Sexismus im Metal? Wir haben mit drei Frauen über ihr Tour-Leben gesprochen

"Ich sollte dann seiner Meinung nach noch das Shirt falten, weil ich doch eine Frau sei."

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24 März 2016, 11:40am

Geschichten wie die vom Baroness-Konzert in Birmingham sollte es gar nicht geben. Dort wurde letztes Jahr eine Journalistin von einem Mann sexuell belästigt. Vor allem in einem Umfeld wie der scheinbar so liberalen und abseits des Mainstream stehenden Metal-Szene, mutet so ein Vorfall so anachronistisch wie widerlich an.

Die vier US-amerikanischen Progressive-Metaller selbst waren ziemlich schockiert über diesen Vorfall und haben mit ihrem Statement wohl alles gesagt, was man von so einem Verhalten Frauen gegenüber halten muss—und wie sie deutlich machen, fängt das Problem mit Sicherheit schon weit vor sexuellen Übergriffen an. Was aber kann jeder einzelne tun, welche Haltung braucht es in der Musikindustrie und wie ist es überhaupt als Frau in der Metal-Szene unterwegs zu sein? Darüber haben wir mit drei Frauen vor dem Konzert in Berlin gesprochen. Vicky (Tourmanagerin), Andrea und Luise (Merch-Verkauf). Sie sind um die 30, arbeiten im Schnitt seit zehn Jahren weltweit auf Touren und sind gerade mit Baroness unterwegs:

Noisey: Habt ihr den Vorfall in Birmingham live miterlebt oder im Nachhinein davon gehört? Und was fühlt man als potentiell Betroffene angesichts eines solchen Vorfalls?
Andrea:
Ich selbst habe erst im Hotel gehört, was da passiert ist, aber ich glaube ich habe eine weinende Frau am Merch-Stand vorbeilaufen sehen, mir aber nicht viel dabei gedacht. Um ehrlich zu sein, habe ich mir auch nicht viel dabei gedacht, als ich dann vom Hintergrund hörte. So etwas kann leider irgendwie immer und überall passieren.
Luise: Leider irgendwie schon...

Also war es von den Umständen her zunächst ein Konzert wie jedes andere und es hätte auch überall anders passieren können?
Vicky:
Naja, der Laden war zum Zerbersten voll und es war wohl insgesamt eine ziemlich unübersichtliche Situation. Ansonsten war aber nichts besonders an diesem Abend.
Andrea: Scheiße passiert in jeder Form, überall. Gerade wenn Alkohol im Spiel ist und viele Menschen anwesend sind, passieren solche Dinge.
Luise: Also von Metal-Konzerten habe ich von so einer heftigen Situation noch nie gehört. Ich war also schon ziemlich schockiert.

Habt ihr selbst denn schon sexistische Anfeindungen oder gar Schlimmeres auf Konzerten erlebt?
Vicki:
Als ich anfing, als Tourmanagerin zu arbeiten, musste ich immer als erstes den Veranstaltungsort betreten, um Bescheid zu geben, dass ich die Verantwortliche bin. Tat ich das nicht, gingen alle sofort zu einem der Typen, weil sie wohl keine Frau erwarteten. Das ging ein paar Jahre so. Jetzt geht es komischerweise besser. Vielleicht strahle ich das jetzt aber auch mehr aus.

Hat sich vielleicht auch einfach die Wahrnehmung von Frauen in der Szene verbessert?
Vicki:
Hm, das kann schon sein.
Luise: Also mich sprechen auch heute noch auf Tour immer alle Typen darauf an, ob ich ein Groupie sei, obwohl sie mich doch arbeiten sehen. Du arbeitest den ganzen Tag und dann nennt dich irgendein Dahergelaufener „Groupie“—das kotzt einen dann schon an.
Andrea: Ich erlebte das genauso. Ich werde immer gefragt, wer von der Band mein Freund sei, das passiert mir ständig. Manchmal mag das zwar stimmen (lacht), aber so lange du deinen Job gut machst...

Das klingt irgendwie gar nicht so aufgeschlossen, wie sich die Szene gerne darstellt.
Andrea:
Man will ja irgendwie glauben, dass im Metal alle etwas fortschrittlicher denken und das Problem mehr auf dem Schirm haben. Aber Arschlöcher gibt es nun mal überall, wenn man mal ehrlich ist. Aber von Konzerten hört man von Sexismus dann irgendwie doch nicht so oft.

Aber sind die Situationen, die ihr da beschreibt, nicht schon ziemlich problematisch? Nicht, dass ich euch da was in den Mund legen will...
Andrea:
Ich habe noch nie das Gefühl gehabt, wegen meines Geschlechts irgendwie anders zu sein. Jedenfalls ganz selten. Ich weiß also auch gar nicht, wie sich das anfühlen muss, sich so scheiße behandelt zu fühlen. Ich nehme das einfach auch nicht so ernst. Vielleicht bin ich also auch ein bisschen unfair, was die Erfahrung anderer Frauen angeht.
Luise: Es gibt auf jeden Fall einen Unterschied, ob du als Frau auf Tour arbeitest oder ... Also innerhalb der Crew hatte ich noch nie ein Problem, aber die Männer im Publikum behandeln dich manchmal als nicht gleichwertig.

This is the WORST review we’ve ever gotten (WE WANT YOU TO READ IT!). I hope we never read another article like this....

Posted by Baroness on Tuesday, March 8, 2016Hast du da noch ein Beispiel?
Luise:
Naja, als ich neulich Merch verkaufte, kam ein Typ an den Tisch und ging direkt zu meinem Kumpel, der da mit mir stand. Er ging wie selbstverständlich davon aus, dass er der Verantwortliche sei. Am Ende sollte ich dann seiner Meinung nach noch das Shirt falten, weil ich doch eine Frau sei. Das hat der wirklich so gesagt. Ich habe innerlich gekocht, aber ich Idiot habe das dann sogar noch gemacht. (Alle lachen)

So wie ihr reagiert, fühle ich mich, als blase ich das Ganze vielleicht auch auf und so schlimm ist das alles gar nicht?
Andrea:
Ich gebe dir ein Beispiel: Als ich anfing, zu Konzerten zu gehen ... Oida: Der Scheiß konnte dir echt Angst machen. Ich komme aus dem Punk. Da gab es Blut, Schlägereien und natürlich auch Machogehabe—da war es nicht sicher. Aber eben auch für niemanden. Heute gibt es Regeln für alles: Nicht Rauchen, nicht Leuten auf den Kopf springen und wenn du dann so etwas wie aus Birmingham hörst, kannst du gar nicht glauben, dass das bei den ganzen Kontrollen irgendwo noch passieren kann.

Es wird also eigentlich besser für Frauen im Metal?
Vicky:
Ja, aber auch das gilt doch für die ganze Gesellschaft. Wir haben doch mittlerweile für alle Bereiche viel mehr Regeln und alle achten viel mehr auf die Gleichberechtigung. Bei den ganzen Regeln weiß ich manchmal allerdings nicht, ob das etwas Gutes oder etwas Schlechtes ist…
Andrea: Noch ein Beispiel, sorry (lacht): Als ich anfing, auf Konzerte zu gehen, gab es dort gefühlt fast keine andere Frau. Und ich erinnere mich noch genau an diese eine kleine Situation: Ich sah irgendwann ein Mädel hinter einem Merch-Tisch und erst dann kapierte ich irgendwie „Auch Frauen können mit Bands auf Tour arbeiten?!“ Klingt vielleicht blöd, aber vorher war mir das wirklich fremd. Ich war damals 16. Ich unterhielt mich dann mit ihr und an diesem Abend entschied ich, genau diesen Job machen zu wollen. So wichtig war dieser Moment. Mittlerweile sind so viele Frauen in allen möglichen Bereichen mit auf Tour, es funktioniert irgendwie wie ein Schneeball-System. Schau dir doch nur uns drei an.
Alle: Genau!

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