VICE Media

Auf den Spuren der Bauchtasche – ein Erklärungsversuch

Was Yung Hurn mit Bauchtaschen zu tun hat und wie man am besten mit Betroffenen umgeht, lest ihr in dieser Reportage.

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Apr. 10 2017, 2:27pm

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Es war ein romantischer Nachmittag im Dezember, die Sonne lugte zwischen schweren und dichten Wolken hervor. Es war die Art von Wintertag, an dem man einen Hauch von Frühling spürt – ein Teaser für den strahlenden Sommer in Wien. Ich lief gedankenverloren die Mariahilferstraße auf und ab, als mich ein Mann aus den Gedanken riss. Er trug einen Zopf, eine beige Stoffhose und einen dunklen Pulli, seine Ray Ban klebte in seinem Gesicht. Doch nicht seine nicht einzigartige Erscheinung riss mich aus den Gedanken – es war die Bauchtasche, die er quer über seinen Brustkorb trug. Das hätte auch schon das Ende der Bauchtaschenstory sein können. Aber:

Es war ein kalter Jännerabend, ich war am Weg zum Yung Hurn-Konzert, wo ich naturgemäß mehr Berufsjugendliche als Jugendliche erwartete. Es war auch genau so: Lauter männliche Menschen in ungefähr meinem Alter (also gefühlte zehn Jahre älter als Yung Hurn) und alle hatten diesen verlorenen und unglücklichen "Irgendetwas mit Medien"-Gesichtsausdruck. Es könnte alles wie sonst sein: Gespräche über scheinbar wichtige Events und Menschen, immer mit dem Hintergedanken, dass man ja Arzt hätte werden können. Oder Anwalt. Doch es kam anders.

Ich kam ins WUK und und war von der Erscheinung der Männer vereinnahmt. Gut 80 Prozent trugen ihre Bauchtasche quer über den Brustkorb. Die Bauchtasche an sich ist kein neues Phänomen: Man sieht sie schon seit den 90ern in verschiedensten Szenen. Allerdings ist die neue Trageart zumindest für Wien relativ modern und neu. Seit jenem Jännerabend, an dem mir dieses Phänomen massenhaft begegnete, sehe ich es immer wieder. In der Grellen Forelle mehr, im Werk weniger. Doch noch etwas passierte gleichzeitig: Die Stoffturnsackerl schienen, genauso wie der gemeine Männerzopf, auszusterben und zu weichen. Die Bauchtaschen haben diese zwei Assets konsumiert und vernichtet.

Eines der wohl wichtigsten Fashion-Vorbilder für junggebliebene Buben und alle, die es gerne wären.

Rutchelle vom Commerc-Store bestätigt mir das: "Da man dieses Jahr sowieso vom Revival der 90er Jahre spricht, ist es kein Wunder, dass die "Hipbag" wieder "hip" ist. Auf diversen Festivals hat sie dem "Jutebeutel" schon längst den 1. Platz weggenommen." Die Frage zu beantworten, woher die Idee kommt, die Bauchtasche um die Schulter statt um den Bauch zu tragen, stellte sich im Laufe meiner Recherche als die fordernste journalistische Aufgabe meiner Karriere heraus.

Obwohl Rutchelle im Commerc-Store arbeitet, der unter anderem auch Bauchtaschen verkauft, stößt sie auch mit dem eigentlichen geografischen Ursprung an ihre Wissensgrenzen: "Geografisch gesehen wird die Bauchtasche immer ein Mysterium bleiben. Schon die alten Indianer sind mit sowas wie einer "braunen Gürteltasche aus Leder" herumgelaufen. Allerdings weist man dem Mittelalter auch schon Gürteltaschen zu. Spontan hätte ich aber auf Boston getippt, da dort die ersten Eastpak-Bauchtaschen produziert wurden."

Denise N., eine betroffene Freundin eines quertragenden Bauchtaschenträgers, erzählt mir: "Als ich mitbekam, dass mein Boyfriend mit einer Bauchtasche liebäugelte, habe ich ihn nicht wirklich ernst genommen. Als es ernst wurde und er die Eastpak-Bauchtasche – natürlich Vintage, eh klar –wirklich in Händen hielt und quer über seine Brust trug wie eine süße Herrenhandtasche, hätte ich gerne gelacht. Ich habe es aber gelassen und dachte, man könnte doch auch den Männern eine lächerliche Handtasche gönnen, genauso wie sie es manchmal mit uns machen."

Denise N. ist nur eine von vielen Betroffenen in Wien, doch sie hat gelernt, es zu akzeptieren und hat für sich gute Strategien entwickelt: "Immerhin bekommt man Hodenkrebs, wenn man das Handy immer in der Hosentasche trägt, oder so." Und vielleicht ist die quere Bauchtasche einfach das Pendant zum Choker – auch bekannt als "schwarzer Gürtel in Blasen" – ein modisches Relikt aus den 90er-Jahren.

Mittlerweile ist laut eigens durchgeführten qualitativen Umfragen in meiner Umgebung jeder dritte Mensch betroffen. Einer von drei Menschen kennt jemanden, der die Bauchtasche quer trägt oder sie sogar selber nutzt. Gut, meine Umgebung besteht zum großen Teil aus VICE-Lesern, Grelle Forelle-Gehern und anderen Hipstern. Klara B. ist nur eine von vielen Freundinnen, die sich mental wappnen und vorbereiten: "Sollte mein Freund jemals mit einer Bauchtasche um seinen schönen Oberkörper auftauchen, würde ich mir nichts anmerken lassen und es vorerst irgnorieren. In weiterer Folge würde ich jedes Mal, wenn er sie um hat, Kreolen, ein Tattoohalsband, lila Lippenstift und Fake-Tattoos tragen, bis er mich fragt, warum ich wie ein modischer Unfall aussehe – das wäre dann der Moment, in dem ich ihm den Spiegel vorhalte und mit der Ruhe eines Buddhisten erkläre, dass ich doch nur zu ihm passen möchte. Option 2 wäre ganz klassisch, das gute Ding um vier Uhr in der Früh zu verbrennen. "

Aus den eigenen männlichen Reihen weht der Wind rauer. Auriel Z. hat klare Ressentiments: "Ich find's sau sch**l. Wie hängengebliebene 90er-Jahre Substi-Gabbas. Hoffentlich fangen sie nicht auch noch an, sich Piercings durchs Kapperl zu stecken." Auriel Z. ist von dem Thema emotional ergriffen – aber so geht es ihm auch mit Chokern: "Ich will immer Vanessa Carlton singen hören, wenn ich das sehe. Oder Sixpence None The Richer. Nur statt "Kiss me", "Fist me"."

Und vielleicht hat er recht. Vielleicht liegt die Antwort in der Musik – immerhin war meine erste Massenbegegnung ein Yung Hurn-Konzert. Ich frage Rutchelle welche Musik mit der Bauchtasche in Verbindung gebracht wird: "Wenn, dann natürlich mit Techno. Wobei man sagen muss, dass man die Deutsch-Rapkultur – vor allem in Berlin und Wien – auch schon mit Bauchtaschen verbindet."

Auch welche Szenen betroffen sind, kann sie mir beantworten: "Natürlich die Hipster-Szene. Die Techno-Szene, die Hiphop-Szene und alles, was cool und lässig ist derzeit. Sonst ganz stark und schon immer gewesen: Die Tourismusszene – weil auf Reisen das Bauchtascherl einfach sicherer ist und man die wichtigsten Dinge darin verstauen kann. Und die Flohmarktverkäufer und unsere geliebten Schwarzkappler darf man auch nicht vergessen."

Der Style wird von Betroffenen als "ungezwungen cool und ironisch "empfunden, was auf Realitätsverlust hindeuten kann. Wie stark eine Korrelation zwischen der sinkenden Geburtenrate und dem Anteil von Bauchtaschenträger in der Bevölkerung ist, zeigt sich erst in ein paar Jahren.

Ein Betroffener, der an dieser Stelle anonym bleiben möchte, antwortet mir auf die Frage, warum er seine Bauchtasche quer über die Schulter trägt: "Es schaut cool aus, ich habe es wohl das erste mal in Berlin gesehen und dann in Straßenrapvideos. In der Arbeit würde ich es nicht tragen, aber zum Fortgehen oder auf Reisen bestimmt." Als Argument für die Bauchtasche, gibt auch er die Praktikabilität an, fügt aber hinzu: "Letztes Wochenende war ich besoffen fort und hab' trotz meiner Bauchtasche meinen iPod angebaut." Er sagt es nicht, aber man liest aus seinen Augen: Ohne Bauchtasche, wäre ihm das wahrscheinlich nicht passiert – Jeanstaschen, sind immerhin enger und gewöhnter.

Rutchelle vom Commerc-Store sieht aber durchaus auch andere Idole für diesen Trend, außer Rapper und Berliner: "Naja, man munkelt ja, dass man Ötzi mit einer Gürteltasche gefunden habe. Außerdem kursiert ein ganz berühmtes Foto von The Rock im Internet herum, in der man ihn mit einer schwarzen Bauchtasche sieht. Sonst hätte ich gesagt, dass das Känguru uns allen voraus ist."

Auch Frauen sind betroffen.

Auch eine Freundin, die Fridi F., äußert sich positiv über Männer, die ihre Bauchtasche quer tragen: "Wenn es nicht zu gewollt getragen wird, finde ich es eigentlich ziemlich LIT. Es ist wie ein Band-Shirt. Ich weiß dann quasi automatisch, dass der Typ ähnliche Musik wie ich mag." Selbst möchte sie den Trend aber nicht aufgreifen: "Ich lass mich eh schon von Chokern würgen. Wenn ich die Bauchtasche trage, dann ganz klassisch um den Bauch." So oder so: Die Bauchtaschen scheinen langsam nach Wien zu kommen und die Hipster-Trends (Zopf, Turnsackerl und Firmenlogo-Shirts) abzulösen. Sie werden uns wohl erhalten bleiben – bis das nächste hässliche Kleidungsstück aus 19Kreisky ganz ironisch seinen Weg auf Instagram findet.

Fredi & Fridi haben Twitter: @schla_wienerin

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