische Liebe gegeben, aber die Mädchen in diese Lokalen scheinen eine sehr dicke Haut entwickelt zu haben, was das Angesprochenwerden von fremden Weirdos betrifft.

Mein Lieblingsmensch an diesem Abend war aber der Typ oben, dessen Namen ich (so wie alle anderen) vergessen hab. Er hat erzählt, dass das Gnadenlos sein Lieblingslokal sei, er zwar Keith Richards liebe, im Gnadenlos aber die beste Musik laufe. Auf dem Foto ganz oben sagt er mir gerade, dass es nur vier perverse Dinge gäbe: „Sex mit Tieren, Sex mit Babys, Sex mit Leichen. Und das vierte hab ich vergessen.“

Beim Rausgehen hat dann noch ein Typ mit kariertem, zugeknöpftem ÖVP-BWL-Hemd gefragt, ob ich mit ihm nach Hause gehen möchte. Als ich mit „Ja“ geantwortet hab, hat er ganz große Augen bekommen und ungläubig „Eeeecht?“ gefragt. „Ja sicher.“ „Zu dir oder zu mir?“ „Na, du hast doch gefragt, ob ich zu dir heim will.“ „Ja, aber vielleicht besser zu dir.“ „Wohnst leicht noch bei deiner Mama?“ „Oida? Nein, aber du sicher.“ Ich wohn auch nicht mehr bei meiner Mama. Aber bin dann doch eher froh gewesen, mit Knoblauchpizza und den beiden Mädels heimgefahren zu sein. Eine von uns hat am nächsten Morgen gekotzt. Ich wars nicht.

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