Früher war alles besser—Wo sind die Wiener Off-Locations?

Damals gab es die Phono Taktik-Events im Gusswerk, das Sequence am alten Südbahnhof-Gelände, die großen Raves im alten Messepalast oder das Tagesevent im Hermannspark. Und heute?

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Okt. 28 2016, 10:57am

Wenn heute Kein Sonntag ohne Techno am Freitag (sic!)​ in der Marxhalle über die Bühne geht,​ fühle ich, der sich gerne zurück erinnert, ein wenig Wehmut. In den "wilden Neunzigern​" waren ähnliche Events alltäglich und Wien war in Sachen Off-Locations und Partys an ungewöhnlichen Orten fast ein wenig Europas Hauptstadt—damals freilich noch ohne straffem Firmen-Branding.

Heutzutage sind solche Durchführungen schon alleine wegen der strengen Auflagen​ kein einfaches Unterfangen. Eine Pop-House-Party mit "Techno" im Namen​ und vielen StudentInnen im Verteiler, die sich noch vor einigen Jahren zumindest die eine oder andere große Wiese in der Stadt erobert hat, dürfte den Budgetplanern der großen Firmen noch am ehesten in Erinnerung geblieben sein—auch wenn das Ganze zuletzt eher den beliebigen Touch gefälliger Studentenpartys versprühte. Anders ist es wohl kaum zu erklären, dass nun ein großer Telefonkonzern viele Kunden via SMS zu diesem Event einlädt.

Aber immerhin ist dies die erste große Veranstaltung außerhalb bekannter Venues—auch wenn die Marxhalle bis dato eher die Heimat von Streetfoodfestivals und Parov Stelar-Konzerten​ war. Aber das ist eben die Gegenwart in Wien.

In den Neunzigern war das noch der spannende Partyalltag. Damals konnten noch Locations bespielt werden, bei denen es heutzutage undenkbar ist, dass auch nur eines Tanzenden Schuh die heiligen Hallen betritt: So galt Wien in den Neunzigern als Clubbing- und Rave-Hotspot​. Im Technischen Museum verdiente sich Hannes Jagerhofer seine ersten Sporen als Veranstalter, und das obwohl die zentrumsfixierten Wiener dafür sogar weit hinter den Gürtel pilgern mussten. 

​​Grafik von Samazing. Originalfoto via Flickr | Piano Piano!​​​ | CC BY 2.0​​

Danach ging es noch einige Jahre—noch größer—in den Sofiensälen weiter und viele blickten neidisch auf die Möglichkeiten, die es in der Stadt gab. Davon inspiriert versuchten auch viele andere Veranstalter ihr Glück in altehrwürdigen Gebäuden: Das Sunshine und das Baumgartner Casino fanden zum Beispiel ebenfalls in jenen Tagen zueinander. Die erfolgreiche Partyreihe Sunshine brachte die nötigen Referenzen, um danach in die Meierei im Stadtpark übersiedeln zu können, die es je auch schon davor gab (ebenfalls von Hannes Jagerhofer wachgeküsst).

Sämtliche Palais der Stadt wurden zweckentfremdet: Kinsky, Auersperg, Liechtenstein und Co waren Schauplatz mehr oder weniger fader Abklatsche der großen Vorbilder—mal besser mal schlechter. Soundmäßig aber natürlich stets ein Horror.

Foto: Isabella Khom

Dazu gab es Partys in Museen und auf den Unis, was damals noch keine Besonderheit war. Aber auch hier siegten Brandschutz- und Ordnungsparagraphen (unter anderem wegen des starken Andrangs). Die damals ganz junge und dynamische Raveszene vergnügte sich indes überall, wo es finster war: Diverse Tunnels, Keller, Bunker, alte Fabriken und natürlich die legendären alten Gazometer​ waren damals die Heimat der immer größer werdenden Technoszene und machten Wien unter anderem deswegen so spannend.​

Wer erinnert sich noch an die Raves in der Schartlgasse und im Kunstwerk, in der Akademie, auf der Angewandten, beim Südbahnhof oder der Alpenmilchzentrale? Wer erinnert sich noch die Phono Taktik-Events im Gusswerk, das Sequence am alten Südbahnhof-Gelände, die großen Raves im alten Messepalast und draußen am Döblinger Sporn oder das Tagesevent im Hermannspark? Die Liste ginge noch weiter—von den vielen Paraden am Ring der damaligen Zeit ganz abgesehen. Aber gerade einmal die Regenbogenparade blieb erhalten.

Vor allem rissen sich auch die internationalen Topacts darum, dort spielen zu können—und das um Beträge, die heute maximal die Reisekosten decken würden. Die hier aufgezählten Events waren sicher irgendwie legal, oder auch nicht ganz. Durchgeführt werden konnten die meisten aber doch mehr oder weniger offiziell. 

Der ehemalige XXX-Gründer Horst Scheuer erzählte mir an so manchem Abend noch von legendären Schnitzeljagden mit der Polizei. Der Facebook-befreiten Raveszene genügte eine Telefonnummer, um zu wissen, wohin die Reise gehen musste. Oft genügten Autobahninseln in St.Marx als Austragungsorte für die ersten Partys dieser Art—lange bevor sie die großen Firmen und die Industrie entdeckten.

Foto: Annabella Khom

Dazu gesellten sich noch die unzähligen illegalen Soundsystem- und Goapartys in Bauruinen​, Steinbrüchen oder Bauernhöfen—bis sie irgendwann von der Polizei, manchmal durchaus mit einem Augenzwinkern, aufgelöst wurden.​ 

Heute sind diese Erinnerungen nur mehr Farbkleckse in der streng reglementierten Welt der Paragraphen und Bescheide. Ein Teil der Protagonisten hat nun seine fixen Clubs und Venues (Passage), die übrigen besetzten Gebäude der Frühzeit haben sich in Basisdemokratie verloren oder schafften den Spagat Entertainment und Kunst nicht ganz. Der große Rest ist in Partypension.

Das Publikum, das nachkommt, kennt diese Geschichten nur mehr aus Erzählungen. Klar, ein paar Ausnahmen gibt es immer: Die Wurstsalonpartys etwa oder diverse Spontan Techno-Events. Aber auch sie werden immer seltener. 

Das Ganze hat viele Gründe. In der predigitalen Welt dauerte alles noch länger und ehe der Amtsschimmel den Hafer gerochen hatte, waren die Raver auch schon wieder weg. Denn irgendwann wurden die Strafen zu hoch, die Risiken zu groß und die Vergnügungssteuer gab den meisten Veranstaltern den Rest. Irgendwann war es das Risiko und die Mühen nicht mehr wert, man wollte sich nicht in Schulden oder gar ins Kriminal stürzen.

Des weiteren sind die Auflagen unendlich viel strenger geworden. Klar, nun kann man argumentieren, dass dies alles zu unserer Sicherheit geschieht, aber es gab auch früher keine schweren Unfälle (außer einer erwischte zu viel von allem). Nur hat die MA36 und die schnelle Eingreiftruppe nun auch Zugang zu Facebook und den sonstigen sozialen Medien und kann und konnte daher viel schneller Events, die nicht ganz offiziell waren, abdrehen.

Wien will zwar eine Stadt für junge Menschen sein und wirbt mit seinen Events​, aber nur mit den hochoffiziellen. Abseits des Donauinselfestes​ geht wenig und der Tourismusverband pfeift der Jugend eines. Man kennt die Aussagen seines Chefs, dass Clubs und Jugendevents nicht unterstützenswert sind. Darum ist Wien, was diese Sache angeht, in einen Dornröschenschlaf gefallen, aus dem es nur sehr schwer wieder erwachen wird.

Die Sachlage hat sich ja auch dahingehend verändert, dass viele leerstehenden Gebäude nun von großen Immobilienkonzernen (Soravia, con:wert und Co) aufgekauft wurden und man gar nicht mehr so einfach "mal was machen" kann. Es sei denn, der oder die Besitzer können dieser Sache etwas abgewinnen—so geschehen ja im Falle der Kantine bis zum Abriss​. Vielleicht finden sich endlich ein paar "Tycoone", denen die Förderung der Clubkultur am Herzen liegt und öffnen die vielen, vielen leer stehenden Gebäude der Spekulationsblase für eine gewisse Zeit und helfen den Betreibern, es so legal wie möglich zu machen—siehe die Alte Post oder das einstige Oben. Vielleicht gibt es aber auch wieder die mutigen Crews, die mal einfach wieder etwas erobern und es dem Partyvolk​ in seiner rauen Freshness zuführen. 

Man bräuchte dafür keine sündteuren DJs und die Leute kämen von alleine. Man sieht das anhand der wenigen Off-Events, dass dies sehr wohl funktionieren würde. Dass dabei (nicht nur für das Magistrat) Kunst und Party bewusst verknüpft werden, ist dabei durchaus erwünscht. Das war ja auch früher so—siehe beispielsweise die Audioroom-Events, die überall in ganz Wien stattfinden mit seinem legendären Promoter Michael Meinhardt, der noch selbst Flyer aus einem Adeg-Sackerl verteilt hat. Das nannte man noch wahren Einsatz.

Das alles mag ein Grund sein, warum es vielen zu langweilig geworden ist, heute noch auf Musikevents oder in die Clubs zu gehen. Das Publikum wird jünger und die Musik spiegelt Beliebigkeit wider. Man sucht fast schon zu verzweifelt nach einer Lösung und landet Samstagabend in einer der unzähligen Bars, wo auch der Alkohol besser schmeckt. Schade eigentlich, denn daran erkennt man den Wert der Musik heutzutage. Zu viel auf Club gebügelt, zu wenig, um den Aha-Effekt zu erzeugen—dafür reicht Spotify in der Bar ums Eck.

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