10 Dinge, die ich an der Grazer Clubkultur liebe

Was man an Graz bei Nacht mögen muss.

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12 November 2014, 12:38pm

Alle Fotos: Johanna Lamprecht

Harald Hippie ist (unter seinem richtigen Namen) seit Jahren DJ und Veranstalter in Graz. Und sehr glücklich damit. Wir haben ihn und einen seiner Bekannten trotzdem mal gebeten aufzuschreiben, was sie an der dortigen Clubkultur so richtig zum Jubeln bringt—und was sie so richtig ankotzt. So wie wir das auch schon für Wien getan haben. Hier gibt es den Hippie-Teil, morgen spielt jemand für uns den Advocatus Diaboli und liefert den blanken Hass.

1. FÜR DIE GRÖSSE DER STADT GIBT ES VIELE VERANSTALTER

Graz ist klein, fein und vielfältig. Das hört man zumindest immer wieder, sei es an der Würstelbude deines Vertrauens, in der finstersten Grotte im Dom im Berg oder von den Wienern, die für ein bis zwei Wochenenden im Jahr hier sind. Und das stimmt ja auch: Es gibt fast kein Genre, das nicht durch die Lautsprecher der Grazer Clubs schallt. Was leider zum bekannten Problem führt, dass man sich nicht zweiteilen kann, um auf jeder verschissenen Hochzeit zu tanzen. Da es—zumindest unter der Woche—auf den Dancefloors eher familiärer zur Sache geht (siehe Punkt 8), sind namhafte Bookings meist am Wochenende angesiedelt. Aber das macht nichts. Graz ist und bleibt ein riesiger Suppentopf, der vor lauter Tatendrang, Musikern, Freigeistern, Künstlern, und alkoholkranken Partyliebhabern sprudelt.

FreiFunk (2013)

2. IN GRAZ GIBT ES EINE GANZE REIHE GUTER LOCATIONS

Ohne die Flagships des Grazer Nachthimmels Postgarage und Dom im Berg mit ihren Kapazitäten (bis zu 1000+) wäre es in Graz ziemlich mau—zumindest was internationale Bookings angeht. Die beiden bieten eigentlich alles, was das partysüchtige Herz begehrt: Neben qualitativ hochwertigstem Alkohol und jeglicher Art partyfördernder Substanzen, kleinen Séparées (wenns mal nicht so gut oder in der Liebe zugeht) und sehr vernünftige Soundsysteme. Im mittleren Bereich sind die Lichtblicke das ForumStadtpark, die Stallbastei am Schlossberg (welche hin und wieder bespielt werden) und der 2nd Floor der Postgarage. Alle drei bieten in etwa Platz für circa 200 – 300 Peronen und haben somit die ideale Größe für Graz. Das ist eine Ausstattung an Locations, die man in anderen Städten mit vergleichbarer Größe oft vergeblich sucht.

3. ES GIBT CHARMANTE KLEINE CLUBS

Jeder liebt kleine, schwitzige Clubs. Und die beiden Perlen des Stadtparks sind weit über die Grenzen von Graz hinaus bekannt. Was wäre ein Sommer ohne das Parkhaus oder die Kombüse? Im grünen Herzen von Graz pumpen zwei wirklich kleine, aber sehr kreative Locations mit guten Parties und guter Musik. Die beiden bringen uns nicht nur über das Sommerloch, sondern sind das ganze Jahr über der Geheimtipp für gute Musik (und für die diejenigen mit etwas mehr Kondition). Der Vorteil der beiden ist gleichzeitig auch ihr Manko, denn ab etwa 100 Leuten wird es sowohl im Parkhaus als auch in der Kombüse ziemlich kuschelig. Was meistens dazu führt, dass man einfach im Freien zelebrieren muss. Was wiederum super ist. (Btw: Wenn man dem heißesten Gossip trauen darf, werden die beiden 100er schon bald von einem neuen „Partykeller" im Bezirk Lend unterstützt.) Nicht zu vergessen ist auch das Sub, welches immer wieder ein Sprungbrett für junge aufstrebende DJs und Musiker ist und in der Vergangenheit mit Veranstaltungen wie „Springbreak" nicht aus dem Grazer Nachtleben weg zu denken ist.

Vakuum (2011)

4. DIE VERSCHIEDENEN CREWS KOOPERIEREN MITEINANDER

Zum Glück hat der ein oder andere leere Dancefloor dazu geführt, dass sich verschiedene Kollektive immer wieder zusammenschließen und wirklich dicke Parties raushauen. Sie schaffen es so, die Postgarage oder den Dom im Berg mit so vielen Menschen aufzufüllen, dass sie fast aus allen Nähten platzen. In der Vergangenheit gab des Öfteren die üblichen Probleme mit Doppel-Bookings, Terminkollisionen und -löchern und wie überall in Österreich den Neid des Erfolges anderer. Aber diese Probleme hat die Kultur zum Glück ganz gut überwunden.

5. DIE CLUBS BEFINDEN SICH IN DER INNENSTADT

Die Anordnung der Clubs lässt schon erahnen, wie gemütlich in Graz gefeiert wird. Fast jede Location ist von der anderen nur 10 bis maximal 20 Gehminuten entfernt. Was bei Großveranstaltungen wie dem Elevate, Springfestival oder Styrianstylez sehr angenehm ist—beziehungsweise war. Das liegt aber auch großteils daran, dass am Wochenende einfach kaum Öffis fahren, und daher alles, was etwas außerhalb liegt, wirklich sehr schwer zu erreichen ist.

disko404 im Niesenberger (2011)

6. ES GIBT GRÖSSERE, QUALITATIV HOCHWERTIGE FESTIVALS

Graz ist quasi perfekt für Großveranstaltungen und Clubfestivals. Wie oben geschrieben, gibt es mehrere Locations in der Innenstadt, die man locker zu Fuß erreichen kann. Das kam auch der Festivalkultur in Graz zu gute. Na ja, jetzt haben wir halt noch das Elevate. Aber das überzeugt von Jahr zu Jahr mit einem der exquisitesten Lineups, die man in Europa sieht und zieht Leute von weit her an. Aufgrund der exzellenten Infrastruktur wird es wohl auf Dauer nicht das einzige Clubfestival in Graz bleiben.

7. DIE UNDERGROUND SZENE SORGT WIEDER FÜR BELEBUNG

Kleine Lichtblicke im heurigem Sommer lassen hoffen, dass in Graz wieder etwas passiert. Outdoorparties in der alten Taggerfutterfabrik bringen endlich wieder frischen Wind in das eingefahrene Uhrwerk, das seit Jahren im guten, aber schon ein wenig gleichen Takt schlägt.

Elevate @ Dom im Berg (2010)

8. IN GRAZ KENNT SICH DAS STAMMPUBLIKUM

Wie auch jede andere Stadt hat Graz das Problem, dass man sich an den Gesichtern in den Clubs ziemlich schnell satt gesehen hat. Aber das ist gut so! Es erscheint ein bisschen nervig, wenn man neu nach Graz kommt, wird aber im Laufe der Jahre immer schöner und angenehmer. Hier bist du nie hilflos und allein. Die Grazer Partymeute ist im Großen und Ganzen ein große und relativ treue Familie ist, auf die du im Zweifel immer irgendwie bauen kannst.

9. DIE PREISE SIND HUMAN

Das Preis-Leistungs-Verhältnis des Grazer Nachtlebens ist wirklich mehr als annehmbar und auch im internationalen Vergleich wirklich cheap. Der Eintritt ist nur sehr selten über 10 Euro, und die Getränkepreise sind auch sehr OK. Hier kommt man nicht morgens aus dem Club mit dem Gefühl, abgezogen worden zu sein.

Schwarzes Herz (2013), Foto: Ma Dra

10. DIE QUALITÄT DER BOOKINGS IST HOCH

In Graz hat man grob geschätzt an drei von vier Wochenenden im Monat die Gelegenheit, einen schönen internationalen Act zu sehen. Das ist für eine Stadt dieser Größe nicht selbstverständlich. Die Schwarzes Herz-Partys bieten feinen House, etwas härter geht es bei Kopf Bei Fuß zu, Audiotherapie schließt sich gerne mal mit Propaganda zusammen und bringt richtig gute Acts. Wenn disko404 zum Tanz bittet, wird es auch immer spannend und Maesonic bieten highquality DJs im Forumstadtpark an. Generell ist zu sagen, dass Graz ein paar sehr starke Local DJs hat, denen es zu verdanken ist, dass in den Clubs so guter Sound läuft. Da kann man sich wirklich nicht beschweren.

Doch, kann man. Es ist natürlich auch an der Mur nicht alles Gold, was glänzt. Morgen an dieser Stelle: 10 Dinge, die ich an der Grazer Clubkultur hasse.

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