„Mit Zehnjährigen ist das doch keine Pädophilie, sondern ein Lolitakomplex“—Ladybaby im Interview

Ein australischer Wrestler hat sich zwei japanische Schulmädchen in seine Metal-Band geholt, um die pädophilen Fantasien alter Lustmolche zu befriedigen.

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Juli 31 2015, 6:00am

Irgendwo am anderen Ende des märchenhaften Regenbogen weilt ein Fabelwesen mit krassem Geltungsbedürfnis namens Ladybeard. Ein Klotz von einem Mann, der erst auf dem zweiten Blick hinter blendend schriller J-Pop-Kostümierung erkennbar wird. Das Markenzeichen vom Hünen: Mädchenkleider. Und die zieht sich der australische Wrestler nicht nur für Promozwecke an, sondern läuft so seit Jahren tagtäglich durch die menschenüberfluteten Straßen Japans. Er wrestelt so auch. Weil das noch nicht ausreicht, hat das—laut eigener Aussage—fünfjährige Püppchen seit Kurzem zwei minderjährige Mädchen dazu verdammt, die pädophilen Fantasien alter Lustmolche zu befriedigen.

Mit ihrer musikalischen Melange aus Soft Porn, Bikini-Bizeps, Tanzterror und Death Metal nennen sich die dreisten Drei Ladybaby, eine gemütliche Trittbrettfahrt aufs Pendant Babymetal. „Nippon Manju“ heißt das erste filmisch festgehaltene Schockmoment. Würdig genug, um entsetzt die Augen aufzureißen und Ladybeard mal in die Mangel zu nehmen. Wie ist es wohl, „einen Schizophrenen zu spielen“? So sieht der Muskelmann sich selbst, der übrigens bei wirklich jeder (!) Antwort in typisch japanischer Überschwänglichkeit komplett ausrastet und die seltsamsten Töne rauswürgt.

Noisey: Wir widmen uns heute einem sehr skurrilen Wesen wie dir. Also was bist du: ein Mann oder ein/e Shemale?
Ladybeard: Ich bin ein fünfjähriges, japanisches Mädchen, das mysteriöserweise die Erfahrungen eines australischen Mannes in seinen frühen Dreißigern mit sich schleppt.

Eine Fünfjährige mit Vollbart?
Nun, ich wachse schnell.

Macht es dich an, in supersüße Mädchenkleider zu schlüpfen?
Da ich erst fünf Jahre alt bin, weiß ich überhaupt nicht, was du mit „anmachen“ meinen könntest.

Also ist das deine ganz gewöhnliche Alltagskleidung?
Yeah! Zu hundert Prozent. Das ist mein Leben, sauviel Spaß. Für meine Haare und das Make-up brauche ich am längsten, bestimmt eine halbe Stunde. Eine Lifestyle-Entscheidung, die ich laufend—LAUFEND!—auffrischen muss. Der Bikini geht dann ganz schnell.

Mit Clearstone konntest du sogar einen Sponsor für deine Kleider finden.
Richtig. Ladybaby wurde vor neun Monaten von Clearstone geschaffen. Vorher war ich bekannt für meine Soloshows als Ladybeard. Da habe ich Metal-Cover von J-Pop-Songs gespielt. Der CEO von Clearstone sah mich auf einem Magazin-Cover und dachte: „Was zur Hölle ist das?“ Er holte mich ins Meeting, sagte, ich sei fantastisch und wollte mich in diese Gruppe mit den zwei kleinen Mädchen stecken (lacht beängstigend laut).

Verkauft ihr deine getragenen Kleider an Fetisch-Kunden?
Wir haben das schon bei einer Auktion gemacht. Meine ersten Kleider, die mich auf Twitter berühmt gemacht haben, wurden da für eine Charity versteigert. Wir werden das noch öfter machen. Eine Wrestlerin hier trägt bei jeder Show eine neue, gesponserte Maske. Anschließend signiert sie die Maske und übergibt sie wieder dem Geschäft, wo sie verkauft werden. Die Hälfte ihres Einkommens erwirtschaftet sie allein dadurch. Der Markt ist groß, wir sollten das mehr im Auge behalten.

Aber verrückt, dass Clearstone so überwältigt von dir war. Gehören japanische Männer in Frauenkleidern nicht zur Tagesordnung?
Ja, das ist seltsam. Naoko [Tachibana], meine Managerin, lernte ich vor anderthalb Jahren kennen, weil sie die wichtigste Fotografin für Crossdresser ist. Doch sie behauptet, Crossdressing sei immer noch Underground. Es wird nicht gern gesehen. Ich wusste nicht, was sie meint, Samstagnacht sieht man in Shinjuku alte Männer in Röcken. Trotzdem werden sie von der Mehrheit als seltsame Freaks abgestempelt. Erst letztes Jahr erlebten Crossdresser einen kulturellen Boom, sie traten im TV auf, auch ich bekam viel Interesse. Ich bin mir nicht sicher, warum. Vielleicht, weil ich Ausländer bin und süß wie auch stark sein kann, meine Bizeps-Muskeln im Bikini spielen lasse. Warte, Naoko ist nebenan, ich frage sie. [Unverständliches Gebrabbel in fließendem Japanisch] Es war die Schockwirkung. Weil ich Ausländer bin, habe ich neben kleinen Mädchen erschreckend ausgesehen.

Also stichst du aus der Masse an Crossdressern heraus, weil du zwei Köpfe größer bist?
Es ist erstaunlich! Viele Crossdresser sind echt groß, meistens größer als ich. Aber ich habe diese doppelte Dynamik aus Bart und Wrestling sowie das süße Zeug.

Ist das nicht total bizarr, vor—sag du mir, ob das stimmt—Perversen zu singen?
(Lacht sehr lange, inklusive Atempause) Ich würde sagen: Nein, im Sinne meiner Fans. Bei meiner Soloshow als Ladybeard scheint das Publikum nicht pervers zu sein, aber wahrscheinlich sind es welche. Ladybaby-Shows sind dagegen wirklich dreckig altherrisch. Bevor ich auf die Bühne gehe, weiß ich nicht, wer da ist. Erst beim Meet & Greet nach der Show sehe ich sie von Angesicht zu Angesicht. Viele Fans der Mädchen—ich möchte mich nicht ungünstig ausdrücken—sind ältere Gentlemen, die darauf abgehen, den Körper eines High School-Girls anzufassen. Wenn wir am Ende der Show für High fives vorne an der Bühne stehen, dann bahnen sich Typen mit Ellenbogenkraft ihren Weg dahin. Es ist seltsam. Es ist, wie es ist.

Kommt pädophile Befriedigung durch die überzeichnete Anime-Kultur unsterblich junger Schulmädchen?
Die ganze Idol-Kultur dreht sich um dieses Konzept. Meine Mädchen sind sooo jung, Rie [Kaneko] ist 17 und Rei [Kuromiya] erst 14, noch ein Kind. Bei Shows mit anderen Idol-Gruppen sind die Mädchen noch viel jünger! Letzte Woche waren Achtjährige dabei, auch mit 50-jährigen Männern als Fans. Ich bekomme bestimmt Ärger, wenn ich zu viel darüber erzähle. Für einen Westlichen ist das eine sehr seltsame Dynamik. Weil dort alles, was nur irgendwie von Pädophilie handelt, unsagbar verboten ist. Dafür kommst du in den Knast. Hierzulande entstand ein ganzes Geschäftsmodell drumherum. Daran muss ich mich auch erst gewöhnen. Ich bin kein Japaner und werde keine andere Kultur kritisieren.

Japaner haben sicher kein streng negativ behaftetes Wort wie Pädophilie.
Gravure Models heißen die. Unwillentlich wurde ich zu einem. Weil die Firma, für die ich wrestle, eine Image-DVD über mich machen wollte. Da wusste ich noch nicht, was das ist. Das Konzept Gravure bedeutet, man geht so weit wie möglich, ohne Soft Porn zu drehen. In diesen Videos werden junge, attraktive Mädchen an den Strand gestellt, ein Knöchel im Wasser, und die Kamera geht in Nahaufnahme—kein Witz—ihren Körper auf und ab, direkt auf den Arsch, auf die Brüste, aufs Gesicht. Dann schwenkt sie weg und macht genauso weiter, nur an anderer Location! Eine Stunde lang! Wie Sports-Illustrated-Bikini-Models. Du bekommst solche DVDs von Mädchen, die gerade mal sechs Jahre alt sind.

Wenn du aber mit deinen Mädchen wrestlest, sieht das auch wie Soft Porn aus.
(Lacht erstaunlich lange, drei Pausen inklusive) Das ist das erste Mal, dass mir das jemand sagt. Du hast das ausgesprochen, was jeder denkt. Sehr witzig. Aber als ich das erste Mal eine Zehnjährige in so einer DVD sah, fragte ich Naoko: „WAS IST DAS? Das ist Pädophilie, das kannst du in Australien nicht machen, dafür wirst du eingesperrt. Wie kann das legal sein?“ Sie sagte: „Oh nein, mit Zehnjährigen ist das doch keine Pädophilie, sondern ein Lolitakomplex. Von acht bis 16 Jahren ist das so.“ Bei Sechsjährigen wäre es pädophil, ab acht nicht mehr, total kompliziert.

Kommen keine alten Säcke zu dir und wollen dich irgendwo anfassen?
Die Frauen sind viel aggressiver, die wollen einen Copperfield [könnt ihr gerne mal googlen]. Ich habe aber Aufpasser bei den Shows. Bisher haben das keine Typen versucht, ich bin ja auch viel größer als sie. Aus ihrer Perspektive wäre das keine gute Idee, mich zu ärgern. Sie denken sicher: „Wenn ich das jetzt tue, dann wird er mich töten.“

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War die schwerste Aufgabe, die hektischen Tanzschritte draufzukriegen?
Schwer war das nicht. Das Härteste ist, dabei noch zu singen. Es ist körperlich anstrengend. Interessant ist, dass die Tänze für die beiden kleinen Mädchen designt wurden. Sie wiegen gerade mal 40 Kilogramm. Viele Sprünge, viel bipi-bopi. Bist du aber ein 90 Kilogramm schwerer Wrestler, verbrauchen die gleichen Moves viel mehr Kraftstoff.

Fans wollen, dass du fülliger wirst. Und du gibst dich deinem Schicksal hin?
Richtig. Lustigerweise lebte ich erst eine vegane Diät, die meinem Sixpack gut tat. Weil mir in Hong Kong alle sagten, ich sei zu dick. Aber in Japan fragten mich alle: Kannst du größer werden? Das versuche ich. Aber diese Mission wird durch’s Tanzen vereitelt. Dabei verbrenne ich wie verrückt Kalorien. Vor allem, weil ich so viel herumspringen muss. Ich bade schon bei einem Song in Schweiß, als würde ich aus einem Pool klettern. Und wir proben drei Stunden lang. Wenn ich nicht tanze, schaufle ich mir Essen über Essen rein.


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Wie viel willst du denn wiegen?
Jetzt wiege ich so 90 Kilogramm. Wenn ich noch fünf Kilo Muskeln gewinnen könnte, wäre das wundervoll. Oder sogar zehn, das wäre unglaublich. Willst du nur schwer werden, kannst du Eiskrem essen. Dann wirst du ziemlich leicht fett.

Wirst du Shows in Europa spielen?
Ich weiß es nicht. Seit „Nippon Manju“ draußen ist, wurde ich persönlich nach Europa und Amerika eingeladen. Für Ladybaby habe ich noch keine konkreten Pläne gehört. [Spricht auf Deutsch: „Ich kann deutsch, bisher habe ich nur in Englisch gesprochen“]. Ich will schon seit langem nach Deutschland kommen und Shows auf Deutsch spielen.

Aber hast du keine Angst, dass Metalheads mit Mistgabeln und Fackeln kommen, um den Dämonen in dir auszutreiben?
Arrrr, ich bin ein Wrestler, damit werde ich fertig. Als Ladybaby haben wir aber tatsächlich nur positive Resonanz von Metalheads bekommen. Das überrascht mich. Weil ich immer dachte, ich würde nie von ihnen gemocht werden. Was ich tue, ist so weit weg von reinem Metal. Wenn mich Metal-Puristen nicht leiden können, macht mich das in gewisser Weise glücklich. Weil die Stärke von Metal und seiner Gemeinschaft Loyalität und Trueness ist. Das ist fantastisch. Ich möchte nicht gehasst werden, aber ich verstehe und respektiere das.

Hörst du selbst Metal?
Meine Lieblingsband ist Rammstein. In der High School sagte ich zu meiner Mutter: „Ich gehe zu meinem besten Freund Chris, um Deutsch zu lernen!“ Dort schauten wir die ganze Zeit Rammstein-Videos. Aber ich mag auch Melodic Metal. Bands wie Capture The Crown, Famous Last Words und all die Bands, die auf Rise Records sind. Sie sind sehr metalcoresk und guttural in der Strophe und im Refrain wird dem Trend nach gesungen. Ich mag die Kraft von Metal, kompositorisch aber Pop. Meine Lieblingssongs in Englisch sind übrigens Metal-Cover von Pop-Songs. Die Kompositionen von Pop plus die Aggressionen vom Metal, perfekt. Alles, was ich will und brauche. Den Witz daran finde ich urkomisch, die freudvollste Sache auf diesem Planeten. Deswegen habe ich mit diesen J-Pop-Songs angefangen. Keiner hatte davon Metal-Cover gemacht, das war meine Mission.

Was sagst du zu deinen Landsmännern Parkway Drive?
Oh yeah. Sie sind großartig! Ich habe sie zwei Mal in Hong Kong gesehen. Witzig, ich trug eine Schuluniform im Moshpit. Natürlich war ich viel größer als alle anderen, als ich im Pit two-steppte. Zwischen den Songs fing ich an, die australische Nationalhymne zu singen. Nach der Show kam einer der Jungs auf mich zu: „Oh mein Gott, du bist ein Kerl! Ich dachte du wärst ein gewaltiges Mädchen!“.

Ist Ladybaby nicht von Babymetal geklaut?
Wenn ich sage „gestohlen“, bekomme ich Ärger. Das werde ich nicht tun. Aber: ja! Das ist ein offensichtlicher Vergleich, da stimme ich jedem zu. Babymetal waren sehr hilfreich, vor allem für mein Solozeug. Das Einzige, was wir aber gemeinsam haben, ist das Süßsein und Death Metal. Sie erschufen Kawaii Metal und das hat bewiesen, dass man jede Grenze sprengen kann. Das hat uns die Türen geöffnet, zu einhundert Prozent würde Ladybaby ohne den Erfolg von Babymetal nicht existieren. Aber wir nutzen einen anderen Kniff: Wir haben einen bärtigen, ausländischen Crossdressing-Wrestler als Frontmann. So weit ich das beurteilen kann, hat keines der Mädchen von Babymetal einen Bart. Rie und Rei arbeiten hart an ihren.


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Zwischen all den asiatischen Kerlchen—fühlst du dich nicht einsam?
Äääähhhhhm: ja. Damit versuche ich immer noch klarzukommen. Ich bin seit zehn Jahren weg aus Australien, natürlich vermisse ich mein Zuhause und die Familie. Hong Kong [wo Ladybeard für ein paar Jahre lebte] ist ein Ort für Durchreisende, dort gibt es viele Englischsprachige. Fast alle, die Kantonesisch sprechen, können auch Englisch. In Japan ist das nicht der Fall, da musst du Japanisch sprechen—eine ermüdende Herausforderung. Auch kulturell ist Japan einzigartig. Wie Menschen mit Wörtern und Körpersprache kommunizieren, ist komplett verwirrend. Jeder setzt ein Pokerface auf und sagt dann: „Das war das Beste, was je passiert ist!“ Wenn ich einsam werde, habe ich aber ein paar Freunde aus der Fremde hier.

Wunderst du dich manchmal, was du überhaupt in Japan verloren hast?
Nein, ich kam extra hierher, um die Mission Ladybeard durchzuführen. Ich bin dankbar, dass ich nicht so denke. Wäre ich aber nicht so erfolgreich und immer noch hier, dann würde ich mich das fragen.

Kennst du Conchita Wurst?
Ja, sie ist großartig! Eine sehr gute Sängerin, ich wünschte, ich könnte so singen wie sie! Sie ist einzigartig. Ich habe gehört, dass die Österreicher sie nach dem Eurovision als Schande der Nation betitelten. Das ist traurig. Menschen konzentrieren sich eher auf ihren Bart, statt auf die Musik. Aber wahrscheinlich ein guter Karriere-Move. Du erreichst die Öffentlichkeit als Schande von Österreich, gute Werbung. Marilyn Manson war der König allen Bösen, stimmt’s? Wie viele Shows hat der ausverkauft…

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