Foto: pxhere.com I Bearbeitung: Noisey

Opfer von K.O.-Tropfen werden immer noch nicht ernst genommen

"Sind Sie sich sicher, dass Sie nicht einfach nur zu viel getrunken haben?" Diesen Satz sollten Betroffene 2019 nicht mehr hören.

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06 Februar 2019, 3:13pm

Foto: pxhere.com I Bearbeitung: Noisey

Es ist ein Sonntagvormittag, draußen scheint die Sonne, als ich meine Augen öffne und mir schon beim ersten Wimpernschlag ein stechender Kopfschmerz die Sicht nimmt. Es fühlt sich an, als hätte jemand meinen Kopf in einen Schraubstock gespannt. Was ich sofort merke: Das ist kein normaler Kater.

Auf die unerträglichen Schmerzen folgt die Erkenntnis, dass ich keinen blassen Schimmer habe, wo ich bin. Panik lässt meinen Herzschlag rasen, Angst schnürt mir die Kehle zu, gibt mir das Gefühl zu ertrinken. Der erste Impuls bringt mich weg aus dem fremden Bett, ich wanke instinktiv zur Haustüre, rüttele daran, immer wieder, bis ich schließlich vor lauter Tränen nichts mehr sehen kann.

Was sich wie eine Szene aus einem verstörenden Film liest, wurde für mich und viele andere zur Realität: Ich wurde mit K.O.-Tropfen betäubt.

K.O-Tropfen ist ein Sammelbegriff für unfreiwillig verabreichte Drogen, in vielen Fällen sind es die Substanzen GHB (Gamma-Hydroxybuttersäure, auch als Liquid Ecstasy bekannt) und GBL (Butyro-1,4-lacton). GBL ist ein Lösungsmittel, das sich jedoch im Körper zu GHB umwandelt.

In geringer Dosis wirken GHB und GBL euphorisierend und enthemmend. Menschen, die die Stoffe freiwillig konsumieren, berichten von einem Gefühl "wie in Watte gepackt". Erhöht man die Dosis, folgen bald Kontroll- und Gedächtnisverlust, bis hin zur Bewusstlosigkeit. Überdosierungen führen oft dazu, dass man sich an die Stunden nach der Einnahme nicht mehr erinnern kann. Im Club verschwimmen die Farben und alles beginnt sich zu drehen. Bis es sich so anfühlt, als würde jemand die Lichter ganz ausknipsen.

Damit ist es die ideale Droge für Menschen, die sie missbrauchen, um sexuelle Gewalt auszuüben. Das Problem ist mittlerweile so verbreitet und bekannt, dass die Tropfen sogar als "Vergewaltigungsdroge Nummer 1" bezeichnet werden. Wie viele Fälle es tatsächlich gibt, ist jedoch schwer zu sagen. In Wien werden dazu keine offiziellen Zahlen erhoben, sagt Polizeipressesprecher Patrick Maierhofer gegenüber Noisey. Die Übergriffe spielen sich hinter den Clubtüren ab. Das lässt vermuten: An’s Tageslicht kommt nur wenig. Und das hat einen Grund.

"Sind Sie sich sicher, dass Sie nicht einfach nur zu viel getrunken haben?" – diesen Satz habe ich oft gehört, als ich beschloss, meine Geschichte anderen anzuvertrauen und den Vorfall anzuzeigen. So oft, dass es mich zweifeln ließ, ob ich nicht tatsächlich an allem schuld bin. Und damit bin ich bei Weitem nicht alleine.

Betroffene können sich oft nicht erinnern, was am Vorabend mit ihnen geschehen ist. Lediglich die Schmerzen und das dumpfe, unangenehme Gefühl in der Brust machen klar, dass irgendwas nicht stimmt. Viele schämen sich, wollen nicht über die wenigen Dinge reden, an die sie sich noch erinnern können. Oft ist der erste Gedanke eh: "Wer soll mir das denn glauben?"

"Die hat zumindest eine große Vorstellungskraft"

Auch prominenten Frauen wird schon nicht geglaubt. Gina-Lisa Lohfink gab im Zuge ihres Vergewaltigungsprozesses an, mit K.O.-Tropfen betäubt worden zu sein. Ein Gutachter widerlegte die Aussage, Lohfink habe die Männer falsch verdächtigt. Die Tat habe sie nach eigenen Angaben erst angezeigt, als die K.O.-Tropfen nicht mehr nachweisbar waren. Die Gutachter meinten daraufhin, dass es in dem Video nicht so aussehe, als sei sie betäubt gewesen – obwohl sie mehrmals "Hör auf!" sagte. Auf der Gerichtstoilette wurde sie als "Hure" beschimpft.

Reality TV-Star Angelina Heger gab 2015 an, bei einer Veranstaltung K.O.-Tropfen verabreicht bekommen zu haben. Wie der Spiegel berichtete, stürzte Heger und verletzte sich, landete schließlich im Krankenhaus. Die Bunte bezeichnete den Vorfall als "angebliches Erlebnis", vor ihrer Teilnahme beim Dschungelcamp würde sie damit für viel Gesprächsstoff sorgen. "Und Angelina Heger? Die hat zumindest eine große Vorstellungskraft ...", schrieb die Bunte, als Heger den Verdacht äußerte, einer ihrer Kollegen könnte ihr die Tropfen untergemischt haben.

Im Oktober 2018 vergewaltigten mehrere Männer in Freiburg eine junge Frau, nachdem sie sie allen Anschein nach mit K.O.-Tropfen betäubt hatten. Im Zuge der Ermittlungen konnten berauschende Mittel im Blut der Frau festgestellt werden. Frauen sollten sich nicht mit Alkohol und Drogen wehrlos machen, meinte der Freiburger Polizeipräsident daraufhin.

Das Opfer ist nie schuld

In allen diesen Fällen zeigt sich: Oft werden Frauen Opfer von K.O.-Tropfen, oft geschieht dies im Zusammenhang mit Sexualstraftaten. Und immer wieder sind es die gleichen Reaktionen. Die Verantwortung wird zuerst auf die Frau und ihr Verhalten geschoben.

Immerhin hat sie ihr Getränk stehen lassen. Immerhin war sie diejenige, die ausgelassen feiern ging, ohne eine Sekunde darüber nachzudenken, dass man sie betäuben könnte. Erst wenn sie ihre eigenen Fehler erkannt hat, darf sie sich mit der Person beschäftigen, die sie betäubte, wehrlos machte und im schlimmsten Fall vergewaltigte.

Das ist nicht einfach nur dummes Victim Blaming, das sind gefährliche Argumente, die Wochenende für Wochenende wiederholt werden. Betroffenen pauschal zu unterstellen, gelogen zu haben oder selbst schuld zu sein, spricht ihnen die Legitimität ab, ihre Geschichte an andere heranzutragen und rechtlich verfolgen zu lassen. Damit nimmt man Opfern von Straftaten die einzige Handlungsmöglichkeit, die sie in der Situation überhaupt noch haben.

Betroffenen wird oft unterstellt, ihren K.O.-Tropfen-Rausch mit einem selbst verursachten Alkoholrausch verwechselt zu haben. Das komme tatsächlich oft vor, sagt der Wiener Polizeipressesprecher Patrick Maierhofer. Viele Betroffene hätten einen Filmriss, verursacht durch einen Alkohol-Vollrausch. Aber selbst wenn sich ein möglicher Verdacht als falsch herausstellt, berechtigt das nicht, sich im Vorhinein ein Urteil darüber zu machen. Schon gar nicht, wenn eine Sexualstraftat vorliegt.

Noch einmal ganz deutlich, da es offensichtlich nicht oft genug gesagt werden kann: Dass von einer Frau erwartet wird, sich ständig unter Kontrolle zu haben, bedeutet, dass die Verantwortung auf sie geschoben wird. Egal, ob angetrunken oder high, ob freiwillig oder unfreiwillig: Ein sexueller Übergriff ist niemals ihre Schuld. Alles andere ist schlichtweg Täter-Opfer-Umkehr.

Werden Betroffene genug geschützt?

Rechtliche Rahmenbedingungen bilden natürlich eine der Grundlagen, auf der Polizei und Ärzte handeln. Sie könnten auch dafür sorgen, diese Umkehr zu verhindern. Doch wie sieht es da in Österreich und Deutschland aus?

GHB falle in Österreich unter das Suchtmittelgesetz, während GBL im Neue-Psychoaktive-Substanzen-Gesetz angesiedelt sei, sagt der Leiter der Wiener Drogenberatung checkit!, Karl Schubert-Kociper. GHB zu erwerben, erzeugen, besitzen und für andere zu beschaffen, ist demnach strafbar. GBL darf nicht hergestellt, weitergegeben oder ein- und ausgeführt werden.


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Und in Deutschland? Da fällt zwar GHB unter das Betäubungsmittelgesetz, nicht aber GBL – es wird lediglich als bedenkliches Arzneimittel eingestuft. Eine größere Menge für den Privatgebrauch zu bestellen und zu konsumieren ist demnach strafbar. Ein Graubereich, der sich problemlos umgehen lässt.

Denn: GBL ist eine chemische Substanz, die vor allem in Lösungsmitteln zu finden ist. Die Flüssigkeit wird jährlich massenweise für den industriellen Gebrauch hergestellt. Dadurch lässt sich GBL relativ einfach im Internet bestellen. Die Drogenbeauftragte der Bundesregierung Marlene Mortler scheint nach wie vor keinen Grund zu sehen, GBL als harte Droge einzustufen.

Dabei sind klare rechtliche Vorgaben wichtig, um Opfern Hilfe zu bieten.

Polizei und Ärzte zeigen sich oft überfordert, scheinen nicht richtig Bescheid zu wissen oder tun die Straftat im schlimmsten Fall als Kavaliersdelikt ab. Diese Erfahrung machen Betroffene häufig. "Dann müssen’s 300 Euro zahlen", lautete die Antwort im Krankenhaus, als ich nach einem K.O.-Tropfen-Test frage.

Tatsächlich kostet ein Nachweis aus dem Labor in Österreich bis zu 540 Euro – für viele Studierende fast unbezahlbar. Außerdem muss man sich beim Verdacht, dass man mit K.O.-Tropfen betäubt worden sein könnte, schnell untersuchen lassen, da die ohnehin schon schwer nachweisbare Substanz nur wenige Stunden in Blut und Harn zu finden ist. Nur aufwändige Laborverfahren können danach noch Klarheit liefern. Die Kosten werden nur übernommen, wenn man Anzeige erstattet und diese auch von der Staatsanwaltschaft geprüft wird.

70 Prozent der betroffenen Frauen würden den Vorfall nach einer Beratung beim Frauennotruf anzeigen, sagt Ursula Kussyk vom Notruf für vergewaltigte Frauen und Mädchen gegenüber Noisey. Der Rest schweigt. Weder in Krankenhäusern noch bei der Polizei sei es üblich, dass das Personal über K.O.-Tropfen Bescheid wisse. Das müsse sich ändern.

Vor allem Polizistinnen und Ärzte sind hier gefragt. Standardisierte Vorgänge würden helfen, Re-Traumatisierung einzuschränken und die Situation für Betroffene möglichst erträglich zu gestalten.

Nehmt K.O.-Tropfen endlich ernst

Heute, drei Jahre nachdem mir etwas ins Glas gekippt wurde, kann ich wieder normal feiern gehen und Spaß haben. Meine Getränke behalte ich jetzt in der Hand oder zumindest im Blick. Immer darauf bedacht, dass so was mir oder jemandem, der mir nahe steht, nicht noch mal passiert.

Ich wachte damals in der Wohnung eines Mannes auf, der mich angeblich nachts auf der Straße gefunden hatte und mir helfen wollte. So schilderte er es, erinnern kann ich mich an nichts.

Ich hatte Glück, dass nichts Schlimmeres passiert ist. Aber ich brauchte viel Zeit, um die Situation zu verarbeiten. Die Frage nach der Schuld begleitete und brachte mich immer wieder zu Boden. Auch weil ich ständig wieder diesen Satz hören musste: "Hoffentlich haben Sie daraus etwas gelernt!"

In unserem Bewusstsein muss sich etwas ändern, damit Opfer und Täter nicht länger auf der gleichen Stufe der Verantwortung stehen. Das musste auch ich erst verstehen. Das Opfer ist nicht schuld. Wir müssen das so oft wiederholen und dafür einstehen, bis die Gesetzeslücken geschlossen werden. Bis Polizei, Ärzte und wir alle, die in Clubs tanzen, es als unsere Aufgabe sehen, zu helfen. Nicht wegzuwischen und zu beschwichtigen.

Wenn du selbst das Gefühl hast, dass dir etwas passiert sein könnte kannst du dich telefonisch oder per Mail an den Notruf für vergewaltigte Frauen und Mädchen wenden.

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